Baumhausbauer Horace Burgess "Bei Noahs Arche waren die Leute auch skeptisch"

Baumhausbauer Horace Burgess: "Bei Noahs Arche waren die Leute auch skeptisch" Fotos
Paul Mashburn

Zehn Stockwerke hoch, mehr als tausend Quadratmeter groß, 14 Jahre Bauzeit: Einen Plan braucht Horace Burgess aus Tennessee für das wohl größte Baumhaus der Welt trotzdem nicht. Denn Gott ist Architekt und Auftraggeber. Nun wurde ihm das zum Verhängnis. Von Fabienne Hurst

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Als Gott zu ihm sprach, saß Horace Burgess gerade auf dem obersten Ast seiner Eiche. "Errichte mir ein Baumhaus", hörte er die Stimme sagen, "und ich sorge dafür, dass dir das Baumaterial nie ausgehen wird." Es war ein warmer Tag im Sommer 1993, der Landschaftsgärtner aus Crossville, Tennessee, hatte eine Zeit des Zweifelns hinter sich. Mit 43 Jahren hatte er das Gefühl in seinem Leben noch nichts Bleibendes geschaffen zu haben. Er besaß lediglich ein Grundstück mit ein paar Bäumen. Gottes Auftrag sollte das ändern. Noch wusste er allerdings nicht, in welchen Dimensionen der Allmächtige dachte.

"Hätte ich gewusst, um welche Maßstäbe es ging, hätte ich ihn runtergehandelt", scherzt er im Gespräch mit einestages. Es wurde das wohl größte Baumhaus der Welt: zehn Stockwerke und 30 Meter hoch. Dabei hatte der Mann mit den stahlblauen Augen von Statik anfangs keine Ahnung. "Allein Gott gab mir Anweisungen, wie ich die Bretter zusammenbauen sollte." Ein Bauplan? Überflüssig. Für ihn war es eine Kooperation mit Gott: "Es war wie bei Noah und der Arche", dem Urvater, der auf göttlichen Hinweis hin ein gigantisches Schiff baute, um der Sintflut zu entgehen. Auch Horace wurde durch den Auftrag des Herrn gerettet.

Vom Partykönig zum Priester

Noah war laut Bibel "ein frommer Mann und ohne Tadel und führte ein göttliches Leben zu seinen Zeiten" - Horace Burgess mochte Partys, Drinks und schöne Frauen. Als einer der letzten Amerikaner aus dem Vietnam-Krieg heimgekehrt, verbrachte er die späten Siebziger in einer selbstgebauten Baumhütte, dem "Partyhaus", in dem es nie an Alkohol und Drogen mangelte. "Im Prinzip war der Krieg eine Entschuldigung, neun Jahre zu sinnlos zu verschwenden." Horace irrte umher - bis Gott sich das erste Mal bei ihm meldete.

In einer Erscheinung forderte der Allmächtige Horace auf, seine Partylaube niederzubrennen. Er befolgte Gottes Rat und begann, obwohl er bis dato kaum lesen und schreiben konnte, die Bibel zu studieren. Gott kam immer näher, fast ein bisschen zu nah: "Ich wollte mein Leben ändern. Aber Gott wollte mich gleich zu einem Priester machen und ich mochte Priester nicht sonderlich." Horace suchte sich selbst, zog durch die Südstaaten und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. "Ich dachte, ich könnte vor Gott davonrennen - aber Gott ist schnell."

Horace lernte seine Frau Julia kennen, wurde sesshaft, kaufte ein Stück Land am Rande der beschaulichen Kleinstadt Crossville. Aus alten Bauresten zimmerte er eine 26 Meter hohe "Treppe ins Nichts", dicht neben der riesigen Eiche auf seinem Grundstück. Er kletterte oft auf die Äste des hohen Baumes um zu beten, nachzudenken.

Gottes Gartenlaube

14 Jahre später sind die Eiche mit ihrem vier Meter dicken Stamm und sechs weitere Bäume unter einer wilden Konstruktion aus Sperrholzbrettern verschwunden. Die Besucher nennen das Riesenbaumhaus "Horace's Cathedral". Wie ein Kirchturm ragt die Spitze aus den Wipfeln der rauschenden Laubbäume. Das Haus verschmilzt regelrecht mit den sieben Bäumen, die durch die zehn Stockwerke hindurchwachsen. 98 Treppenstufen winden sich um das Bauwerk, fast alle führen zu seinem Mittelpunkt: der Kapelle. Neben Altar, massiven Kirchenbänken und einem Holzkreuz findet man hier einen Basketballkorb, auf korrekter Höhe an einer Holzwand angebracht. Aus dem vierten Stockwerk baumelt eine Riesenschaukel, auf ein Eisreklameschild hat jemand die zehn Gebote geschrieben. Wenn eine Kirche als Gotteshaus bezeichnet wird, dann ist das hier Gottes Gartenlaube.

Ein Fundament gibt es nicht. Wie durch ein Wunder hat die Konstruktion trotzdem mehrere Tornados überlebt, die in den letzten Jahren durch die Südstaaten fegten. Für Horace war es Gottes schützende Hand. Unter dem Dach seiner Kathedrale hängen in einem improvisierten Glockenstuhl acht leere, aufgeschnittene Sauerstoffflaschen, die er sonntags zum Gottesdienst läutete. Trotz früherer Bedenken ließ sich Burgess im Laufe der himmlischen Zusammenarbeit schließlich doch zum Priester weihen.

Nicht nur Gläubige zieht es nach Crossville: Rund tausend Touristen aus der ganzen Welt besuchten das Baumhaus jede Woche, zwanzig Jahre lang. Mit Taschenmessern und dicken Filzstiften verewigten sie sich in den Holzwänden. Burgess entfernte nur die Schimpfwörter. Nachbarn und Freunde schüttelten den Kopf, als sie sahen, wie viel Zeit, Geld und Träumerei in dem Projekt steckte. "Viele meinten, ich hätte zu viele Drogen genommen, als ich jung war." Ihn ließ das kalt. "Da ist bestimmt etwas dran - aber als Noah Gottes Auftrag befolgte, waren die Leute auch skeptisch."

Gott kennt keinen Brandschutz

Sein Gottvertrauen wurde Horace im vergangenen Sommer zum Verhängnis. In seinen Visionen hatte der Herr weder von Notausgängen noch von Feuerlöschern gesprochen. Das fiel einem pensionierten Ingenieur aus Texas auf, als er bei seinem Ausflug nach Crossville das Haus besichtigte. Er beklagte sich bei der örtlichen Brandschutzbehörde. Wenig später standen die Beamten bei Horace vor der Tür und verriegelten das Eingangstor zu seinem geliebten Bauwerk.

"Horace's Cathedral" sei eine Touristenattraktion geworden, befand die Behörde. Der 63-Jährige habe zwar nie Werbung für sein Ausflugsziel gemacht, jedoch Filzstifte und Souvenirs verkauft und Spenden für die Instandhaltung angenommen. Deshalb gelten für das Baumhaus die offiziellen Brandschutzbestimmungen. Die verletzt es in zahlreichen Punkten: Der Bau ist acht Stockwerke zu hoch, hat keinen eingetragenen professionellen Bauherrn, seine Stabilität ist fraglich, es fehlen Treppenstufen und Leitersprossen sowie ein Brandschutzsystem.

Für Horace brach eine Welt zusammen. "Es war, als ob mich jemand ins Gesicht geschlagen hätte." Das Gespräch stockt kurz, er muss die Tränen zurückhalten. "Ich habe das Baumhaus für Gottes Kinder gebaut, jetzt kommt niemand mehr." Nun überlegt er, wie er aus dem Dilemma herauskommt. Denn sein Bauauftrag ist noch lange nicht erfüllt. Damals, auf dem Ast der Weißeiche, habe Gott nämlich eine Zisterne, ein Wasserfiltersystem, Stromversorgung, Heizung und einen Aufzug erwähnt. "Das muss alles noch fertiggestellt werden", sagt Horace. "Vorher komme ich nicht zur Ruhe."

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insgesamt 13 Beiträge
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1.
Werner Seyfried 11.01.2013
er hätte halt einen Flughafen bauen sollen, planlos, jahrelang, ohne Brandschutz....
2.
mattih isbilier 12.01.2013
das ist doch kein baumhaus mehr...wenn ich schon lese:300.000 nägel in die bäume geschlagen...baumhaus bedeutet für mich nicht,bäume zu zerstören und unkenntlich zu machen.
3.
vorname nachname 11.01.2013
sehr naheliegend ... und sehr, sehr lustig :-)
4.
Christoph Kadner 11.01.2013
Ganz egal, ob's nun Gottes Auftrag oder eine Spinnerei ist ... ich finde es faszinierend, wie er konsequent seinen Ideen und Visionen Taten folgen lässt. Er lebt seinen Traum! Sei es ihm gegönnt!
5.
Dirk Haar 11.01.2013
Bei allem Respekt und Bedauern, der Typ leidet eindeutig an gefährlich religiösem Wahn: "ich dachte, ich könnte vor Gott davonrennen" ...
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