Holocaust Es begann mit der Kristallnacht

Holocaust: Es begann mit der Kristallnacht Fotos
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Die Judenpogrome vom November 1938 in Deutschland nimmt der 14-jährige Josef Königsberg aus Kattowitz nur aus der Ferne wahr. Doch ein Jahr später marschieren die Nazis in Polen ein, Josef gerät als Jude in eine Selektion. Sein Leben rettet ein Briefmarklensammler - der nebenbei SS-Offizier ist. Von Josef Königsberg

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Zur Zeit der Novemberpogrome des Jahres 1938 war ich vierzehn Jahre alt und lebte mit meiner jüdischen Familie in Kattowitz in Oberschlesien. Die Ereignisse im Nachbarland Deutschland machten uns zwar betroffen, wir fühlten uns jedoch nicht unmittelbar bedroht. Auch als im August 1939 deutsche Truppen vor der deutsch-polnischen Grenze aufmarschierten, glaubten wir der polnischen Regierung, die einen Sieg über die deutschen Streitkräfte propagierte, da man sich der Hilfe der englischen und französischen Partner sicher war.

Der 1. September 1939 zeigte, dass dies ein Trugschluss gewesen war. Mit dem Einmarsch der deutschen Armee begann für Polen eine sechs Jahre andauernde Besatzung mit verheerenden Folgen für seine Bevölkerung, vor allem aber für die Juden. Meine Familie wurde ihres Hab und Gutes beraubt, musste ihre Wohnung in Kattowitz verlassen und in das zwischen Kattowitz und Krakau gelegene Ghetto Chrzanów umsiedeln. Nun mussten wir am eigenen Leib eine Fortsetzung der deutschen "Reichskristallnacht" erleben.

Das Leben im Ghetto war geprägt von Entbehrungen, Hunger und Kälte und der ständigen Ungewissheit, was am nächsten Morgen auf uns zukommen könnte. Trotzdem blieben wir voller Hoffnung, dass die Amerikaner den vom Nazi-Terror unterdrückten europäischen Völkern noch zur Hilfe eilen könnten. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 brachte jedoch auch den letzten Funken unserer Hoffnung zum Erlöschen.

Was ist "jüdischer" Müll?

Die Männer wurden zu Zwangsarbeiten auf dem Bau, in Ziegeleien oder in der Landwirtschaft eingesetzt. Eines Tages wurde ich zusammen mit zwei anderen jungen jüdischen Männern von der Arbeit auf einer Farm in das Haus des Kreisbauleiters, SS-Obersturmbannführer Helmut Kleinicke, abkommandiert. Die Villa, die ihm von den deutschen Behörden zugeteilt worden war, hatte vordem der reichsten jüdischen Familie in Chrzanów gehört. Ich konnte mich noch gut an den Bau dieses imposanten Herrenhauses erinnern, das kurz vor Ausbruch des Krieges auf einem Grundstück gebaut wurde, das meine Cousins dem jüdischen Fabrikanten verkauft hatten. Der Kaufmann und seine Familie wurden eines Nachts von SS-Schergen aus seinem Haus getrieben und nach Auschwitz deportiert. Ihr Besitz gehörte nun den Deutschen.

"Ihr habt vierundzwanzig Stunden Zeit, das Haus in Ordnung zu bringen. Die gesamte jüdische Rumpelkammer kommt auf den Müll. Lediglich das Mobiliar, die Ölgemälde und Teppiche bleiben hier", befahl ein SS-Oberscharführer. "Sollten wir morgen nur das kleinste Stäubchen finden, könnt ihr euch auf etwas gefasst machen!" Mit dieser Drohung ließ er uns allein.

Das Haus befand sich in einem äußerst gepflegten Zustand. Ich bewunderte die antiken Möbel, die wertvollen Teppiche und Kunstgegenstände wie die Gemäldegalerie mit Werken alter Meister. Da der SS-Mann uns nicht genau gesagt hatte, was genau er für "jüdischen" Müll hielt, den wir wegwerfen sollten, rührten wir das wertvolle Geschirr und die Porzellanfiguren sowie das Silberbesteck nicht an und beließen es lediglich beim Staub putzen, in der Hoffnung richtig zu handeln. Deshalb waren wir mit den Aufräumarbeiten schnell fertig.

Warten auf einen Koffer

Zwei Tage später erschien der Obersturmbannführer mit seiner kürzlich angetrauten Ehefrau, um das Haus zu besichtigen und unsere Arbeit zu kontrollieren. Das Ehepaar Kleinicke entsprach haargenau den Anforderungen an die vom Nazi-Ideologen Alfred Rosenberg propagierte "Arier-Rasse". Beide waren groß, blond und blauäugig. Helmut Kleinicke war um die vierzig Jahre alt, ein Mann wie ein Baum - an die zwei Meter groß und von kräftiger Gestalt. Sein Blick war offen, und er wirkte auf uns nicht unsympathisch. Seine Ehefrau hingegen schaute uns feindlich an.

Beide gingen von Raum zu Raum, um das Ergebnis unserer Arbeit zu überprüfen. Der Obersturmbannführer machte zu unserer Erleichterung ein zufriedenes Gesicht. "Sehr schön", lobte er, "ihr zwei könnt wieder zu eurer Arbeit zurückkehren", bedeutete er meinen beiden Kameraden. Ich sollte noch im Haus bleiben, um das Gepäck seiner Frau in Empfang zu nehmen und ihre Garderobe in ihren Kleiderschrank zu hängen.

Der Deutsche verließ gemeinsam mit seiner Frau das Haus, meine Kameraden kehrten in den landwirtschaftlichen Betrieb zurück. Ich blieb allein in der Villa und wartete auf die angekündigten Koffer. Ein paar Stunden vergingen, aber die Lieferung traf nicht ein. Mir wurde langweilig. Ich setzte mich an den Schreibtisch des Obersturmbannführers und schaute mich ein wenig um. Neben etlichen Büchern, Korrespondenz und anderem Schreibkram entdeckte ich einige Briefmarkenalben, die sofort mein Interesse weckten. Ich war ein besessener Philatelist - schon als kleines Kind haben mich Freimarken aus aller Welt fasziniert. Mit Hilfe meiner Eltern, Tanten und Onkel habe ich im Laufe von ein paar Jahren eine wertvolle Briefmarkensammlung zusammentragen können, die auch immer noch in meinem Besitz war.

Die Briefmarkensammlung des Obersturmbannführers

Ich war so angetan von meiner Entdeckung, dass ich jegliche Vorsicht vergaß und ein Album in die Hand nahm, um mir die interessanten Marken näher anzuschauen. Ich war so vertieft, dass ich zunächst nicht merkte, dass jemand ins Zimmer gekommen war und nun hinter mir stand. Als eine Hand nach meiner Schulter griff, konnte ich mich vor Schreck nicht rühren. Wie versteinert blieb ich sitzen. Ich erwartete das Schlimmste. "Ah, meine Briefmarken interessieren dich?" Es war die Stimme des SS-Obersturmbannführers.

"Verstehst du etwas davon?", fragte er, und seine milde Stimme verriet mir, dass ich nichts Böses zu erwarten hatte. Mir fiel ein schwerer Stein vom Herzen und ich fand meine Fassung wieder. Schnell sprang ich vom Stuhl und nahm eine stramme Haltung ein. "Jawohl, Herr Obersturmbannführer", antwortete ich, "ich sammele schon seit ein paar Jahren Briefmarken. Wenn Sie mir erlauben, würde ich sie Ihnen gerne präsentieren. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie vielleicht einmal einen kurzen Blick auf meine Sammlung werfen würden."

Kaum hatte ich diese Sätze ausgesprochen, wurde mir mit Schrecken bewusst, wie gefährlich mein forsches Auftreten sein könnte. Was, wenn der Deutsche nun seine Pistole ziehen würde, um den frechen, vorlauten Juden zu erschießen? Das Schicksal war aber auf meiner Seite. Helmut Kleinicke schaute mich ernst an und erwiderte mit ruhiger Stimme: "Ich werde veranlassen, dass du einmal die Woche hierher kommst, um das Haus sauber zu machen. Bei dieser Gelegenheit kannst du dein Album mitbringen, damit ich es mir einmal anschauen kann."

Wertvolle Bekanntschaft

Eine Woche später präsentierte ich Herrn Kleinicke einige Sätze aus meiner wertvollen Sammlung polnischer Briefmarken. Er griff sich ein Vergrößerungsglas und betrachtete voller Interesse jede einzelne Marke. "Ja, das ist schon ein kleines Vermögen", meinte er. "Dürfte ich Sie, Herr Obersturmbannführer, bitten, Ihre Sammlung um meine polnischen Briefmarken zu ergänzen?", fragte ich ihn. Ich erhielt ein kurzes "Danke schön" zur Antwort, dann drehte er sich um und verließ den Raum.

Es schien, als hätte mir der Himmel diesen Mann geschickt. Obwohl er ein hoher Offizier der SS war, behandelte er mich wie einen Menschen. Vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen und leistete eine Art Wiedergutmachung an mir, vielleicht hatte er auch nur eine gewisse Schwäche für mich. Mir war jedenfalls klar, dass diese Bekanntschaft mir und meiner Familie das Leben retten könnte, und ich war sehr darauf bedacht, mir die Sympathie des Deutschen zu bewahren. Die Ereignisse der nächsten Tage sollten zeigen, dass ich die Dinge gut eingeschätzt hatte.

Es war ein kalter Dezembertag des Jahres 1941. Ich stand früh auf, um noch vor meiner Arbeit auf dem Bauernhof, zu der ich abkommandiert war, etwas Brot beim Bäcker zu kaufen. Als ich den Laden wieder verließ, war auf einmal die Hölle los. Die Stadt war voll von SS-Mannschaften und Polizisten. Sie holten die Menschen aus ihren Wohnungen und trieben alle Juden, die sie antrafen, auf den Marktplatz. Ehe ich mich versah, befand ich mich in der Menge der Gejagten. Was würde mit uns geschehen?

Rettung in letzter Sekunde

Am Marktplatz angekommen, musste einer nach dem anderen vor zwei SS-Leute treten. Sie teilten die Gefangenen in zwei Gruppen auf. Einige schickten sie auf die linke, andere auf die rechte Seite. Die linke Gruppe bestand hauptsächlich aus jungen Leuten. Wir vermuteten, dass diese zur Deportation in den Osten oder in ein Konzentrationslager bestimmt waren. In der rechten Gruppe befanden sich Frauen und Kinder. Wir ahnten damals noch nicht, was mit ihnen geschehen würde. Die Mordmaschinerie der Nazis war uns noch nicht in allen Details bekannt.

Nach zwei bis drei Stunden voller Ungewissheit erschienen zwei SS-Männer in Begleitung des SS-Obersturmbannführers Helmut Kleinicke. Offensichtlich wollten sie die Gruppen noch einmal überprüfen. Als Herr Kleinicke mich sah, wandte er sich an seine Begleiter: "Meine Herren, wie Sie wissen, bin ich Leiter des Kreisbauamtes, das die Ostfront mit notwendigen Gütern beliefert. Dieser Mann hier gehört zu meinen besten Arbeitern. Ich kann ihn noch nicht entbehren. Lassen Sie ihn wieder gehen." "Meinetwegen", wurde ihm geantwortet, "soll der Jude doch hierbleiben. Die Stadt wird ja sowieso bald judenfrei sein." Und so durfte ich als Einziger wieder gehen. Überglücklich lief ich nach Hause zu meiner sorgenvoll wartenden Mutter.

Ich habe ausgerechnet einem SS-Mann in höherem Rang zu verdanken, dass ich noch eine Weile mit meiner Mutter und meiner Schwester zusammenbleiben konnte. Einige Monate später jedoch gab es für uns keine Rettung mehr, die SS holte auch uns. Mutter und Schwester starben in Auschwitz, ich überstand fünf Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern, meinem Vater gelang die Flucht und er überlebte in einem sowjetischen Internierungslager.

Nach Ende des Krieges habe ich versucht, Obersturmbannführer Helmut Kleinicke ausfindig zu machen. Leider vergeblich. Vermutlich ist er an der Ostfront gefallen. Ob auch an seinen Händen Blut klebte, oder ob er trotz seiner SS-Uniform Mensch geblieben war, wird die Welt wohl nie erfahren.

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1.
Walter Nachtmann 20.05.2009
Das Foto zu diesem Beitrag stammt vom 1. April 1933. Damals gab es den ersten Boykott gegen jüdische Geschäfte in Deutschland. Das Pogrom im November 1938 wurde wesntlich brutaler geführt. Da gab es keine Plakate mehr - da gab es Tote.
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