Holocaust-Forschung Denkmal zum Durchblättern

Holocaust-Forschung: Denkmal zum Durchblättern Fotos
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Das Projekt ist gigantisch: In 16 dicken Büchern soll das Schicksal der europäischen Juden zwischen 1933 und 1945 in Originalquellen dokumentiert werden. Jetzt ist der erste Band erschienen - was in sich damals abspielte, erhellen die Briefe und Tagebucheinträge, amtlichen Vermerke und Zeitungsartikel, Protokolle und Reden mehr als manche Analyse. Von Hans Michael Kloth

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"Wir stehen als Juden vor der Einsicht", schrieb am 31. Januar 1933, dem Tag nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, die "Jüdische Rundschau" in ihrem Leitartikel, "dass eine uns feindliche Macht die Regierungsgewalt in Deutschland übernommen hat." Der hellsichtige Kommentar ist das erste Dokument in einer Sammlung von 320 Zeitzeugnissen aus den Jahren 1933 bis 1937, die den Prozess der Ausgrenzung, Verächtlichmachung und Entrechtung der deutschen Juden in den ersten fünf Jahren der Nazi-Diktatur auf ganz neue Weise nacherlebbar machen - differenziert, eindringlich, authentisch.

Die sorgfältig zusammengestellte Auswahl ist jetzt nachzulesen in einem Band von 820 Seiten, der dieser Tage erscheint und der den Auftakt bildet zu einem auf zehn Jahre angelegten Großprojekt. Am Ende sollen 16 Bände die "Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" (so der sperrige, aber wohlerwogene Titel des Projekts) dokumentieren.

Beteiligt ist an dem Vorhaben alles, was in der Fachwelt Rang und Namen hat - vor allem legen hier Historiker gemeinsam Hand an, die durchaus kontroverse Positionen in der Holocaust-Forschung vertreten. Unter ihnen sind etwa Götz Aly und Susanne Heim, Autoren der kontroversen Studie "Vordenker der Vernichtung", genauso wie Horst Möller, Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) und der Freiburger Zeitgeschichtler Ulrich Herbert. Den jetzt vorliegenden ersten Band hat Wolf Gruner vom IfZ Berlin bearbeitet.

Die Zeit spricht aus sich selbst

Dabei ist das Projekt weit mehr als eine Quellenedition für Wissenschaftler und Studenten. Die Zeugnisse ergeben zusammen eben auch ein "Schriftdenkmal für die ermordete europäischen Juden", wie die Herausgeber ihr Vorhaben mit einigem Stolz, und ganz zu Recht, einordnen. Mindestens ein Viertel der abgedruckten Quellen soll die Ereignisse aus Opfersicht dokumentieren; der verbreiteten Gefahr, die Geschichte der Opfer nur aus der - ungleich größeren - Hinterlassenschaft der Täter zu schreiben, wird damit vorgebeugt.

Vielleicht noch wichtiger: Rückblickende Betrachtungen von Beteiligten blieben außen vor, aufgenommen wurden ausschließlich Selbstzeugnisse der Zeitgenossen von damals. So wird nicht im Nachhinein hineininterpretiert, sondern schlicht und oft ergreifend offengelegt, was die damals Lebenden zu ihrer Zeit dachten, sagten, taten - und im Umkehrschluss immer auch nicht dachten, nicht sagten, nicht taten. Hier spricht die Zeit aus sich selbst - es urteilt nur der Leser, dem die Bearbeiter in den zahlreichen Fußnoten dazu überall den nötigen Kontext mitliefern.

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  • Wolf Gruner:
    Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945

    Band 1: Deutsches Reich 1933 - 1937

    Oldenbourg Wissenschaftsverlag; Januar 2008; 811 Seiten; 59,80 Euro.

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So entsteht ein Panoptikum mit erschütternden Zeugnissen von rückgratloser Anpassung, vorauseilender Unterwürfigkeit und widerwärtigem Denunziantentum, aber auch von Indifferenz, Unverständnis, Wegschauen neben couragiertem Festhalten an als richtig erkannten moralischen und rechtlichen Standards. "Der anständige deutsche Mensch, der noch denken kann, empfindet nur tiefste Scham über solche Gemeinheit", schrieb ein Düsseldorfer Bürger nach der Eröffnung der Ausstellung "Der ewige Jude" im November 1937: "Das macht Deutschland wahrlich niemand nach: Das mundtot gemachte, still leidende deutsche Judentum, eine verschwindende Minderheit, mit Eselstritten zu traktieren, Wehrlose zu schänden, zu quälen, das macht & kann nur Hitler!"

Selbstgleichschaltung der Sittichzüchter

Doch das schleichende Gift des staatlich sanktionierten Antisemitismus sickert in die Köpfe und Herzen ganz "normaler" Deutscher: Beim Verband der Sittichzüchter etwa, der den neuen Herren im August 1933 von sich aus die erfolgte Selbstgleichschaltung mitteilt. Bei der Straßenhändlerin, die einen jüdische Kollegen anzeigt, der seine Waren zusammen bei einem Kommunisten lagere. Bei Ministerialbeamten, die eine Anklage wegen Mord an einem jüdischen Zahnarzt niederschlagen.

Bei manchen schien nach dem 30. Januar 1933 regelrecht ein Schalter umgelegt, doch meist erwies sich der Weg in den moralischen Abgrund als rutschige Bahn. Die Reichsbahn etwa wehrte sich noch 1935 dagegen, dass auf ihrem Gelände Schilder mit der Aufschrift "Juden unerwünscht" angebracht wurden; wenige Jahre später waren es die gleichen Bahner, die ohne Widerspruch Millionen Juden in Güterzügen zur Vernichtung in den Osten deportierten.

Bleiben oder gehen - warum so viele deutsche Juden diese existenzielle Frage falsch beantworteten, haben sich die Nachgeborenen zwangsläufig gefragt. Doch darin schwingt das nachträgliche Wissen über den totalen Zivilisationsbruch des Holocaust mit. Die deutschen Juden waren nicht weitenteils Leichtgläubige, die die Augen vor ihrer klar absehbaren Ausrottung verschlossen. Die Zeichen der Zeit waren diffuser, komplexer, mitunter schwer lesbar. "Jeden Abend sitzen wir nun bei uns oder bei Bekannten, besprechen die Lage, erörtern neue Gedanken, dieser und jener Plan wird erwogen", notierte der Student Heinrich Marx im April 1933, "zwischen Wegfahren und Hierbleiben gehen lebhafte Diskussionen hin und her. Das Ergebnis ist jedes Mal das eine, nämlich dieses eine: abwarten."

Fatale Hilfsbereitschaft

Dieser Zwiespalt hielt für viele an, bis die Progromnacht vom 9. November 1938 alle Illusionen zerstörte. Zuvor erschien die Lage extrem schwierig, aber auch uneindeutig, im Fluss, und das Verhalten der deutschen Gesellschaft - immer noch ein Konglomerat aus mehr als nur Nazis - war nicht offen mörderisch. Vielen schien es schon als dramatischer (und ausreichender) Schritt, vor den rassistischen Nachstellungen aus ihren ländlichen Wohngegenden in die relative Anonymität der deutschen Großstädte zu fliehen.

Am Ende der Lektüre bleibt so eine wahrhaft bittere Erkenntnis: "Je antisemitischer sich die 'arischen' Nachbarn, Kunden und Arbeitskollegen zu Anfang der NS-Herrschaft verhielten", schreiben die Herausgeber in ihrer Einleitung, "desto schneller entschlossen sich die bedrängten zur Flucht und retteten so ihr Leben. Zeigten sich die alten christlichen Bekannten freundlich und hilfsbereit, entschieden sich die verfolgten eher zum Bleiben. Das minderte ihre Überlebenschancen dramatisch."

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