Hochwasser 2002 Vor uns die Sintflut

Zerstörte Häuser, weggespülte Brücken, verwüstete Innenstädte: Im August 2002 versanken zahlreiche ostdeutsche Ortschaften in der Jahrhundertflut. Im sächsischen Dorf Erlln mussten die Künstler Andreas und Christiane Wachter mitansehen, wie ihre Werke dem Hochwasser zum Opfer fielen.

luise schaefer

Für Andreas und Christiane Wachter, zwei Künstler aus dem 100-Seelen-Dorf Erlln bei Grimma in Sachsen, beginnt der 12. August 2002 verregnet. Es ist der Beginn des Hochwassers, das diesen Sommer beherrscht, für viel Medienrummel sorgt und in den betroffenen Gebieten ein Gefühl des Zusammenhalts entflammen lässt. Doch die Flut bedeutete vor allem Zerstörung, Angst und Verlust - wie bei Familie Wachter.

Vor den Fenstern bleibt es an diesem Morgen grau, das monotone Tropfen des Regens wirkt einschläfernd. Aber bis zum späteren Nachmittag, der geprägt ist von Unwetterwarnungen und diffus klingenden Berichten über vollgelaufenen Keller, nimmt dort niemand weiter Notiz von der sich anbahnenden Katastrophe.

Ein Knall, dann seltsame Gespanntheit

Auf der leeren Straße nach Erlln stehen teichgroße Pfützen, kleine Bäche sind zu Seen angeschwollen. Der Wasserspiegel des kleinen Flusses Mulde steigt - Feuerwehrleute türmen Sandsäcke auf Gullydeckel, damit diese das herausschießende Wasser nicht weg drücken.

Zwischen 10 und 11 Uhr blitzt es für einige Sekunden hell auf, der Ort ist lichtdurchflutet, ein gewaltiger Knall ertönt, Sekunden später ist alles schwarz. Das Flusswasser hat das Stromhäuschen erreicht und zum explodieren gebracht, auch Familie Wachter sitzt in völliger Dunkelheit. "Als wir am Ende des Dorfes Sandsäcke stapelten wurde kaum gesprochen. Die zittrigen Taschenlampenkegel tanzten hin und her und überall war diese merkwürdig ruhige Spannung zu spüren". Die Feuerwehr teilt sich unterdessen in zwei Abteilungen auf: der eine Teil hält Dammwache, eine andere Abteilung zieht von Haus zu Haus um die Bewohner davon zu überzeugen, die untere Etage zu räumen.

Die Nacht - dramatisch

Es ist kurz vor 3 Uhr am Morgen des 13. August. Die Flutwächter ziehen sich zurück, die Situation am Damm droht zu eskalieren - die ehemalige Dammwache will wissen, ob die Künstlerfamilie in ihrem Haus bleibt. "Natürlich wollten wir, immerhin ist es unser zu Hause!" Andreas Wachter beginnt mit seinem Sohn Hieronymus im Atelier verbleibende Bilder ungefähr einen Meter über dem Boden zu positionieren. "Meine Vermutung, dass sie nach mehr als einem Meter über dem normalen Bodenniveau eigentlich ausreichend geschützt sein müssten, hat sich später als unsinnig erwiesen. Aber zu diesem Zeitpunkt war es für mich einfach wichtiger wieder ins Wohnhaus zu kommen", so Hieronymus Wachter.

Auf dem Weg zurück fließen den beiden kleine Bäche entgegen und auf dem Hof muss man bereits durch knöcheltiefes, schlammiges Wasser waten. Ins Haus dringt durch sämtliche Ritzen Muldenwasser ein, alles rauscht. Als es auch im Badezimmer einige Zentimeter hoch steht, und sich die Klärgrube einen Weg ins Haus bahnt, wird klar: andere, wichtigere Dinge müssen gerettet werden - und das so schnell wie möglich. Die Familie bildet eine Kette und beginnt, die wichtigsten Habseligkeiten in die erste Etage zu befördern. Der Wasserstand hat schnell Fensterhöhe erreicht, und spätestens jetzt ist die Dramatik der Situation unverkennbar. Bald steht ihnen die eiskalte, dreckige Brühe bis zum Bauchnabel doch noch immer versucht Familie Wachter Sachen nach oben zu schaffen. Durch den rasant steigenden Pegel wird dies immer schwieriger.

Land unter

Manches wird einfacher, denn der Morgen bringt Helligkeit mit sich. Allerdings sind es nur noch wenige Treppenstufen bis zur ersten Etage, die das schmutzige Wasser noch nicht erreicht hat. Kälte und Erschöpfung machen sich breit, aber es bleibt keine Zeit für eine Pause, das Wasser steigt immer noch, Stufe um Stufe.

Dann einer der tragischsten und gleichzeitig auch unfassbarsten Momente:

Durch das Rauschen des Stromes hört man, wie unten im Atelier die Bilder ins Wasser fallen.

Die Mulde, Europas am schnellsten fließender Fluss, befindet sich schon längst nicht mehr in seinem gewohnten Flussbett: Inzwischen hat sich Erllns Dorfstraße in einen reißenden Strom verwandelt. Plötzlich ruft ein Nachbar vom Dach seines Hauses, dass noch eine Flutwelle von 2 Metern aussteht. "Wir waren völlig verunsichert, denn bei einer Flutwelle von weiteren 2 Metern würde auch in der ersten Etage nichts trocken bleiben". Der Nachbar meint, sie sollen besser auch aufs Dach, der Hubschrauber kommt jeden Moment.

Alles wird hektischer. Die höher gelegenen Räume sind bereits voll geräumt! Wachters greifen nur die wichtigsten Sachen, aber es wird Zeit aufs Dach zu klettern um auf den Hubschrauber zu warten.

Der Hubschrauber kommt, nimmt aber nur die Nachbarn mit. Über Handy versuchen Wachters den Notruf zu erreichen, nur da sind sie in diesen Mittagsstunden nicht die einzigen. Über eine halbe Stunde hängen sie in der Warteschleife - der Akku des Handys droht aufzugeben. Die Verbindung noch länger zu halten scheint unmöglich, als sich endlich eine Stimme meldet.

"Wir sitzen hier in Erlln auf dem Dach"

Wachters, so heißt es dann, sollen sich bemerkbar machen. Aber wer hat schon eine weiße Fahne griffbereit? Glücklicherweise finden sie noch eine bunte Fahne von einem Besuch aus Siena, eigentlich da um ein Rennpferd beim Palio anzufeuern. Jetzt dient sie dazu, den Helikopter auf sich Aufmerksam zu machen. Es funktioniert. Schließlich wird einer nach dem anderen in den Hubschrauber gezogen.

Ein Blick aus der Höhe zeigt, dass sich das Tal in einen großen See verwandelt hat. Dort wo sich kurze Zeit zuvor noch Erlln befand, ragen jetzt nur noch Dächer der Häuser aus dem Wasser. Die Mulde hat ihren Höchststand von über 4 Metern erreicht. Die große Flutwelle bleibt glücklicherweise aus.

Am Nachmittag treffen sich viele Erllner auf der anderen Flussseite - mehrere Markierungen zeigen, dass das Wasser nicht steigt, sondern sich zurückzieht. Endlich. Die Erllner reden, tauschen sich über ihre Erlebnisse aus und sorgen sich um die, die nicht da sind. Doch glücklicherweise tauchen die als vermisst Geltenden schnell auf, Erleichterung trotz der Katastrophe. Doch was bleibt ist die Ungewissheit, was wohl aus dem eigenen Haus geworden ist.

Am folgenden Tag, dem 14. August, erreicht die Künstlerfamilie über Umwege ihr zu Hause. Das Innere des Dorfes ist kaum wieder zu erkennen, denn die Mulde hat so einiges mit sich gerissen. Die Haustür der Wachters ist so verquollen, dass sie nicht ins Haus kommen. Sie gelangen schließlich durch ein Fenster in der ersten Etage, das dem Druck des Hubschraubers nicht standhalten konnte, hinein.

Und es sieht entsetzlich aus. Das große Aufräumen beginnt. Es besteht in den ersten Tagen nur daraus, Schlamm wegzuschaufeln und Müll zu beseitigen. Ein ganzes Dorf räumt auf, doch die Erllner sind nicht die einzigen. Überall in den Flutgebieten werden die Schäden gesichtet, versucht zu retten, was zu retten ist - die Opfer bemühen sich, den unfassbaren Verlust zu begreifen.

Wahrscheinlich können wenige nachempfinden, wie sich diejenigen, die etwas verloren haben, fühlten. Der Verlust bleibt, auch fast fünf Jahre nach der Flut - genauso wie das stille Heldentum der unzähligen Helfer. "Wären diese Menschen nicht gewesen", so Christiane Wachter, "hätten wir nicht beginnen können, wieder so schnell zu arbeiten. Und diese schwierige Zeit sicher nicht so gut überstanden." Die Spenden waren sehr unterschiedlich: ob Pastellkreide, Papier, Geld oder die, die einfach kamen und mit aufräumten. Das alles hat geholfen.



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