Holocaust-Zeitzeugin Überleben im Untergrund

Hunderte Berliner Juden tauchten im Frühjahr 1943 unter, um der Deportation zu entgehen. Margot Friedlander war eine von ihnen. Nach über einem halben Jahrhundert in den USA erzählt die Berlinerin, warum sie heute wieder in ihrer Heimatstadt lebt.

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"Versuche, dein Leben zu machen!" Mehr als diesen einen Satz hatte sie nicht für mich hinterlassen. Keinen Brief, keine Notiz, nur diese dürre Botschaft. Es war das Letzte, was ich von meiner Mutter hörte. An jenem Januartag 1943, als sie meinem Bruder auf die Gestapowache nachging.

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Heft 35/2014
Schuld ohne Sühne: Warum die letzten SS-Männer davonkommen

Ich war an diesem Tag mit Vorbereitungen unserer geplanten Flucht aus Berlin zu Verwandten nach Oberschlesien beschäftigt. Ich ging nach meiner Nachtschicht in der Rüstungsfabrik, in der ich als Jüdin Zwangsarbeit leisten musste, zum Arzt, um mich krankschreiben zu lassen, damit ich nicht schon am Abend der Flucht in der Fabrik vermisst werden würde. Als ich am frühen Nachmittag in unsere Wohnung in der Skalitzer Straße 32, im Berliner Bezirk Kreuzberg, zurückkehren wollte, bemerkte ich gerade noch rechtzeitig einen Gestapo-Mann, der vor unserer Tür wartete. Eine Nachbarin gewährte mir Unterschlupf und berichtete, am Vormittag habe sie im Hausflur ein lautes Klopfen und die Schreie "Aufmachen, aufmachen!" gehört.

Kurze Zeit darauf habe sie gesehen, wie mein jüngerer Bruder Ralph in einen Polizeiwagen gestoßen wurde. Meine Mutter sei eine gute halbe Stunde später gekommen und sei, nachdem sie die Eingangstür versiegelt vorgefunden habe, zu Freunden in der Nachbarschaft gegangen. Ich suchte die Nachbarn auf, die nur drei Häuser von unserer Wohnung entfernt lebten, in der Hoffnung, meine Mutter dort anzutreffen. Doch sie sagten mir nur, dass meine Mutter vor wenigen Stunden auf die Gestapowache gegangen sei, weil sie meinen Bruder nicht alleinlassen wollte. Aus dem Mund der Nachbarn erfuhr ich den letzten Satz meiner Mutter, und sie gaben mir eine Tasche, die sie für mich hinterlegt hatte. Darin fand ich ihre Bernsteinkette und ein Notizbuch, in dem sie über die Jahre viele internationale Kontaktadressen gesammelt hatte, als wir erfolglos versuchten, aus Nazi-Deutschland auszuwandern.

Ich verließ die Wohnung der Nachbarn und war - allein. Mein Vater hatte sich schon Jahre zuvor von meiner Mutter getrennt und lebte, so nahm ich damals an, in Belgien. Sollte ich meinem Bruder und meiner Mutter also freiwillig in die Gestapohaft folgen? Ich entschied mich dagegen, ich wollte leben. Ich hatte die Botschaft meiner Mutter als Aufforderung verstanden, durchzuhalten und unterzutauchen. Ich war damals 21 Jahre alt. Noch am Tag des Untertauchens riss ich den Judenstern von meiner Kleidung. Für ein paar Tage kam ich bei jüdischen Freunden unter, doch dort zu bleiben, war viel zu gefährlich. Sie konnten die Nächsten sein, die abgeholt wurden. Von ihnen bekam ich auf einem Zettel die Adresse meines ersten Helfers mit der Aufforderung, mir die Anschrift zu merken und die Notiz zu vernichten. Wenige Wochen später wurden sie nach Auschwitz deportiert. Später erhielt ich wiederum von einem Helfer die Adresse eines Zahnarztes im Westen Berlins, in dessen Ohrensessel ich einige Nächte verbringen konnte. Ständig musste ich die Wohnungen wechseln.

Der Verhaftung entkam ich oft nur knapp. Manchmal verbrachte ich nur eine Nacht in einem Versteck, auch weil manche Helfer Gegenleistungen erwarteten, die ich nicht bieten konnte oder wollte. An vielen Tagen lief ich stundenlang ziellos durch die Straßen und wusste nicht, wo ich in der Nacht unterkommen sollte. Oft aber gab mir ein Helfer die Adresse eines anderen Hilfswilligen, so dass ich wie in einem unterirdischen Netz immer wieder in der Stadt untertauchen konnte. Viele Mutige boten mir in den kommenden Monaten eine Zuflucht.

Zur Tarnung trug ich eine Kette mit einem Kreuz um den Hals, färbte mir die schwarzen Haare rot und ließ sogar meine Nase verkleinern. Die Operation, die außerhalb der Öffnungszeiten in einer Privatpraxis stattfand, war riskant, weil ich bei Komplikationen nicht hätte in ein Krankenhaus gehen können. Dennoch hatte ich sofort eingewilligt, als mir jemand anbot, mich an einen Arzt im Berliner Westen zu vermitteln, der den Eingriff vornahm, ohne dass ich ihn bezahlen musste. Ich würde danach weniger "jüdisch" aussehen, glaubte ich damals. Inzwischen hatte ich die Identität der Nichte einer meiner Helferinnen angenommen, die außerhalb von Berlin lebte, und mir mit Hilfe ihrer Geburtsurkunde einen Postausweis ausstellen lassen, der allerdings kein Foto enthielt und mir deshalb bei einer Kontrolle nichts nutzen würde.

Steine spalten gegen die Deportation

Ende April 1944 geriet ich in eine Ausweiskontrolle am Kurfürstendamm. Zunächst war ich ruhig geblieben, als die zwei Herren mich aufforderten, sie auf die Wache zu begleiten. Ich bat die beiden noch, auf die Toilette eines Cafés gehen zu dürfen, und versuchte erfolglos, durch das Toilettenfenster zu flüchten. Doch es war nur eine kleine Luke. Ich saß in der Falle und gab noch auf dem Weg zur Wache meine jüdische Identität preis. Die entscheidende Kontrolle erfolgte durch sogenannte "Greifer", Jüdinnen und Juden, die im Dienst der Gestapo standen. Sie durchstreiften die Stadt auf der Suche nach Menschen, die sie von früher kannten oder die "jüdisch" aussahen, um sie zu denunzieren und sich selbst vor der Deportation zu schützen.

Nachdem ich einige Wochen im Sammellager am Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße interniert war, wurde ich im Juni 1944 nach Theresienstadt deportiert und bekam Arbeit in der Schneiderei des völlig überfüllten Ghettos. Hunger und Krankheiten bestimmten den Alltag. Später wurde ich zur Arbeit in einer "Glimmer"-Werkstatt eingeteilt. Wir mussten die weichen Glimmersteine in dünne Scheiben spalten, die dann als Isoliermaterial in der Industrie eingesetzt wurden. Die Produktion galt als "kriegswichtig" und bewahrte mich wahrscheinlich vor der Deportation Richtung Osten.

Anfang 1945 traf ich in Theresienstadt Adolf Friedlander. Ich kannte ihn von meiner Arbeit als Schneiderin beim Jüdischen Kulturbund in Berlin Ende der Dreißigerjahre, wo er als Verwaltungschef gearbeitet hatte. Damals hatte ich mich nicht für den elf Jahre älteren Mann in gehobener Stellung interessiert, den ich als strengen Buchhalter wahrnahm. Doch nun erschien er mir wie eine willkommene Erinnerung an vergangene Zeiten. Nach der Befreiung des Lagers ließen wir uns im Frühsommer 1945 noch in Theresienstadt von einem Rabbi trauen. Danach lebten wir für einige Monate in einem Displaced Persons Camp in Bayern, bevor uns die Schwester meines Mannes 1946 nach Amerika holte.

Rückkehr in eine unbekannte Heimat

Wir sind nie wieder gemeinsam nach Berlin zurückgekehrt. Mein Mann hat sich immer geweigert, wieder deutschen Boden zu betreten. Über die Vergangenheit wurde geschwiegen, er wollte nicht einmal in Gedanken nach Deutschland zurückkehren. Seine Mutter war in Auschwitz ermordet worden. Kurz nach dem Tod meines Mannes 1997 begann ich am Jüdischen Kulturzentrum in Manhattan einen Kurs im "Memoirenschreiben". Ich sah die Rolle der Deutschen immer etwas differenzierter als er - einige hatten zwar mein Leben zerstört, andere aber hatten es gerettet: Deutsche hatten mich versteckt, Juden mich ausgeliefert.

2003 besuchte ich auf Einladung des Berliner Senats zum ersten Mal wieder meine Heimatstadt, die ich nach fast sechs Jahrzehnten Abwesenheit kaum wiedererkannte. Sieben Jahre später entschloss ich mich zur endgültigen Rückkehr an die Spree. Aus den Händen des Berliner Innensenators erhielt ich meine deutsche Staatsbürgerschaft zurück, der Bundespräsident verlieh mir im Schloss Bellevue das Bundesverdienstkreuz.

"Überleben ist ein Privileg, das verpflichtet" hat Simon Wiesenthal, der in fünf Konzentrationslagern inhaftiert war, einst im "Brief an junge Menschen" geschrieben. Ich habe überlebt, und nun bin ich in Deutschland, um meine Geschichte zu erzählen und der jungen Generation die Hand zu reichen. Seit 2008 meine Lebenserinnerungen erschienen sind, habe ich vor Hunderten Schulklassen und auf unzähligen Veranstaltungen daraus gelesen, mit den Jugendlichen diskutiert und die nicht enden wollenden Fragen der Zuhörer beantwortet.

Anfang dieses Jahres bin ich wieder in New York gewesen, um die englische Übersetzung meines Buches vorzustellen. Dort möchte ich eines Tages ein Grab an der Seite meines Mannes haben. Heute lebe ich gerne in Berlin, in dieser lebendigen und weltoffenen Stadt. Ich bin nun fast 93 Jahre alt. Ich habe versucht, mein Leben zu machen, wie es sich meine Mutter gewünscht hatte - und bin mit dem Ergebnis ganz zufrieden.

Hätte meine Mutter das genauso gesehen? Ich habe sie nie danach fragen können. Sie wurde wie mein Bruder und mein Vater in Auschwitz ermordet. In der Skalitzer Straße erinnern heute Stolpersteine an ihr Schicksal. Ihre Bernsteinkette trage ich noch immer.

Aufgezeichnet von René Schlott.

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Schuld ohne Sühne: Warum die letzten SS-Männer davonkommen
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insgesamt 12 Beiträge
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Manfred Kuscholke, 25.08.2014
1. Hut ab vor dieser Frau
Ich weiß nicht, ob ich die Kraft gehabt hätte, in das Land der Mörder meiner Familie zurückzukehren. Insofern kann ich den Ehemann verstehen. Umso mehr achte ich die differenzierte Betrachtungsweise dieser Frau, nicht pauschal die Nachkommen der Täter in Sippenhaft zu nehmen, wie dies heute immer noch viele tun, sondern die Hand zu reichen, ja sich sogar wieder wohl zu fühlen in einem freien Land, dessen Kinder nichts für die Verbrechen einiger ihrer Großeltern können.
Bernd Brot10, 25.08.2014
2. Respekt!
nach einem solchen Leben sagen zu können "ich in ganz zufrieden" zollt von einem sehr positiven Blick nach vorn. Mehr davon!
Carsten Hartmann, 25.08.2014
3. Viel Glück,
durch derartige Erzählungen wird mir jedes Mal bewusst, welche Tragödien sich wahrscheinlich auch in meinem Haus (Altbau Berlin Schöneberg) abgespielt haben, und läßt mich schaudern. Der Gedanke an die Gefühle Ihrer Mutter ist furchtbar.
Thomas Barnloher, 25.08.2014
4.
Ja wirklich, Respekt vor dieser Frau. "Aus den Händen des Berliner Innensenators erhielt ich meine deutsche Staatsbürgerschaft zurück" - dazu folgende skandalöse Tatsache, die selbst die jüdischen Gemeinden in D offenbar erstaunlich wenig interessiert: Meine Frau ist Enkelin eines in 1924 in Berlin geborenen staatenlosen Judens, der 1936, dh. im Alter von 12 Jahren mit seinen staatenlosen Eltern nach Südamerika emigrieren musste. Anderenfalls hätten die Nazis ihn und seine Eltern genauso zu ermorden versucht wie alle anderen Juden egal ob deutscher oder sonstwelcher Nationalität, die sie in ihre Gewalt bringen konnten. Dennoch weigern sich die deutschen Behörden, meiner Frau die deutsche Staatsbürgerschaft zu geben. Hätte ihr Grossvater die deutsche Staatsbürgerschaft gehabt, hätte sie diese längst. Hier werden Juden nach den Nazis erneut durch den deutschen Staat diskriminiert und das ist eine Schande, die zum Himmel schreit.
Hannes Grebin, 25.08.2014
5. Inspiring
1000 Dank Margot, für diesen großartigen Text. Ein bekennendes Ja zum Leben voller Motivation etwas daraus zu machen, im Dienste der Menschen und des Guten. Es spricht ein goldenes Herz!
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