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Horrorkindheit in Australien "Wir brauchen euch zum Erhalt der weißen Rasse"

Horrorkindheit in Australien: "Wir brauchen euch zum Erhalt der weißen Rasse" Fotos
Getty Images

Rund 7000 britische Kinder aus sozial schwachen Familien wurden zwischen 1930 und 1967 nach Australien verschifft und dort in Horrorheime gesteckt. Die Briten wollten Sozialfälle loswerden, die Australier freuten sich über weiße Neuankömmlinge. Den Kindern wurde erzählt, es ginge auf Abenteuerurlaub. Von

Wenn die Kinder ihre Betten eingenässt hatten, wurden ihnen zur Strafe die Gesichter blutig gescheuert. Zur Strafe mussten sie ihre Füße in kochendes Wasser stellen, ihr Erbrochenes und ihren Kot vom Boden auflecken. Sie wurden unter der Treppe eingesperrt und bekamen Essensreste hingeworfen wie Tiere. An Weihnachten mussten sie ihre Geschenke nach vier Stunden wieder abgeben.

Sie wurden vergewaltigt, geschwängert, gefoltert. Als billige Arbeitskräfte eingesetzt und gedemütigt, jahrzehntelang, in den staatlichen und kirchlichen Waisenhäusern, Heimen, Schulen oder bei sogenannten Pflegeeltern; irgendwo in Australien. Wenn sie Glück hatten, durften sie ihren Namen behalten, aber oft bekamen sie nur eine Nummer: 23, 56, 2 - Anne, John, Frank.

Drei von rund 7000 britischen Kindern, die von 1920 bis 1967 von speziellen Agenturen von Großbritannien auf den Fünften Kontinent verfrachtet worden waren. Oft ohne Einwilligung der Eltern hatte man die meist aus ärmlichen, zerrütteten Verhältnissen stammenden Kinder verschifft, ein "besseres Leben" stellte man ihnen in Aussicht - tatsächlich begann für sie nach Ankunft in Down Under die Hölle auf Erden.

Prügel mit dem Hockeyschläger

Für Ron Simpson aus einem Kaff bei Newcastle begann das Martyrium 1938, mit der Ankunft in der Fairbridge Farm School in Molong im australischen Bundesstaat New South Wales: "Ich war in der Küche, als mein Chef mich in die Toilette schubste und sich dort an mir verging", berichtete er Jahrzehnte später dem Londoner "Telegraph". Als er eines Morgens verschlafen hatte, prügelten die Erzieher ihn mit einem Hockeyschläger windelweich. Von den Schlägen hat sich seine Wirbelsäule bis heute nicht erholt.

Auch Caroline Carroll ging durch diese Hölle. Schon mit 14 Monaten hatte man sie von ihren Eltern und den sieben Geschwistern getrennt. Man reichte sie in sechs verschiedenen Institutionen herum, jedes Mal bekam sie einen neuen Namen oder auch nur eine Nummer. Nachts riss man sie aus dem Schlaf, um sie wieder in ein neues Heim zu stecken.

Die perversen Spielarten von Missbrauch, Vernachlässigung, Strafe - mit ihrem siebten Geburtstag kannte Caroline sie alle längst. Ihre Pflegeeltern, beide Alkoholiker, hatten versucht, sie im Bad zu ertränken, hatten sie körperlich gezüchtigt, vergewaltigt. "Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals gestreichelt, geliebt, gemocht worden zu sein", sagt sie dem "Sydney Morning Herald".

"Guter weißer Bestand"

Mit neun Jahren musste sie ihre erste gynäkologische Untersuchung über sich ergehen lassen. Als Hure, "die die Beine für alle breit macht", habe die Ärztin sie beschimpft, Caroline schrie vor Schmerz. Mit 15 Jahren setzte sie man dann auf die Straße - nun sollte sie alleine klarkommen. Kurz davor traf sie einen ihrer Brüder, lernte ihre Eltern kennen. "Ich musste Hallo zu ihnen sagen, sie küssen und mit ihnen im Garten sitzen, für mich waren sie völlig fremd", erinnert sie sich.

John Hennessy war zehn Jahre alt, als er 1947 gemeinsam mit 146 anderen britischen Kindern von Bristol im Westen Englands nach Australien verschifft wurde. "Willkommen in Australien, wir brauchen euch zum Erhalt der weißen Rasse", habe ihnen der Erzbischof von Perth damals zugerufen, erzählt er Jahrzehnte nach seinem Leidensweg dem "Independent". Man steckte Hennessy in ein Heim der "Christlichen Brüder", wo er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten musste. Die Kinder seien geschlagen und ausgepeitscht worden wie die Sklaven, berichtet der ältere Herr.

In den Augen der australischen Regierung, die all dies duldete, waren die "vergessenen Kinder" billige Arbeitskräfte und formbare Immigranten aus "gutem weißen Bestand". Die Briten waren vor allem froh, teure Sozialfälle los zu sein. Den Eltern erzählte man, die Kinder würden adoptiert, den Kindern wurde weisgemacht, es gehe auf Abenteuerreise. Vielen wurde später vorgelogen, sie müssten bleiben, weil ihre Eltern gestorben seien. Erst 1967 endete dieser teils staatlich geduldete Kindesraub.

"Dies ist eine hässliche Geschichte"

Als erste entschuldigte sich die römisch-katholische Kirche in Australien im Jahr 2001 bei den "vergessenen Kindern". Nun hat der australische Regierungschef Kevin Rudd nachgezogen, das "Sorry" des britischen Premiers Gordon Brown steht noch aus. "Dies ist eine hässliche Geschichte", sagte Rudd am Montag vor rund Tausend überlebenden Opfern in Australiens Hauptstadt Canberra und meinte damit nicht nur das Martyrium der rund 7000 Kinder, die aus England ans andere Ende der Welt entführt worden waren, sondern auch das jener insgesamt 500.000 Kinder, die von 1930 bis 1970 in australischen Kinderheimen und Waisenhäusern misshandelt worden waren.

Ob die späte Abbitte den heute erwachsenen Opfern noch hilft? Caroline Carroll, heute Präsidentin der "Alliance of the Forgotten Australians", ist Großmutter und lebt mit dem Trauma. "Ja, ich bin voller Hoffnung, dass diese Entschuldigung heilsam sein wird für viele, viele Menschen", sagt sie. Für Hunderte unter den "vergessenen Australiern" indes kam die offizielle Reue zu spät. Sie nahmen sich das Leben - unfähig, den Horror ihrer Kindheit mit sich heruherumzutragen.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Paul R. Woods, 18.11.2009
1) Gestern berichteten Volkskrant (Niederlande) und die Frankfurter Rundschau von 150.000 britischen Kindern, die nach Australien deportiert wurden. Das ist deutlich höher als die Zahl 7.000 in Ihrem Bericht. Diese Kinder, egal wieviele es wirklich waren, erlebten zumeist die Hölle mit Zwangsarbeit, Erniedrigung und sexueller Ausbeutung, vielfach in religiös geprägten Einrichtungen. Hierfür entschuldigte sich der australische Premierminister. 2) Hundertausende Kinder und Jugendliche erlebten in Deutschland ebenfalls die Hölle mit Zwangsarbeit, Erniedrigung und sexueller Ausbeutung, vielfach in religiös geprägten Einrichtungen. Außer dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages scheint das keinen Politiker groß zu interessieren. Von Entschuldigung weit und breit keine Spur.
2.
Patrick Graf, 18.11.2009
In anderen Quellen findet sich der Hinweis auf 150.000 Kinder zwischen 1920 und 1967. (z.B. Frankfurter Rundschau) Kommentare sprechen gar von 500.000...
3.
Peter Hübeler, 19.11.2009
Man sollte meinen, dass eine Entschuldigung der ehemaligen Täter reicht. Dennnoch vergisst man ganz schnell. Nach wie vor werden auch heute noch mit Hilfe mafiöser Struckturen innerhalb von Mitarbeitern einzelner Jugendämter die zusätzlich Unterstützung des Kinderschutzbundes erhalten, mit Höchstricherlicher Hilfe Kinder in Heime deportiert, zu Kinderarbeit gezwungen, und absichtlich ihren Familien verfremdet. Die angesprochenen Medien halten sich aus welchen Gründen auch immer zurück. Ein Bericht deportierter Kinder in der heutigen Zeit scheint keinen zu interessieren. Da sind die Berichte der Erlebnisse von heute erwachsenen Kindern, bei denen man sich für die Vergangenheit entschuldigt hat, risikolos zu veröffentlichen. Es hat schon seine Bedeutung was Paul R. Woods in seinenem Absatz 2 berichtet. Nur er hat vergessen mitzuteilen, dass nach wie vor Kinderdeportationen durchgeführt werden die der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht werden.
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