Erste Auswechslung der Bundesliga Ötschis schlimmer Finger

Nordduell im Jahr 1967, HSV gegen Bremen: Hamburgs Torwart Özcan "Ötschi" Arkoç knallt mit dem kleinen Finger an den Pfosten. Er kann nicht weiterspielen - und bescherte der Bundesliga so eine Premiere.

Trede-Archiv/Nordbild Kaiser

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"Lampenfieber? Oh ja, natürlich! Ich war mächtig aufgeregt, schließlich hatte ich schon lange von der Bundesliga geträumt. Und nun durfte ich tatsächlich mitspielen."

Özcan Arkoç erinnert sich sehr gut an den 19. August 1967. Er war damals 27, türkischer Nationaltorwart, frisch von Austria Wien zum Hamburger SV gewechselt, als das erste Punktspiel für seinen neuen Verein anstand - das Nordderby gegen Werder Bremen.

Zum Saisonauftakt also gleich ein Kracher, ein Klassiker, ein Prestigeduell: Noch in der Oberliga Nord von 1947 bis 1963 gewann der HSV meist souverän, konnte aber seit Einführung der Bundesliga 1963 gegen den Nachbarn aus der kleineren Hansestadt nicht mehr viel reißen. 1964/65 stemmten die Grün-Weißen sogar die Meisterschale, Hamburg erreichte nur Platz 11 - welche Schmach.

Die ernüchternde Bilanz aus acht Bundesliga-Duellen: kein Sieg gegen Werder, drei mickrige Unentschieden, fünf Niederlagen. Beim letzten Gastspiel in Bremen hatten Uwe Seeler & Co. im Vorjahr sogar mit 1:5 auf die Mütze bekommen.

Gleich der erste Ball war drin

Wird die schwarze Serie endlich reißen oder Werder endgültig zum Angstgegner? Und wie schlägt sich der neue HSV-Tormann? Erwartungsfroh drängten sich 41.500 Zuschauer bei prächtigem Sommerwetter im Weserstadion. Und alle blickten gespannt auf die Nummer 1, eine Wachablösung: Stammkeeper Horst Schnoor, 33, genoss nach über 500 Pflichtspielen längst Legendenstatus, war aber an der Achillessehne verletzt und für den Ligastart keine Option.

Özcan Arkoç war also gesetzt, er hatte mit seinen Leistungen in Training und Testspielen überzeugt, die Mitspieler vertrauten ihm. Doch in Bremen ging es für ihn gar nicht gut los. Leichte Bälle zum Warmwerden, ein paar unbedrängte Rückpässe - das gibt einem Torwart Sicherheit. Arkoç bekam: nichts davon.

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Erste Auswechslung: Autsch! Ötschi geht, Tas kommt

Im Gegenteil, quasi der erste Ball, der auf sein Tor flog, zappelte gleich im Netz. 10. Spielminute, Steilpass in den HSV-Strafraum, Werders Bernd Rupp rutschte bei der Ballannahme weg. Doch er rappelte sich blitzartig wieder auf, narrte zwei Verteidiger und jagte den Ball aus neun Metern links oben in den Winkel. Nicht zu halten für Arkoç.

Es kam noch schlimmer. Denn auch der zweite Schuss aufs HSV-Tor tat Özcan Arkoç richtig weh: "Ich wehrte den Ball mit den Fingerspitzen nach rechts zur Ecke ab, die Aktion war eigentlich schon vorbei", erinnert sich der heute 77-Jährige. "Beim Landen aber blieb ich mit dem kleinen Finger meiner rechten Hand am damals noch viereckigen Pfosten hängen und merkte gleich: Da stimmt was nicht."

Arkoç zog den Handschuh aus: "Mein Finger sah gar nicht gut aus, war seitlich weggeknickt und wurde sofort dick. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen." Mannschaftsarzt und Masseur versuchten noch, den Finger zu richten - vergebens. Schnell war klar: Es geht nicht weiter. Der Torwart ist verletzt. Historisch verletzt.

Jetzt neu: Auswechseln erlaubt

Denn der HSV hatte Glück im Unglück. Bis dato mussten angeschlagene Spieler ersatzlos ausscheiden. Oder man beorderte sie hinkend und bandagiert auf die Außenstürmerpositionen, wo sie keinen Schaden anrichten konnten, aber vielleicht noch ein wenig Unruhe stifteten und einen Verteidiger banden.

Knapp zwei Jahre zuvor zum Beispiel hatte sich Bayern-Keeper Sepp Maier beim Auswärtsspiel in Hamburg verletzt, als er mit Uwe Seeler kollidierte. Maier musste raus und wurde neben dem Tor behandelt; sein Trikot übernahm ausgerechnet der Kurzbeinbomber Gerd Müller. Und der Torjäger schlug sich als Torhüter wacker - bis Maier unter Schmerzen auf den Platz zurückkehrte.

Mit diesem ersten Spieltag 1967/68 jedoch durften die Vereine Auswechslungen vornehmen. Darauf hatten Duisburgs und Dortmunds Trainer im Auftaktspiel tags zuvor verzichtet. Somit wurde Özcan Arkoç zum ersten ausgewechselten Spieler der Bundesligageschichte.

Die Regel-Revolution hatte der DFB im Vorjahr beschlossen. Die neue Fifa-Regel III erlaubte für Pflichtspiele zunächst die Auswechslung eines verletzten Akteurs pro Spiel. In der Bundesliga musste dann ein Angehöriger des betroffenen Vereins eine Verletzung feststellen.

Es war eine Einladung zur Trickserei, vielleicht auch mal einen gesunden, aber müden Spieler auszutauschen. Bald forderten Kritiker, dass ein weiterer Unparteiischer oder medizinischer Sachverständiger die Verletzung bestätigen sollte - wenig praktikabel und mit Extrakosten verbunden. Daher durfte schon ab der Spielzeit 1968/69 zweimal das kickende Personal getauscht werden, nun auch verletzungsunabhängig.

Der Joker stach

In der Saison 1994/95 gab es eine neue Regelung, getestet kurz zuvor bei der WM in den USA: Es durften zwei Feldspieler und zusätzlich der Torwart gewechselt werden. Schon im Jahr darauf strich man die kleine Einschränkung; seitdem ist die Auswechslung von drei Spielern zulässig.

Zurück ins Jahr 1967: Für Özcan Arkoç ging Erhard Schwerin, 28, ins Tor, geschätzt als zuverlässiger "zweiter Mann". Zum HSV war er 1961 von Tasmania Berlin gekommen, "Tas" riefen ihn daher alle. "Ein sehr dankbarer, feiner, stiller Mensch", sagt Arkoç über seinen 2016 verstorbenen Mitspieler. "Wir wurden gute Freunde. Die Situation war klar: Ich war als Nummer 1 geholt worden. Doch wenn man Erhard brauchte, war er stets bereit. So wie gegen Werder."

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Wechseljahre im Fußball: Mach ihn rein, sonst musst du raus

Tatsächlich: "Joker" Schwerin stach. Er hielt alles fest, was in den folgenden 70 Minuten auf seinen Kasten kam. Auch seine Vorderleute drehten jetzt mächtig auf und damit das Spiel. Ausgerechnet Hans Schulz, Werder-Spieler von 1953 bis 1966, besorgte in seiner alten Heimat die Wende mit dem 1:1 kurz vor der Pause. Bernd Dörfel (65.) und Jürgen Kurbjuhn (79.) erhöhten. Und dann knallte Charly Dörfel kurz vor Abpfiff einen spektakulären Fallrückzieher an die Unterkante der Latte - Endstand 4:1.

Und der verletzte Özcan Arkoç? "Ich bekam eine schmerzstillende Spritze und blieb im Weserstadion, statt ins Krankenhaus zu fahren. Ich wollte doch auch das Spiel weiter verfolgen und habe mich sehr gefreut, dass wir noch gewonnen haben. Zu Hause in Hamburg bin ich dann täglich zur Behandlung. Zwei, drei Tage mit heftigen Schmerzen, dann ging es einigermaßen. Nach einer Woche war ich wieder beim Training." Und am vierten Spieltag, beim Heimspiel gegen Duisburg, zurück im Rampenlicht der Bundesliga.

Özcan oder Arkoç? "Ötschi"! Ein Hamburger Jung

Gebrochen war der Finger nicht, sondern ausgekugelt und schwer gestaucht. "Immer weitermachen!" Mit dieser Mentalität war der Torwart in der Türkei aufgewachsen. Und so gewann er auch in der Bundesliga die Herzen der Fans. Am Ende seiner Premierensaison erreichte Arkoç mit dem HSV das Europapokalfinale der Pokalsieger in Rotterdam (0:2 gegen AC Mailand) und kam bis 1974 noch in 158 weiteren Bundesliga-Spielen zum Einsatz. Danach agierte er erfolgreich als Co-Trainer an der Seite von Kuno Klötzer sowie 1977/78 auch als HSV-Cheftrainer, Nachfolger von Rudi Gutendorf.

Einen deutschen Pass hat Özcan Arkoç seit 1980 und bezeichnet sich selbst als "Deutscher mit türkischen Wurzeln". In offiziellen Dokumenten ist sein Name korrekt aufgeführt, aber "in den meisten Artikeln, Statistiken oder Chroniken steht immer nur Özcan. Dabei ist das mein Vorname", erzählt er.

Die Erklärung: "Der Fehler stammt aus meiner Anfangszeit bei Austria Wien, als mich jemand nach meinem Namen fragte. Ich heiße Özcan, sagte ich, denn in meinem Heimatdorf in der Türkei war es üblich, dass man sich mit dem Vornamen vorstellt. Das hat sich dann verselbständigt. Auch beim HSV war ich eigentlich immer nur 'Ötschi' - genervt hat mich das nie."

Hamburg und dem HSV ist "Ötschi" bis heute treu geblieben. Noch als Spieler betrieb er Anfang der Siebzigerjahre gemeinsam mit seiner Frau Neriman im Stadtteil Niendorf das Restaurant "Bei Özcan". Dort servierte er seinen Gästen (am trainingsfreien Montag auch den Mitspielern) Döner, als einer der ersten Hamburger Gastronomen überhaupt. Auch als Zweitliga-Trainer 1979 in Worms und Kiel sowie 1983/84 in der Türkei bei Kocaelispor behielt er seine Eppendorfer Wohnung; manche Hamburger erinnern sich an die Schneiderei seiner Frau in Poppenbüttel.

Später machte sich Özcan Arkoç mit einem Kurierdienst selbstständig und kutschierte bis zum 71. Lebensjahr Unterlagen und Pakete quer durch die Stadt. Heute wohnt er in Norderstedt. Oft und gern führt sein Weg ihn ins Volksparkstadion, wo er seinen Nachfolgern auf die Finger schaut. Stets sehr wohlwollend, soweit es die Leistungen des dauerkriselnden HSV zulassen.

insgesamt 3 Beiträge
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Matthias Wrobel, 18.08.2017
1. Da stimmt was nicht ,
denn der erste Spieler , der eingewechselt wurde, war Hermann Erlhoff. Ein Schalker. Bin mir sicher.
Christian van Neuves, 19.08.2017
2. @ #1/Matthias Wrobel
Nach meinen Unterlagen Erfolgte der Wechsel Erhard Schwerin für Öczan Arkoç in der 20. Minute. Schalkes Herrmann Erlhoff kam bei der 3:4 Heimniederlage gg. Borussia Mönchengladbach in 33. Minute für Heinz Pliska auf den Platz. Schalke mit dem 19-jährigen Norbert Nigbur im Tor und Klaus Fichtel in der Abwehr. Bei Borussia Mönchengladbach waren Günter Netzer, Berti Vogts und Herbert "Hacki" Wimmer auf dem Platz. Dreifacher Torschütze der Niederrheinischen: Peter Meyer, ein Spieler für Connoisseure.
Matthias Wrobel, 19.08.2017
3. Hermann Erlhoff zum 70.Geburtstag
im Reviersport: In der 60.min wurde ich als erster Spieler eingewechselt. Na ja, sind schon 50-Jahre vergangenen seit dem.
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