Hockey-Skandal bei Olympia 1972 "Krause, we kill you!"

Zum Auftakt der Hockey-WM 2018 traf Deutschland auf Pakistan. Das weckt Erinnerungen ans Olympiafinale '72: Die Deutschen siegten sensationell, die Hockey-Großmacht Pakistan war ein miserabler Verlierer.

imago/ Sven Simon

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Fünf Tage, bevor am 10. September 1972 das Männer-Finale im Hockey bei den Olympischen Spielen von München stattfinden soll, sterben 17 Menschen.

Nach dem blutigen Ende einer Geiselnahme israelischer Sportler durch die palästinensische Terrororganisation "Schwarzer September" steht Deutschland, die Welt, die olympische Gemeinde unter Schock. Und fragt sich: Geht es weiter? Kann, darf es jetzt überhaupt weitergehen?

Muss es sogar, sagt IOC-Präsident Avery Brundage und verkündet nach einer nur halbtätigen Unterbrechung der Wettbewerbe: "The games must go on!" Willi Daume, Chef des Nationalen Olympischen Komitess, nennt Gründe: "Es ist schon so viel gemordet worden - wir wollten den Terroristen nicht erlauben, auch noch die Spiele zu ermorden."

Ein paar wenige Athleten, darunter als einziger Israeli der Geher und Holocaust-Überlebende Shaul Ladany, reisen ab. Und nur drei Tage nach dem Attentat soll sich um 10 Uhr morgens entscheiden, wer ins Herren-Hockeyfinale einziehen und dort entweder auf die Hockey-Großmacht Pakistan oder die andere Hockey-Großmacht Indien treffen wird: Gastgeber Deutschland oder der Erzrivale aus den Niederlanden.

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Hockey-Eklat 1972: Als die Pakistaner durchdrehten

"Natürlich haben wir darüber diskutiert, ob wir weiterspielen sollten", sagt Michael Krause, damals Strafecken-Spezialist und heute Anwalt in Dortmund. "Es war die richtige Entscheidung, weiterzumachen. Sonst wären wir erpressbar geworden."

Während sich Krause und Kollegen also aufs Halbfinale vorbereiten, meldet sich ein niederländischer Funktionär im deutschen Lager und verkündet, man werde nicht antreten. Kurze Verwirrung bei den Deutschen, bis Trainer Werner Delmes ein Machtwort spricht: "Jungs, die wollen uns einnebeln." Und tatsächlich: Entgegen der Ankündigung stehen die Hockey-Männer aus dem Nachbarland pünktlich zum Anstoß auf dem Rasen.

Nie ohne seinen edlen Knüppel

"Mit viel Wut im Bauch", erinnert sich Krause, habe man das Spiel dann klar und deutlich mit 3:0 gewonnen. Auch weil Deutschlands Toptorschütze Krause rechtzeitig seinen vor Spielen stets rituell eingeölten und abgeschliffenen Schläger aus Manila-Drachenrohr einer pakistanischen Branchengröße in die Finger bekommen hatte: Vor lauter Aufregung war der "unkaputtbare", heiß geliebte "Karachi King" im olympischen Dorf zurückgeblieben, Ersatzmann Wolfgang Strödter war mit einem Kleinbus zurückgerast und hatte kurz vor Anpfiff den edlen Knüppel überbracht.

Und eben jenes so liebevoll behandelte Sportgerät sichert sich am 10. September 1972 seinen Platz in der olympischen Geschichte. Denn Michael Krause nutzt es in der 60. Minute des Endspiels gegen Pakistan dazu, eine von Kapitän Carsten Keller hereingeschobene und von Handstopper Uli Voss totgestoppte Strafecke zur 1:0-Führung zu verwerten.

Trotz des 2:1-Erfolgs der Deutschen zuvor in der Gruppenphase gegen Pakistan naht nun erst eine echte Sensation: Seit 1928 hat außer Indien und eben Pakistan keine andere Nation Gold bei Olympia gewinnen können. Beide Länder haben eine Jahrtausende zurückreichende Hockey-Tradition, überflügelten die britischen Kolonialherren, Hockey und Cricket sind die populärsten Sportarten. Die Nachbarn und Rivalen teilen sich die großen Titel.

Bleibt es jetzt im Finale '72 beim 1:0, gewinnen die Deutschen, dann ist die Hockey-Welt für immer eine andere. Das ohnehin sehr intensive Spiel wird noch ruppiger. Die erfolgsverwöhnten Pakistaner haben den argentinischen Schiedsrichter auf dem Kieker, er hat ihnen in der ersten Halbzeit ein Tor wegen Abseits aberkannt, aber kurz vor dem 1:0 eben auch den Deutschen Peter Trump wegen Meckerns vom Platz geschickt.

Zum wiederholten Mal bekommt Michael Krause den Schlägerkopf seines Gegenspielers in die Weichteile. Und revanchiert sich auf die gleiche Weise. Doch das ist kein Vergleich dazu, was nach dem Schlusspfiff passiert, als Deutschland tatsächlich Olympiasieger ist und Pakistan tatsächlich verloren hat.

In Badelatschen zur Siegerehrung

Wütende Zuschauer rennen auf den Platz, bedrängen die Schiedsrichter, irgendein Strolch kippt René Frank, dem Präsidenten des Welthockeyverbandes, eine Cola über den Kopf. Pakistans Auswahlspieler lassen sich völlig gehen, fluchen und schimpfen. "Deutschland scheiße!", brüllt der Reporter von "Radio Pakistan" auf Deutsch ins Mikrofon und hinterlässt in der Heimat nachhaltig den Eindruck, man sei von Schiris und Gegner betrogen worden.

Auch bei der Dopingprobe will sich der ausgewählte Spieler Pakistans nicht beruhigen und rempelt den Arzt aus der Tür, als der ihm pflichtbewusst beim Pinkeln zusehen will. Der ebenfalls anwesende Michael Krause muss eingreifen. Noch unangenehmer wird es bei der weltweit übertragenen Siegerehrung, als sich die pakistanischen Hockey-Herren als schlechteste Verlierer dieser Spiele präsentieren. Sie stecken die Silbermedaillen bockig in ihre Badelatschen oder wickeln die Bänder um ihre Schläger, wenden sich bei der deutschen Hymne demonstrativ ab. Krause und seine Mitspieler runzeln kurz die Stirn und freuen sich dann über ihren historischen Triumph, der in der Heimat für einen kleinen Hockey-Boom sorgen wird.

Die sonst recht skandalarme Hockeywelt hat einen echten Eklat. Noch schlimmer kommt es nach der Siegerehrung, als der Torschütze umringt wird: "Krause, we kill you!", drohen ihm fanatische pakistanische Fans. "Ich habe das damals durchaus ernst genommen", sagt Michael Krause, der zuvor mit der Nationalmannschaft regelmäßig zu Gast in Pakistan gewesen war, zuletzt erst wenige Monate vor dem Olympiastart. "Von da an blieb ich bei Pakistan-Reisen vorsichtshalber zu Hause." Bis 1994, als der frisch gewählte Bundespräsident Roman Herzog seine erste Auslandsreise im Amt antritt und sich als Reisebegleiter nach Pakistan Michael Krause wünschte, inzwischen Präsident des Deutschen Hockey-Bundes.

Enormer Erfolgsdruck

Heute ist Krause dort immer noch Ehrenpräsident, gespannt blickte er auf die erste Partie der Deutschen bei der WM 2018: Gleich in der Vorrunde trafen sie auf Pakistan - und siegten 1:0. Der Gegner zählt mittlerweile allerdings nicht mehr zur absoluten internationalen Spitze und ist nur noch 13. der Weltrangliste, Deutschland rangiert auf Platz 6, gleich hinter Indien.

Vor 46 Jahren war das anders und Pakistan hoher Favorit. Versöhnt war Michael Krause schon recht früh, als er begriff, unter welch enormem Druck die Spieler dort standen: "In den Jahren nach dem Endspiel erfuhr ich, dass den Pakistanern Häuser und Renten auf Lebenszeit für den Sieg versprochen worden waren."

Schon bald nach dem Finaldrama entschuldigte sich Pakistans Regierung offiziell bei den Deutschen, der Öl ins Feuer gießende Radioreporter wurde entlassen. Zu seinem Vergebungsbesuch in einer Frankfurter Moschee brachte der pakistanische Gesandte Sahur Hassan auch ein Geschenk mit: einen silbernen Pokal im Wert von 60.000 Mark, der noch heute an den Deutschen Hockey-Meister übergeben wird.

Der Welthockeyverband zeigte sich weniger versöhnlich und verpasste im Schnellverfahren den verantwortlichen Spielern und Funktionären Sperren auf Lebenszeit. Die wurden aber 1973 gleich wieder aufgehoben, nicht zuletzt weil sich die deutschen Vertreter dafür eingesetzt hatten ("Man muss auch vergeben können"). Und weil den Hockeyoberen klar geworden war, dass man "eine Hockeynation dieses Ausmaßes nicht einfach aussperren kann". Vor allem, wenn sie so verflucht gute Schläger produziert.

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Karl-Werner Bluhm, 02.12.2018
1. Sport
Anfang der 2000er Jahre war ich beruflich in Kuwait tätig. Zusammen mit ca. 90 lokalen und ägyptischen Mitarbeiern, in der Mehrzahl Ingenieure, sahen wir das WM-Spiel Deutschland-Brasilien gemeinsam im Fernsehen. Ich werde nie vergessen, mit welcher offenen Schadenfreude und Häme sich unsere "Kollegen" während des Spiels artikulierten.
Matthias Peter, 02.12.2018
2. #1
Ja, und? Dieses Verhalten sehe ich bei jedem Spiel der Niederlande in Deutschland! Das dürfte eine normale Begleiterscheinung bei Sportveranstaltungen sein. Oder verwunderte es Sie etwas, dass die deutsche Fussballkunst in diesen Jahren nicht allen Zuschauern der Welt Begeisterung entfachte? An das Hockeyfinale erinnere ich mich als eines meiner ersten Sportereignisse. Ich konnte mir die Gründe damals nicht erklären. Schön, dass Spiegel Online dieses Thema noch einmal aufbereitet hat.
Nico Hindemith, 02.12.2018
3. #1
Wie fast jeder andere Mensch neigen sie (Ihre damaligen Kollegen) dazu, sich über andere zu stellen. Wen das persönlich nicht geht, ist der Sport ein willkommen abstraktes Instrument, um dies zu tun. Noch dazu etwas pietätlos und im Geiste schlicht (nicht in ihrer Professur) und schon haben sie die Häme zu Tage gefördert. Seis drum. Sie hatten ja 2014 Ihren Moment.
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