Israelischer Historiker "Polen hat eine lange Antisemitismus-Tradition"

Das neue polnische "Holocaust-Gesetz" ist höchst umstritten. Robbi Waks, Historiker in Tel Aviv, befürchtet eine Verfälschung der Geschichte. Judenhass hatte seine Eltern kurz nach dem Krieg aus Polen flüchten lassen.

Ein Interview von


Nachdem Deutschland 1939 Polen überfiel und besetzte, starben im Zweiten Weltkrieg etwa sechs Millionen Polen durch Besatzung, Zwangsarbeit und Terror. Vernichtungslager errichteten die Nationalsozialisten unter anderem in Auschwitz , Treblinka, Belzec, Sobibor und Majdanek. Sie ermordeten dort drei Millionen Juden.
Das war allein das Werk der Nazis. Nach 1945 wurde indes in etlichen Teilen Europas, die Deutschland mit seinem brutalen Vernichtungsfeldzug verwüstete, auch über heikle Fragen der Mitverantwortung diskutiert - etwa über Komplizenschaft, Kollaboration, Denunziation. Polens Parlament hat soeben ein neues Gesetz verabschiedet , das noch der Unterschrift des Präsidenten Andrzej Duda bedarf. Es sieht Geld- und Haftstrafen vor, wenn der Nation oder dem Staat Mitschuld gegeben werde. In Israel ist die Empörung groß, viele sehen darin einen Versuch, Verbrechen von Polen an Juden zu verschleiern. Auch die US-Regierung hat vor einer Einschränkung der Meinungsfreiheit gewarnt.

einestages: Herr Waks, die polnische Regierung betont, dass das neue Gesetz vor allem Bezeichnungen wie "polnische Todeslager" unter Strafe stelle. Zu Recht?

Haupteingang von Auschwitz-Birkenau, deutsches Konzentrationslager in Polen
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Haupteingang von Auschwitz-Birkenau, deutsches Konzentrationslager in Polen

Waks: Es hat natürlich keine polnischen Todeslager gegeben. Für die Vernichtungsfabriken, in denen Millionen Juden umgebracht worden sind, trugen die Deutschen die Verantwortung. Ebenso gab es keine polnische "Wannsee-Konferenz", bei der die systematische Ausrottung der Juden beschlossen wurde, wie es Nazideutschland im Januar 1942 gemacht hat. Der Genozid, gleichsam als Regierungsprogramm: Diesen Zivilisationsbruch haben die Deutschen begangen.

einestages: Dann wäre ja die Aufregung über das Warschauer Gesetzesvorhaben unangemessen. Nur ein medialer Erregungsausbruch der Politik?

Zur Person
  • Hans-Peter Föhrding
    Der Historiker Reuven "Robbi" Waks war lange Jahre Dozent für neuere Geschichte und Nationalsozialismus an der Universität Tel Aviv. Er wurde 1947 in einem Lager für jüdische Flüchtlinge im hessischen Ziegenhain geboren. Dorthin flohen seine Eltern aus ihrer früheren polnischen Heimat Lodz wegen der Bedrohung durch den neuen virulenten Antisemitismus in den Nachkriegsjahren. Während seine Mutter Lea und sein Vater Aron noch einige Jahre in Deutschland blieben, wählte Robbi Waks nach dem Abitur Tel Aviv als Wohnsitz.

Waks: Keineswegs. Man muss den Vorstoß der rechtskonservativen PiS-Regierung in einem breiteren historischen Kontext sehen. Polen hat eine lange Tradition mit virulentem Antisemitismus, die Wurzeln liegen weit vor dem deutschen Einmarsch 1939. Mentor dieses Antisemitismus war vor allem die katholische Kirche, die über die Juden als angebliche "Christusmörder" predigte. Diese Mentalität sickerte tief in den polnischen Nationalismus ein. Die Deutschen wussten schon, warum sie während der Besatzungszeit gerade Polen mit einem riesigen KZ- und Gettosystem überzogen haben. Denn die Nazis kalkulierten, dass sie auf eine stillschweigende Akzeptanz für die Ausgrenzung und Tötung der Juden bei umfangreichen Bevölkerungskreisen rechnen konnten. Die Verfolgung geschah doch unter den Augen der Polen. In Lodz zum Beispiel, wo meine Eltern während der ganzen Zeit im Getto ausharren mussten, fuhren tagtäglich mehrere Straßenbahnlinien mitten durch diesen Bezirk. Hinter den Stacheldrahtzäunen des Gettos konnte jeder Fahrgast das Elend und Sterben der eingepferchten Juden sehen und registrieren.

einestages: Das allein bedeutet noch keine Verstrickung oder Beteiligung von Polen.

Waks: Ganz gewiss nicht. Da der polnische Antisemitismus sich zuvörderst individuell ausdrückte, also im persönlichen Verhältnis der einzelnen Polen zu den Juden, gab es auch keine kollektiv organisierte Jagd, wie sie die Deutschen betrieben. Auch bestand keine ausdrückliche antisemitische Partei, wie etwa die Pfeilkreuzler in Ungarn. Mein Vater hat jedoch immer gesagt: Ohne die Hilfe der Polen wäre der Holocaust nicht so abgelaufen, wie er tatsächlich geschehen ist. Er musste die Erfahrung machen, dass die Polen manchmal noch größere Antisemiten waren als die Deutschen. Dabei hatten sie es vor allem auf den Besitz der jüdischen Nachbarn abgesehen, immerhin damals von 3,5 Millionen Menschen, zehn Prozent der Bevölkerung.

einestages: Ihre Mutter und Ihr Vater konnten dem Getto Lodz entkommen, machten aber nach 1945 bittere Erfahrungen mit dem polnischen Antisemitismus. Wie ist das zu erklären?

Waks: Meine Eltern haben Polen Mitte 1946 verlassen, als die Nachkriegspogrome, die allein von der einheimischen Bevölkerung begangen wurden, mit den Morden in Kielce einen traurigen Höhepunkt erreichten. Dabei hat ein wilder Mob 42 Juden erschlagen. Danach flüchteten Zehntausende Juden aus Polen. Seitdem hat es immer wieder Wellen von Antisemitismus in diesem Land gegeben, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, auch später. Die Juden wurden stets verdächtigt, in Verbindung mit den Sowjets das kommunistische Regime etabliert und gestützt zu haben.

einestages: Kein Lichtblick in diesem desolaten Bild?

Waks: Doch. Meine Mutter beispielsweise ist von einer früheren katholischen Angestellten der Familie 1944, bei der Auflösung des Lodzer Gettos, gerettet worden. In der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem bilden Polen die Mehrheit in der "Allee der Gerechten unter den Völkern". Doch darüber darf man die deprimierenden Auswüchse des polnischen Antisemitismus nicht vergessen.

Polens Regierung betont, unter Strafe stehe künftig insbesondere die Formulierung "polnische Konzentrationslager". Doch die taucht im Gesetz gar nicht auf. Darin heißt es: "Jeder, der öffentlich der polnischen Nation oder dem polnischen Staat faktenwidrig die Verantwortung oder Mitverantwortung für Verbrechen zuschreibt, die durch das Dritte Deutsche Reich begangen wurden, unterliegt einem Bußgeld oder einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Dies gilt ebenso für die Zuschreibung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den Frieden sowie für Kriegsverbrechen."

einestages: Das neue Gesetz richtet sich gegen jede "faktenwidrige" Zuweisung von polnischer Mitverantwortung für Nazi-Verbrechen. Was bedeutet das praktisch in seiner Wirkung?

Waks: Dahinter steckt viel mehr. Einige Historiker haben inzwischen eingehend die Rolle der Polen am Holocaust erforscht. Zu nennen sind hier beispielsweise Jan T. Gross mit seinen Büchern über den Mord an den Juden in Jedwabne und den Antisemitismus nach Auschwitz oder die Forschungen des israelischen Historikers Jehuda Bauer über den Tod des Schtetl und die Flucht. Und dies mit keineswegs erfreulichen Ergebnissen. Das passt natürlich der rechtskonservativen Regierung in Warschau nicht in den Kram. Aber es geht noch weiter, etwa nach dem Motto: Was Fakten sind und über welche Fakten in welchem Sinne gesprochen werden darf, das bestimmen wir. Hier bleibt der Text bewusst vage, um die Strafandrohung besser in Szene setzen zu können.

einestages: Israels Regierungschef Netanyahu hat nach einem Telefonat mit Polens Premier Morawiecki erklärt, Arbeitsgruppen beider Länder würden einen Dialog über das Gesetz aufnehmen. Also alles nicht so wild?

Waks: Das ist geradezu lächerlich. Man kann doch nicht historische Tatsachen in Gremien erörtern. Für die Geschichte gibt es keine Kompromissformeln oder Weichzeichnungen. Das öffnet der Manipulation Tür und Tor. Aber das passt zur Politik Netanyahus. Er unterhält gute Beziehungen zu den rechtspopulistischen Regierungen in Polen und Ungarn, die sich häufig den Vorhaben und Vorgaben der EU widersetzen, beispielsweise in der Flüchtlingsproblematik. Deshalb spielt unser Premier den skandalösen Vorgang herunter, nicht zuletzt im Blick auf seine Likud-Wähler. Ich finde es schon traurig, dass auf diese Weise die traumatischen Erfahrungen der Historie für aktuelle politische Ziele instrumentalisiert werden.

einestages: Was bedeutet das Gesetz für Sie im Hinblick auf Ihre Familie und andere Holocaust-Überlebende?

Waks: Meine Eltern hatten nach ihrer Ankunft in Westdeutschland mit Polen abgeschlossen. Für meinen Vater wie auch meine Mutter existierte die alte Heimat nicht mehr. Das ging so weit, dass zu Hause niemand mehr Polnisch sprach. Ich weiß von vielen jüdischen Familien, die als Holocaust-Überlebende Polen verlassen hatten, dass es dort ebenso praktiziert wurde.

einestages: 1990 sind Sie dennoch mit der Mutter, Ihrer Frau und den beiden Töchtern nach Polen gereist. Warum?

Waks: Das konnten wir erst nach dem Tod meines Vaters unternehmen, er hätte polnischen Boden nie wieder betreten. Mit meiner Mutter wollte ich den Kindern zeigen, wo unsere Ursprünge waren. Doch auf der gesamten Reise spürten wir immer noch einen krassen Antisemitismus. Man ging uns aus dem Weg. In Lodz hat uns die polnische Frau, die heute in der Wohnung meiner Großeltern lebt und wo auch meine Mutter die Kindheit verbrachte, die Tür vor der Nase zugeschlagen, sogar Beschimpfungen hinterhergebrüllt. Gerade für meine Mutter war das ein bleibender Stich.

einestages: Was bleibt Ihnen aufgrund der neuen Versuche, an der Vergangenheit herumzudeuteln?

Waks: Ein Stück Bitternis, auch Enttäuschung. Aber in Israel werden solche Relativierungen der Geschichte nicht verfangen. Denn zu viele Holocaust-Überlebende und deren Nachkommen haben ein umfassendes persönliches Wissen von Tatsachen und Schicksalen. Diese authentische Erinnerung ist wirkmächtiger als alle manipulativen Gesetze.

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