Honeckers Elitesiedlung Schockreport im Bonzenviertel

Honeckers Elitesiedlung: Schockreport im Bonzenviertel Fotos

Linientreuer Genosse oder Rächer aller Betrogenen? Mit seiner legendären Wandlitz-Reportage über die geheimnisumwitterte Wohnsiedlung der DDR-Elite wurde der Reporter Jan Carpentier im Herbst 1989 schlagartig berühmt. Im Rückblick würde er den Beitrag am liebsten ungeschehen machen.

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In einem bundesweit sattsam bekannten TV-Werbespot fragt ein älterer Sohn am Seeufer hockend seinen alten Vater: "Wenn du dein Leben noch einmal leben könntest, würdest du alles noch mal genauso machen?" Die Antwort ist das umwerfende Eingeständnis, seine Brille von Anfang an bei diesem Brillenmann zu kaufen. Donnerwetter. Immerhin.

Manchmal stelle ich mir vor, ich säße mit meinem Sohn am Ufer irgendeines Sees meiner märkischen Heimat - und der Bengel stellte mir diese Frage. Vielleicht würde ich die Brille absetzen - weil die sowieso wieder drückt - und hätte endlich den Mut zu sagen: "Ich würde nicht noch mal nach Wandlitz fahren!"

Warum? War es ein Fehler, damals, im November 1989? Hatte ich die Wahl? Was verunsichert einen Journalisten 20 Jahre später dermaßen, dass er das große Thema am liebsten nie gehabt hätte? Ist doch bundesweit bekanntgeworden, der Kerl, mit seiner Reportage über die Bonzensiedlung, die streng abgeschirmte Staatskolonie bei Berlin, private Welt von Honecker, Mielke und anderen SED-Politbürogrößen. Wie vielen von den Zigtausenden Journalisten in diesem Land ist das schon vergönnt? Also, was soll das? Katzenjammer auf hohem Niveau?

Urknall im DDR-Fernsehen

Die Zweifel kamen schon kurz nach der Erstsendung jener Wandlitz-Reportage mit dem Titel "Einzug ins Paradies". Der Film lief am 23. November 1989 im DDR-Fernsehen - und schlug ein wie eine Bombe. Am meisten erschrocken über den medialen Urknall hatte sich der Bombenbastler selbst. Ich. Die Schockwellen der Explosion reichten bis in den letzten Winkel der Republik. Bereits zwei, drei Tage später - die Post war noch nicht so schnell - wälzte sich ein Tsunami von Briefen über die Redaktion der DDR-Jugendsendung "Elf 99". Der Tenor unisono: Jetzt muss aufgeräumt werden! Überall! Schonungslos! Nieder mit den Privilegien! Die Privilegierten an den Pranger!

Ich saß wie vom Donner gerührt in meinem Redaktionszimmerchen in Berlin-Adlershof und starrte mit leerem Blick der Sekretärin nach, die immer neue Kartons mit Briefen vor meiner Nase auftürmte. Was war passiert? Über die Bildschirme flimmerte die x-te Wiederholung dieser verdammten Reportage. Ungeschnitten. Ironisch-sarkastisch in Ton und Text. Glaubte ich jedenfalls.

Warum hatte die Geschichte eine solche Wut ausgelöst? Diesen Urschrei nach Abrechnung und Rache? Und wofür halten die da draußen mich jetzt eigentlich? Für den unerbittlichen Funktionärsarschaufreißer? Carpentier, der Rächer der Angeschissenen? Lächerlich! Kauft euch vom Begrüßungsgeld den neuen SPIEGEL, wollte ich ihnen zurufen, da steht doch alles drin über den Genossen Carpentier, 35: aufstrebende Reporterkarriere bei der "Aktuellen Kamera", mit Honecker in Peking und Paris gewesen ... Und so einer ist der Held von Wandlitz?

Nee! So einer sucht nach seinen eigenen Wahrheiten und Lebenskoordinaten in jenen Novembertagen.

Den Zeigefinger zur Lanze ausgestreckt

Was folgt sind 20 Jahre und ungezählte Interviews mit stereotyper Wiederholung der immer gleichen, scheinbar ungehört verhallenden Versuche des Erklärens: Nein, es war nicht investigativ! Es war ein offizieller Pressetermin (auch wenn der erst durch unser hartnäckiges Nachfragen zustande kam). Nein, die Einfamilienreihenhäuser in der Waldsiedlung Wandlitz, über deren Größe und Ausstattung sich jeder gut beschäftigte Handwerker, Kneipenwirt oder Filmschauspieler in der DDR nur totlachen konnte, haben mein Gerechtigkeitsempfinden nicht auf die Barrikaden gejagt.

Nein, West-Badarmaturen in Häusern von Politbüromitgliedern haben mich nie interessiert! Nein, ein beheiztes Schwimmbad und ein paar Birnen, Bananen und Tomaten im Bonzen-Konsum haben mich nicht wütend gemacht. Nein, Kurt Hager, ehemaliges Politbüromitglied für Ideologie- und Kulturfragen, den wir in der Siedlung vor unsere Kamera bekamen, hatte keinen Termin mit uns. Das Interview kam zustande, weil ich keine Lust mehr hatte mit anzusehen, wie einige Pressekollegen in dem zur Besichtigung freigegebenen Haus ihre Schnüffelinstinkte auslebten. Bevor ich deswegen auf die Auslegware gekotzt hätte, ging ich lieber raus, um zu rauchen. Da kam ein Wanderer des Weges - Hager.

Wende-Zeiten sind Chaos-Zeiten. Die Stunde der Demokraten ist auch die Stunde der Idioten. Spätestens Ende November 1989 hatte auch ich das begriffen. Ein paar Tage nach der ersten Ausstrahlung der Reportage stürmte eines schönen Vormittags auf dem Redaktionsflur eine Jungredakteurin auf mich zu - ihren Namen habe ich vergessen. Was ich nicht vergessen habe: Sie hatte den Zeigefinger zur Lanze ausgefahren, als wollte sie mich damit durchbohren und zischte mich hysterisch atemlos an: "Du bist in Wandlitz aufgewachsen! Du bist dort aufgewachsen!" Ich hielt das sofort für einen, wenn auch nicht besonders guten, aber immerhin doch für einen Witz. Weit gefehlt. Die Kleine meinte es todernst.

Misstrauen und Denunziation

Von diesem Moment an vernahm ich neben der ehrlichen Anerkennung vieler Kollegen für meine Arbeit einen üblen Gestank der Denunziation und des Misstrauens, von dem ich bis heute nicht weiß, wer außer dem unbedarften Mädel mit dem Zeigefinger systematisch an dessen Verbreitung arbeitete. Heute ist es mir völlig egal, damals war es das nicht. Ich ertappte mich kurze Zeit später bei Rechtfertigungen gegenüber dem größten Unsinn. Gefragt und ungefragt betete ich stets meine Biografie daher: Geboren 1954 in Potsdam, Kindergarten in Berlin-Wilhelmshagen, eingeschult in Berlin-Karlshorst, Abitur in Kleinmachnow, Armee bei der Luftwaffe, Studium in Leipzig und - ganz wichtig: eine Einzimmerwohnung in der Ost-Berliner Platte.

Die letzten Wochen bis zum Ende des Jahres 1989 sind in meiner Erinnerung die unwirklichsten meines Lebens. War ich von ein paar Millionen Verrückten umgeben, die allesamt immer nur im geheimen Widerstand gegen die DDR gekämpft hatten? Und waren die restlichen Millionen alle bei der Stasi? Hatte ich mit der Wandlitz-Story die unfreiwillige Ouvertüre zu einer peinlichen Seifenoper mit dem Titel "Haltet den Dieb!" geliefert?

Die erste Dezemberwoche des Jahres 1989 gab mir kurzzeitig das Gefühl zurück, etwas wirklich Wichtiges zu tun. Im Wachregiment "Felix Dzierzynski", der Leibtruppe von Stasi-Chef Erich Mielke, wurden seit Polit-Wende und Maueröffnung ein paar Tausend Soldaten und Offiziere sozusagen unter Verschluss gehalten. Kein Urlaub, kaum Ausgang - es gärte unter dem Deckel. Und das bei einer Truppe, die noch voll unter Waffen stand. Die "Elf 99"-Reportage "Neues von Felix - Nachrichten aus der Grauzone" ließ Luft an die dramatische Situation in der Kaserne. Ernstzunehmende Persönlichkeiten des damaligen öffentlichen Lebens in der DDR wie der letzte Intendanten des Deutschen Fernsehfunks Hans Bentzien sahen darin einen Beitrag, dass auch in den späten Wochen der Wende kein Blut vergossen wurde.

"Der mit die Wandlitz-Filme"

Sollte ich diese Reportage mit der Wandlitz-Geschichte vergleichen: Ich würde sagen, Wandlitz war dagegen Kinderkram. Wäre da nicht die einzig echte Erkenntnis: Die politische Führung eines Landes hatte sich vom real existierenden Leben der Bürger dieses Landes hermetisch abgeschlossen. Das allein ist noch nichts Besonderes. Auch ins Kanzleramt oder auf Frau Merkels Grundstück marschieren nicht Hinz und Kunz nach Lust und Laune. Aber ein politisches Machtleben lang zu behaupten, Gleiche unter Gleichen zu sein und sich aus Angst vor den Gleichen zu verschanzen - das ist Verrat an jenen Menschen, für die der "Versuch DDR" mehr war als nur ein bedauerlicherweise in den Sand gesetztes Experiment, nämlich ihr Leben.

In der Silvesternacht 1989/90 trottete morgens gegen 3 Uhr ein stinknüchterner Journalist - ja, auch das gibt's - über den Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor. "Elf 99" hatte die Freiluft-Party für ein paar 100.000 Leute gestaltet, ich war einer der Moderatoren. Der Platz war inzwischen menschenleer, eine Scherben-Wüste aus zerbrochenen Flaschen und Gläsern. Durchgefroren bis auf die Knochen und wie erschlagen vom letzten hysterischen Massenakt dieses abgelaufenen Jahres hatte ich Zeit, auf dem Fußmarsch bis zum S-Bahnhof Friedrichstraße nachzudenken. Was wird werden in diesem neuen Jahr? Ich fand keine schlüssige Antwort.

In der S-Bahn hingen die letzten Silvester-Opfer rum. Blau die meisten. Aber nicht blau genug, um mit den letzten schwindenden Sinnen noch quer durch den Wagen zu grölen: "Eh, det is doch der mit die Wandlitz-Filme, wa?? Komm ma ran, wir nehm noch een!!" Da wusste ich es. Das lässt dich nie wieder los. Du kannst dich wehren. Oder es so nehmen, wie es war: Wandlitz. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Fast alles richtig gemacht. Und eine halbe Ewigkeit werden sich immer wieder Leute daran erinnern. Nie wieder Wandlitz? Naja, es muss nicht sein. Aber es wäre schade, es nicht getan zu haben.

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1.
Bernd Irmler 22.10.2009
Damals erschien die BILD - Zeitung mit einem Bericht auf der ersten Seite mit Fotos und Kommentar über Honecker's "Luxushaus" in Wandlitz. Auf der letzten Seite der gleichen Ausgabe brachte BILD einen Bericht über die Villa von Max Grundig. Wer die beiden Artikel gelesen hat, wird nie wieder behaupten, dass Honecker in "Luxus" gelebt hätte.
2.
Thomas Glöckner 22.10.2009
Wenn der damalige Fernsehbeitrag eines gezeigt hat, und ich hatte ihn damals gesehen, dann dieses, dass es die angeblich vorher kolpotierten Privilegien der DDR Partei- und Staatsführung nicht gab. Wandlitz war noch nicht einmal staatsmännisch repräsentativ, sondern einfach nur kleinbürgerlich normal. Warum hat man sich also aufgeregt,damals ?
3.
Steffen Rau 22.10.2009
Ja, ich denke der Bericht war ein grosser Fehler. Nicht wegen dem Bericht an sich, soweit ich mich erinnern kann war er eh ziemlich banal und oberflächlich. Sondern dem, was er auslöste- in einer Zeit des Chaos, in der es kaum noch geordnete Strukturen in den Institutionen gab, goss er noch Öl ins Feuer und stachelte die Unzufriedenen zusätzlich an. Carpentier ist durch seine Verantwortungslosigkeit mitverantwortlich dass die Wende nicht so reibungslos verlief wie sie hätte verlaufen können. Ohne ihn wäre Wandlitz nicht kurze Zeit später gestürmt worden, man hätte die Siedlung und ihre Bewohner in aller Ruhe erforschen können. So aber besteht seine ganz persönliche historische Fussnote darin, all denen die zu dieser Zeit Behörden,Läden, Wohnhäuser und Kasernen plünderten, Argumente dafür geliefert zu haben ("die haben in Wandlitz wie im Paradies gelebt und uns betrogen"). Er hat seinen kleinen persönlichen Beitrag dazu geleistet, dass Kriminelle und Nazis zu dieser Zeit schalten und walten konnten wie sie wollten. Mit den Folgen, die sein Beitrag zumindest mitverursachte, muss er halt jetzt leben.
4.
Mil Dot 22.10.2009
>Wenn der damalige Fernsehbeitrag eines gezeigt hat, und ich hatte ihn >damals gesehen, dann dieses, dass es die angeblich vorher kolpotierten >Privilegien der DDR Partei- und Staatsführung nicht gab. Wandlitz war >noch nicht einmal staatsmännisch repräsentativ, sondern einfach nur >kleinbürgerlich normal. Warum hat man sich also aufgeregt,damals ? Genau deshalb hat man sich aufgeregt! Weil die Ossis gesehen haben, daß sie mal wieder auf die Zündler, Hetzer und Neider reingefallen sind. Die gleichen Ossis heulen heute wieder rum, wie schön es in der DDR doch war ...
5.
Gustaf Etmirror 22.10.2009
Schon wieder so ein zurückgebliebener Mauerbauer (womit mein Vorredner gemeint ist - wobei sein Beitrag von 15:09? wohl wieder raus ist). Vor dem ELF99-Bericht konnte man sich seinerzeit ja auch im Westen kaum retten :-) Wenn ich ihn noch richtig im Hinterkopf hatte, wurde eher sparsam kommentiert - und er bestand immer wieder aus Schwenks, in denen man kleinbürgerliche Piefigkeit und manchmal ein bisschen Luxus zu Gesicht bekam. Ihm wie SR die Schuld daran zu geben, dass die handelsüblichen Vandalen loszogen oder gar Nazis eine Daseinsberechtigung verschafft zu haben, ist eine masslose Überinterpretation. Wenn jemand Wasser predigt und Wein säuft (auch wenn er vom (West-)Discounter stammt - und nichts anderes zeigte die Reportage) fühlt(e) man sich als nichtprivilegierter DDR-Bürger natürlich verarscht. Auch wenn die meisten es wussten. Daher verstehe ich diese Schuldzuweisung überhaupt nicht: Der (recht objektive) Bericht ist das Eine, die hier aufkommenden Schuldzuweisungen sind das Andere. Und durch nichts zu rechtfertigen. "Macht kaputt, was Euch kaputt macht" wäre eine ganz andere Kiste gewesen. Beispiel West: Wenn hier ein Bericht über die HRE oder eine der dilletantisch geführten Landesbanken erscheint und dann deren Fensterscheiben eingeschmissen werden - schiebt man das auch dem Reporter in die Schuhe? - Ausserdem beachte man den Schlussatz des Artikels, der das oben kommentierend behauptete "Im Rückblick würde er den Beitrag am liebsten ungeschehen machen" konterkariert.
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