Holocaust-Opfer Werner Bab Durch Zufall überlebt

Erschossen, vergast, durch Zwangsarbeit vernichtet: Eines dieser Schicksale war Werner Bab zugedacht. Doch der junge Berliner überlebte Auschwitz. Nach 60 Jahren hat er sein Schweigen gebrochen und berichtet vom Terror des Konzentrationslagers. Und wie ein Rottweiler sein Leben rettete.

imdialog! e.V./Christian Ender

"Der Jude Werner 'Israel' Bab hat gegen die Judengesetze verstoßen und versucht, die deutsche Reichsgrenze illegal zu überschreiten." Ganz ruhig, ohne seiner Stimme besondere Betonung zu verleihen, spricht der würdige alte Herr in dem cremefarbenen Sessel das Bürokratendeutsch nach. Er sollte eigentlich gar nicht da sitzen. Denn diese 111 Buchstaben brachten ihn 1942 ins Konzentrationslager Auschwitz.

Ein Beamter des "Reichssicherheitshauptamts", der Verwaltungszentrale des Nazi-Terrors, hatte sie in den "Schutzhaftbefehl" geschrieben, den er gegen den 17-Jährigen verhängte. Spät erst war der junge Berliner Bab zur Flucht aus dem "Dritten Reich" aufgebrochen, dabei jedoch an der Schweizer Grenze verhaftet und auf eine Gefängnis-Odyssee quer durch Deutschland geschickt worden - Endziel: Auschwitz.

Dort angekommen hatte er zum ersten Mal "Glück": Anders als für hunderttausende noch Unglücklichere endete sein junges Leben nicht direkt nach der Ankunft im Gas von Birkenau. Der "Schutzhaftbefehl" unterschied Bab von denen, die das KZ in Viehwaggons erreichten: "In meinem Zug waren Zellen, und jeder von uns saß in so einer Zelle", erinnert er sich heute, "wir sind also von der Rampe, wo wir auch angekommen sind, nicht selektiert worden, sondern sofort in das Stammlager gekommen."

"Vernichtung durch Arbeit" und "Kommando Hundepflege"

Doch der Unterschied zwischen dem "Stammlager" und Auschwitz-Birkenau war allein einer der Methode der Menschenvernichtung: In Birkenau wurden sie unverzüglich und in industriell optimierten Gaskammern ermordet, im Stammlager sollten sie mittelfristig und "durch Arbeit vernichtet" werden. Für Werner Bab sollte sich dieses Schicksal nach dem Willen seiner Häscher im "Kommando Bauhof" vollziehen, das mindestens 60.000 Menschen ihr Leben kostete.

Doch der junge Berliner setzte alles daran, die Bautruppe zu verlassen. Ein befreundeter "Funktionshäftling", der die Zwangsarbeit verwaltete, konnte ihm schließlich helfen: In Auschwitz gebe es auch ein "Kommando Hundepflege", erzählte der ihm, dort würden Häftlinge die privaten Haustiere ihrer SS-Bewacher umsorgen, und "wenn du Mut hast, dann marschierst du morgen beim Appell einfach aus, wenn du die Musik hörst und die Nummer 26 aufgerufen wird."

"Wissen'Se, in Auschwitz hat man nichts zu verlieren. Es war vollkommen ejal", erklärt Werner Bab im Dialekt Berlins seinen Mut aus Verzweiflung. Also hörte er die Musik, marschierte aus und überstand auch den Moment der Wahrheit: "Meine Hunde von einem Juden betreut? Kommt überhaupt nicht in Frage", schrie ein SS-Offizier ihn an, und Bab sah vor seinem inneren Auge schon, "wie er jetzt gleich die Pistole zieht und mich erschießt." Doch der SS-Mann beließ es bei Geschrei, stieg in seinen Mercedes und fuhr davon - Werner Bab durfte weiterleben.

Für den Tod im Gas schon ausgewählt

Eigentlich hätte er schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr leben sollen: Noch auf "Kommando Bauhof" war der stark geschwächte Heranwachsende bei einer sonntäglichen Selektion für den Tod im Gas ausgewählt worden. Aber als der Lastwagen ins Gas von Birkenau startete, wurde Babs Häftlingsnummer nicht aufgerufen, und ein Schreibtischtäter erklärte ihm sein unerwartetes Überleben später so: "Du hast ´nen Schutzhaftbefehl, und wir hätten in Berlin anrufen müssen, ob wir Dich liquidieren dürfen." - "Das war ihnen einfach viel zu viel Arbeit", glaubt Bab heute, "und am Sonntagnachmittag in Berlin war wahrscheinlich gar keiner in den Büros. Also haben sie sich gesagt: Was brauchen wir den? Wir haben ja genug Leute."

"Glück" - was für einen Häftling in Auschwitz lediglich bedeutete, nicht bei nächster Gelegenheit ermordet zu werden oder einfach entkräftet zu sterben - hatte Werner Bab noch viele Male: Für die Hunde hatte er Zugang zum Schlachthaus und konnte dort auch für Menschen heimlich Fleisch besorgen. Im Haus des Lagerkommandanten, wo er regelmäßig nach der Kohleheizung sehen musste, steckte ihm ein Dienstmädchen Butterbrote zu. Und als Berlin das "Kommando Hundepflege" auflöste, wurde der Jugendliche Läufer am Tor, was sein Leben vor der Mordlust der unteren Chargen schützte, die wussten, dass der Kurierbote auch den hohen SS-Offizieren persönlich bekannt war.

"Bleiben oder Gehen" - Bab vor einer schwierigen Wahl

Als Auschwitz im Januar 1945 "evakuiert" wurde, stellte ihn Rudolf Höß vor die Wahl: "Du kannst hier im Lager bleiben, oder du gehst mit uns mit", erklärte ihm KZ-Kommandant, der den Häftling von der Arbeit in seiner Villa persönlich kannte.

"Alle hatten Angst vor den Russen und ich auch", erinnert sich Bab. "Man hatte ja immer gelernt: die Russen, die Russen, die Russen ..." Deswegen entschloss er sich zum Mitgehen, "freiwillig", wie er betont - und wie er das sagt verrät, dass er bis heute mit der Entscheidung hadert. Ob sie richtig oder falsch war, wird ihm niemand sagen können: Die SS erschoss, bevor sie abrückte, 300 entkräftete Häftlinge, 7500 blieben lebend zurück. Historiker vermuten allerdings, dass allein das schnelle Vorrücken der Roten Armee ihre eigentlich geplante Ermordung verhinderte.

"Todesmarsch nach Pleß" mit Rottweiler

Die Evakuierung stellte Babs "Glück" auf harte Proben. "Rechts und links war alles voll mit Leichen. Frauen, Kinder, Männer, es waren nur Leichen!", erinnert er sich an den "Todesmarsch nach Pleß". Wer nicht mehr laufen konnte und den Anschluss an den Zug der Elenden verlor, auf den warteten am Zugende SS-Männer, die ihn ohne zu zögern erschossen. Auch für Werner Bab kam der Moment, in dem er nicht mehr laufen konnte. "Nanu, Gott sei Dank, jetzt ist auch Schluss", habe er da gedacht.

Doch die Sorge der SS-Schergen um das Leben eines Hundes rettete auch Werner Babs Leben. "Wo immer du ankommst, da bin ich auch. Und dann nehme ich dir den Hund wieder ab", hatte ihm ein hoher SS-Offizier beim Abmarsch in Auschwitz gesagt und seinen Rottweiler übergeben. Als der 20-jährige KZ-Häftling mit dem Hund an der Leine auf der vereisten Straße bis zum Ende des Zuges zurückfiel, war den dort wartenden Mördern klar, dass der Hund nicht auf der Strecke bleiben darf. "Geh du mal mit dem Hund in den Krankenwagen", sagten sie Bab - und dank Hund und im Krankenwagen erreichte der junge Mann Pleß lebend.

Kompetenzstreit um den Massenmord

Von dort ging es weiter, in offenen Eisenbahnwaggons und ohne Nahrung, zuerst ins KZ Mauthausen in Oberösterreich, Außenstelle Melk, und als die Alliierten auch hier näherkamen, ins noch weiter westlich gelegene KZ Ebensee.

Noch einmal sollte Bab erschossen werden. Auf dem Bahnhof Ebensee. Als "Vergeltung" für die Flucht von russischen Häftlingen stand er schon mit freiem Oberkörper da. Sein einziger Gedanke: "Ob das wehtut?" Doch nach stundenlangem Warten auf den sicheren Tod kam das Kommando "Zieht euch an, ab ins Lager" - zwei SS-Offiziere hatten sich gestritten, einer von ihnen mochte nicht Tage vor Kriegsende noch einen Massenmord verantworten und setzte sich letztlich durch.

"Treu deutsch" trotz Auschwitz, Mauthausen und Melk

Die Freiheit kam mit amerikanischen Panzern am 6. Mai 1945. Bab reiste nach Wien und weiter nach München, bis seine Mutter, die rechtzeitig geflüchtet war, ihn nach San Francisco holte. Werner Bab, seine Mutter und eine Tante waren die einzigen Überlebenden der Familie.

In Amerika aber wollte Bab nicht bleiben. Trotz Auschwitz, Mauthausen, Melk und Ebensee fühlte er sich "als Deutscher". 1958 kehrte er nach Berlin zurück, baute dort mehrere Autohäuser auf - und schwieg 60 lange Jahre. "Ich musste verdrängen, sonst hätte ich nicht in Deutschland leben können", erklärt der 83-Jährige. Zum Sprechen gebracht hat ihn erst Christian Ender. In die Kamera des jungen Berliners erzählte Bab die Geschichte seines Überlebens, mit ihm gemeinsam tritt er als Zeitzeuge auf, damit "solche Sachen nie wieder passieren".

Würdig wirkt er dabei, und sehr freundlich, wie ein ganz normaler älterer Herr in Hemd und Jackett. Doch wenn an seinem linken Arm die Kleidung nur knapp über die Uhr rutscht, dann schimmern für jeden sichtbar die Ziffern "136857" durch die helle Haut - Werner Babs ewiges Andenken an Auschwitz.

Text: Christian Siepmann

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Ano Nym, 08.05.2010
1.
Rudolf Höß war 1945 kein Kommandant in Auschwitz mehr. Zu diesem Zeitpunkt hatte Erich Baer diesen Posten inne.
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