Hochstapler Leander Tomarkin Doktor Dreist

Hochstapler Leander Tomarkin: Doktor Dreist Fotos
NTI / Böhlau Verlag

Seine Medikamente sollten die schlimmsten Krankheiten heilen, seine Fachkongresse waren die Ereignisse des Jahres: Der angebliche Arzt Leander Tomarkin beeindruckte in den dreißiger Jahren Patienten und renommierte Kollegen mit einem perfekt konstruierten Lügengebäude - selbst Nobelpreisträger Einstein fiel auf ihn herein. Von Marc von Lüpke

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Voller Sorge blickte die Welt im Januar 1922 nach Rom. Papst Benedikt XV. lag im Sterben. Eine schwere Lungenentzündung quälte das Oberhaupt der Katholiken; die Ärzte im Vatikan schienen machtlos. Zudem mussten sich die erfahrenen Mediziner eines aufdringlichen jungen Mannes erwehren, der ein Heilmittel gefunden zu haben meinte: Das "Antimicrobum" sollte den siechen Kirchenfürsten retten.

Der Entwickler der Arznei hieß Leander Tomarkin und redete unermüdlich auf den vatikanischen Hofstaat ein, ihn zu Benedikt XV. vorzulassen. Bislang war dem vorgeblichen Doktor Tomarkin, erst 27 Jahre alt, kein Zugang gewährt worden. Jetzt beschwor Tomarkin Mediziner, Geistliche, Amtsträger und Gardisten und wollte sie von seinem Heilmittel überzeugen. Sich selbst bot er als Versuchskaninchen an, um den Skeptikern die Harmlosigkeit seines Mittelchens zu beweisen. Bevor der Papst allerdings in den Genuss des "Antimicrobums" kam, starb Benedikt XV. am 22. Januar. Dabei hätte er laut Tomarkin nur ein paar wasserlösliche Gelatinekapseln mit einem grauen Pülverchen zu sich nehmen müssen.

Der Tod des Papstes war die Stunde des Leander Tomarkin. Die Reporter, die auf die Nachricht vom Ableben des Kirchenoberhaupts gewartet hatten, stürzten sich auf den mittlerweile in Vatikankreisen berühmt-berüchtigten Tomarkin. Gerne schilderte dieser ihnen seinen Kampf um Zugang zum Papst und die Genialität seines "Antimicrobums", das vorgeblich Lungenentzündungen heilen könnte. Die Berichterstatter schrieben eifrig mit und bald konnte man in den Blättern lesen: Tomarkin habe "einen gigantischen Schritt zugunsten der Menschheit" gemacht. Eine Zeitung urteilte gar: "A star was born".

Ein falscher Doktor

Der zukünftige - verhinderte - Papstretter stammte aus dem schweizerischen Ort Zollikon. Als Sohn eines jüdisch-russischen Arztes war Leander William Tomarkin dort am 3. Dezember 1895 geboren worden und hatte zusammen mit seinem Bruders Percy und der schwer an Polyarthritis erkrankten Mutter seine Kindheit und Jugend verbracht. Die Eltern hatten sich getrennt, als Leander etwa zehn Jahre alt war. Als Schulversager war er das Sorgenkind der Familie, man schickte ihn aufs Technikum, damit er dort wenigstens eine solide Ausbildung in Chemie erhalten würde. Doch auch darin scheiterte er - ein Studium rückte damit in weite Ferne.

Offenbar nahm es Tomarkin auch mit der Wahrheit nicht immer ganz genau. "Wenn er nicht weiter als ehrlicher Mensch kann, so soll er halt sehen, wo er unterkommt", schrieb sein Vater 1916 resigniert. Tomarkin ging den unehrlichen Weg konsequent weiter: Er verlieh sich selbst einen Doktortitel und fing damit an, seine Umwelt im großen Maßstab zu beschwindeln. Ein wirkliches Ziel im Leben strebte der Hochstapler nicht an. Stattdessen werkelte er im Labor des Vaters herum und hoffte auf eine große "Entdeckung".

Tomarkin war gerade 20, als er Vater eines Sohnes wurde; im Jahr darauf heiratete er dessen Mutter. Sein Vater musste dem jungen Paar, das wegen drückender Mietschulden oft umzog, immer wieder finanziell aushelfen. Tomarkin versuchte unter anderem durch den Verkauf von Schweineborsten und Impfstoffen das große und schnelle Geld zu machen. Ohne durchschlagenden Erfolg.

Der Retter der Menschheit

Das Siechtum des Papstes kam Tomarkin 1922 gerade recht. Vor der Öffentlichkeit gab sich der junge Mann nun als smarter und charismatischer Wunderdoktor aus. Tatsächlich stand er aber vor den Trümmern seiner finanziellen Existenz. Sein zuvor gegründetes Unternehmen, die Gesellschaft L. Tomarkin & Co. in Ascona, die eigentlich Chemie- und Pharmaprodukte hätte herstellen und vertreiben sollen, war gescheitert.

Der Tod des Papstes aber hatte ihm unverhofft mediale Aufmerksamkeit verschafft - und ein weiterer Zufall spielte ihm in die Hände: 1923 lag der Cousin des italienischen Königs krank danieder - und ausgerechnet Tomarkins vermeintliches Wundermittel ließ ihn offenbar genesen. Die Königsfamilie war begeistert und verlieh Tomarkin den Titel eines königlichen Leibarztes. Damit öffneten sich für ihn weitere Türen der gehobenen Gesellschaft – mit gut zahlenden Patienten.

Tomarkin, stets von untadeligem Auftreten, spielte seine Rolle perfekt. Mit den runden Gläsern seiner Brille und dem perfekt sitzenden weißen Kittel strahlte der Hochstapler große Seriosität aus, wenn er mit wissenschaftlich nachdenklichem Blick in seinen Laborräumen posierte.

Nicht für Geld, so erklärte er gegenüber verschiedenen Zeitungen, wolle er sein Genie einsetzen, sondern zum Wohle der Menschheit. Die Rechte an seinen Wundermittelchen, mit dem man auch Typhus, Tuberkulose, Meningitis und Malaria heilen könne, verkaufe er deshalb auch nicht an die vielen Interessenten, sondern suche nach einer gemeinnützigen Stiftung - die er später selbst gründen sollte. Bis dahin lebte er gut von seinem Ruhm und dem Verkauf des "Antimicrobums" an hoffnungsvolle Menschen.

Die chemische Zusammensetzung des Wundermittels gab er mit "Aminoortobenzoilsulfoisoamiloidrocupronucleinforminsodico" an. Das war zwar Unsinn, aber für Unkundige beeindruckend. Testreihen an Kranken verliefen erstaunlich gut, wie etwa jene 1923 am angesehenen römischen Universitätskrankenhaus Ospedale Santo Spirito. "Ich möchte natürlich, dass die ausgewählten Kranken Individuen sind, bei denen die Lungenentzündung noch im Anfangsstadium ist", schrieb Tomarkin seinem Bruder, mit dem er in der Vergangenheit einige gescheiterte Geschäfte durchgezogen hatte. Tomarkins Wunsch lag nahe, waren diese Patienten doch viel leichter zu heilen - und wurden als Testpatienten besser gepflegt.

Die Tomarkin-Foundation

Ende Mai 1924 verließ Tomarkin Europa. In den USA hoffte er auf einflussreiche Bekanntschaften mit reichlich Geld - und gelangte drei Jahre später mit viel Charme und Überredungskunst an sein Ziel: Die Gründung der Tomarkin-Foundation Chemistry Research. Die Stiftung war ein Chemieforschungsinstitut. Mit den Nachfolgern des "Antimicrobums" wie "Catalysan" und "Disulphamin", die er dort entwickelte, wollte er noch mehr Menschen heilen. "Umstimmungsbehandlung" nannte Tomarkin den Nutzen seiner Arzneien: Zellen "sollten durch spezifische und unspezifische Reize umgestimmt" werden. Von krank auf gesund, als wäre Tuberkulose eine Gemütsstimmung.

Die Tomarkin-Foundation breitete sich bald auch nach Europa aus. Das mondäne Locarno wurde ihr Hauptquartier. Hier entdeckte der aufmerksamkeitssüchtige Tomarkin sein eigentliches Talent: Kongresse veranstalten. 1930 lud Tomarkin erstmals ein, was in der Wissenschaft Rang und Namen hatte, darunter den berühmten deutschen Chirurgen Ferdinand Sauerbruch. Mediziner aus allen möglichen Disziplinen hielten für die Kollegen Vorträge über ihre aktuellen Forschungen, während Tomarkins Stärke weniger in der Schilderung eigener Forschungsergebnisse, als vielmehr in der Organisation "kongressbegleitender" Aktivitäten lag: Ausflüge in die Natur, in Museen, Konzerte sowie opulente Bankette, begleitet vom charmant parlierenden Tomarkin.

Diese Mischung aus der Darstellung wissenschaftlicher Spitzenforschung und inspirierendem "Rahmenprogramm" machte Tomarkins Fortbildungskurse beliebt: Die Koryphäen der medizinischen Zunft pilgerten zu ihm nach Locarno. Dass Tomarkin selbst nur kulturelle Highlights statt medizinischer zu bieten hatte, blieb weitgehend unbeachtet.

Bei einem weiteren Kongress 1931 gelang ihm sein größter Coup. "Die Zustimmung von Professor Albert Einstein, der das Ehrenpräsidium der Stiftung übernommen hat, erfüllt uns mit Stolz", verkündete Tomarkin. Höhere wissenschaftliche Weihen als vom allseits gefeierten Nobelpreisträger Einstein waren nicht zu erhalten. Tomarkin war auf dem Höhepunkt seines Ruhms.

Doch die früheren Betrügereien des Hochstaplers sollten sich rächen - und Tomarkins und Einsteins gutes Verhältnis zerstören. Eine frühere Vermieterin schrieb 1932 an Einstein, dass Tomarkin sie um 500 Franken geprellt habe. Ob der berühmte Albert Einstein dem "Wunderheiler" nicht einmal die Leviten lesen könne? Einstein nahm sich der Sache an, fast drei Monate machte er Tomarkin unermüdlich Druck, bis dieser sich nach ziemlich durchschaubaren Täuschungsmanövern zur Zahlung herabließ. Tomarkins Ansehen als selbstloser Wohltäter war beschädigt. "Nicht mehr in Verbindung gebracht" werden mit der Tomarkin-Foundation wolle er, ließ der Nobelpreisträger den schockierten Tomarkin wissen.

Viele Mediziner, die an den Kongressen teilgenommen hatten, waren allerdings zufrieden. "Vorzüglich und verheißungsvoll", urteilte einer. Die "Internationale Woche gegen den Krebs" 1938 sollte dennoch Tomarkins letzte derartige Großveranstaltung sein. In Europa fühlte er sich nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs aufgrund seiner jüdischen Herkunft nicht mehr sicher und floh in die USA.

Der Erfinder

Sein Plan, dort mit weiteren Kongressen sein Geld zu verdienen, ging nicht auf. Der wissenschaftliche Fortschritt hatte seine angeblichen Wundermittelchen überholt. Der Biochemiker Selman Abraham Waksman hatte gerade ein tatsächlich wirksames Heilmittel entdeckt: die Antibiotika.

Tomarkin wollte sich nunmehr abseits der Medizin als Erfinder durchschlagen - doch seine angeblich wasserfeste Farbe erwies sich als alles andere als wasserfest. Auch die Herstellung künstlicher Diamanten blieb Phantasie.

Dennoch gab es genügend Menschen, die auf seine Behauptungen hereinfielen.

So lebte Tomarkin bis zu seinem Tod 1967 weiter an der Grenze zwischen Wahrheit und Lüge - als begnadeter und zugleich skrupelloser Selbstdarsteller.

Zum Weiterlesen:

Franziska Rogger & Madeleine Herren: "Inszeniertes Leben. Die entzauberte Biografie des Selbstdarstellers Dr. Tomarkin", Böhlau Verlag, Köln 2012, 379 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

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1.
Johann Pokenna 01.11.2013
Etwas schärfer hingeguckt, war Samuel Hahnemann auch nichts anders. Nur dass der in seinen homöopathischen Präparaten den faulen Zauber noch verdünnte.
2.
ulrich wessinger 01.11.2013
Einstein selbst soll ja auch ein begnadeter Hochstapler gewesen sein. Waere schoen, mal eine sachlich gut recherchierte Story ueber dieses grosse Genie des Plagiats und Kopiats zu lesen.
3.
Ole Borchert 01.11.2013
>Etwas schärfer hingeguckt, war Samuel Hahnemann auch nichts anders. Nur dass der in seinen homöopathischen Präparaten den faulen Zauber noch verdünnte. Genau das ist mir beim Lesen des Artikels auch aufgefallen. Nur Hahnemann war wirklich Arzt, leider sonst wären der Menschheit viele Lügen erspart geblieben.
4.
Andreas Mäckler 01.11.2013
Hier die Laudatio zu dem überaus lesenswerten Buch von Franziska Rogger und Madeleine Herren, das den Deutschen Biographiepreis 2013 bekommen hat: http://www.meine-biographie.com/wp-content/uploads/2013/09/Deutscher-Biographiepreis-2013_Laudatio.pdf
5.
Peter Grolig 04.11.2013
Das ganze liest sich wie die Gründungsgeschichte der deutschen Medizin und Pharmaindustrie.
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