Honeckers Geburtstagsgeschenk für Wehner Ein Stasi-Kunstraub

SED-Chef Erich Honecker ließ dem Bonner SPD-Fraktionschef Herbert Wehner zum 75. Geburtstag eine wertvolle Holzschnitzerei überreichen. Sie war, so kam heraus, von der Stasi aus einem Museum gestohlen worden.

BStU

Es war ein kostbares Stück erzgebirgischer Handwerkskunst, das der DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel am 11. Juli 1981 in Bonn dem Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion, Herbert Wehner, zu dessen 75. Geburtstag überbrachte: ein Pferd, das einen Baumstamm hinter sich herzieht, daneben ein Waldarbeiter, alles in allem gut einen halben Meter lang und aus einem Stück Holz geschnitzt. Absender des Geschenks war SED-Generalsekretär Erich Honecker.

Der DDR-Staats- und Parteichef wollte seinem "Jugendfreund", wie er Wehner nannte, mit dem Präsent seine besondere Wertschätzung bezeugen. Die beiden kannten sich aus den Jahren 1934/35: Damals hatte der 1912 geborene Saarländer Honecker als Jungkommunist gegen den Anschluss seiner Heimat an Hitlers "Drittes Reich" agitiert. Der sechs Jahre ältere KPD-Funktionär Wehner, der die Untergrundtätigkeit der von den Nazis verbotenen Partei in Deutschland leitete, hatte ihn dabei unterstützt. Tagelang waren sie durch die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs unter der Verwaltung des Völkerbunds stehende Provinz gereist, in der eine Volksabstimmung über die Wiedereingliederung ins Deutsche Reich stattfinden sollte. Noch Jahrzehnte später erzählte Honecker gern, wie seine Mutter ihn und Wehner zu Hause in Wiebelskirchen mit selbstgebackenem Kuchen beköstigt hatte.

Obwohl sich ihre politischen Wege längst getrennt hatten, wollte Honecker seinen alten Bekannten mit einem persönlichen Geburtstagsgeschenk beglücken. Er erbat sich dazu Rat von Wolfgang Vogel, der seit Jahren als Honeckers Sonderbeauftragter mit Bonner Spitzenpolitikern in Kontakt stand.

Geschenk aus trüber Quelle

Der Anwalt Vogel war seit 1963 als Vermittler beim Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR tätig und organisierte Familienzusammenführungen im geteilten Deutschland. Im Mai 1973 hatte er ein Treffen Wehners mit Honecker in der brandenburgischen Schorfheide arrangiert; seither übermittelte Vogel regelmäßig vertrauliche Botschaften zwischen dem SED-Generalsekretär sowie Wehner oder Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Auf die Frage Honeckers nach einer passenden Geburtstagsgabe meinte Vogel, dass Wehner sich gewiss über eine Holzschnitzerei aus dem Erzgebirge freuen würde. Dort, in Schneeberg, hatte Wehner fünf Jahre seiner Kindheit mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder Rudi verbracht; im nahegelegenen Filzteich hatte er schwimmen gelernt und oft gebadet.

Zufrieden stellte Vogel fest, dass Honecker seinen Tipp befolgt hatte, als dieser ihm die Holzskulptur für Wehner aushändigte. Er ahnte freilich nicht, aus welcher trüben Quelle das teure Geschenk stammte.

Porzellan für alle Fälle

Recherchen für die neue Biografie Wolfgang Vogels ergaben nun, dass die DDR-Staatssicherheit das Präsent kurzerhand aus dem Schneeberger Heimatmuseum entwendet hatte.

Üblicherweise verschenkte Honecker an hochrangige Jubilare oder zu Festtagen gern Figuren aus Meißner Porzellan. Auch Wehner hatte schon mal an Weihnachten 1976 ein Produkt aus dem Volkseigenen Betrieb (VEB) Staatliche Porzellan-Manufaktur, ein "Liebespaar mit Schaf", bekommen. Der SPD-Fraktionschef ließ daraufhin dem DDR-Staatsratsvorsitzenden durch Vogel ausrichten, dass er "mit derartigen Kostbarkeiten nicht aufwarten" könne, jedoch sei "der Satz Schallplatten", mit dem er sich revanchierte, "ebenso herzlich gemeint" und von ihm selbst "für eine Mußestunde ausgewählt" worden.

Auf die Meißner Pretiosen hatte Honecker leichten Zugriff - aber woher sollte er eine erzgebirgische Holzschnitzerei nehmen, wie sie ihm Vogel vorgeschlagen hatte?

Spezialauftrag für Stasi-General

Honecker beauftragte schließlich Stasi-Minister Erich Mielke, ein solches Kunsthandwerk zu besorgen. Über Stasi-Oberst Heinz Volpert, Offizier für Sonderaufgaben im Sekretariat des Ministers und auch Vogels Kontaktmann zur Staatssicherheit, gelangte der Befehl zu Generalmajor Siegfried Gehlert, dem Stasi-Bezirkschef von Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). Gehlert wurde fündig und schickte Volpert Fotos einer Holzschnitzarbeit, die er "beschafft" hatte.

"Der dargestellte 'Holzschlepper'", teilte der Bezirkschef in seinem Begleitschreiben mit, "stammt aus dem Schneeberger Forst, in der Nähe des Filzteichs". Die Schnitzerei, betonte der Stasi-General, werde "auch von Kennern (…) als außerordentlich wertvoll eingeschätzt", der Meister habe sie "aus einem Stück gefertigt". Die Figur, verriet Gehlert, sei "ein Ausstellungsstück aus dem Schneeberger Heimatmuseum".

So wurde Herbert Wehner, der 1990 starb, unwissentlich zum Nutznießer eines Kunstraubs der Stasi. Ausgerechnet der DDR-Geheimdienst, der den abtrünnigen Ex-Kommunisten Wehner nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die späten Sechzigerjahre mit Diffamierungskampagnen überzogen und sogar Mord- und Entführungspläne gegen ihn ausgeheckt hatte, war bei der Beschaffung von Honeckers Geburtstagsgeschenk behilflich gewesen.

Weihnachtskrippe für Helmut Schmidt

Als die in Dresden lebende Witwe Greta Wehner jetzt von dem Sachverhalt erfuhr, verfügte sie, dass die im Besitz der Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung befindliche Holzskulptur dem Schneeberger Heimatmuseum zurückgegeben wird. Dies geschieht im Rahmen einer Autorenlesung am 23. September im Schneeberger Kulturzentrum Goldne Sonne.

Auch Helmut Schmidt erhielt zweieinhalb Jahre später eine Schnitzarbeit aus dem Erzgebirge: Zum 65. Geburtstag des Altbundeskanzlers am 23. Dezember 1983 kam Wolfgang Vogel nach Hamburg und überreichte in Honeckers Auftrag eine Weihnachtskrippe mit handgefertigten Figuren. Wieder hatte der SED-Generalsekretär zuerst ein Kunstwerk aus Meißner Porzellan im Sinn gehabt, diesmal eine Karl-Marx-Büste. Aber die hatte ihm Vogel ausgeredet und eine der Jahreszeit angemessene Holzschnitzerei empfohlen.

Der Verdacht, dass die Weihnachtskrippe ebenfalls auf illegale Weise beschafft worden war, bestätigte sich allerdings nicht. Jedenfalls hatte der VEB Kunstgewerbe Venusberg der Stasi, die auch hier ihre Finger im Spiel hatte, eine Rechnung über 7691 Ost-Mark ausgestellt. Helmut Schmidt und seine Frau Loki schenkten die Krippe 1984 der evangelisch-lutherischen Zachäusgemeinde in Hamburg-Langenhorn, die sie seither jedes Jahr zur Advents- und Weihnachtszeit in ihrer Kirche aufbaut.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Günther Bräuning, 07.09.2014
1. Haha, der alte Honni,
hat der doch tatsächlich dem Pöbel-Herbert 'nen geklautes Geschenk zum 75. gegeben, der kleine Gauner. Na ja, das kommt in den besten Kreisen vor - und bei Politikern.
Andrew Kramer, 07.09.2014
2. gräuslich
Welch gräusliches Teil, das gut in eine biederdeutsche Kellerbar der 70er passen würde. Das kommt also heraus, wenn sich Minister und Offiziere um Geschenke bemühen. Gut geeignet nur zum Wiederverschenken. Wem hat es denn Wehner vermacht?
Michael Endter, 07.09.2014
3. Wem hat es denn Wehner vermacht?
Aufmerksamer lesen, Herr Krauss. Die Frage wird im Text beantwortet. Sie könnten mit dem Ergebnis zufrieden sein...
Günther Bräuning, 07.09.2014
4. Warum stehen hier unsere Namen und nicht Pseudonym?
Ist nicht schlimm, aber bitte ändern! Bitte beachten: Auf einestages können Hinweise nur unter Ihrem Klarnamen veröffentlicht werden. - sysop
Claus Rohde, 08.09.2014
5. Gänsehaut
Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter, bei Ihrem spannenden Bericht. Und wie geschah nun der eigentliche Raub, mit Strumpfmasken, besinnungslos erschossenen Museumswächtern, verdunkelter, gepanzerter Zweitakt-Trabant-Fluchtwagen?
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