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Holocaust Warum die Alliierten Auschwitz nicht bombardierten

Holocaust: Warum die Alliierten Auschwitz nicht bombardierten Fotos
National Archives/USHMM

US-Präsident Bush hat bei seinem Besuch in Israel eine Frage erneuert, die Historiker und Zeitgenossen bis heute beschäftigt: Warum haben die Alliierten im Zweiten Weltkrieg zwar deutsche Städte, nicht aber das KZ Auschwitz bombardiert? Die Gründe sind vielschichtig. Von

Ein trügerisches Dokument: die schwarzweiße, leicht unscharfe Luftaufnahme des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau vom 13. September 1944. Links oben fallen 500-Pfund-Bomben der Erde entgegen; unten am Boden, im Winkel eines Barackenareals am Ende von Bahngleisen, weisen Pfeile auf zwei kleine Punkte. Ihre Beschriftung lautet: "Gas Chambers II & III". Der Angriff der Alliierten auf Auschwitz - fotografisch festgehalten, und doch eine Täuschung: Die Bomben auf dem Bild zielen nicht auf die Todesfabrik der Nazis, sie gelten Industrieanlagen wenige Kilometer weiter. Nur aus Zufall wurden auch SS-Baracken getroffen.

Warum Churchill und Roosevelt umliegende Fabriken attackieren ließen, nicht aber die Vernichtungsmaschinerie von Auschwitz, bewegt nicht nur Historiker bis heute. "Alles, was getan werden musste, war, die Bahnlinien zu bombardieren", meinte der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu im April 1998 bei einem Besuch in Auschwitz. Doch bis Kriegsende griffen die Alliierten nicht ein einziges KZ absichtlich aus der Luft an.

"Ich kann es nicht glauben"

Dabei wussten sie seit 1942 vom systematischen Mord an den Juden. Gerhart Riegner, Funktionär des Jüdischen Weltkongresses in Genf, hatte im August Informationen nach Amerika weitergeleitet, wonach die Juden "auf einen Schlag vernichtet" werden sollten. Im November war der polnische Offizier Jan Karski, der zuvor von der Untergrundbewegung in das Warschauer Ghetto und in die Nähe des Vernichtungslagers Belzec geschmuggelt worden war, nach England gelangt.

Doch die Schreckensnachrichten, die er überbrachte, überstiegen das Vorstellungsvermögen der Empfänger. "Denken Sie, ich lüge?", soll Karski den ungläubigen US-Verfassungsrichter Felix Frankfurter gefragt haben. "Ich habe nicht gesagt, dass Sie lügen", sei Frankfurters Antwort gewesen. "Ich habe gesagt, ich kann es nicht glauben."

Die Hitler-Gegner konnten allerdings damals nicht viel ausrichten. Himmlers Vollstrecker hatten ihre Vernichtungslager im Osten errichtet. Lediglich das Todeslager Chelmno lag für das britische Bomber Command oder die 8. U. S. Air Force von ihren Stützpunkten in England in Reichweite. Aber gegen so weit östlich liegende Ziele flogen die Briten im ganzen Krieg gerade mal drei Einsätze, die Amerikaner etwa ein halbes Dutzend.

Ziel: ein schneller Sieg über die Achsenmächte

Erst im Sommer 1944 hatte sich die Situation geändert. Immer neue Berichte über Nazi-Gräuel, etwa von den im April aus Auschwitz geflohenen slowakischen Juden Rudolf Vrba und Alfred Wetzler, erreichten Washington und London. Angesichts der Massendeportation ungarischer Juden von Mai 1944 an forderten Vertreter jüdischer Organisationen die Zerstörung der Bahnlinien nach Osten. Vor allem brachten neue Stützpunkte im befreiten Süditalien auch Oberschlesien in die Reichweite von Bombern der Alliierten. Für deren Militärbürokraten aber war Auschwitz kein Ziel, denn seine Zerstörung hätte kaum den Krieg verkürzt. "Die effektivste Hilfe für die Opfer feindlicher Verfolgung", verordneten US-Kriegsminister Henry Stimson und sein Unterstaatssekretär John McCloy, sei "ein schneller Sieg über die Achse". Hartnäckig wehrte sich McCloy gegen jegliche Aufsplitterung der alliierten Kräfte.

Allerdings herrschte auch unter den Juden Uneinigkeit: "Es ist die Haltung des Vorstands der Jewish Agency", so ein Protokoll vom 11. Juni 1944, "den Alliierten nicht vorzuschlagen, Orte zu bombardieren, an denen sich Juden aufhalten."

Überdies gab es praktische Probleme. Die Briten beherrschten nur das nächtliche Flächenbombardement - keine gute Methode, um gezielt Gaskammern und Krematorien auszuschalten. Die Amerikaner praktizierten "precision bombing" - doch war das etwas anderes als im Laser- und Satellitenzeitalter: Die 15. U. S. Air Force, die den Angriff wohl geflogen hätte, traf im Sommer 1944 mit 21 von 100 Bomben einen 180-Meter-Radius um den Zielpunkt.

Dennoch: Die Bombardierung von Auschwitz wäre nicht schwieriger und weniger aussichtsreich gewesen als andere Angriffe im Zweiten Weltkrieg. Am 24. August 1944 zerstörten 129 amerikanische B-17-Bomber ein an den Lagerzaun des KZ Buchenwald grenzendes Rüstungswerk, dessen Lage vergleichbar mit den Krematorien in Birkenau war. 315 Häftlinge starben durch fehlgeleitete Bomben.

Ein hoher Preis. Auch ein zu hoher?

"Was für eine Idee!"

Das Zeitfenster zum Zuschlagen war klein: zwischen Juli 1944 - als eine Vielzahl von Informationen vorhanden und die Sicht für einen Präzisionsangriff gut war - und November 1944, als Himmler die Demontage der Gaskammern befahl.

Was fehlte, war ein Machtwort der Politik. US-Präsident Franklin D. Roosevelt, so schien es lange Zeit, sei von McCloy nicht voll informiert worden. Noch 1983 versicherte dieser einem "Washington Post"-Reporter, mit Roosevelt über einen Angriff auf Auschwitz "nie gesprochen" zu haben.

Erst im vergangenen Jahr publizierte der US-Historiker Michael Beschloss eine Tonbandmitschrift, in der McCloy drei Jahre vor seinem Tod 1989 ganz anderes erzählt (SPIEGEL 42/2002): "Einmal sprach ich mit Mr. Roosevelt darüber, und er reagierte gereizt. Er sagte: 'Nun hören Sie mal, was für eine Idee! ... Alles, was die Nazis tun werden, ist, das KZ nur ein kleines Stück die Straße hinunter zu verlegen.'"

Stimmt das, dann stoppten nicht Subalterne das Projekt - sondern der Präsident selbst. Roosevelt stand im November 1944 eine Präsidentschaftswahl ins Haus, und er fürchtete womöglich, die NS-Propaganda könne den Bombentod von KZ-Häftlingen ausschlachten und er von den Wählern für den Judenmord mitverantwortlich gemacht werden. Man werde die Amerikaner nur bezichtigen, "sich an diesem schrecklichen Geschäft beteiligt" zu haben, soll er jeden Gedanken an einen Angriff abgelehnt haben.

"Es hätte für alle Zeit ein moralisches Zeichen gesetzt"

Anders verhielt sich Churchill: "Hol alles aus der Air Force raus und berufe dich auf mich, wenn nötig", hatte der seinen Außenminister Anthony Eden angewiesen, nachdem Chaim Weizmann, Präsident der Jewish Agency, bei Eden vorstellig geworden war. Doch Luftfahrt-Staatssekretär Sir Archibald Sinclair mauerte, und die Order versandete zwischen Foreign Office und Luftfahrtministerium.

Dabei konnte die Politik den Militärs durchaus ihren Willen aufzwingen. Als im August 1944 der Warschauer Aufstand losbrach, befahlen Churchill und Roosevelt die Versorgung der polnischen Patrioten aus der Luft. Die Generäle widersetzten sich, doch am 11. September stiegen schließlich die ersten Flieger auf. "Gemessen daran", urteilt Luftkriegs-Historiker Rondall Rice, "zeigen die Vorschläge für die Bombardierung von Auschwitz einen Mangel an Dringlichkeit und politischem Willen."

Doch was hätte ein Angriff auf Auschwitz gebracht? Anders als im französischen Amiens, wo die Briten im Februar 1944 mit Mosquito-Bombern ein Gefängnis knackten und 258 Insassen die Flucht ermöglichten, hätten die Überlebenden eines Angriffs auf Auschwitz, tief im Hinterland der Nazis, kaum fliehen können. Bahnlinien ließen sich reparieren, Züge umleiten. Dennoch hätte es getan werden müssen, als moralische Tat. "Es ist heute deutlicher als 1944", so Historiker Beschloss, "dass der Klang explodierender Bomben in Auschwitz ein moralisches Zeichen für alle Zeit" gesetzt hätte.

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1.
Johan G.L. van Stappen, 22.01.2008
Danke für den interessanten Artikel, aber der (gutmeinenden) Redakteur hat sich meines Erachtens einige "Bären aufbinden lassen". Hier meine Kritik: 1) Der letzte Paragraph seines Essays : "die wenigen Überlebenden (eines Bombardements) hätten nicht gewusst wohin zu fliehen". Das ist (leider) nicht entscheidend, weil es darum hätte gehen sollen, diese industrielle Vernichtungsfabrik zu zerstören. Auch wenn es schlimmstenfalls das Leben sämtliche Häftlinge gekostet hätte (was militärtechnisch gesehen gut zu vermeiden gewesen wäre, siehe unten), dann hätte sich die Zerstörung noch immer gelohnt.....für die weitere Millionen zukünftige Opfer unterwegs nach Ausschwitz ! Aber sogar dieses Schreckensszenario (vollständige Zerstörung Auschwitz aus der Luft) wäre unnötig und vermeidbar gewesen. Es war vollkommen möglich ausreichend genau zu bombardieren, gerade im Osten (komme gleich dazu). Und Bahnlinien und Gaskammer ließen sich nicht so leicht ersetzen wie der Autor behauptet, vor allem nicht ohne bedeutsame Unterbrechung der angestrebten und durchgeführte "Tötung am Laufenden Band". Mann möchte sich bewusst machen, dass die Wannsee-Konferenz eindeutig das "Problem Endlösung" geschildert hatte : es war gar nicht möglich soviele Millionen umzubringen ohne eine geschmiert laufende Vernichtungsmaschinerie von wahrlich industriellen Ausmaß. Sämtliche Versuchen aus der "Vor-Wannsee-Zeit" (Erschießungen, Galgen, Vergasungen mittels LKW's) waren gescheitert, trotz rücksichtslose und menschenverachtende Einstellung der Henker ! 2) In 1942 (Karski) war es tatsächlich technisch noch nicht möglich von England aus Einsätze gegen Polnisches Grundgebiet zu fliegen . Die Luftwaffe war noch sehr stark und allierte Flieger hätten es kaum geschafft Deutschland zu überqueren, noch abgesehen von eigener Reichweitenproblematik . Aber schon im Sommer 1943 (und nicht erst Juli 1944, wie im Artikel behauptet) waren die Amerikaner instande dies durchzuführen. Es wurden damals schon Einsätze geflogen gegen die Ölfelder in Rumänien, wobei Bomber aus England , Libyen und Italien starteten, und (nach Bombenabwurf) weiterflogen zur Landung in Rußland, wo sie aufgetankt worden sind. 3) Auch wenn man hätte vermeiden wollen , dass Goebbels den Allierten "Judenmord" vorwerfen könnte (wahrlich bizarre Idee) , wäre es militärtechnisch gesehen möglich gewesen präzisere Bombardierungen durchzuführen, sprich nur technische Anlagen (Bahngleisen, Gaskammern) zu treffen ohne viel Schaden an den Baracken der Opfer. Die "übliche" Ungenauigkeit der allierte Bomberflotten lag nur darin begründet, dass sie aus überlebensnotwendig große Höhe operieren müßten (ung. 9 km Höhe, über Deutschland). Aber gerade bei den Angriffen auf die rumänische Ölfelder sind sie viel niedriger angeflogen und haben dadurch eine viel bessere Präzision erreicht. Gerade im Osten wäre dies möglich gewesen, weil diese Gebiete von der Luftwaffe (und Flak) viel weniger intensiv verteidigt wurden als das deutsche Kernland. Auch hatten die Engländer mit der De Havilland Mosquito einen schnellen und präzisen Bomber, der im WWII viele (nächtliche) Präzisionsbombardements durchgeführt haben und die (in geheime Missionen) auch von England bis Schweden geflogen sind : eine mit Auschwitz vergleichbare Distanz. Es stimmt dagegen wohl, dass die englische Royal Air Force kein Interesse hatte an Präzisionsbombardements mit deren nächtlich operierende Lancaster-Bomberflotte. Historiker haben sich bis heute nicht darüber einigen können ob dies aus Unfähigkeit oder aus Terrorabsicht entstanden ist.... 4) Es ist wohl unaufrichtig, von "Uneinigkeit unter den Juden" zu sprechen, nur weil der Vorstand der Jewish Agency selbstverständlich nicht "offiziell" vorschlagen konnte, Juden zu bombardieren. Die konnten politisch gesehen nicht anders, aber hätten bestimmt (mit Bedauern für die Opfer) zustimmend der Vernichtung der Gaskammern und Logistik Auschwitz's begrüßt. 5) Das gut dokumentierte Verhalten der meisten Protagonisten (siehe Artikel : McCloy, Sinclair, Frankfurter, Stimson, Roosevelt) läßt nur eine plausibele Erklärung zu : es gab auch in deren Kreisen einen Antisemitismus, selbstverständlich weit weniger öffentlich als Hitler's oder Goebbels' , aber dafür nicht weniger tief verankert in deren jeweiligen Gesellschaft. Auch wenn man diese Leute natürlich nicht davon beschuldigen möchte, dass sie es gut fanden, dass die Nazis den Volkermord vollstreckten, kann man sie andererseits nicht davon freisprechen, dass es diese Protagonisten gut passte, dass sich Nazi-Deutschland dadurch für immer und ewig und weltweit diskreditierte. Hat mancher möglicherweise den Holocaust als eine (willkommene?) Selbstdemontage der Nazis betrachtet ? Die Schande von Auschwitz betrifft so gesehen einen großen Teil unsere Welt, und möglicherweise sollten wir uns alle sehen als Nachfahren von Tätern. Es ist damit jedenfalls verständlicher, dass Israel sich bis heute als isoliert und ohne wirkliche Verbündete auf der Welt betrachtet.
2.
Elmar Bodet, 08.09.2009
Die These, das Roosevelt Antisemit gewesen sei, wird durch Nicholson Baker in 'Human Smoke', New Yourk, 2008 unterstützt. Es ist jedenfalls zu unterstreichen, dass es für die Verfolgung von deutschen und ausländischen Mitbürgern jüdischer Konfession durch die deutsche Regierung keinerlei Entschuldigung geben konnte und kann!
3.
Joachim Trettin, 08.09.2009
Die "Leistungsträger" unter Hitler hatten nach Stalingrad in zunehmenden Grad eine Sensibilität dafür entwickelt, welche persönlichen Folgen eine militärische Niederlage mit sich führen könnte. Luftangriffe auf die Anlagen der Vernichtungslager hätten ihnen die Erkenntnis näher gebracht, dass ihr verbrecherisches Tun sowohl unter Observation stand als auch nicht hingenommen wird. Es ist sträflich, diesen Faktor zu unterschätzen.
4.
Tihomir Radakovic, 08.02.2013
Das genaue Ausmaß der Todesmaschinerie der Deutschen während der Nazi-Diktatur wurde selbst den Amerikanern erst nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt. Als Erklärung für deren Untätigkeit beschuldigen die Kommentator hier Roosvelt direkt, und Churchill und Truman indirekt des Antisemitismus, und das ist in diesem Zusammenhang ungeheuerlich und heuchlerisch. Währen Sie den bereit einen Angriff zu befehlen der ganz sicher das Leben von hunderten vielleicht sogar tausemden Häftlingen auslöschen wurde, um die tötung eben dieser um paar Tage oder Wochen zu verzögern? Reicht es Ihnen nicht als Information dass es nur bei einem Angriff der garnicht dem Lager galt über 180 Häftlinge umgekommen sind? Bei einem direktem Angriff gäbe es viel mehr Opfer zu beklagen. Ich kann mir vorstellen dass selbst ein Roosvelt bei diesem Befehl moralische bedenken hatte. Man wusste zu dem Zeitpunkt viel zu wenig über diese Lager, vor allem das genaue Ausmaß war unbekannt, ja unglaublich. Und selbst wenn man die genauen Zahlen gewusst hätte, wäre "Erfolg" eines solchen Angriffs äusserst fraglich, weil zu dem Zeitpunkt eh schon mehr Menschen durch Erschießen an Ort und Stelle (Russland) als durch Vergasen umgebracht wurden.
5.
Christian Hagmann, 11.06.2013
Ich frage mich gerade, warum es aus dem polnischen Untergrund keine direkten Anschläge auf die Bahnlinien gab. Eine Frage aus heutiger Sicht (heute kann man ja angeblich sogar im web Anleitungen zum Bombenbau finden), vielleicht gibt es hier einen Geschichtskundigen der dazu etwas weiß. Sogar ohne Sprengstoff können Bahnlinien beschädigt werden. Gab es keinen entsprechenden militanten Widerstand in Polen? Schade dass niemand diese Verbrechen wenigstens behindern konnte.
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