Holocaust-Überlebende "Ich freute mich das erste Mal im Leben auf die Prügel"

Im Dezember 1944 begann die ungarische Jüdin Agnes Rozsa im Arbeitslager in Nürnberg Tagebuch zu schreiben. Die junge Lehrerin stahl Stifte, tauschte Essen gegen Papier und überlistete SS-Aufseherinnen, um zu schreiben und rettete sich damit das Leben. Jetzt wurde ihr Tagebuch ins Deutsche übersetzt.

Verlag testimon

Überschattet von den Anschlägen in den USA findet am 11. September 2001 in Nürnberg eine Ausstellung der israelischen Künstlerin Magda Watts statt. Die aus Ungarn stammende Jüdin überlebte als Teenager Auschwitz und die KZ-Arbeitskommandos in Nürnberg und in Holleischen, einem Ort in der damaligen Tschechoslowakei. Während der Ausstellung wird Watts von Monika Wiedemann betreut. Einer Landsfrau, die mit einem Deutschen verheiratet ist. Aus dem Kontakt im Auftrag der Veranstalter wird eine enge persönliche Verbindung.

Wiedemann bewundert die Lebenslust und Fröhlichkeit der israelischen Künstlerin, die sie trotz ihrer furchtbaren Erlebnisse während des Holocausts ausstrahlt. Doch Watts gesteht ihrer Freundin, dass auch sie manchmal von der Grausamkeit ihrer Erfahrungen überwältigt werde. In solchen Phasen ziehe sie sich zurück und lese das Tagebuch ihrer Lagerschwester Agnes Rozsa, um innere Ruhe und neue Kraft zu finden. Die damals 15-jährige Magda Watts lernte Rozsa im Arbeitslager in Nürnberg kennen.

Während eines Aufenthalts in ihrer ungarischen Heimat im Frühjahr 2002 beginnt Wiedemann mit der Suche nach einem Exemplar des erstmals in den siebziger Jahren erschienenen Buches von Agnes Rozsa. Sie wird fündig, verschlingt die ungarischen Aufzeichnungen und nimmt sich vor, den Text ins Deutsche zu übertragen. Auch die Deutschen sollen den erschütternden Bericht aus den Arbeitslagern in Nürnberg und Holleischen lesen.

Agnes Rozsa war im Gegensatz zu Magda Watts am Ende des Zweiten Weltkrieges bereits eine erwachsene Frau. Sie war eine gute Beobachterin und sprach mehrere Sprachen, darunter auch Deutsch. Diese Eigenschaften machten sie zu einer ausgezeichneten Berichterstatterin über die Ereignisse und die Menschen in ihrem Umfeld. Außerdem hatte sie Talent zum Schreiben. Im Dezember 1944 begann sie mit ihren Aufzeichnungen, stahl in den Nürnberger Siemens-Schuckertwerken Stifte und Zettel und schrieb los. Das Tagebuch wurde ihre wichtigste Überlebensstrategie - obwohl sie wusste, dass sie damit ständig ihr Leben aufs Spiel setzte.

"Besser als ein Genickschuss"

"Ich komme erst jetzt von dem gestrigen Schock zu mir. Ich konnte am Abend nicht darüber schreiben. Als 'Hop-Hop' (Spitzname der KZ-Häftlinge für eine der SS-Aufseherinnen, Anm. des Autors) mich vor dem Angriff visitieren wollte, rannte ich davon. Sie schrie, dass sie mich erschießt, wenn ich nicht stehen bliebe. 'Eins', begann sie laut zu zählen. 'Zwei' hörte ich, während ich fieberhaft die Kartoffeln herausholte und an ihren Platz mein Tagebuch schob. Ich fühlte schon den Schuss in meinem Rücken, aber ich brauchte diese Augenblicke, um das Tagebuch zu schützen. Ich drehte mich dann um und ging reumütig, meine mit Kartoffeln vollen Hände herzeigend, zu ihr. Ich freute mich das erste Mal im Leben auf die Prügel. Ich war erleichtert. Es war besser als ein Genickschuss oder Erhängen wegen des Tagebuchs. Wenn die Frau nicht so dumm gewesen wäre, hätte sie gewusst, dass ich mich wegen ein paar Kartoffeln nicht so sehr gefährden würde. (...) Ich suchte mir selbst dieses Risiko. Schon als ich mich freiwillig meldete, war mir klar, was ich riskiere, wenn ich mein Tagebuch zum Kartoffelnsammeln mitnehme. Ich machte es trotzdem. Es war auch ein dreistes Spiel, nach dem Luftangriff elf große Kartoffeln ins Lager zu schmuggeln. (...) Ich muss endlich mit dieser Spielerei aufhören! Das Spiel soll enden! Wozu soll es führen? Das Risiko ist zu groß. (...) Ist das Leben der anderen, die nicht spielen, nicht auch ein Spiel des Zufalls? Hängen sie nicht von einer Reihe von Zufällen ab? Welcher Transport damals am 12. Oktober (1944), wie die SS-Frau sagte, der 'richtige' war, und wenn es der richtige war, wer das Ende des Krieges erleben wird, entscheidet sich erst am Ende. Es wird viele geben, die für immer schweigen werden, aber die Heimkehrenden werden auch nicht jubeln.

Holleischen, Samstag, 28. April 1945"

Die Arbeit an der Übersetzung des Tagebuchs führt Monika Wiedemann zwangsläufig zu Recherchen über das Schicksal von Agnes Rozsa, das aus dem Tagebuch nicht hervorgeht. Sie überlebte das Arbeitslager und kehrte in ihre rumänisch gewordene Heimat Siebenbürgen zurück. Aber auch noch Jahre nachdem sich der Eiserne Vorhang hob, bleibt es schwierig, biografische Informationen aus einem ehemaligen Ostblockstaat zu bekommen. Erste Ansatzpunkte liefert der Bukarester Verlagsleiter, der die ungarische Erstausgabe des Tagebuchs veröffentlichte. Wie ein Puzzle fügt Wiedemann den Lebenslauf der Tagebuchschreiberin zusammen. Die Spur führt ins heute rumänische Cluj (deutsch Klausenburg).

Den Durchbruch bringt schließlich der Kontakt zu dem Fotografen Ivan Rohonyi Demko in Cluj, der ein Portrait von Agnes Rozsa ausfindig macht. Er schickt ein Foto von Agnes Rozsas Grab auf dem jüdischen Friedhof in Cluj nach Deutschland: ein von Unkraut überwucherter Erdhügel ohne Stein oder Einfassung. Die vage Hoffnung, die Verfasserin des Tagebuches könne noch leben, erfüllt sich nicht. Agnes Rozsa starb 1984 im Alter von 73 Jahren.

Monika Wiedemann kümmert sich nun zusammen mit anderen Nürnbergern um das Grab der Frau, mit deren Gedanken und Gefühlen sie durch die Übersetzung des Tagebuchs so vertraut geworden ist. Im Herbst 2006 erscheint die deutsche Fassung von Agnes Rozas Aufzeichnungen.

Zum Weiterlesen:

"Solange ich lebe, hoffe ich." Die Aufzeichnungen des ungarischen KZ-Häftlings Agnes Rozsa 1944/45 in Nürnberg und Holleischen. Übersetzt von Monika Wiedemann. Nürnberg: testimon, 2006.



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