Höllenjob US-Präsident "Wie ein Esel im Hagelsturm"

Höllenjob US-Präsident: "Wie ein Esel im Hagelsturm" Fotos
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Ständig im Fokus, ständig unterwegs, ständig in der Kritik. Amerikas Präsident zu sein ist einer der härtesten Jobs der Welt. Aber kann man den Politikern den Dauerstress auch ansehen? einestages vergleicht die Fotos berühmter US-Staatschefs von Roosevelt bis Bush - vor und nach der Amtszeit. Von Johanna Lutteroth

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"Ich weiß, dass ich bisher weitaus weniger erfolgreich war als andere Präsidenten. Ich habe immer versucht, Deine Politik fortzusetzen, aber die Methoden, die ich wählte, haben nie reibungslos funktioniert", schrieb William Taft am 25. Mai 1910 an seinen Parteifreund und Vorgänger Theodore Roosevelt und stellte resignierend fest: "Die letzten 14 Monate waren für mich schwer zu ertragen." Selten hat ein US-Präsident derart offen zugegeben, mit der Bürde des Amtes überfordert zu sein.

Taft litt an Schlafproblemen, nahm deutlich an Gewicht zu und nickte aus Übermüdung während wichtiger Besprechungen im Oval Office regelmäßig ein. Dennoch trat er 1912 zur Wiederwahl an, verlor aber gegen Woodrow Wilson. Vermutlich war er darüber nicht ganz unglücklich.

Ähnlich erging es auch Lyndon B. Johnson, der in seiner Amtszeit von 1963 bis 1969 vom fatalen Verlauf des Vietnam-Kriegs zermürbt wurde. Auch Johnson, der bereits 1955 einen Herzinfarkt erlitten hatte, litt unter gesundheitlichen Problemen: Im Laufe seiner Präsidentschaft musste er sich zwei Nierensteinoperationen unterziehen. Es gab Gerüchte, dass ihn das Amt manisch-depressiv gemacht hatte. So verzichtete er auf eine erneute Kandidatur für die Präsidentschaft. Rückblickend fasste er seine Jahre im Oval Office so zusammen: "Präsident zu sein gleicht dem Dasein eines Esels im Hagelsturm. Du kannst nichts machen, außer dazustehen und es zu ertragen."

Der Mediziner und Anti-Age-Guru Michael Roizen ist überzeugt, dass es dem Großteil der US-Präsidenten ähnlich erging wie Taft und Johnson. Er analysierte die verfügbaren Arztakten sämtlicher US-Präsidenten seit Anfang der zwanziger Jahre und kam zu dem Schluss: Macht ist ungesund. Die Verantwortung, das ewige Kreuzfeuer der Kritik und der damit verbundene konstante Stress haben den Alterungsprozess der meisten US-Präsidenten beschleunigt. "Der typische Präsident", so die recht populistische Faustregel, die er 2009 aus seinen Forschungsergebnissen ableitete, "altert zwei Jahre für jedes Jahr, das er im Amt ist."

Alles Quatsch?

Ein Blick auf manche Fotos von Präsidenten vor und nach ihrer Amtszeit scheint diese These zu bestätigen. Barack Obama wirkt längst nicht mehr so dynamisch wie vor seiner Vereidigung. Seine Haare sind grau geworden, unter seinen Augen haben sich dunkle Ränder eingegraben. Und waren die Falten, die sich links und rechts seiner Nasenflügel zu den Mundwinkeln herunterziehen, schon immer so tief? Ebenso meint man bei Jimmy Carter oder Ronald Reagan zu sehen, wie ihnen der Job zugesetzt hat. Ihre Haare sind ergraut, sie wirken müde und abgeschlafft.

Alles Quatsch, nahm vor zwei Jahren der Demograf Jay Olshansky solchen Theorien den Wind aus den Segeln und zerlegte die These vom Altern im Zeitraffer mit wenigen, aber plausiblen Argumenten. Erstens: Sowohl körperliche als auch psychische Leiden kämen bei US-Präsidenten nicht öfter vor als beim Durchschnittsberufstätigen. Zweitens: Dass sie ergrauen, sei ein ganz normales Phänomen, das bei jedem Menschen zwischen vierzig und fünfzig zu beobachten sei. Nach Roizens Stressrechnung, so Olshansky, hätten die US-Präsidenten im Schnitt im Alter von 68,1 Jahren sterben müssen. Tatsächlich wurden sie aber im Mittel 73 Jahre alt - und wichen damit kaum vom Durchschnitt (73,3 Jahre) ab.

So blicken viele auch entspannter als Taft und Johnson auf ihre Zeit im Oval Office zurück. "Umgib Dich mit den besten Leuten, die Du finden kannst, delegiere Kompetenzen und mische Dich nicht ein", erklärte beispielsweise Ronald Reagan im September 1986 in einem Interview mit dem US-Magazin "Fortune" sein Rezept für eine stressfreie Präsidentschaft. Bei seinen Mitarbeitern kam das allerdings nicht so gut an. Sie beklagten regelmäßig, dass er lieber Anekdoten aus seiner Zeit als Schauspieler in Hollywood erzählte, als sich mit Sachfragen auseinanderzusetzen.

"Ich vermisse, auf Händen getragen zu werden"

Bill Clinton wiederum klingt, als würde er am liebsten sofort noch einmal ins Weiße Haus einziehen. "Ich mochte den Job", lässt er sich immer wieder gern zitieren, "ich bin mir nicht sicher, ob irgendjemand ihn jemals so sehr gemocht hat wie ich". Die schwierigen Phasen seiner Amtszeit fasste er in einer Rede, die er Anfang des neuen Jahrtausends in Galesburg im US-Bundesstaat Illinois hielt, humorvoll zusammen: "Präsident zu sein, ist so, wie einen Friedhof zu leiten: Du hast viele Menschen unter Dir, aber keiner hört zu."

Merkwürdigerweise hat auch George W. Bush seine Zeit im Weißen Haus in ähnlich guter Erinnerung - obwohl wohl kaum ein Präsident so unter Beschuss stand wie er. "Ich habe es geliebt, Euer Präsident zu sein", sagte er im Oktober 2010 auf einer Werbeveranstaltung für sein Buch "Decision Points" in Texas. Und fügte hinzu, auch wenn er sich mit seinen neuen Aufgaben sehr wohl fühle, denke er manchmal etwas wehmütig an das Weiße Haus und die damit verbundenen Bequemlichkeiten zurück: "Ich vermisse es, auf Händen getragen zu werden. Ich vermisse die Airforce One und ich vermisse es, Oberster Befehlshaber einer so tollen Truppe von Leuten zu sein."

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1.
Klaus Hertel 06.11.2012
Es gibt gefühlte 1 Million Fotos der US-Präsidenten in jedem beliebigem Zeitraum. Keine große Kunst, hier ein jeweils passendes rauszufischen.
2.
Andreas Holz 06.11.2012
Ich denke, dass der Job des "Spitzenpolitikers" insgesamt sehr stressig ist. Auch in Deutschland kann man zuschauen, wie Minister innerhalb kürzester Zeit ergrauen. Egal, ob man deren Entscheidungen gutheißt oder nicht, im Vergleich zu Personen in der Wirtschaft, die 70 Stunden in der Woche arbeiten, sind "Spitzenpolitiker" auf keinen Fall überbezahlt, auch wenn ich denke, dass sie genug verdienen.
3.
Martin Bitdinger 07.11.2012
Regelmässige mündliche Besprechungen mit Praktikantinnen halten jung.
4.
Dominic Ege 07.11.2012
Tatächlich, die Präsidenten sehen nach 4 oder gar 8 Jahren im Amt älter aus? Wie kann das nur sein? ..achja, vielleicht daran, dass sie tatsächlich älter geworden sind? So ein Blösinn!
5.
Alex Wagner 07.11.2012
Schaut Euch mal unsere Bundeskanzlerin beim Amtsantritt und heute an.....
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