Hotelenteignungen in Oberhof Rauswurf aus dem Paradies

Hotelenteignungen in Oberhof: Rauswurf aus dem Paradies Fotos
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Marlene Dietrich lief in Oberhof Ski, die Welt der Reichen spielte dort Golf. Doch die DDR-Führung wollte kein "St. Moritz des Ostens" - sie wollte einen Arbeiter- und Bauern-Kurort: 1950 enteignete die Staatsmacht in einer Blitzaktion private Hotels und Pensionen - und machte die Besitzer zu Aussätzigen. Von

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Auf der Kammlage des Thüringer Waldes ist es dunkel, Nebel umhüllt am späten Nachmittag das Ortsschild von Oberhof. In 800 Metern Höhe ragen Fassaden schemenhaft in den grauen Dunstschleier, der über dem Ort liegt. Viele Häuser tragen klangvolle Namen: Edelweiß, Germania, Heiderose, Schweizerhof, Morgensonne, Silberblick, Quisisana. Sie alle gehören zu den 75 privaten Hotels und Pensionen in der Gemeinde am Rennsteig.

Noch. Denn an diesem Tag Mitte November 1950 sitzen hinter den Gardinen viele Hotel- und Pensionsbesitzer sowie Verwandte oder Mitarbeiter auf gepackten Koffern und warten darauf, abgeholt zu werden. Bis 16 Uhr hatten sie Zeit, Persönliches zusammenzupacken sowie ein paar Möbel bereitzustellen. Viele, die geahnt hatten, welches Schicksal ihnen bevorstand, waren bei Nacht und Nebel noch aus der DDR in die Bundesrepublik geflohen und hatten ihre Häuser schweren Herzens im Stich gelassen. Die anderen hoffen immer noch, dass sich der Irrtum aufklärt.

Aber es ist kein Irrtum. Denn wenig später heißt es im schneidigen Befehlston "aufladen" und "einsteigen". Die Autos, Lastkraftwagen sowie etliche Möbelwagen, setzen sich in Bewegung. In den meisten Fällen endet die Fahrt weitab vom Heimatort vor einer heruntergekommenen Wohnung, einer Notunterkunft, die zum Dauerquartier werden soll.

Es ist der Beginn einer schrecklichen Enteignungswelle in der DDR, in Oberhof wiederholt sich die Aktion bis Februar 1951 noch zweimal. Angeordnet wurde sie vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Walter Ulbricht, geplant von der Thüringer Landesregierung und ausgeführt von der Staatsgewalt. Am Ende ist nahezu der gesamte Tourismus in Oberhof verstaatlicht und in Volkseigentum überführt. Viele der Betroffenen sehen ihren Heimatort lange Zeit, andere, zumeist Ältere, gar nicht wieder.

Kurort der Eliten

Der höchstgelegene Luftkurort der Region hatte bereits zur Kaiserzeit jährlich zwanzigmal so viele Besucher wie Einwohner. Seit 1861 kamen Jahr für Jahr Gäste aus ganz Deutschland, um Wintersport zu treiben. Oberhof wurde als Luftkurort berühmt, spätestens als 1906 eine Bobbahn und eine Skisprunganlage gebaut wurden. 1931 richteten Bobfahrer und Nordische Kombinierer erstmals hier ihre Weltmeisterschaften aus.

Nicht weniger anziehend war zur warmen Jahreszeit das Golfspiel auf dem 1908 eingeweihten Platz, der bald zur ersten Adresse in Europa wurde. Herausragende Wettbewerbe lockten die Golfer nach Oberhof, 1913 sogar zur ersten Internationalen Golfmeisterschaft. Bis 1950 wurde aktiv Golf gespielt, doch der "Sport der Kapitalisten" geriet zu DDR-Zeiten in Verruf und wurde staatlicherseits nicht mehr gefördert. Die Anlage verfiel.

Wer etwas auf sich hielt, erholte sich in Oberhof. Zunächst waren es die Reichen und Schönen, Schauspieler und Fabrikanten, Bankiers und Adelige. Zu den Gästen gehörten UfA-Stars wie Marlene Dietrich und Willy Birgel, ihnen folgten Nazigrößen wie Joseph Goebbels und nach 1945 dann die DDR-Größen Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Ulbricht, die sich ihre Appartements sicherten. Hotels und Pensionen waren für viele Familien Existenzgrundlage geworden.

Fotos zeigen SED-Generalsekretär Ulbricht als leidenschaftlichen Ski-Läufer auf den Höhen des Thüringer Waldes oder mit Schlittschuhen auf der Spritzeisbahn. Das mag ihn sehr früh schon bewogen haben, aus dem deutschen St. Moritz der zwanziger und dreißiger Jahre einen "Kurort der Werktätigen" zu machen. Aber wie und womit? Das wurde der Gemeinde zum Verhängnis.

Die Tricks der Staatsgewalt

Der 1947 gegründete gewerkschaftliche Feriendienst besaß kaum Hotels und Pensionen, die er den Werktätigen vermitteln konnte. Ein Weg, der das ändern sollte, hieß: Die privaten Hotels und Pensionen in den Ruin treiben, enteignen und übernehmen. Ulbricht entschied - und eine gnadenlose Maschinerie kam ins Rollen.

Im Oktober 1950 bot der FDGB-Feriendienst den Hotelbesitzern und Pensionsinhabern für die Übernachtung eines Urlaubers zunächst 1,50 Mark an. Das war nicht annehmbar und musste aus Kostengründen von den Hoteliers abgelehnt werden. Doch damit hatte der FDGB gerechnet. Tage später fiel eine Schar Polizisten über die Gästehäuser her und durchsuchte jeden Winkel. Ein Stück Kernseife, ein Kilo Fleisch, eine gute Flasche ohne Nachweis – schon waren die "Spekulanten", "Schieber", "Wirtschaftsverbrecher" überführt.

Wo man nichts dergleichen fand, unterstellte man mit einem gefunden Buch aus der Nazizeit oder einer Westzeitung Gegnerschaft zur DDR. Fand man gar nichts, reichte schon der Kontakt zu einem Reisebüro im Westen als Nachweis für eine Verbindung zum amerikanischen Geheimdienst. Die "Beweise" waren so primitiv und durchsichtig, dass von einem ursprünglich beabsichtigten Schauprozess Abstand genommen wurde.

"Politisch reaktionärer Klüngel"

In den DDR-Zeitungen las sich das Ergebnis der Untersuchungen so: "Aus den polizeilichen Ermittlungen, die noch nicht abgeschlossen sind, geht hervor, dass in Pensionen und Hotels ein politisch reaktionärer Klüngel durch schwerste Wirtschaftsverbrechen die Deutsche Demokratische Republik schädigte und darüber hinaus durch Verleumdungen und Hetze das Ansehen unserer antifaschistisch-demokratischen Ordnung in Misskredit brachte."

Selbst der Oberhofer Vorsitzende des Ortsausschusses der Nationalen Front, eines Wahlvereins aller Parteien und Organisationen unter Führung der SED, erklärte öffentlich, dass 99 Prozent der Bevölkerung diese Aktion scharf verurteilen. Bei der nächsten Zwangsaussiedelung gehörte er selbst zu den Deportierten.

In den Kurorten Friedrichroda, Tabarz, Bad Liebenstein und Tambach-Dietharz wurden in den folgenden Monaten ähnliche Aktionen durchgeführt. Ein Hotel nach dem anderen wurde so zum Ferienheim des FDGB. Ein Bericht der Bezirksbehörde der Volkspolizei über die erfolgreiche Operation nennt als wahren Hintergrund, "dass nunmehr der Ausbeuterklasse auch im Erholungswesen die Basis entzogen und sozialistischen Eigentumsverhältnissen der Weg geebnet wurde."

Die Wahrheit in der Kirchenchronik

Helmut Teuber, evangelische Ortspfarrer in Oberhof bis 1960, hat die Aktionen miterlebt und in seiner Chronik festgehalten. Er schreibt: "Der dunkelste Tag in jener Elendszeit, in der der Ortsgeistliche nur Verhungerte oder solche, die aus Verzweiflung ihrem Leben selbst ein Ende gemacht hatten, beerdigte, war der 13. November 1950. Jener Tag, an dem morgens unerwartet auf allen Straßen Möbelwagen vorfuhren und die begleitende Polizei den jeweiligen Hausbewohnern den Befehl vorlegte, nach dem sie bis 16 Uhr ihre Sachen gepackt und den Ort mit unbekanntem Ziel zu verlassen hätten.“

Die "Deportiertenliste", die der Pfarrer seinen Notizen beifügte, nennt 48 Namen von Familien, so dass nach seiner Schätzung 170 Menschen betroffen waren. Weiter heißt es: "Es spielten sich erschütternde Szenen ab. Herzkranke bekamen Anfälle. Alte Leute mussten in den Wagen getragen werden. Kinder weinten, weil sie ihre schöne Heimat nicht verlassen wollten. Der Ortsgeistliche ging alle besuchen, wurde aber zu vielen von der Polizei nicht zugelassen – besonders nicht zu den Verhafteten." Der Pfarrer schätzte ein: „Da die Betroffenen hauptsächlich Logierhausbesitzer waren, deren Häuser nachher enteignet oder durch einen Treuhänder verwaltet wurden, war die Absicht der Sozialisierung des Kurortes deutlich."

Die Enteignungen in Oberhof waren gewissermaßen das Pilotprojekt für die folgenden großen Aktionen "Rose" und "Edelweiß" an der Ostsee und in den schönsten Gegenden der ostdeutschen Mittelgebirge, die für den FDGB-Feriendienst geräumt wurden. Der vom Thüringer Innenminister Willy Gebhardt ausgearbeitete Plan sah die Enteignung und sofortige Aussiedlung der "Verbrecher" in Gegenden nicht näher als 50 Kilometer zum Landkreis Suhl vor. Rückkehr war bei Strafe verboten, ebenso wie die Aufnahme Zwangsausgesiedelter durch Verwandte oder Freunde in deren alten Wohnort.

"Waltershausen" ist abgebrannt

Heinz Schweizberger, der viele Jahre in der Bauabteilung der Kommunalverwaltung tätig war, hat damals auf einer Panoramakarte 41 Hotels und Pensionen ausgemacht, die enteignet wurden. Nach dem Ende der DDR gab er dem Autor die Karte mit der Bemerkung: "Man kann die damalige Situation schwer beschreiben. Jeder hatte Angst, der nächste zu sein." Schweizberger vermutet, die Enteignungen wären noch weiter gegangen, "wenn da nicht Mitte Februar 1951 an den ostdeutschen Wintersportmeisterschaften im Beisein von Präsident Wilhelm Pieck und Ministerpräsident Otto Grotewohl internationale Gäste teilgenommen hätten. Die Ausländer – ich glaube die kamen aus Schweden, Norwegen und Österreich – drohten mit ihrer sofortiger Abreise, wenn die Willküraktionen gegen die Bevölkerung nicht eingestellt würden." Da sei endlich Schluss gewesen, "man fürchtete den internationalen Skandal."

1951 und 1952 herausgegebene Briefmarken über den Wintersport in Oberhof sollten von dem schweren Schicksal vieler Familien ablenken und eine heile Winterlandschaft vorgaukeln. Der Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR trug dazu bei, dass einige wenige Eigentümer ihre Pensionen zurückerhielten. Die meisten Anträge auf Rückgabe oder Entschädigung konnten aber erst ab nach 1989 gestellt und abschließend geregelt werden.

Überbleibsel unseliger Privilegien ist das in den Sechzigerjahren auf einem zehn Hektar großen abgeschirmten Terrain am Rennsteig gebaute Gästehaus der SED-Führung, das in Anlehnung an Ulbrichts Vornamen "Waltershausen" genannt wurde. Heute fristet die verfallene Anlage nach mehreren Eigentümerwechseln und einer Brandstiftung ein ungewisses Dasein.

Andere überdimensionierte Bauten zur Massenabfertigung von DDR-Urlaubern aus den siebziger Jahren, so die Ferienheime "Rennsteig" und "Fritz Weineck", wurden inzwischen abgerissen. Allein das Hotel "Panorama", das jugoslawische Baufirmen bis 1969 bauten und im einfallsreichen Stil einer Sprungschanze der Landschaft anpassten, gehört noch heute zu den Attraktionen.

Zum Weiterlesen:

Klaus Taubert: "Generation Fußnote. Bekenntnisse eines Opportunisten". Schwarzkopf und Schwarzkopf Verlag, Berlin 2008, 296 Seiten.

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1.
Siegfried Döll, 11.11.2010
In exakt jenem Haus verbrachte ich, "Bauernlöffel",als 13/14jähriger vier herrliche Wochen in einem knackkalten Winter. Kostenlos, zusammen mit vielen Proletenkindern aus ganz Thüringen.Zwei Jahre später EOS und viele Besuche im Meininger Theater, bzw. Suhl. Wie sehr habe ich damals gelitten. Scheißkommunismus!
2.
Jörg Hartmann, 12.11.2010
Wenn Ausländer über die DDR jahrzehntelang falsch voneinander abschreiben ... wird aus dem Namen eins 30km entfernten Ortes schon mal der angebliche Spitzname von Oberhof und ein paar (Nachwende-)Jahre später sogar der eines einzelnen Gästehauses. ... Und von wegen "überdimensionierte Bauten zur Massenabfertigung": Abgesehen davon, dass die stets ausgebucht waren (welches Hotel kann das heute schon vermelden?), waren das im Vergleich zu heutigen Touristenhochburgen geradezu winzige Hotels/Hotelkomplexe.
3.
Fred Gehlhar, 12.11.2010
Ja, das ist die andere Seite der Medaille. Kinder und Jugendliche, Arbeiter und Bauern, bevorzugt aus dem Leipziger und Bitterfelder Raum verbrachten hier sehr viele wundervolle Tage. Ist so etwas in Kitzbühel vorstellbar? Sicher nicht, dennoch finde ich solche Enteignungsaktionen mehr als fragwürdig. Zum gleichen Zwecke wären garantiert auch Kompromisse vorstellbar gewesen, aber seitens der SED-Oberen nicht gewollt. Ich weiß, wovon ich schreibe, einen Teil meines Lebens habe ich in Oberhof gelernt und gearbeitet, gipfelnd in der Mitwirkung am Abriss des ehemaligen Ferienhotels "Fritz Weineck". Übrigens ein baugleiches Hotel existiert noch auf dem Suhler Ringberg.
4.
Klaus Taubert, 12.11.2010
Sehr geehrter Herr Hartmann, der Autor - geboren und aufgewachsen in Thüringen, als Kind oft in Oberhof gewesen - weiß zwischen dem schönen Waltershausen (der Wiege des "Multicar") und "Waltershausen" in Oberhof wohl zu unterscheiden. Und in einer reisefeindlichen Welt die eigenen Hotels zu füllen, war tatsächlich keine allzu große Management-Kunst. Mit den von Ihnen erwähnten Kompromissen hätte der Sozialismus ein ganz anderer sein müssen und werden können. Da haben Sie recht.
5.
Monika Laufenberg, 17.12.2010
>In exakt jenem Haus verbrachte ich, "Bauernlöffel",als 13/14jähriger vier herrliche Wochen in einem knackkalten Winter. Kostenlos, zusammen mit vielen Proletenkindern aus ganz Thüringen.Zwei Jahre später EOS und viele Besuche im >Meininger Theater, bzw. Suhl. >Wie sehr habe ich damals gelitten. >Scheißkommunismus! Das glaube ich Ihnen. Ihr Beitrag hat nur leider nichts mit diesem Artikel zu tun, sondern er scheint eher ein politisches Statement zu sein. Deshalb werde ich darauf verzichten, Ihnen zu schildern, wie es den Betroffenen weiter erging. "Vier herrliche Wochen kostenlosen Urlaub" haben wir als Oberhofer, zwangsdeportierte Kinder im "Arbeiter- und Bauernstaat" jedenfalls nicht erleben dürfen. Und mein Vater war weder Hotelier, Betreiber einer Pension noch Spekulant, Schieber oder sonst etwas... Richtig: Sch...kommunismus!
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