Howard Carpendale "Ich habe schon als 15-Jähriger vor besoffenen Gästen gesungen"

"Hello again" - Sänger Howard Carpendale wird heute 70 Jahre alt. Hier spricht er über seine Anfänge als Bodyguard der Rolling Stones - und das Leben mit Multipler Sklerose.

Ein Interview von

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einestages: Herr Carpendale, wie kam es 1966 zu Ihrem Karrierestart ausgerechnet in Ostfriesland?

Carpendale: Da gab es Meta Rogall, ein verrücktes Huhn und ein echter Kumpeltyp. Meta war Wirtin der Kneipe Haus Waterkant in Norddeich - und hatte ein großes Herz für junge Musiker. Sie besorgte mir die Aufenthaltserlaubnis, die ich als Südafrikaner brauchte. Ich kam damals von England rüber mit meiner Band The Greatful Dead, nicht zu verwechseln mit den Amis Grateful Dead. Wir spielten Coverversionen der gängigen Rock-'n'-Roll-Hits. Meta ließ mich mit meinen Jungs vier Wochen lang auftreten und gab uns ein Dach überm Kopf.

einestages: War Deutschland denn das Land Ihrer Träume?

Carpendale: Naja, kann man so nicht sagen. Unser Manager hatte uns zuerst ein paar Gigs in Düsseldorf verschafft, dann ging's weiter Richtung Norden. Wir haben nur in den Tag hinein gelebt und uns keine großen Gedanken über die Zukunft gemacht. Wir hatten keinen Plan. Wo kriegen wir was zu essen, wo können wir pennen, nur darum ging es.

einestages: Sie sprechen perfektes Deutsch, haben aber bis heute den britischen Akzent kultiviert. Als Markenzeichen?

Carpendale: Kennen Sie irgendwen, der nicht aus Deutschland kommt und vollkommen akzentfrei Deutsch spricht? Ich suche so jemanden schon seit 100 Jahren (lacht) - schauen Sie sich die Klitschko-Brüder an. Der Gedanke, dass ich das extra pflege, ist Quatsch.

einestages: Von Ihnen sind keine Skandale bekannt. Haben Sie nie über die Stränge geschlagen, etwa in den wilden Siebzigern?

Carpendale: Natürlich habe ich früher oft einen über den Durst getrunken oder mal einen Joint geraucht, es war damals auch ganz lustig - aber mit 40 war das schlagartig vorbei. Da habe ich mir gesagt: Brauch ich nicht. Eine gute Erkenntnis.

einestages: Zur "ZDF Hitparade" waren die Künstler stets im Berliner Hotel Schweizer Hof untergebracht. Die Bar kannte die Branche nur als "Todeszelle".

Carpendale: Stimmt. Aber ich habe nicht bis morgens um vier an der Bar gehockt, wie etwa Roy Black, Rex Gildo oder Drafi Deutscher.

einestages: Alle drei sind früh gestorben…

Carpendale: …viel zu früh, leider. Da steckte mehr dahinter. Sie alle waren unglücklich, fühlten sich als Künstler verkannt. Besonders Roy war nie zufrieden mit der Schlagerrolle, in die er gedrängt wurde. Er war ja ursprünglich Rock 'n' Roller im Stil von Elvis, mit eigener Band. Eine Schnulze wie "Ganz in Weiß", obwohl sehr erfolgreich, war nie sein Ding. Roy war ein guter Typ, der beste Witze-Erzähler, den ich kannte. Die sogenannte Schlagerszene war damals sehr harmlos, wie eine große, friedliche Künstlerfamilie. Keiner hat dem anderen was Schlechtes gewünscht.

einestages: Mit dem Begriff Schlager konnten auch Sie sich nie anfreunden.

Carpendale: Richtig. Ich sehe mich als Entertainer, nicht als Schlagersänger. Es ehrt mich, wenn ich mit Leuten wie Tom Jones und Engelbert Humperdinck verglichen werde. Udo Jürgens wurde auch oft in die Schlagerecke gestellt, aber man kann ihn doch unmöglich zum Beispiel mit G. G. Anderson vergleichen.

einestages: Wie war Ihr Verhältnis zu ihm?

Carpendale: Udo war ein großer Künstler, ich habe viel Respekt vor ihm und seiner Leistung. Wir sind uns vielleicht vier-, fünfmal begegnet und immer freundlich miteinander umgegangen. Für meine neue Show habe ich seinen Hit "Ich war noch niemals in New York" umgetextet. Ein sehr bewegender Moment, ich sehe viele Tränen fließen, wenn ich das singe.

einestages: Elvis Presley hat in Ihrem Leben eine große Rolle gespielt. Früher traten Sie als Imitator auf und singen heute Coverversionen von "In the Ghetto" und "Always on my mind".

Carpendale: Ich war zehn Jahre alt und lebte in Durban, Südafrika, als er 1956 bekannt wurde. Elvis hat die Welt verändert. Zuvor gab es nur eher konservative Sänger, Crooner wie Sinatra oder Dean Martin. Elvis hat die ganze Musikszene komplett auf den Kopf gestellt - so wie später die Beatles. Eine Revolution. An Elvis kam man damals gar nicht vorbei.

einestages: Sind Sie in Südafrika sehr behütet aufgewachsen?

Carpendale: Nein. Ich habe quasi ab dem zwölften Lebensjahr mein eigenes Leben gelebt und gemacht, was ich wollte, weil meine Eltern beide viel gearbeitet haben und wenig Zeit hatten. Aber sie haben mir vertraut. Das war eine tolle Zeit. Schon früh habe ich mich besonders für zwei Dinge interessiert: Sport und Mädels.

einestages: Mit 17 waren Sie sogar Landesmeister im Kugelstoßen.

Carpendale: Diesen Sport habe ich nur betrieben, um meinen Vater zu ärgern - für ihn zählte allein Cricket. Ich habe auch Cricket gespielt, aber viel Zeit im Kraftraum verbracht. Irgendwann habe ich die Kugel weiter gestoßen als alle anderen meiner Altersklasse. Dazu muss man wissen, dass ich mit zwölf bereits über 1,80 m groß war. Mein Ziel war aber nie, Kugelstoßer zu werden.

einestages: Sie sind auch Formel-3-Rennen gefahren, haben Rugby und Golf gespielt. Was haben Sie vom Sport gelernt?

Carpendale: In Südafrika ist Sport eine Religion. Es ist eine richtige Sport-Nation, dagegen ist Deutschland in meinen Augen nur ein Fußball-Land. In Südafrika gibt es deutlich mehr populäre Sportarten wie Rugby, Cricket, Leichtathletik und Tennis. Gelernt habe ich: Demut! Im Sport zählen nur Talent und Leistung. Im Showgeschäft brauchen Sie auch gute Connections, um weiterzukommen.

einestages: Sie sind noch immer sportlich aktiv, aber es heißt, dass Sie an Multipler Sklerose erkrankt sind. Stimmt das?

Carpendale: Ja, eine latente Form von MS. Das ist eine sehr ernste Krankheit für viele Menschen. In meiner Biografie, die im März erscheint, schreibe ich auch darüber. Ich habe das große Glück, dass bei mir die Krankheit nicht fortgeschritten ist und ich gut damit leben kann. Die Diagnose liegt bereits 40 Jahre zurück.

einestages: Wie haben Sie darauf reagiert?

Carpendale: Ich war 30 Jahre alt und habe das natürlich sehr ernst genommen, aber den Rat eines Professors aus Düsseldorf abgelehnt. Er wollte mir das Mittel Interferon verabreichen. Gott sei Dank hat sich die Krankheit kaum weiterentwickelt. Ich bin der Meinung, dass die Symptome von einer früheren Rückenverletzung kommen. Jetzt tauchen sie hin und wieder auf, aber ich kann gut damit leben und mache mir jetzt mit 70 weniger Sorgen darüber. Alles gut.

einestages: Mitte der Sechzigerjahre sind Sie aus Ihrer Heimat zunächst nach Großbritannien ausgewandert. Warum?

Carpendale: Weil ich gemerkt habe, dass es in Südafrika nicht gut gehen wird.

einestages: Aufgrund der politischen Lage?

Carpendale: Nein, aus persönlichen Gründen. Dort sah ich keine Zukunftschancen. Ich wollte entweder Profisportler oder Sänger werden und wäre dort einfach nicht weitergekommen. Ich habe gemerkt, dass ich dahin muss, wo etwas passiert, wenn ich im Leben etwas erreichen will. Von England habe ich mir mehr versprochen. Und London war in den swinging sixties das Zentrum für Musik und Show schlechthin.

einestages: Konnten Sie schnell Fuß fassen?

Carpendale: Ja. Ich war sogar kurze Zeit Bodyguard für die Rolling Stones. 1965 stand ich bei ihren Klubkonzerten als Security im Bühnengraben und passte auf die Band auf. Als ich eine deutsche Version des Beatles-Hits "Ob-La-Di, Ob-La-Da" aufnahm, habe ich auch Paul, George und Ringo bei ihrem Label Apple Music getroffen, nur John Lennon war nicht dabei. Mit Ringo hatte ich am meisten Spaß. Am selben Tag lud der legendäre Musikmanager Robert Stigwood mich in die Abbey Road Studios ein, wo die Bee Gees gerade ein Album aufnahmen. Das hat mich noch mehr beeindruckt: eine tolle Band, hervorragende Komponisten, auch zum Beispiel für Barbra Streisand. Wenn man überlegt, was für ein musikalisches Spektrum die drei drauf hatten…

einestages: Sie sagen, Sie hätten niemals Lampenfieber gehabt. Woher kommt dieses Selbstvertrauen?

Carpendale: Ich habe in Südafrika schon als 15-Jähriger in Bars vor hundert zum Teil besoffenen Gästen gesungen. Eine harte Schule, da lernen Sie das Showbiz kennen, später haut Sie so schnell nichts um. Außerdem: Ein Fußballer hat in der Kabine ja auch keine Angst, rauszugehen und zu spielen. Wenn man jeden Abend auf die Bühne geht, hat man sein Programm im Blut, ist positiv angespannt und freut sich. Kein Grund, nervös zu werden.

einestages: Im Februar starten Sie Ihre nächste Tournee. Wie fühlen Sie sich dabei, mit 70?

Carpendale: Mir geht es sehr gut. Aber ich tue mich schwer, laut zu sagen: Ich bin 70! Diese Zahl will ich gar nicht hören, weil ich mich nicht so fühle. Meine Gedanken, meine Art zu leben passen nicht dazu. Wenn ich zurückdenke, wie ich früher über 70-Jährige gedacht habe, ist das ein eigenartiges Gefühl. Ich umgebe mich viel mit deutlich jüngeren Menschen, auch beim Musikmachen und Komponieren. Vielleicht hält mich gerade das auch jung. Ich biete sicher nicht das, was man von einem 70-Jährigen erwartet.

Zur Person
  • Alex Gernandt ist Journalist aus Leidenschaft, Spezialgebiet Entertainment. Mit 17 gründete er Deutschlands erstes Metal-Fanzine "Shock Power". Nach einem Intermezzo an der Uni Heidelberg (Germanistik, Geschichte) und bei "Metal Hammer" war er für "Bravo" jahrelang als Chefreporter weltweit unterwegs, später Chefredakteur. Er führte bislang über 1000 Interviews mit Künstlern und Persönlichkeiten wie Paul McCartney, Michael Jackson und Madonna.


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insgesamt 3 Beiträge
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Hanna Könnig, 14.01.2016
1. Schöntrinken
Betrunken (schwer) könnte vielleicht sogar ich den Howard goutieren ,-)
J. Meier, 17.01.2016
2. Ach Howie
als selbst Betroffener lass Dir sagen, Interferon ist kein "Mittel" oder gar Medikament sondern ein Wirkstoff. Sollte Dir das der Professor tatsächlich so gesagt haben, so habe ich doch ernsthafte Zweifel an seiner fachlichen Kompetenz ;-) Alles Gute!
marc schütrumpf, 18.01.2016
3. Das prägt das kreative Schaffen
Wie man sieht nicht positiv, wenn man mit 15 Jahren vor besoffenen Leuten singt.
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