KZ-Überlebende "Das war meine Rache an Hitler!"

Sie lachen, weinen, singen: Ein Jahrzehnt lang hat Stefan Hanke KZ-Überlebende in ganz Europa fotografiert. einestages zeigt am Holocaustgedenktag seine Porträts von Menschen, die längst nicht mehr Opfer sein wollen.

Stefan Hanke

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Sie wollten wenigstens noch heiraten, wenn sie sowieso bald sterben würden, hier im Ghetto Theresienstadt, dem heillos überfüllten Durchgangslager für die Deportation nach Auschwitz.

Also ließen sich Pavel Stránský und seine Freundin Vera im Ghetto schnell Ringe schmieden. An Silber, Platin, Gold war nicht zu denken. Mit einfachen Ringen aus Eisen schworen sie sich im Dezember 1943 ihre Liebe. Es sollte ihnen Mut machen, diese unmenschliche Zeit zu überstehen.

Kurz danach wurden Pavel und Vera nach Auschwitz deportiert, verloren einander aus den Augen, fanden sich im Sommer 1945 wieder - und heirateten ein zweites Mal, nunmehr in Freiheit.

"Die Liebe ließ mich überleben"

Knapp 70 Jahre später trug Pavel Stránský immer noch den schlichten Stahlring, als er sich 2014 mit dem Regensburger Fotografen Stefan Hanke traf. Stránský lehnte sich im Gerichtssaal 600 des Nürnberger Justizpalastes an jenen Tisch, an dem nach 1945 viele NS-Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt worden waren. Und... redete über Liebe.

"Die Liebe ließ mich überleben", sagte er. Stefan Hanke, der ihn fotografierte, war überrascht und berührt: "Das sagt dieser Mann an diesem historischen Ort. Er hätte über NS-Verbrechen oder späte Genugtuung reden können. Doch er blieb die ganze Zeit bei seinem Thema, der Liebe. Für mich wurde dieses Porträt zusammen mit seinem Zitat zu einer Metapher."

Stefan Hanke, 55, hat viele solcher bewegenden Momente festgehalten. Die Polin Wieslawa Borysiewicz etwa wagte kaum, aus dem Fenster der Baracke 16 a des Frauenlagers in Auschwitz zu blicken - obwohl das Vernichtungslager sieben Jahrzehnte zuvor von der sowjetischen Armee befreit worden war und die Baracke nun Teil der Gedenkstätte Auschwitz ist.

Vorsichtiger Blick durchs Barackenfenster

Hier hatte Borysiewicz mit 15 ihre dunkelsten Stunden: "Wir durften nie durch diese Fenster schauen." Als sie es im Jahr 2014 dann doch tat - sehr vorsichtig, wie Hankes Foto zeigt -, fügte sie hinzu: "Was wäre ich dafür damals geschlagen worden!"

Nicht nur Borysiewicz kam frei und blieb doch auch Gefangene ihrer Vergangenheit. Ab 2004 hat Stefan Hanke ein Jahrzehnt lang nach KZ-Überlebenden in ganz Europa gesucht und sie porträtiert. Er hat sich akribisch mit den Lagern der Nazis befasst, Fachliteratur gewälzt und versucht, so viel wie möglich über das Schicksal der Überlebenden herauszufinden: "Ich wollte ihnen auf keinen Fall das Gefühl geben, mir etwas erklären zu müssen. Sie sollten einfach nur erzählen."

Und das taten sie. Oft stundenlang, manchmal weinend, tonlos, mit geschlossenen Augen, manchmal wieder lachend oder sogar singend. Dabei fotografierte Hanke: in Auschwitz, Dachau, Sobibor, Theresienstadt, Ravensbrück, in all diesen Orten deutscher Barbarei. 121 Schicksale. Tausende Fotos und Ordner voller Interviewabschriften füllen zwei Schränke in Hankes Büro.

Viele seiner Gesprächspartner sind inzwischen verstorben. Hankes Projekt war ein Wettlauf gegen die Zeit: Ahnungslos platzte er in die Beerdigung eines jäh verstorbenen Zeitzeugens, mit dem er kurz zuvor einen Termin ausgemacht hatte. Jeden Monat erfährt er von weiteren Trauerfällen.

"Sie werden bald nicht mehr da sein", sagt Hanke traurig.

Umso lesenswerter ist sein Bildband "KZ überlebt". Die Sammlung eindrucksvoller und berührender Porträts macht Schlüsselmomente in einzigartigen Lebensläufen erlebbar, die ohne dieses Buch bald in Vergessenheit gerieten.

"Ich fühle mich als Sieger"

Juden, Sinti, Roma, Kriegsgefangene, Kommunisten, Zeugen Jehovas - Hanke hat versucht, Überlebende aller Opfergruppen zu porträtieren. Es ist ihm fast gelungen, nur nicht bei verfolgten Homosexuellen; sein einziger Zeitzeuge starb kurz vor dem Fototermin.

Man könnte einen düsteren Bildband voll gebrochener Menschen erwarten. Doch etliche KZ-Überlebende gingen überraschend mit ihrer Vergangenheit um. Da ist etwa ein Foto eines fröhlichen Shlomo Graber. Die Nazis hatten 32 Angehörige seiner Familie ermordet; er selbst überlebte 1945 einen Todesmarsch nur knapp. Graber sagte Hanke: "Bei der Geburt meines ersten Kindes lachte ich und dachte: Das ist meine Rache an Hitler!"

Oder Barbara Pankowska, die in der Gedenkstätte Ausschwitz unvermittelt ihre Arme hochriss und voller Verve "Kalinka" anstimmte - jenes russische Volkslied, das sie zum ersten Mal hörte, als sowjetische Soldaten sie befreiten.

"Oft werden KZ-Überlebende vor einen schwarzen Hintergrund gestellt und in möglichst dramatisches Licht getaucht, das sie regelrecht monströs erscheinen lässt", sagt Hanke. Bei diesem Thema redet sich der sonst so besonnene Mann in Rage: "Ich finde das unwürdig! Damit wollen die Macher wohl jedem klarmachen: Du bist Opfer, du wirst immer Opfer bleiben. Die Zeitzeugen werden nicht als Individuen mit einem Leben nach dem Terror wahrgenommen."

Hanke hingegen fotografierte Überlebende wie Leon Weintraub auch vor der wuchtigen Zeppelintribüne auf dem einstigen Nürnberger NS-Reichsparteitaggelände. Aufrecht und in seinem feinsten Anzug sagte Weinberg: "Ich fühle mich als Sieger."

Plötzlich wird das Grauen greifbar

Andere wollten sich nicht an Orten fotografieren lassen, die sie zu sehr an ihr Leid erinnerten. Sie sagten Sätze wie diese: "Ich weine viel." Oder, eine Zwangsarbeiterin: "Wenn ich Siemens höre, kriege ich das Kotzen."

Der Italiener Shlomo Venezia fasst das Dilemma seines Lebens wohl am besten zusammen: "Ich habe überlebt, ich wurde aber nicht gerettet." In Auschwitz gehörte Venezia zu den Sonderkommandos, die gezwungen waren, Leichen aus den Gaskammern zu ziehen, ihnen Goldzähne herauszubrechen und sie dann zu verbrennen.

Ein anderer Überlebender brach so oft in Tränen aus, dass Hanke ihn an die Hand nahm und vorschlug, das Interview abzubrechen - doch der Mann wollte seine Geschichte fertig erzählen. Diesen unbedingten Willen, Zeugnis abzulegen, hat der Fotograf häufig gespürt: "Ein Zeitzeuge hat mir erzählt: Ich hatte schreckliche Träume vor unserem Termin, aber wissen Sie, die hatte ich immer."

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Stefan Hanke:
KZ Überlebt

Hatje Cantz Verlag GmbH; 264 Seiten; 39,80 Euro.

Die Schilderungen entwickelten einen derartigen Sog, dass sie auch das Leben des Fotografen durcheinanderwirbelten. Hanke versuchte, empathisch zu sein und zugleich professionell, die eigenen Emotionen also nicht in den Vordergrund zu stellen. Doch manchmal machten ganz kleine Dinge ihm das fast unmöglich.

Etwa, als eine alte Dame ihm 2011 das letzte Foto ihrer von den Nazis ermordeten Schwester zeigte: "Das Mädchen hatte die Haare zu lustigen Zöpfen gebunden und ging stolz mit Siebenmeilenschritten zur Schule", sagt Hanke. "Genau so ein Foto habe ich von meiner Tochter. Und plötzlich ist der Terror von damals sehr präsent, das Grauen wird greifbar!"

Eine Herzensangelegenheit

Und doch machte der Fotograf weiter. Ursprünglich dachte er an 30 Porträts, es wurden 50, 70, 100. Hanke wusste nicht mehr, wie er aufhören sollte. Denn da draußen gab es noch so viele kaum gehörte Stimmen, die bald für immer verstummen würden.

Eigentlich verdient Hanke sein Geld als Werbe- und Industriefotograf. Die Porträts der KZ-Überlebenden wurden seine Herzensangelegenheit. Die Reisen finanzierte er weitgehend selbst und investierte so viel Zeit und Kraft, dass Freunde sich sorgten. 2014 machte er Schluss, angesichts überbordender Schränke mit Interviews. Nach zwei weiteren Jahren war sein Bildband fertig.

Ausstellungstermine
Die nächsten Ausstellungen von Stefan Hankes Fotoprojekt können Sie hier sehen:

Tschechisches Kulturministerium in Prag, Tschechien 26.01 -03.03.2017
Kunst-und Gewerbeverein e.V. Regensburg 25.03. - 30.04.2017
Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Polen, 14. Juni bis 12. September 2017, zur 70. Jahrfeier des Bestehens des Staatlichen Museums.
Neues Theater, Pilsen, Tschechien, 10.10.2017 - 29.12.2017

Nach einer Ausstellung in Nürnberg wird es 2017 weitere geben: in Regensburg, Prag, Pilsen und der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Und doch wundert sich Hanke, "warum es ausgerechnet in Deutschland in Zeiten der AfD so schwer ist, weitere Museen von dieser Ausstellung zu überzeugen".

Das Archiv hat nun einen neuen Ordner - Absagen von Veranstaltern, meist aus Deutschland. Dabei würde Hanke seinen Landsleuten gern das Foto von Harry Zansberg zeigen, auf einem Waldweg 2011 beim bayerischen Dorf Stamsried.

Eingerahmt von dunklen Tannen, die ein Stück Himmel freigeben: Zansberg lächelt. Hier war er am 23. April 1945 von der US-Armee befreit worden, gerettet vor Massakern der SS. Hier hatte er sein Leben wiedergewonnen.

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