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Holocaust "Wir trauten unseren Augen nicht"

Holocaust: "Wir trauten unseren Augen nicht" Fotos
Andreas Heinze

1945 befreite die Rote Armee das KZ Auschwitz. Als einer der ersten betrat Nikolai Politanow das Nazi-Todeslager und sah mit eigenen Augen, was bis heute manche Unbelehrbaren leugnen. Auf einestages schildert er den Tag, an dem das Morden in Auschwitz endete - und mancher seiner Kameraden den Glauben verlor.

Ich war damals Frontdolmetscher. Unsere Streitkräfte hatten halb Polen eingenommen, zu Neujahr 1945 erreichten wir Krakau. Dort verhörte ich gefangengenommene deutsche und italienische Offiziere, weil ich neben Russisch auch Italienisch und Polnisch beherrschte. Das hatte ich von meiner Mutter gelernt und in der Schule.

Dann erhielten wir den Befehl, schnell an der Stadt vorbei zum Konzentrationslager Auschwitz vorzustoßen und die Lagergefangenen zu befreien. Als wir am Vormittag des 27. Januar 1945 Januar mit unseren Panzern vor dem Haupttor des KZ-Lagers Auschwitz vorfuhren, hatten die Bewacher bereits Lunte gerochen - sie waren zum Teil bereits geflohen. Nur noch wenige waren geblieben, und manche hatten sich selbst zur Strecke gebracht.

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Keiner leistete Widerstand. Das Haupttor des Lagers war verschlossen. Unser Panzer durchbrach es. Ein Lastwagen nach dem anderen, besetzt mit Soldaten, fuhr auf das Lagergelände. Unsere Soldaten sprangen aus den Militärlastwagen, entwaffneten das verbliebene Wachpersonal des Lagers und nahmen es in Gewahrsam.

Bewegende Bilder

Aber schon von weitem konnten wir sehen, dass die Heizer der Krematorien im rund drei Kilometer entfernten Birkenau mit ihrer Arbeit fortfuhren. Rauch und Stichflammen schlugen dort aus den zwei Kaminen. Die restlichen Schornsteine waren nicht in Betrieb. Die Heizer an den noch rauchenden Schloten beziehungsweise in den Krematorien hatte man anscheinend nicht darüber informiert, dass die russischen Armeen bereits im 60 Kilometer entfernten Krakau waren.

Also fuhren wir zum Haupttor des Vernichtungslagers in Birkenau. Das eigentliche Lager wirkte wie ein unaufgeräumter Schlachthof. Ein beißender Geruch hing schwer in der Luft. Das waren bewegende Bilder dort. Riesige, scheinbar endlose Briketthaufen waren auf dem Gelände gestapelt. Je tiefer wir auf das Gelände vordrangen, desto stärker war der Gestank von verbranntem Fleisch, und vom Himmel regnete schmutzig-schwarze Asche auf uns nieder, welche die Schneeflecken dunkel färbte.

Dann nahmen wir die Krematorien in Augenschein, den Kern der Menschenvernichtungsmaschinerie. Da die Gaskammern in Birkenau angesichts des russischen Vormarsches bereits teilweise demontiert worden war, hatten die SS-Leute den Heizern Befehl gegeben, die zum Skelett abgemagerten Gefangenen lebendig in das offene Feuer der Krematorien zu werfen. Man wollte die Kranken und Entkräfteten möglichst schnell loswerden und so sämtliche lästigen Spuren beseitigen.

Entsetzliches Elend

Ratlos standen unzählige Elendsgestalten mit eingefallen Gesichtern und kahlen Köpfen draußen vor den Baracken. Sie wussten nicht, dass wir kommen. Die Überraschung darüber ließ viele in Ohnmacht fallen. Ein Bild, das jeden schwach werden lässt, der es sieht. Das Elend war entsetzlich.

Die Öfen waren noch heiß und manche brannten noch lichterloh, als wir näher kamen. Die verrußten Heizer waren erstaunt, als sie uns Offiziere und Soldaten sahen. Es waren kräftige Gestalten, meistens Kapos, Leute aus den Reihen der Gefangenen selbst. Sie begrüßten uns mit einem verstohlenen Lächeln auf den Gesichtern, einer Mischung aus Angst und Freude. Wie auf Kommando warfen sie ihre Schürhaken weg. Uns gegenüber äußerten sie sich freimütig. Es fielen Worte der Wut und des Unmuts über Hitler. Ich weiß noch, wie ein älterer Heizer "Danke" stammelte. "Danke, Freunde. Ich darf doch Freunde zu euch sagen?"

Einen von ihnen, einen Ukrainer, fragte ich: "Warum hast du das getan?" und deutete auf den Ofen. Ohne mit der Wimper zu zucken antwortete er: "Sie haben mich nicht gefragt, ob ich es wollte. Nein, ich wollte es nicht. Aber lieber heizen, als selbst verheizt zu werden. Deshalb habe ich es getan." Ich war sprachlos, konnte nur den Kopf schütteln. "Warum brennen die anderen Öfen nicht?", fragte ich denselben Heizer. "Aus den Stahlschornsteinen kommt kein Rauch." - "Abmontiert!"

"Das kann doch nicht sein!"

Gedankenverloren standen alle herum. Niemand achtete jetzt auf die brennenden Öfen. "Schluss! Raus mit euch!", befahl unser kommandierender Oberleutnant Sergejew, dem der Geduldsfaden riss. Draußen angekommen sagte er mit erschrockener, stockender Stimme: "Das kann doch nicht sein, mitten im 20. Jahrhundert." "Ich kann nicht begreifen", fuhr der Oberleutnant fort, "dass solche Grausamkeit möglich ist. Wenn es einen Gott gäbe, könnte er vielleicht erklären, warum es dazu gekommen ist."

Wir standen im Kreis, alle schwiegen. Aus den Baracken kamen immer mehr hungrige und in Lumpen gehüllte, zu Skeletten abgemagerte Kinder gekrochen. Wie die Ameisen sammelten sie sich zu großen Gruppen und lärmten wie auf einem großen Schulhof. Sie warteten mit ausgestreckten Armen um Brot bittend und rufend, sie wimmerten vor Verzweiflung und wischten sich die Tränen ab.

Angehörigensuche per Lautsprecher

Wir besichtigten einige Baracken und trauten unseren Augen nicht. Auf den Strohsäcken lagen nackte, röchelnde Gestalten - schwer zu sagen, ob es wirklich Menschen waren. Ich berührte einen der dort Liegenden. Er rührte sich nicht. Er war nicht mehr am Leben. Hier regierte nur der Tod. Es roch danach.

In einer anderen Baracke lag eine Frau im Sterben. Ich fragte sie, ob sich noch jemand aus ihrer Familie im Lager befinde. Sie antwortete mit Ja. Per Lautsprecher haben wir ihre Verwandtschaft im Lager gesucht und die Familie zusammengeführt. Kurz darauf ist die Frau gestorben, trotz der Bemühungen einer unserer Ärztinnen.

Danach konzentrierten wir uns auf das Lagerverwaltungsgebäude. Im Gang zum Büro der Lagerleitung fand ich einen an der Wand angebrachten Bericht, der mich als Slawe betraf und interessierte: "Deutsche! Wir sind die Herren.", stand dort sinngemäß: "Unsere Interessen sind allein maßgebend. Eine Vermehrung der slawischen Bevölkerung ist nicht erwünscht. Kinderlosigkeit und Abtreibung sind zu ermutigen. Erziehung für slawische Kinder ist unnötig. Wenn sie bis 100 zählen können, ist das absolut genug. Diejenigen, die nicht zur Arbeit gebraucht werden, sollen sterben."

Ich übersetzte den Text für die Anwesenden, die nur den Kopf schüttelten. Einer von ihnen riss das Plakat von der Wand. Da die Büros leer und verwüstet waren, gingen wir gleich ins Freie.

"Seid ihr arische Frauen?"

Unsere Soldaten hatten inzwischen einige weibliche Bewacher zusammengetrieben und brachten sie zu uns. "Sollten wir sie...?", fragte ein Gefreiter. "Nein, mach keine Dummheit", entgegnete der Oberleutnant. "Das ist die Sache der Ordnungstruppe."

"Was hat die da in der Tasche?" fragte ich eine Frau, weil ich gesehen hatte, wie ausgebeult ihre Tasche war. Ein Soldat langte hin. Es war eine Broschüre. Die Überschrift lautete: "Über das Gesetz zum Schutz der Erbgesundheit des deutschen Volkes." Ich nahm sie und überflog ein paar Seiten: Ariernachweis, Heiratsverbot, anglo-jüdische Seuche ... Ich nahm es entsetzt zur Kenntnis. Dass die Leute so etwas noch bei sich trugen!

"Seid ihr alle arische Frauen?", fragte ich. Sie guckten mich kalt an. "Ich weiß es nicht", antwortete eine von ihnen. Wir mussten lachen. "Wo sind eure Lagerärzte?", wollte ich wissen. "Nicht da, getürmt." "Und die männlichen Gefangenen, wo sind die geblieben. Kein einziger Mann ist zu sehen. Was ist los?" "Vor einer Woche hat man sie aus dem Lager geführt. Wahrscheinlich in ein anderes Lager, Majdanek oder Treblinka", lautete die Antwort. Ich zerriss das Büchlein und warf es auf einen Abfallhaufen.

Surrende Kameras und Blitzlichter

Es wurde Abend. Viele Berichterstatter hatten sich eingefunden. Überall vor und hinter den Baracken surrten und blitzten ununterbrochen Kameras. Wir haben nach und nach erfahren müssen, dass Auschwitz ein zentrales Selektionslager war. Hier wurde die Auswahl für Vergasung und Zwangsarbeit der jüdischen Menschen getroffen. Man hat ausdrücklich auf sofortiger Vernichtung der arbeitsunfähigen Juden bestanden.

Bald trafen die Feldküchen ein. Fast zur gleichen Zeit erschien im Lager die Ordnungstruppe und auffallend hohe Offiziere aus dem Stab der Marschälle Rokossowski und Konjew. Sanitäter verteilten Decken und Kleidungsstücke an die Gefangenen. Damit die mit dem Leben davongekommenen nicht den Schnee aßen, verteilten Soldaten Tee und Brot an die halb verhungerten Skelette.

Inzwischen waren Militärlaster eingetroffen. Erst gegen Mitternacht wurden alle Gefangenen abtransportiert. Die, die noch gehen konnten, hatten keine Geduld mehr gehabt, und waren zu Fuß in Richtung Sosnowitz losmarschiert. Zurück blieben die Kapos und Angehörige des Wachpersonals. Denen hatten die Kommandierenden der Ordnungstruppe sofort befohlen, draußen vor dem Lager Massengräber auszuheben und die Leichen zu bestatten. Dort waren auch schon Aggregate und Scheinwerfer aufgestellt worden.

Ruhe wie im Kloster

Das Lager war nun leer, drinnen herrschte Ruhe wie in einem Kloster. Hier und dort leuchteten in den Boden gesteckte Fackeln. Wir mussten weiter fahren, weil wir eigentlich zu einer Fronteinheit gehörten. In Sosnowitz, etwa 15 Kilometer östlich von Kattowitz, holten wir schließlich unsere Einheit ein.

Das Ende des Krieges erlebte ich in Berlin. Inmitten von Häusertrümmern, in breiten Kellergängen und in einer ehemaligen Wehrmachtskantine feierten wir den errungenen Sieg. Einige Frontkämpfer tanzten im Freien, unter blühenden Bäumen. Es waren viele weibliche Soldaten unter uns. Wir aßen und tranken reichlich. Danach tanzten und sangen wir bis spät in die Nacht.

So feierten wir unter den von der Natur selbst geschmückten Bäumen und in den Kellern unseren Sieg. Dieser Moment ist mir in unauslöschlich in Erinnerung, weil ich noch nie zuvor so ausgelassen gefeiert hatte.


Nikolai Politanow, geboren 1928 in Stawropol, diente ab 1943 in der Roten Armee. Nach dem Krieg lebte er Frankreich, Italien und Deutschland, seit den siebziger Jahren ist er in Bayern sesshaft. Seine Erinnerungen an Auschwitz wurden um 1970 verfasst, sie werden hier, in sprachlich leicht überarbeitete Form, erstmals veröffentlicht.

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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
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1.
Robert Abel, 30.01.2008
Jetzt fehlt wahrscheinlich nur noch der Hinweis des oben genannten Debatten-Verfassers, dass die gesamten KZ eine Propagandalüge des russischen Militärs waren. Wieso darf so etwas Tendenziöses überhaupt hier veröffentlicht werden? Ich denke, die Beiträge werden vorher von der Redaktion gelesen?
2.
henry mattheß, 30.01.2008
Fragwürdig. Meines Wissens wird in wissenschaftlichen Publikationen (Czech-Kalendarium) davon ausgegangen, dass vor der Befreiung des Lagers alle Birkenauer Krematorien durch die abrückende SS gesprengt worden. Stellt sich die Frage, vor welchen "lichterloh" brennenden Öfen Herr Politanow bei seinem Eintreffen in Birkenau gestanden hat ? Ein Zeitzeugenbericht, über den sich alle diejenigen freuen werden, die mit Hinweis auf ungenaue, widersprüchliche oder falsche Aussagen von Zeugen, die Geschehnisse insgesamt leugnen.
3.
David Cohen, 26.01.2010
achja, torsten... hm, armer kleiner, schon wieder die bösen russen und die bösen kommunisten, mit denen dein pack vorher gepackelt hat. achso, die slawen wurden nicht als minderwertig etc. bezeichnet???? na, entweder weisst du nichts, oder willst du nicht? was war mit dem kommissarbefehl, wieso starben so viel mehr sowjets als deutsche und ich spreche hier von zivilisten? egal, mit lebensformen deiner art ist diskutieren sinnlos, ihr wollt ja nicht einsehen, dass eure väter und grossväter verbrecher waren und ihr selbst das deckt und vielleicht sogar noch teilt. am besten, man demütigt euch, wo immer man euch trifft. und wenn man noch so ein opi findet, dann sofort vors gericht, damit er in der zelle und nicht in freiheit stirbt. und tschüss, du...
4.
Felix schicklgroober, 30.01.2012
Eigentlich hat David Cohen schon alles gesagt zu dem Erguss des Thorsten Steinbeck ( heißt der vielleicht Th. Heise ? ). Nur hierzu :"...standen den deutschen in Punkto Grausamkeit in nichts nach" fällt mir eine alte Geschichte aus dem kalten Krieg ein: Chruschtschow und Kennedy warten auf dem Bahnhof Moskau vier Stunden auf den Zug. Kennedy : "Nikita, eure Züge sind aber nicht wirklich pünktlich !" . Darauf Chruschtschow : "Und ihr quält die Neger !!!". Verstehste den, Thorsten-Baby ? Schließlich waren doch gar keine "Neger" in Auschwitz.... Gott erhalte Dich -bald. F.S.
5.
Tihomir Radakovic, 13.02.2013
Wie der Titel schon sagt... ich kann einfach meinen Augen nicht trauen dass selbst die Zeitzeugenaussagen über das größte Verbrechen der Menschheit so dreist als Lügen beschimpft werden. Von den Kommentatoren hier bin ich es schon gewöhnt dass jegliche Artikel über die Zeit während der NS Diktatur, oft wie in diesem Fall, alles schon tausendfach belegt und bewiesen, mit dreisten Lügen und Halbwahrheiten relativiert werden. Doch über die Kommentare zu dieser Zeitzeugenaussage bin ich schockiert. Schâmen Sie sich Thorsten Steinbeck, Henry Mattheß und Andere. Die Geschichte dieses Mannes ist die Geschichte von Millionen Zeitzeugen: der Inhaftierten, der Befreier, selbst der Täter. Niemand, und Sie sowieso nicht, wird die Wahrheit auch nur ein wenig ins falsche Licht rücken können.
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