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Hörspiel-Kult Sex, Lügen und Audio

Hörspiel-Kult: Sex, Lügen und Audio Fotos

Karpatenhunde und Pornoskandale: Seit 1979 begeistert die Hörspielserie "Die drei ???" um drei junge Detektive Millionen von Hörern. Ihr Erfolgsgeheimnis: die nostalgische Sehnsucht nach einer heilen Welt. Dabei war die Welt hinter den Fassaden der Produktion alles andere als heil. Von

Alles hatte so harmlos begonnen: Im Oktober 1979 wollten drei Jungs in der kalifornischen Kleinstadt Rocky Beach eigentlich nur den entflohenen Papagei "Lucullus" wieder aufstöbern. Vermittelt worden war ihnen der Auftrag von Regisseur Alfred Hitchcock, der die Jungen kannte. Abenteuerlich kamen sie sich dabei vor, wie richtige Detektive. Sogar ein Pseudonym hatten sie sich zugelegt: "Die drei ???". Erster Detektiv: Justus Jonas, zweiter Detektiv: Peter Shaw, Recherchen und Archiv: Bob Andrews. Auch wenn sie Archiv und Recherche damals natürlich noch gar nicht brauchten. Schließlich war es ihr erster Fall - und schließlich ging es nur um einen Vogel.

Die Drei ahnten nicht, in welche Schwierigkeiten sie ihr Detektivspiel bringen würde: Denn sie sollten durch den Papagei nicht nur auf die Spur eines Schatzes kommen, sondern auf eine ganze Kette immer mysteriöserer Kriminalfälle stoßen: vom Diebstahl einer Karpatenhund-Skulptur aus einem verspukten Apartment über das Geheimnis eines schrill schreienden Weckers bis hin zur Verbindung zwischen dem sprechenden Schädel eines Zauberkünstlers und einem Banküberfall.

Dass es die drei Detektive in Wahrheit gar nicht gab, sondern sie nur in Büchern und Hörspielen ermittelten, machte für ihre Anhänger keinen Unterschied, im Gegenteil. Sie feierten die drei Jungermittler - vor allem im fernen Deutschland. Denn anders als im Mutterland, den USA, wo die Serie schon 1987 wieder eingestampft wurde, wurden "Die drei ???" hierzulande unglaublich erfolgreich.

Wie erfolgreich, das war nicht zu übersehen, als genau 30 Jahre später, im Oktober 2009, drei Männer die Bühne der Hamburger Color Line Arena betraten: Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich. Vielleicht waren die drei Mittvierziger nicht mehr die Allerjüngsten, und mit ihren schwindenden Haaren und ersten Bauchansätzen sahen sie auch garantiert nicht aus wie Popstars. Aber für die 12.000 johlenden Fans in der restlos gefüllten Halle waren sie noch immer die Allergrößten: Drei Jahrzehnte hatten sie den "drei ???" in der gleichnamigen Hörspielserie ihre Stimmen geliehen. Waren gemeinsam mit Millionen Hörern erwachsen geworden. Und hatten miterlebt, wie aus dem Hörspiel ein Kult wurde.

In nackten Zahlen liest sich der Erfolg der Kultserie etwa so: 141 Folgen wurden bis heute produziert, über 40 Millionen Tonträger verkauft, 33 Goldene und drei Platin-Schallplatten erspielt. Doch darum geht es natürlich nicht. Worum es geht, das ist die Reise in die Vergangenheit. Das ist das Gefühl des nostalgischen Zusammenhalts, das wohl keiner so gut verkörpert wie die drei Sprecher Rohrbeck, Wawrczeck und Fröhlich, die auch nach drei gemeinsamen Jahrzehnten ein Herz und eine Seele zu sein scheinen und auf der Bühne vor Spielfreude schier überlaufen. Das Geheimnis der Serie, erklärte Fröhlich im Juni der "taz", habe "viel mit Heimat, Geborgenheit und heiler Welt zu tun".

Warum Hitchcock sterben musste

Doch so harmonisch die Welt auf den Hörspielkassetten auch war, so erbittert und kleinlich wurde hinter den Kulissen oft gestritten. Als der amerikanische Autor Robert Arthur sich Anfang der sechziger Jahre überlegte, wie er seine neue Jugendromanserie bewerben könnte, wandte er sich an seinen Bekannten Alfred Hitchcock und handelte aus, die Serie "Alfred Hitchcock and the Three Investigators" nennen und den Regisseur selbst als Nebenfigur auftreten lassen zu dürfen. 1969 starb Arthur, und ein Autorenteam führte seine Serie fort. Doch 1980 wurden den Machern die Lizenzgebühren, die sie an Hitchcock zu entrichten hatten, zu teuer. Also ließen sie ihn in der Serie einfach sterben. Da die deutschen Lizenzrechte jedoch frühzeitig bis 2004 gesichert worden waren, lebte Hitchcock hierzulande noch 24 Jahre, bevor er 2005 dann auch den Lizenztod starb.

Noch im gleichen Jahr ging es dann selbst den drei jungen Detektiven an den Kragen: Plötzlich hießen "Die drei ???" im Hörspiel "Die Dr3i". Und - was noch schlimmer war - plötzlich waren scheinbar auch Justus Jonas und Peter Shaw genauso mausetot wie Alfred Hitchcock - und durch Doppelgänger mit den Namen Jupiter Jones und Peter Crenshaw ersetzt worden. Auslöser war ein Rechtsstreit zwischen dem Kosmos-Verlag, der die deutschen "drei ???"-veröffentlichte, und Sony BMG, der Mutter des Hörspiel-Labels Europa. Gestritten wurde um die Gültigkeit des Testaments von Robert Arthur und Lizenzrechte, die Sony von Arthurs Tochter erworben hatte.

Die Fan-Community blickte bei den Namenswechseln nicht mehr durch und klagte in Foren ihren Unmut: "Störend" und "blöd" sei der Name Jupiter Jones, ein "Disaster" die neuen Namen im Allgemeinen, und mit dem Titel "Die Dr3i" wolle "Europa wohl mal wieder hip sein." Für die streitenden Unternehmen war das Harmoniebedürfnis der Fans zunächst natürlich sekundär: Schließlich ging es um Millionen, und so zog sich der Prozess hin. Nach drei Jahren vor Gericht und immer lauterem Rumoren in der Fangemeinschaft begriffen Kosmos und Sony BMG jedoch allmählich, dass sie mit ihrem Rechtsstreit der Marke "drei ???" bleibenden Schaden zufügten. Schließlich rangen sie sich zu einer außergerichtlichen Einigung durch, weil, so Kosmos-Geschäftsführer Michael Fleissner im "Tagesspiegel" am 16. Februar 2008, "der ganzheitliche Fortbestand der Krimireihe für beide Seiten höchste Priorität hatte".

Jazzrock für die Kinderserie

Von so einer Einigung kann der Musiker Carsten Bohn bis heute nur träumen: 1979 lebte er mit seiner Band in einer Wohnung in Hamburg. Mit ihren klammen Einkünften hielten sie sich mehr schlecht als recht über Wasser und gerieten in Zahlungsrückstand bei ihren Vermietern, Andreas Beurmann und seiner Frau Heikedine Körting-Beurmann. Beurmann, ein renommierter Musikwissenschaftler, hatte in den Sechzigern das erfolgreiche Schallplattenlabel Europa gegründet. 1979 hatte er die ehemalige Anwältin Körting geheiratet, die die kreative Leitung der Hörspiel-Sparte von Europa übernahm, im Laufe der Jahre über 1500 Produktionen abwickelte und dafür sogar als erfolgreichste Märchenregisseurin in das Guinness-Buch aufgenommen wurde.

Die wohlhabenden Label-Chefs Beurmann und Körting machten dem mittellosen Musiker Bohn ein verlockendes Angebot: "Die hörten, dass ich Musiker bin, und schlugen mir vor, zur Mietkompensation Musik zu komponieren." Bohn nahm das Angebot gerne an, zumal seine Auftraggeber nichts gegen seine Vorliebe für Jazzrock einzuwenden hatten. Fortan wurde sein eigenwilliger Fusion-Soundtrack zu einem Markenzeichen der "Drei ???" und vieler anderer Europa-Hörspiele.

Doch auf Bohns Freude folgte eine böse Überraschung: Vier Jahre schrieb und produzierte er 98 Musikstücke für Europa - ohne zu erfahren, für welche Hörspiele sie genau verwendet wurden. Veröffentlicht wurden die Stücke nicht unter Bohns eigenem Namen, sondern unter dem Sammel-Pseudonym "Bert Brac", das verschiedene Komponisten des Labels gemeinsam nutzten. Zu spät begriff Bohn, dass er dadurch bares Geld verlor: Die Tantiemen, die ihm als Urheber eigentlich zustanden, gingen so ausschließlich an Europa. Zudem wurde Bohn nun durch einen Bekannten darauf hingewiesen, dass seine Musik in viel mehr Hörspielen verwendet wurde, als ihm bewusst gewesen war: Statt 53 Tonträgern waren ganze 172 Europa-Produktionen mit Bohn-Soundtrack unterlegt worden.

Bohn realisierte, dass in den Hörspielen ein Millionengeschäft steckte und er mit Brotkrumen abgespeist worden war. Offensichtlich war er weit blauäugiger an den Deal mit Europa herangegangen als die frühere Urheberrechtsanwältin Körting. 1986 zog er schließlich vor Gericht und verlangte eine nachträgliche Auszahlung der entgangenen Tantiemen in Höhe von rund zehn Millionen Mark. Die Reaktion Körtings fiel einem "Stern"-Artikel vom 18. September 1986 zufolge ausgesprochen rüde aus: "Der Junge geht mir auf den Keks. Der ist doch mit einer Negerin verheiratet", zitierte das Blatt die Produzentin.

Pornos aus dem Hörspiel-Schloss

Schnell entpuppte sich der ungleiche Rechtsstreit des Musikers gegen das millionenschwere Unternehmen als Sisyphosarbeit: Fast sieben Jahre habe es gedauert, so Bohn, um überhaupt das Recht zu erstreiten, Europa-Unterlagen einsehen zu dürfen. Währenddessen behauptete das Unternehmen laut einem Bericht der "Hamburger Morgenpost" vom 12. Januar 1998, Bohn habe gar keine Musik für die Hörspiele produziert, sondern nur "banale Tonfolgen und Geräusche", die nicht tantiemenfähig seien. Europa-Hörspielautor Andé Minninger habe der "Morgenpost" zu Folge gar nach seiner Vorladung reißaus genommen und sei verreist, da er Angst gehabt habe, vor Gericht auszusagen. Einiges an den Zusammenhängen dieses Streits, seufzt Bohn, sei schon "ein bisschen 'Sopranos'-mäßig".

Dass der unschöne Rechtskrieg gegen den Musiker Bohn dem Hörspiel-Giganten Europa oder der Marke "Die drei ???" bleibenden Image-Schaden zufügen könnte, darf indes bezweifelt werden. Oft genug standen Beurmann und Körting im Kreuzfeuer der Presse: etwa als der "Stern" am 18. September 1986 berichtete, das Paar habe zur Sanierung seines schlossartigen Gutshofes "Hasselburg" 1,34 Millionen Mark aus Steuergeldern bekommen. Oder als der "Focus" am 3. März 1997 berichtete, Körting habe gemeinsam mit dem tschechischen Pornofilmer Alan Vydra die Geschäfte von dessen Produktionsfirma geführt, nachdem der auf dem Gut "Hasselburg" den Hardcore-Streifen "Exzesse in der Schönheitsfarm" gedreht habe.

Der Skandal schien perfekt: Ausgerechnet Beurmann und Körting, die Märchenerzähler der Nation, die mit Kindergeschichten wie "Hanni und Nanni", "Die Funk-Füchse" und "Die Hexe Schrumpeldei" bekannt und sehr, sehr reich geworden waren, sollten Verbindungen zum Pornofilmgeschäft haben? Doch auf einige aufgeregte Schlagzeilen folgte vor allem eines: Schweigen. Selbst Alan Vydra war auf Anfrage hin nicht zu genauen Äußerungen zum Fall bereit. Und auch auf rocky-beach.com, dem Netztreffpunkt der "drei ???"-Fancommunity, redete kaum jemand über diese dunklen Seiten der Lieblingsserie. Stattdessen schwelgten die Fans in den Foren weiter in Erinnerungen an ihre erste Folge, diskutierten über die Qualität der Titelmelodie und tauschten sich über Ebay-Preise für Kassetten aus, als sei weiter nichts gewesen.

Und wer sollte es ihnen verdenken? Schließlich haben die Fans Wichtigeres zu erinnern: Justus Jonas' altkluge Sprüche zum Beispiel. Und Peter Shaws ängstliches Gejammere. Und all die tanzenden Teufel, grünen Geister, singenden Schlangen, denen ihre Lieblingsdetektive über die Jahre nachgespürt haben. Die Erinnerungen daran, wie sie gemeinsam irgendwie total alt geworden und irgendwie total gleich geblieben sind. Die Erinnerung, und das ist vielleicht eine ihrer größten Leistungen und Fehlleistungen zugleich, beschränkt sich schließlich gerne auf die schönen Dinge: zum Beispiel wie das war, damals. In Rocky Beach.

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1.
Tim Berger, 14.07.2010
Ein schönes Thema weniger schön umgesetzt. Herr Kringiel, stört es sie so sehr, dass für die Fans der Hörspielreihe die Inhalte im Vordergrund stehen und nicht die Hintergründe? In unserer Gesellschaft wird viel zu oft Kult betrieben um vermeintliche "Nebenplots" und "Homestories". Der positive Effekt für die Organisatoren ist, dass man von den Schwächen des eigentlichen Produkts ablenken kann, wenn das Drumherum schön laut und bunt ist. Ein Musterbeispiel dafür ist die Musikbranche mit ihren zusammengestellten Gruppen. Egal, wie ausgelutscht und langweilig (weil austauschbar) die Musik selbst ist, dank einer passenden Charaktermarke verkauft sich so ziemlich alles. Das ist bei den drei ??? erfrischenderweise anders. Vielleicht, weil die Hörer mit der Serie erwachsen wurden. Die Serie selbst ist der Kult, nicht die "bösen" Produzenten oder ein "naiver" Musiker. Übrigens erinnert man sich AN etwas. Diese Anglizismen-Unart ist fast so nervig wie das allgegenwärtige "Sinn machen". Der Kollege Bastian Sick sitzt doch in der gleichen Redaktion wie Sie und ist da sicher gern behilflich ;)
2.
Danny Kringiel, 14.07.2010
Sehr geehrter Herr Berger, vielen Dank für ihr Feedback! Ich glaube, ich kann Sie beruhigen und es hier liegt möglicherweise ein Missverständnis vor: Ich vermute, dieses Missverständnis geht von dem Ausdruck "Und wer sollte es ihnen verdenken? Schließlich haben die Fans Wichtigeres zu erinnern" am Ende des Textes aus. Das - und der folgende Schlussabsatz - ist NICHT ironisch gemeint! Ich denke, man kann durchaus mit gutem Grund dafür argumentieren, dass am Ende der eigentliche Wert der Seriie gerade bei den "drei ???" in den schönen, nostalgischen Erinnerungen liegt.
3.
Torsten Gaitzsch, 14.07.2010
Kleine Richtigstellung: Die Namen "Jupiter Jones" und "Peter Crenshaw" in der "Die Dr3i"-Serie sind keine Ersetzungen gewesen, es handelt sich dabei vielmehr um die Originalnamen aus der amerikanischen Vorlage, die übrigens einfach "The Three Investigators" heißt (und nicht etwa "The Three Question Marks" oder so).
4.
Oscar Rodriguez, 15.07.2010
Herr Berger, ich verstehe Ihre Analyse unserer Gesellschaft nicht so recht. Den Vergleich ?der? Musikbranche mit der Serie unserer drei Freunde finde ich dennoch gut. Allerdings: so ungefähr mit dem Ende der Musik Carsten Bohns ging dann das ?Erfrischende? doch alsbald verloren. Die Charaktere, ja der ganze Rahmen der Geschichte waren etabliert. Die Stimmung der alten Aufnahmen hatte uns Kinder noch in ihren Bann ziehen können, während viele Details späterer Folgen dann von vielen Fans doch als eher störend empfunden werden sollten. Herr Berger, denken Sie nicht auch, angesichts solcher katastrophalen Folgen wie wir sie zuletzt haben ertragen müssen, dass gerade unsere beiden Produzenten dem Verdacht unterliegen allzu kommerziell zu handeln? Sicherlich: gegen die Vorlagen können sie sich offenbar nicht wehren und die neueste Musik zeigt auch wieder nach oben. Aber: ich finde nicht zuletzt von Seiten der Sprecher die Folgen sehr lieblos hergestellt. Solche Geschichten, wie die von Herrn Bohn, zu hören tut mir als Musiker besonders weh und lässt mich mit runzliger Stirn die Unterlippe knetend zurück. Herzlichst, Ihr Rodriguez.
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