Honeckers geheimer Atombunker Im Bauch des Kalten Krieges

Honeckers geheimer Atombunker: Im Bauch des Kalten Krieges Fotos
Hannes Hensel

Mehr als 84.000 Tonnen Stahlbeton versteckt in einem Wald bei Berlin: In einem unterirdischen Superbunker wollte DDR-Staatschef Erich Honecker mit 400 Getreuen einen Atomschlag überleben - zumindest für 14 Tage. Jetzt wird der Schutzbau ein letztes Mal für Besucher geöffnet. Von

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Inmitten von Seen und Waldgebieten nördlich von Berlin, zwischen dem Dorf Prenden und dem Bogensee, unweit der Autobahnabfahrt Lanke, liegt ein Refugium der etwas anderen Art. Unter mehr als 84.000 Tonnen Beton hätte hier vor 1989 SED-Chef Erich Honecker mit seinen engsten Getreuen im Krisenfall Zuflucht gesucht, wenn sich der Kalte Krieg zur atomaren Krise entwickelt hätte - unter fünf Metern Erdreich und weiteren vier Metern doppelt ausgeführter Betondecken in bis zu 24 Metern Tiefe.

Als rettender Fluchtpunkt bei einem Atomangriff sollte die Anlage mit der Tarnbezeichnung "Objekt 17/5001", 30 Kilometer Luftlinie vom ehemaligen Regierungszentrum der DDR in Ost-Berlin gelegen, dem obersten Entscheidungsgremium der DDR im Kriegsfall dienen: den Mitgliedern des Nationalen Verteidigungsrates (NVR), so gut wie alle Funktionäre des SED-Politbüros. 14 Tage hätte die SED-Elite in ihrem atombombensicheren Ausweichquartier maximal ausharren können - dann hätte sie, angetan mit Schutzkleidung und Atemmasken, den Bunker verlassen müssen. Mit gepanzerten Spezialfahrzeugen aus dem nahe gelegenen Garagenkomplex wären sie durch die atomare Wüste zum nächsten Flugplatz gefahren, um in Richtung Sowjetunion ausgeflogen zu werden.

Heute existieren aus der Zeit des Kalten Krieges nur noch wenige Relikte, die an die Vorbereitungen auf den nuklearen Ernstfall mit all ihren extremen Auswüchsen erinnern - der Honecker-Bunker bei Prenden ist sicherlich eines der bedeutendsten Denkmäler aus dieser Zeit. Friedlich ruhen die Reste des ehemaligen Kasernengeländes im Wald, die ehemaligen Postenwege sind nur noch vage in der Natur zu erkennen, und der ehemalige Zugangstunnel, der von einem gut 200 Meter entfernten Gebäude den verdeckten Zutritt zum Bunker ermöglichte, verläuft unsichtbar unter idyllischer Landschaft. Besser getarnt als heute, wo das Interesse der gegnerischen Luftaufklärung lange erloschen ist, war das damals hochgeheime Gelände vielleicht nie.

Wie Honecker dekontaminiert worden wäre

Der Bunker, ab 1978 in fünf Jahren Bauzeit fertiggestellt, gilt als das technisch beste Schutzbauwerk auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Hier war ab 1983 bis zum Mauerfall die "Ausweichführungsstelle" (AFüSt) des NVR rund um die Uhr mit einer Minimal-Mannschaft besetzt und wäre innerhalb kürzester Zeit voll einsatzfähig gewesen. Außer den knapp 20 NVR-Mitgliedern wären nur noch deren engste Mitarbeiter in den Bunker gezogen, dazu Spezialisten für Nachrichtenübermittlung und Chiffrierung sowie technisches Personal zum Betrieb des Bauwerks. Rund 400 Personen hätten darin 14 Tage lang völlig autark überleben können.

Das Vorgehen im Ernstfall war detailliert geplant. Die Besatzung wäre vor dem Atomschlag des Gegners schnellstmöglich in den Bunker gebracht worden. Für den Fall, dass dies nicht gelang und Schutzsuchende radioaktiver Strahlung ausgesetzt wurden, war im Bunker eine aufwendige Anlage zur Dekontamination installiert. Sie besteht aus zwei unabhängigen Einschleusungsbereichen mit anschließenden Bereichen zur Entgiftung. Um in das schützende Bauwerk zu kommen, musste zuerst eine Druckschleuse passiert werden, die den Überdruck im Inneren aufrechthielt. Es folgen ein Sammelraum und eine weitere Druckschleuse. Der ständige Überdruck hätte gewährleistet, dass im Falle eines Lecks keine chemischen oder biologischen Kampfstoffe ins Innere vorgedrungen wären. Die jeweils ersten Türen der Druckschleusen sind mehrere Tonnen schwere Drucktüren, welche auch der Druckwelle einer Kernwaffe standgehalten hätten.

Nach der Einschleusung wäre die Dekontamination betroffener Personen erfolgt. Nur die wichtigsten Dokumente und Gegenstände sollten in speziellen Vorrichtungen entseucht werden. Alles andere - auch die gesamte Bekleidung - wäre in Sammelbehältern gelandet. Dann wären Honecker und Konsorten nackt in eine der beiden chemischen Duschen getreten und hätten sich dort intensiv reinigen müssen. Tests und Messungen hätten anschließend den Erfolg der Entgiftung überprüft. Erst dann hätten die Politiker und ihre Begleitung durch zwei kleine Kammern, die eigentliche Luftschleuse des Bunkers, in das Innere des Bauwerks gelangt.

Die Wucht eines direkten Treffers

Um 400 Personen und der benötigten Technik Platz bieten zu können, wurde der Bunker auf einer 2,40 Meter dicken Bodenplatte von 66,3 Metern Länge und 48,9 Metern Breite errichtet. Von unten nach oben besteht der Bunker aus drei Stockwerken mit 4,8 Metern, 4,2 Metern beziehungsweise 3,9 Metern lichter Höhe, Zwischendecken von je 60 Zentimetern Stärke und einer 75 Zentimeter dicken Gebäudedecke. Darüber befindet sich ein knapp zwei Meter hoher, zu einem Drittel mit Sand gefüllter Zwischenraum, auf dem die sogenannte Zerschellschicht des Bunkers ruht. Sie ist bis zu 3,3 Meter stark und ragt an allen Seiten bis zu 20 Meter über die 1,65 Meter starken Außenwände hinaus.

Feindliche Raketen konnten so nur in einem relativ großen Abstand zu den Außenwänden detonieren und diese nicht ernsthaft beschädigen. Wäre die Zerschellschicht durch einen direkten Treffer gebrochen, hätte die Sandschicht darunter die Bruchstücke aufgefangen und die Gebäudedecke geschützt. Um die Wucht eines direkten Treffers abzufangen, sind über die Grundfläche des Bunkers vier Reihen mit je zehn massiven Stahlbetonsäulen von 2,4 mal 3,0 Meter Seitenlänge verteilt, zwischen denen der maximale Abstand 7,2 Meter beträgt. Sämtliche Einrichtungen wurden mit einem Mindestabstand von 40 Zentimetern um diese Säulen herumgebaut.

Die Bunkerbauer gingen davon aus, dass auch eine Atomwaffe mit einem Vielfachen der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe das Bauwerk nicht zerstört hätte - selbst wenn sie nicht weiter als 500 Meter vom Bunker entfernt detoniert wäre. Allerdings wäre der Bunker als Ganzes im Erdreich extremen Beschleunigungen ausgesetzt gewesen und hätte sich bis zu 40 Zentimeter verschoben. Aus diesem Grund wurden viele sensible Geräte auf federnd aufgehängten, frei schwingenden Plattformen montiert, um sie gegen Gebäudebewegungen zu schützen. Das größte dieser Tragwerke ist mehr als 500 Tonnen schwer, misst 25 mal 25 Meter Grundfläche, erstreckt sich über zwei Stockwerke und wurde wie alle Tragwerke mit Stahlseilen und Stickstoffdämpfern an der Decke aufgehängt.

Abschotten in Sekundenbruchteilen

In einem dieser Container, im dritten Untergeschoss gelegen, befindet sich der Kontrollraum des Bunkers. Der sogenannte Dispatcher beherbergt viele Kontrolltafeln und Steuerpulte, mit denen die Versorgung mit Wasser, Strom und Luft im unterirdischen Gebäude überwacht und geregelt werden konnte. Vor allem aber wurden hier die Betriebsweisen festgelegt. Normalerweise wurde der Bunker in der "Betriebsweise 1" betrieben, bei der alle Zugangstüren verschlossen waren und im Innern des Gebäudes ein höherer Luftdruck als außen erzeugt wurde, um das Eindringen von Gasen oder Schadstoffen zu verhindern. Die angesaugte Außenluft wurde nur leicht gefiltert, die Versorgung mit Strom und Wasser erfolgte von außen. Im Krisenfall wäre der Bunker dann in die "Betriebsweise 2" versetzt worden, bei der die Außenluft mit zwei hintereinander liegenden Filterbatterien aufwendig gesäubert wurde. Die Versorgung mit Wasser und Strom wäre so lange wie möglich von außen erfolgt.

Verschiedene Strahlungssensoren, Druckgeber und Messfühler im Außenbereich hätten im Falle eines Atomschlages oder des Einsatzes chemischer oder biologischer Waffen den Bunker in Sekundenbruchteilen in die "Betriebsweise 3" versetzt. Sofort wäre jegliche Zufuhr von Außenluft abgebrochen worden. Nur die Generatoren der Netzersatzanlage wären weiter mit verseuchter Außenluft betrieben worden, da eine Filterung der benötigten Luftmengen nicht möglich gewesen wäre. Allerdings musste die nach einem Atomschlag bis zu 1200 Grad Celsius heiße Außenluft erst mit Hilfe eines sogenannten Massekühlers heruntergekühlt werden - 384 Stahlrohre von zusammen 2,7 Kilometer Länge, die, in zwei hintereinander liegende Betonblöcke eingegossen, die durchströmende Luft auf ein für die Generatoren erträgliches Maß abgekühlt hätten.

Das Wasser für die Bunkerbesatzung wäre in "Betriebsweise 3" aus internen Speichertanks bezogen worden, der Wegfall des Stromnetzes durch fünf Dieselaggregate mit je 460 Kilowatt Leistung kompensiert worden. Für die kritische Phase zwischen Zusammenbruch der externen Stromversorgung und Erreichen der vollen Generatorenleistung stand ein batteriebetriebener Gleichstrommotor bereit, der seinerseits einen Wechselstromgenerator antrieb. Das DC-AC-Aggregat lief während des Betriebes rund um die Uhr im Leerlauf mit, um bei Netzausfall sofort die Stromversorgung zu übernehmen. Die Batteriepufferung hätte für rund fünf Minuten Energie geliefert, danach hätten die ständig vorgeheizten Dieselaggregate am Laufen sein müssen.

Leben ohne Frischluft

Frische Luft zum Atmen gab es in "Betriebsweise 3" ebenfalls nicht mehr. Alle lufttechnischen Anlagen wären im Umluftbetrieb gefahren worden, bei dem das überschüssige Kohlendioxid im Bunker durch das Aufstellen von Luftregenerierungsgeräten gebunden worden wäre. Diese sogenannten RDUs hätten das Kohlendioxid in Sauerstoff umgewandelt - allerdings unter starker Wärmeentwicklung, die die Bunkerbesatzung zusätzlich ins Schwitzen gebracht hätte. Für den angesichts des atomaren Fallouts lebenswichtigen Überdruck im Bunker mussten jetzt fünf große Drucklufttanks sorgen. Die allerdings reichten nur für 36 Stunden - dann hätte die Besatzung von "Betriebsweise 3" auf "Betriebsweise 2" zurückschalten und wieder Außenluft ansaugen und filtern müssen.

Wasser und Strom hätten allerdings weiterhin aus internen Reserven kommen müssen - in der atomaren Wüste außerhalb des Bunkers wäre davon nichts mehr zu finden gewesen. Sämtliche Vorräte im Bunker waren für 14 Tage ausgelegt, danach hätte der Schutzraum verlassen werden müssen. Die Planer gingen davon aus, dass die radioaktive Belastung der Außenwelt nach zwei Wochen soweit abgeklungen gewesen wäre, dass die Überlebenden den Bunker in Schutzkleidung hätten verlassen können.

Die meisten Einrichtungsgegenstände sind beim teilweisen Rückbau der Anlage 1993 entfernt worden, doch der Großteil der technischen Einrichtung ist noch vorhanden. Die Bundeswehr, die den Regierungsbunker von der NVA übernahm, fand für das Objekt 17/5001 keine sinnvolle Verwendung und entschied nach kurzer Betriebszeit, das Schutzbauwerk zu schließen und zu versiegeln. Nach neun Jahren Dornröschenschlaf wurde die Betonplombe durch Unbekannte illegal geöffnet, Abenteurer durchstöberten für einige Zeit den Komplex, auch Schrottdiebe und Vandalen fanden den Weg in den Bunker.

Ende 2003 schloss das Land Berlin einen Kooperationsvertrag mit dem Verein Berliner Bunker Netzwerk (BBN), der die Sicherung des Bauwerks übernahm und Honeckers Bunker vor weiteren Zerstörungen bewahren konnte. Seit 2005 erstellt der BBN eine aufwendige Dokumentation des Komplexes mit moderner dreidimensionaler Panoramafotografie, die Mitte 2008 abgeschlossen ist und bis 2010 öffentlich zur Verfügung stehen soll. Doch als Museum lässt sich der Bunkerbau nicht wirtschaftlich betreiben - Ende 2008 wird er darum wieder verschlossen und versiegelt. Von Anfang August bis Ende Oktober 2008 allerdings können Interessierte noch in die unheimliche Welt von Honeckers unterirdischem Atombunker eintauchen - bis dahin erlaubt das Land Berlin vom BBN organisierte Begehungen für Besucher.

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1.
Lena Ovan 17.06.2008
Warum ist es eigentlich laut der bunker5001.com Homepage nicht gestattet, selbst gemachte Fotos auf der Tour hinterher bei Flickr o.ä. Diensten auch anderen Nutzern zur Verfügung zu stellen?
2.
Gunther Schauerthin 17.06.2008
Damit die ebenfalls auf den Seiten dargestellten Mühen der exklusiven photographischen Arbeiten dem Herrn Hensel und seiner Crew reiche Früchte tragen mögen. Kommerz, nichts anderes. Und einestages gibt eine wunderbare kostenfreie Werbeplattform für die letztmalig möglichen "Bunkertouren" zu unschlagbaren Preisen (90 Minuten nur 20 Euro, 240 Minuten für 100 Euro).
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