Holocaust in Rumänien "Alle Judenmänner raus"

Vor 75 Jahren befahl Rumäniens Diktator, die Stadt Iasi "von Juden zu säubern". 15.000 Menschen wurden erschlagen oder erschossen, sie erstickten oder verdursteten in Todeszügen. Einer der letzten Überlebenden berichtet.

ACNSAS/ P 000636 Vol. 65

An diesem warmen Sonntagmorgen des 29. Juni 1941 durchkämmen Soldaten die Sarariei-Straße im jüdischen Viertel von Iasi (Jassy). Sie hämmern auch an die Tür des Hauses Nummer 191. Dort wohnt der 18-jährige Iancu Zuckerman mit seinem Vater und seinen drei Schwestern. "Alle Judenmänner raus!", brüllen die Soldaten. "Raus, Hände hoch und aufstellen!" Iancu Zuckerman und sein Vater treten verängstigt auf die Straße. Auf ein Kommando hin müssen sie mit erhobenen Händen losmarschieren. Sie wissen nicht wohin, sie wissen nicht, was mit ihnen geschehen wird.

Die Soldaten treiben immer mehr Juden zusammen, die Kolonne wird länger. In einer Marschpause reißt ein Offizier Iancu Zuckerman die Armbanduhr vom Handgelenk: "Die wirst du sowieso nicht mehr brauchen, Drecksjud."

Die Juden werden im Hof der Polizeikommandatur von Iasi zusammengetrieben. Soldaten schlagen sie mit Eisenstangen und Knüppeln, der Hof ist voller Blut und Leichen. Alle müssen ihre Wertsachen abgeben, Uhren, Ringe, Geld. Zwischendurch schießen Soldaten in die Menge. Iancu Zuckerman und sein Vater ducken sich zwischen Leichen und harren aus. Im Morgengrauen werden sie getrennt.

Iancu Zuckerman muss zum Bahnhof marschieren und in einen Güterwaggon steigen. Der Boden ist mit frischem Kuhdung ausgelegt, darüber eine Schicht ungelöschter Kalk. Ein Soldat zählt die Einsteigenden. Nach Nummer 137 schiebt er die Tür zu und verriegelt sie. Bevor der Zug losfährt, vernagelt jemand von draußen die Luftschlitze mit Latten.

Die Lebenden hocken auf den Toten

Die sengende Sonne dieses Tages macht den Waggon zum Glutofen, auch die chemische Reaktion zwischen Kalk und feuchtem Dung setzt Wärme frei. Die Insassen urinieren auf Hemden, kühlen sich damit, andere trinken ihren Urin. Die ersten sterben nach einer Stunde. Bald hocken die Lebenden auf den Toten.

Iancu Zuckerman hämmert sich mechanisch ein: "Nicht wegnicken! Nicht einschlafen! Du kommst hier raus, du musst und wirst leben!" Der Zug fährt nur 23 Kilometer weit, ist aber fast neun Stunden unterwegs bis zum Bahnhof des Ortes Podu Iloaiei. Als Soldaten den Waggon öffnen, leben von 137 Insassen noch acht. Iancu Zuckerman ist einer von ihnen.

Rumänien im Juni 1941: Antisemitismus ist seit Jahren Staatspolitik. Das Regime des profaschistischen Militärdiktators Ion Antonescu beteiligt sich am deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Im Nordosten des Landes kursieren Gerüchte, dass viele der dort lebenden 800.000 rumänischen Juden angeblich heimlich mit der Sowjetunion kooperieren. Die Beschuldigungen sind frei erfunden, doch viele glauben sie.


Dokumentation: "Black Sunday" von Mihnea Chelariu

In den Städten im Nordosten Rumäniens und besonders in der Metropole Iasi hat die christlich-orthodox-faschistische Legionärsbewegung seit langem ihre Hochburg. Seit Jahren schon zetteln Legionäre Ausschreitungen gegen Juden und politische Morde an.

In Iasi leben zu dieser Zeit rund 100.000 Menschen, zu mehr als einem Drittel Juden. Längst sind sie, wie alle rumänischen Juden, durch strenge Rassengesetze aus dem gesellschaftlichen Leben weitgehend ausgeschlossen. Am 27. Juni gibt Diktator Antonescu persönlich den Befehl, Iasi "von Juden zu säubern".

15.000 Tote allen in Iasi

Der Befehl wird mit ungeheuerlicher Brutalität ausgeführt. Vom 27. Juni bis zum 3. Juli 1941 werden in Iasi und Umgebung Tausende Juden von rumänischen Soldaten und Gendarmen ausgeraubt und erschlagen oder erschossen, zumeist Männer zwischen 18 und 60 Jahren. Deutsche Offiziere und SS-Mitglieder assistieren beim staatlich organisierten Pogrom. Mehrere tausend Juden werden am Morgen des 30. Juni in zwei "Todeszüge" gepfercht. Einer fährt nach Calarasi in Südrumänien und braucht dafür sechs Tage, einer nach Podu Iloaiei nahe Iasi.

Insgesamt sterben beim Pogrom von Iasi etwa 15.000 Juden. Es ist der Auftakt zum Holocaust in Rumänien.

Zahlreiche Massaker und Gräueltaten an Juden begeht die rumänische Armee gleich beim Einmarsch nach Bessarabien und in die Nordbukowina, ehemals rumänische Territorien, die Stalin im Zuge des Pakts mit Hitler annektieren ließ. Überlebende, später auch Juden aus Rumänien selbst werden nach Transnistrien deportiert. In dieser Region am linken Flussufer des Dnjestr bleiben sie in Todeslagern weitgehend sich selbst überlassen.

Insgesamt werden unter rumänischer Federführung nach Historiker-Schätzungen 280.000 bis 380.000 Juden ermordet, zudem etwa 25.000 Roma. Das Urteil vieler Forscher, darunter auch der amerikanische Shoah-Experte Raul Hilberg, ist bitter: Außer Deutschland habe kein Land sich in einem solchen Ausmaß an der Judenvernichtung beteiligt wie Rumänien.

"Wettbewerb des Märtyrertums"

Heute verläuft die gesellschaftliche Debatte dieses Verbrechens schleppend. Noch bis vor gut einem Jahrzehnt war Rumäniens politische Elite überwiegend der Ansicht, ihr Land trage keinerlei Schuld an der Vernichtung der Juden - einen Holocaust habe es in Rumänien nicht gegeben.

2003 wurde die "Elie-Wiesel-Kommission" gegründet, unter Vorsitz des Nobelpreisträgers Elie Wiesel und Schirmherrschaft des damaligen Staatspräsidenten Ion Iliescu. Sie legte 2004 einen Bericht zum Holocaust in Rumänien vor und sprach auch Empfehlungen aus: zum Umgang damit in der Gesetzgebung, in der Bildungs- und Gedenkpolitik.

Radu Ioanid vom Washingtoner Holocaust-Memorial war stellvertretender Kommissionsvorsitzender und sieht Fortschritte: Ein Teil der rumänischen Gesellschaft sei offener für das Thema Holocaust geworden, es gebe jetzt einen Gedenktag, der Stellenwert des Themas in Bildungsprogrammen bleibe aber gering.

Der Politologe Michael Shafir von der Universität im siebenbürgischen Klausenburg (Cluj) konstatiert in öffentlichen Debatten noch immer einen "Wettbewerb des Märtyrertums", der den Holocaust mit Opfern des Kommunismus gleichsetze; so gelte etwa der Diktator Antonescu vielen Rumänen weiterhin als Held des antikommunistischen Kampfes.

Adrian Cioflanca vom Studienzentrum für jüdische Geschichte in Rumänien hat in den vergangenen Jahren mehrere Massengräber ausfindig gemacht, wo man jüdische Opfer von Erschießungen im Sommer 1941 verscharrte. Die rumänische Staatsanwaltschaft ermittelte daraufhin und stufte die Verbrechen als Völkermord ein. "Das war das erste Mal, dass das demokratische Rumänien eine Beteiligung am Holocaust juristisch anerkannte", so Cioflanca.

Verfolgung und Krieg knapp überlebt

Iancu Zuckerman ist inzwischen 93 Jahre alt. Ab und zu laden ihn Schulen ein, seine Geschichte zu erzählen. Meist würden die Schüler aufmerksam zuhören, sagt er, das sei erfreulich.

Zuckerman entrann mit viel Glück den Todeszug von Podu Iloaiei und musste danach im Ort Zwangsarbeit bei einem Bauern leisten. Im November 1941 durfte er nach Iasi zurückkehren. Viele Verwandte waren ermordet worden, aber sein Vater und seine Schwestern hatten überlebt. Der Deportation nach Transnistrien entgingen die Zuckermans, sie waren bis Kriegsende Zwangsarbeiter in Iasi.

Nach dem Krieg studierte Iancu Zuckerman Landwirtschaft und wurde Agraringenieur. Seine Schwestern wanderten in den Sechzigerjahren nach Israel aus, er selbst und sein Vater blieben. "Uns war dieses Land immer teuer", sagt Iancu Zuckerman. Er arbeitete erst bei einer Kooperative, später bei einer Agrar-Zeitschrift und als Informatiker im Landwirtschaftsministerium. Zeitlebens blieb er auf niederen Posten, weil er nicht in die Kommunistische Partei eintreten wollte.

Iancu Zuckerman ist einer der beiden letzten Überlebenden der Todeszüge von Podu Iloaiei und Calarasi. Fast jeden Tag in seinem Leben hat er an den Pogrom von Iasi gedacht, an die Stunden im Waggon. Jedes Mal stellt er sich dabei eine Frage, auf die er keine Antwort findet: "Wie konnten Menschen ihren Nächsten so etwas antun?"

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