Horst Herold, "Kommissar Computer" Der "letzte Gefangene der RAF" wird 95

Er erfand die Rasterfahndung und jagte als Chef des Bundeskriminalamts vor 40 Jahren erfolgreich Terroristen. Als Pensionär musste Horst Herold kaserniert leben - hinter Stacheldraht in einer "Lehmgrube".

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Der letzte Eintrag in Hanns Martin Schleyers Terminkalender lautete: "Herold anrufen". Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände war vor einem Anschlag der Rote Armee Fraktion (RAF) gewarnt worden. Doch Horst Herold, Chef des Bundeskriminalamts (BKA), konnte Schleyer nicht mehr helfen.

Am Abend des 5. September 1977 wurde Schleyer in Köln überfallen und gekidnappt, Terroristen erschossen seinen Fahrer und drei Personenschützer der Polizei. Von einem unbekannten Ort aus schickten die Entführer erst ein Foto, später Videos ihrer Geisel an die Bundesregierung. Sie forderten die Freilassung der in Stuttgart-Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe sowie acht weiterer RAF-Mitglieder.

Mit diesem Tag begann der sogenannte Deutsche Herbst. Fortan stand Horst Herold auch öffentlich im Zentrum des Antiterrorkampfes. In den Fernsehnachrichten sah man ständig den bulligen Mann mit der dicken Hornbrille und dem entschlossenen Gesichtsausdruck. Bundeskanzler Helmut Schmidt leitete die Krisenstabsitzungen - aber Herold bestimmte die Taktik. Er war, wie ein Krisenstäbler fand, "das nächste zu einem Alleinherrscher, was diese Republik je erlebt hat"; der BKA-Chef dirigierte Grenzschutz und Geheimdienste, Polizei und Politiker.

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Horst Herold: Rasterfahnder, Visionär und Kriminalphilosoph

Fieberhaft ließ Herold nach Schleyers Aufenthaltsort suchen - per "Rasterfahndung", die er erfunden hatte. Ihm war klar, wo Schleyer versteckt sein musste: in einem anonymen, autobahnnahen Wohnblock bei Köln, in einer Wohnung, für die Miete und Strom bar bezahlt wurden, weil die Illegalen nicht von Konto zu Konto überweisen konnten.

Genau so war es. Schleyer befand sich in einem Hochhaus-Appartement in Erftstadt-Liblar. Ein Ortspolizist, der Verdacht schöpfte, schickte ein Fernschreiben mit diesem Tipp. Doch bei der RAF-Sonderkommission in Köln ging die Nachricht verloren. Sie befand sich nicht unter den 70.000 Hinweisen, die Herold von Computern auswerten ließ.

Ziel: vor dem Täter am Tatort sein

"Ein Triumph größten Ausmaßes war in Sicht", grämte sich Herold - ohne die menschliche Panne hätte Schleyer befreit werden können. Stattdessen erlebte er sein Waterloo. Am 18. Oktober 1977 wurde die Leiche des Arbeitgeberpräsidenten im Kofferraum eines Autos im Elsass gefunden. Kurz zuvor hatte die Spezialeinheit GSG 9 in Mogadischu das von arabischen RAF-Gesinnungsfreunden entführte Flugzeug "Landshut" gestürmt; daraufhin nahmen die Stammheimer Häftlinge sich das Leben.

Heute ist die sekundenschnelle Verknüpfung aller nur greifbaren Dateien gängige Praxis, etwa im Kampf gegen den islamistischen Terror. Damals war der Visionär Herold seiner Zeit um Jahrzehnte voraus.

An die überragenden Möglichkeiten der Datenverarbeitung glaubte Herold schon als Nürnberger Polizeipräsident, als er mit seinem Konzept der "Kriminalgeografie" in den späten Sechzigerjahren Erfolge feierte. Die Nürnberger Polizei fütterte die noch zimmergroßen Rechner laufend mit Daten von Verbrechen. Die Computer werteten die Informationen automatisch aus, errechneten statistische Verbrechens-Wahrscheinlichkeiten, leiteten daraus täglich aktualisierte Einsatzpläne ab. So könne die Polizei schon "vor dem Täter am Tatort" sein, beschrieb Herold sein Ziel.

SPIEGEL-Redakteur Michael Sontheimer über den "Deutschen Herbst" 1977:

DER SPIEGEL

Eigentlich war Herold, geboren 1923 im thüringischen Sonneberg, wegen schwerer Kriegsverletzungen untauglich für den Polizeidienst. Aber die amtsärztliche Untersuchung wurde vergessen, als der promovierte Jurist der Tätigkeit eines Richters und Staatsanwalts überdrüssig war und 1964 als Kripochef in Nürnberg einstieg.

1971 wurde der Sozialdemokrat zum BKA-Präsidenten berufen. Er verwandelte die bis dahin kompetenzarme, desorganisierte Behörde umgehend in eine effiziente Mischung aus Thinktank und Datenbank. Er schuf das elektronische Polizei-Informationssystem Inpol und forcierte den Ausbau des weltweit einzigartigen kriminaltechnischen BKA-Instituts. Die wissenschaftliche Analyse von Tatortspuren sollte der Justiz objektive Urteile ermöglichen, ungetrübt von fehlbaren Zeugenerinnerungen.

"Ich bringe sie dir alle"

Herolds "beobachtende Fahndung" ermöglichte es, Kontaktpersonen von Tatverdächtigen zu speichern. Sie ergab im Frühjahr 1977, dass Christian Klar, Knut Folkerts und andere aus dem RAF-Umfeld in den Untergrund abgetaucht waren. Dem Generalbundesanwalt Siegfried Buback sagte Herold Anfang April 1977 voraus: "Das sind unsere künftigen Mörder." Nur ein paar Tage später wurde Buback in seinem Dienstwagen erschossen. Klar und Folkerts wurden später als Buback-Mörder verurteilt.

"Erstmals", sinnierte Herold, "kannten die Sicherheitsbehörden die mutmaßlichen Täter vor der Tat; aber die Chance, die Täter vorher zu ergreifen, ließ sich nicht realisieren." Eine Öffentlichkeitsfahndung hatte gegen den Willen Herolds und Bubacks eingestellt werden müssen.

An Bubacks Grab schwor Herold: "Ich bringe sie dir alle" - und erfüllte sein Gelübde zu einem Gutteil: Rund 300 "höchstgefährliche Terroristen", addierte er, kamen in seiner Amtszeit "unter kräftiger Mitwirkung des BKA" hinter Gitter.

In der Öffentlichkeit entstand das Bild eines knallharten Sheriffs. Tatsächlich war Herold ein nachdenklicher Kriminalphilosoph. Er hatte Karl Marx studiert und sinniert, wie Extremismus entsteht. Er versetzte sich in die Köpfe der Terroristen, indem er ihre Schriften analysierte. Daraus destillierte "Kommissar Computer" seine Methoden. Kurz vor dem Orwell-Jahr 1984 machten sich in Deutschland jedoch Technikverachtung und Datenschutz-Hysterie breit. Herold wurde zum Schreckgespenst des Überwachungsstaats, geschmäht als datensüchtiger Doktor Mabuse der Polizei.

Kollision mit dem Innenminister

Die Rasterfahndung, Reizwort der Epoche, sei zu Unrecht diskreditiert worden, klagte er immer wieder. Bei der "negativen Rasterfahndung" lösche die Polizei aus den Dateien alle Personen, die als Täter nicht in Betracht kommen. In einem SPIEGEL-Gespräch 1986, seinem letzten großen Interview, versicherte Herold, das schütze "Unschuldige in geradezu idealer Weise". Deren Namen würden "den Blicken der Polizei entzogen", eine "bessere Form des Datenschutzes" könne es "eigentlich nicht geben".

Praktiziert wurde das Verfahren unter Herolds Ägide ein einziges Mal. Um im Raum Frankfurt abgetauchten RAF-Mitgliedern auf die Spur zu kommen, löschten Polizeicomputer im Februar 1979 aus rund 18.000 barzahlenden Stromkunden alle Personen heraus, die in anderen Registern unter ihren richtigen Namen gespeichert waren. Übrig blieben nur zwei Falschnamen: der eines Drogenhändlers und der eines gesuchten Terroristen - Rolf Heißler wurde kurz darauf festgenommen.

Nach Herolds Überzeugung ist die Polizei verpflichtet, die Grundrechte der Bürger zu garantieren und mögliche Gefahren abzuwenden. Er wollte "ständig wie ein Arzt (...) den Puls der Gesellschaft fühlen", um Verbrechen zu verhindern. Computer sollten dabei helfen, aber so programmiert werden, dass die Privatsphäre Unschuldiger nicht angetastet wird.

Herold war "ohne Zweifel der ingeniöseste und intelligenteste Kriminologe seiner Zeit", urteilt seine Biografin Dorothea Hauser. Doch das Verhältnis zu Gerhart Baum (FDP), Innenminister ab 1978, verschlechterte sich rapide. Baum wollte sich gegen den computerbegeisterten BKA-Chef als Hüter der Bürgerrechte profilieren.

Als Herold ihn von der Idee eines "digitalen Integrierten Breitband-Sondernetzes der Polizei für Sprache, Bild, Daten" zu überzeugen versuchte, rief der Minister aus: "Ich begreife nicht, was Sie damit wollen, ich begreife es einfach nicht" - und verließ nach fünf Minuten den Saal. Herold plante eine Art Intranet, das jedem Polizisten erstmals Zugriff auf die Datenbestände und direkte Kommunikation ermöglicht hätte.

Umzug von "mein Stammheim" in die "Lehmgrube"

Entnervt beantragte Herold nach einer Herzattacke im September 1980 seine vorzeitige Pensionierung. Seine Dienstwohnung auf dem Dach der Wiesbadener BKA-Betonburg, die Herold selten verlassen hatte und die er "mein Stammheim" nannte, musste er nach seiner Verabschiedung im März 1981 umgehend für seinen Nachfolger räumen.

Aber wohin sollte er, die meistgefährdete Person der Republik, gehen? Sein Haus in Nürnberg zu bewachen sah sich der Staat außerstande. Herolds Vorschlag, in den USA mit neuer Identität zu leben, lehnten die Bonner Bürokraten aus formalen Gründen ab. Schließlich musste er dem Staat ein Grundstück auf dem Gelände einer Bundesgrenzschutzkaserne in Rosenheim abkaufen, wo er sich ein Fertighaus errichten ließ.

Hier versteckte Herold sich vor der Öffentlichkeit. In seinem Arbeitszimmer im Keller schrieb er weiterhin eifrig Aufsätze. Kamen Besucher, war er ein humorvoller Gesprächspartner und liebenswürdiger Gastgeber, bewirtete sie mit Weißwürsten, Weißbier und Brezeln.

Herold nannte das von einem Erdwall umgebene Areal seine "Lehmgrube", erst nach Jahren wurde das Bollwerk planiert. Hinter Schlagbäumen und Stacheldraht fühlte er sich als "der letzte Gefangene der RAF". Selbst wenn er in seinem gepanzerten Mercedes einen Ausflug in einen nahen Biergarten unternahm, musste die Fahrt bei der Wache angemeldet und Begleitschutz in einem zweiten Wagen angefordert werden.

Aufopferungsvoll pflegte er seine Frau bis zu ihrem Tod im vorigen Jahr. Danach verließ er sein Kasernengefängnis und kehrte nach Nürnberg zurück. Dort begeht Horst Herold am 21. Oktober seinen 95. Geburtstag.

Zum Autor
  • privat
    Norbert F. Pötzl traf sich für sein SPIEGEL-Buch "Total unter Kontrolle. Computerausweis, Volkszählung, Verkabelung" (1985) mehrmals in Rosenheim mit Horst Herold und lernte ihn als nachdenklichen Datenschutzexperten statt als Computerfetischisten kennen. 1986 führte er zusammen mit SPIEGEL-Redakteur Manfred W. Hentschel ein langes SPIEGEL-Gespräch mit Herold über Terroristen und Computerfahndung (SPIEGEL 37/1986).
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Seite 1
Richard Sassenberger, 19.10.2018
1. Rauswurf durch Baum
Andere Quellen sagen, dass Herold mr oder weniger vom Innenminsiter Herrn Baum (FDP), der ja heute noch gern in Talkshows sitzt rausgeworfen wurde und dieser ihm den Personenschutz verwehrte. Auch musste er die Kosten für das Haus selbst bezahlen. Toller Dank und toller Staat. Der grüne Christian Ströbele hat mal 10 Monate Gefangnis bekommen, weil er die RAF unterstützte.
Christian Förster, 19.10.2018
2. Beschämend
dass jemand, der sich durch seine Arbeit für den Staat in lebenslängliche Lebensgefahr gebracht hat, diesem das Grundstück auf dem Kasernengelände auch noch abkaufen musste. Am Ende zahlt er auch noch für den "Sicherheitsdienst"
Kristian Koch, 19.10.2018
3. Hier wäre eine weitere Unterstützung sinnvoll.
Insbesondere bei der Masse an ehemaligen bzw. inaktiven RAF-Netzwerken. Das die RAF Supporter ihr hässliches Haupt erheben kommt ja unlängst leider öfter mal vor. Das hier war pure Willkür eines Digitalen Analphabeten (Der Satz:"Ich begreife nicht, was Sie damit wollen, ich begreife es einfach nicht" spricht völlig für sich)
Ulrich Hege, 19.10.2018
4. merci
Ein würdevoller Artikel für jemanden, der von seinem Land sehr würdelos behandelt wurde. Danke.
Gerd Diederichs, 20.10.2018
5. Ein Visionär und Genie in der Informationstechnologie
Kein Wunder, daß der Jurist Baum ihm nicht folgen konnte, auch wenn er etwa zehn Jahre jünger war. Inwieweit Herold sich auch der "informationellen Selbstbestimmung" der Bürger verpflichtet fühlte - dazu war seinerzeit in der Öffentlichkeit wenig bekannt. Man ist also auf Spekulationen angewiesen. Eins ist allerdings nicht zu bestreiten: Die Möglichkeiten der EDV waren damals im Vergleich zu dem, was wir heute als "natürlich gegeben" akzeptieren, noch äußerst beschränkt. Umso bewundernswerter ist es, daß Herold sich so etwas wie eine Rasterfahndung mit den damaligen Möglichkeiten vorstellen konnte und auch tatsächlich - in vergleichsweise bescheidenem Umfang - realisierte. Tatsächliche Ergbnissen ("Zählbares") waren aber eher die Ausnahme - mit den Resultaten von Facebook, Google oder der NSA heutzutage auch nicht annähernd zu vergleichen - so etwas war damals Science Fiction - buchstäblich ("1984"). Ich würde Herold gerne dazu befragen, wie er den heute üblichen Umgang mit Informationen beurteilt. Dabei würde es mich auch interessieren, was er dazu sagt, daß Polizei und Innenminister heute routinemäßig mehr Rechte fordern, Bürgerdaten zu sammeln und auszuwerten, während regelmäßig Fälle bekannt werden, wo die bereits legal existierenden Daten nicht korrekt ausgewertet werden und so Täter (oder auch "Gefährder" - welch eine juristische Gedankenruine!) durch das Raster entschlüpfen. Baum hingegen - einer der wenigen Politiker, für die ich eine Menge Respekt habe - hätte besser daran getan, Herold nicht abzusägen, sondern ihm einen Datenschutzbeauftragten an die Seite zu stellen.
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