Holocaust-Schicksal "Ich allein war übrig"

Holocaust-Schicksal: "Ich allein war übrig" Fotos
Monika Zucht / DER SPIEGEL

Lucille Eichengreen überlebte als einziges Mitglied ihrer Familie den Holocaust. Ihr Leidensweg führte sie von der Geburtsstadt Hamburg in das Ghetto von Lodz und mehrere Konzentrationslager. In hohem Alter besucht die Amerikanerin nun immer wieder das Land, in dem sie einst verfolgt wurde. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    2.9 (349 Bewertungen)

In der Ausstellung ist sie als Foto vertreten, zusammen mit Bildern und biografischen Abrissen einiger Leidensgenossinnen. Doch Lucille Eichengreen, 83, hat selbst den weiten Weg aus Kalifornien auf sich genommen, eine zierliche blonde Frau, die mit fester Stimme und in schnörkellosen Sätzen berichtet: Hier im Nordosten Hamburgs musste sie mit anderen jüdischen Frauen einst Zwangsarbeit leisten.

Aus der Außenstelle Sasel des Konzentrationslagers Neuengamme, an die in Hamburg seit dieser Woche die neue Dauerausstellung "Gedenkstätte Plattenhaus Poppenbüttel" erinnert, rückten die Frauen zur Trümmerbeseitigung aus, krank und schwach vor Hunger, mit kahl geschorenem Kopf und frierend in den Fetzen, die ihnen als Kleider dienen mussten. Hier in ihrer Geburtsstadt beging sie vor 63 Jahren ihren 20. Geburtstag, ohne dass sie selbst oder jemand anders von dem Datum Notiz nahm. Die unbeschwerte Welt ihrer Kindheit lag in Trümmern. "Meine Familie gab es 1945 nicht mehr. Ich allein war übriggeblieben."

Dieses exemplarische Schicksal zu vergegenwärtigen, hat sich Eichengreen zur Aufgabe gemacht. "Nicht mehr viele von uns sind übrig geblieben oder gesund genug, um noch Auskunft geben zu können", begründet sie ihr Anliegen. Trotz eigener innerer Widerstände bereist die Amerikanerin immer wieder das Land, in dem sie dereinst gepeinigt wurde, sie spricht an Schulen, Universitäten und bei Gedenkfeiern. Wolkige Vergebungsprosa ist Eichengreens Sache nicht, das macht ihr persönliches Zeugnis von Entrechtung und Massenmord besonders eindrucksvoll.

Asche in der Zigarrenkiste

Eichengreen wird am 1. Februar 1925 als Cecilie Landau geboren. Ihr Vater hat als Weingroßhändler Erfolg, die Familie lebt in relativem Wohlstand, das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist innig und liebevoll. Doch ab 1933 trüben Entrechtung und Demütigungen das Glück der jüdischen Familie. Die kleine Cecilie wird von anderen Kindern beschimpft, den Landaus wird die Wohnung genommen, sie ziehen fortan von Notunterkunft zu Notunterkunft.

Im Februar 1941 ereilt Cecilie der erste fürchterliche Schicksalsschlag: Zwei Gestapo-Schergen kommen in die Wohnung gepoltert und werfen mit nachlässiger Geste eine Zigarrenkiste auf den Küchentisch. "Asche", so einer der beiden, "Benjamin Landau ist tot." Der Vater war verhaftet und als sogenannter feindlicher Ausländer - die Familie stammt aus Polen - interniert worden, er wurde im Konzentrationslager Dachau ermordet.

Zeit zu trauern bleibt kaum: Im Herbst 1941 wird Cecilie mit ihrer Mutter Sala und der jüngeren Schwester Karin von Hamburg ins Ghetto von Lodz deportiert, wo die Familie angesichts von Hunger, Kälte, Seuchen und Misshandlungen jeden Tag ums Überleben ringt. Sala verliert den Kampf im Juli 1942, die beiden Waisen schaffen der toten Mutter mit eigenen Händen in einer Ecke des überfüllten Ghetto-Friedhofes ein Grab.

Von der jüngeren Schwester muss Cecilie drei Monate später Abschied nehmen: Karin wird ins Vernichtungslager Chelmno deportiert und dort ermordet. "Sie stand auf dem Lastwagen und schaute mich mit ihren großen Augen an, bis der Lastwagen verschwand. Ich war doch der letzte Mensch, den sie hatte."

"Feindselig und kalt"

Im August 1944 wird das Ghetto aufgelöst, Cecilie zusammen mit anderen Überlebenden nach Auschwitz deportiert. Das Todeslager ist nur Zwischenstation für einige Wochen, Landau übersteht die Selektion, weil sie als robust genug für weitere Zwangsarbeit ausgewählt wird. Die nächste Station ist Hamburg, ihre Heimatstadt, "ausgerechnet", erzählt die Überlebende. "Bürger dieser Stadt hatten mich drei Jahre zuvor auf eine Deportationsliste gesetzt und ausgestoßen. Das Hamburg, das ich jetzt fand, war zerbombt, hässlich, immer noch feindselig und kalt."

Das Kriegsende erlebt sie in Bergen-Belsen, die Briten, die am 15. April 1945 das Lager befreien, stehen fassungslos vor den Leichenbergen. Landau, die von der SS-Lagerleitung in Hamburg-Sasel zeitweise als Bürokraft eingesetzt worden war, kann ihren Befreiern die Namen von 40 SS-Leuten nennen, die daraufhin verhaftet werden.

Doch selbst nach Kriegsende muss sie sich noch vor Verfolgung fürchten, sie bekommt Drohbriefe. 1946 emigriert sie über Paris nach New York, wo sie ihren späteren Mann Dan Eichengreen kennenlernt, einen Emigranten aus Hamburg. Das Paar zieht nach Kalifornien und bekommt zwei Söhne.

Chronistin des Leids

Erst 1991 sieht sie Deutschland wieder, auf Einladung des Hamburger Senats. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, nie wieder zu kommen, doch sie hat inzwischen Deutsche kennen gelernt, die ihr zuhören und sich für ihre Geschichte interessieren. Die Bundesrepublik erscheint ihr zunächst abweisend, sie vermisst Gesten der Reue und des Bedauerns.

Doch in der Folge kehrt sie häufiger zurück, obwohl ihr die Reise immer wieder schwer fällt. Sie erhält die Ehrendoktorwürde der Universität Gießen für ihre Mithilfe an einem Editionsprojekt der dortigen Arbeitsstelle für Holocaustliteratur, dessen Ergebnis seit kurzem vorliegt: Die Chronik des Ghettos Lodz dokumentiert auf mehr als dreitausend Seiten das Leben an dem Ort, wo Eichengreen wie Tausende andere jüdische Opfer einen erheblichen Teil der Leidenszeit verbringen mussten.

Die einzigartige Sammlung blieb nur für die Nachwelt erhalten, weil ein nach der Zwangsräumung des Ghettos zurückgelassener Jude den Auftrag der Deutschen unterlief, Dokumente zu vernichten. Stattdessen konnte Nachman Zonabend das Archiv in einem Brunnen verstecken und nach der Befreiung des Ghettos durch die Rote Armee im Januar 1945 bergen. Teile übergab Zonabend an polnische Behörden, andere brachte er nach Amerika und Israel, den Gießener Wissenschaftlern gelang es, verstreute Teile zusammenzufügen.

Die Chronik sei Teil ihres Lebens, sagt Eichengreen, und sie selbst Teil der Chronik. Im Ghetto Lodz starb ihre Mutter, hier sah sie ihre Schwester zum letzten Mal, hier verlor sie ihr Gehör auf dem linken Ohr, als sie von einem deutschen Kripo-Schergen bei einem Verhör halb tot geschlagen wurde. Als Sekretärin eines der beiden Hauptautoren der Chronik tippte sie statistische Meldungen über Lebensmittellieferungen, Krankenstände oder Todesfälle ab, die ihr Chef erfahren hatte und hörte sich selbst nach Neuigkeiten um. Dafür gab es für die Schreiber und ihre Helfer als Angestellte der Verwaltung einen kleinen Lohn in wertloser Ghetto-Währung und eine Suppe pro Tag.

Engagiert spricht Eichengreen bei ihrem Besuch in Hamburg auch über die Entschädigung der sogenannten Ghetto-Arbeiter, einer Gruppe von NS-Opfern, die keine Zwangsarbeit nach enger Definition leisteten, sondern wie sie selbst einen symbolischen Lohn oder Lebensmittel erhielten. Die von der Bundesrepublik erst im vergangenen Jahr festgelegte Richtlinie, wonach Ghetto-Arbeiter eine Einmalzahlung von 2000 Euro erhalten sollten, empört Eichengreen. Besonders, dass die einst überlebensnotwendige Ghetto-Arbeit von den Juristen nun als freiwillige Lohntätigkeit definiert wird. "Für mich klingt das wie Hohn und Missachtung."

Artikel bewerten
2.9 (349 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH