Helden unserer Jugend Grün vor Wut

Ein cholerischer Muskelberg, der alles kurz und klein schlägt, was nach Problemen aussieht: Als Kind war Musiker und Medienexperte Timon Karl Kaleyta süchtig nach dem grünen Superhelden "Hulk" - und sollte bald selbst vor Wut platzen.

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Zum Autor
  • Timon Karl Kaleyta, geboren 1980, studierte Medienwissenschaften, Literatur und Politik in Bochum und Düsseldorf, ist Erfinder der Band Susanne Blech sowie Gründungsmitglied des Instituts für Zeitgenossenschaft.
"Kabel" - kurz für Kabelanschluss - war das Zauberwort der späten Achtziger. Das Kabel konnte dich erlösen. Es musste nur vor der Haustür verlegt werden.

Und hier lag das Problem. Die Straße, an der meine Eltern und ich lebten, wurde, solange ich zur Schule ging und dort wohnte, nicht aufgerissen. Da konnte ich jeden Tag stundenlang vor dem Fenster sitzen und hinausstarren, niemand kam und machte sich am Asphalt zu schaffen. Dabei wusste man ja genau, welch atemberaubende Serien es bei diesen neuen Kabelsendern gab. Durch den Konsum bei Freunden war ich komplett süchtig nach "Hulk", dem "Unglaublichen Hulk", wie der amerikanische Titel der Serie übersetzt lautete.

Nur bei mir daheim, wo ich ja die allermeiste Zeit verbrachte, gab es keinen "Hulk".

Ein gigantischer Hassklumpen formt sich

Ich war damals in der Grundschule, und die Zahl der Mitschüler mit Kabelanschluss stieg wöchentlich. Selbst meine geliebte Großmutter Irmgard, die ja nun wirklich kein Kabelfernsehen gebraucht hätte, war längst am Netz - was uns über besagte Jahre hinweg übrigens deutlich enger zusammenschweißte. Ihre absurd kleine Straße war sogar eine der ersten in ganz Bochum gewesen, die verkabelt wurde. Das unendliche Ausmaß der Ungerechtigkeit zernagte meine kleine Persönlichkeit und formte darin einen gigantischen Hassklumpen. Ich wurde eins mit dem unerfüllten Warten auf die Öffnung der Straße.

Natürlich ist es erst einmal Zufall, dass in jenen Jahren mit "Hulk" nun gerade die Superheldenfigur meine größte Leidenschaft auf sich zog, die aus Wut über ihre Umwelt zuverlässig zu einem zerstörerischen Urmonster wurde und alles kurz und klein schlug. Damit konnte ich mich identifizieren. Ich war geradezu besessen von Dr. David Banner und seinem grünen Star.

Ich weiß nicht mehr, wann und wo ich die Serie zum ersten Mal sah und warum, aber es muss ein absolut prägendes Ereignis gewesen sein. Fortan bestand das Hauptziel einer jeden Woche darin, irgendwie zur richtigen Zeit bei irgendeinem Freund zu sein, um im Kabelhaus seiner Eltern in den Genuss von "Hulk" zu kommen.

"Ich wurde wahnsinnig vor Freude und Glück"

Ich nahm bisweilen meine gesamte mir bekannte Familie in die Verantwortung, um kein einziges "Hulk"-Abenteuer zu versäumen. Auf besonders eindrückliche Weise in Erinnerung geblieben ist mir dabei das Engagement meines Onkels väterlicherseits. Auch sein Haus war bereits verkabelt, und offensichtlich nahm er das seelische Leid seines geliebten Neffen derart ernst, dass er sich die Mühe machte, mir "Hulk" von einem bestimmten Zeitpunkt an verlässlich auf VHS-Kassetten aufzunehmen.

Ich muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein, als ich mit meinem Vater im Wohnzimmer des Onkels stand und er mir eine Kassette mit "Hulk"-Folgen überreichte. Ich wurde wahnsinnig vor Freude und Glück. Ich werde niemals vergessen, dass der Onkel mit Bleistift die präzise und einzig richtige Bezeichnung auf das Etikett geschrieben hatte: "3 X HULK FÜR TIMON". Ohne Punkt. Versalien. Rührender geht es nicht.

Hulk also war mein Superheld, obgleich Hulk eigentlich gar kein Superheld im klassischen Sinne ist, sondern, wenn überhaupt, ein herzensguter Anti-Held. Ein grünes muskelverwuchertes Monster mit dem Sprach- und Abstraktionsvermögen eines Einjährigen. Es kann die Probleme seiner Zeit nicht moralisch-analytisch anfassen - es muss und kann sie nur zerhauen. Alles, was nach Problem ausschaut, gleich sofort für immer zerhauen. Perfekt.

Ein sexuell Frustrierter wird zum Monster

Da Hulk aber das Herz auch im Naturzustand immer am rechten Fleck trug, wusste er instinktiv, wann er richtig draufhauen durfte (zum Beispiel bei Verbrechern, die ihm an den Kragen wollten) und wann er seine Pranken besser in den zerfetzten Hosentaschen ließ (etwa bei kleinen süßen Mäuschen, die Hulk so mochte).

Repräsentiert beispielsweise die Figur Ozymandias aus Alan Moores und David Gibbons sensationeller Graphic Novel "Watchmen" die elitäre Speerspitze der Superhelden mit Doktortitel und Nobelpreis, dann ist der in den Hulk verwandelte David Banner der hoffnungslose Sonderschüler mit Problemen in der Aggressionsbewältigung, bedingt durch sexuelle Frustration samt inversiver Psychose und so weiter.

Trotz allem oder gerade deshalb ist Hulk einer der bekanntesten und spannendsten Charaktere unter den Superhelden. Doch weil im Original-Comic alles so schön, spannend, bild- und actiongewaltig, so desaströs verstörend und herrlich ambivalent ist, fehlen der amerikanischen TV-Serie aus den Achtzigern ungefähr 98 Prozent dieser Eigenschaften der Vorlage. Klar, ist ja Fernsehen.

Schuhe, Ärmel, Hosenbeine platzten - fertig war der Hulk

Anstatt dem bewunderungsbereiten Zuschauer ein gigantisches grünes Monster zu präsentieren, wurde aus dem sensiblen David Banner, gespielt von Bill Bixby, während seiner Verwandlung lediglich der italo-amerikanische Bodybuilder Lou Ferrigno in Grün. Das Ganze dauerte meist nur drei Schnitte und bestand - so würde ich jetzt einfach mal behaupten - zu gut zwei Dritteln aus bereits abgedrehtem Archivmaterial, das zeigte, wie Schuhe, Ärmel und Hosenbeine jedes Mal auf dieselbe Weise platzten. Fertig war er, der Hulk.

Und jetzt kommt die Pointe, das Insiderwissen, bei dem ich bis heute vollkommen naiv und felsenfest überzeugt bin, es als einer von wenigen jemals erworben zu haben: In jeder Folge à 45 Minuten verwandelte sich David Banner exakt zwei Mal in den Hulk, nie häufiger, nie seltener, genau und immer zwei Mal. Und da diese Verwandlungen natürlich das Highlight der Serie waren, konnte man nach der zweiten Verwandlung bereits abschalten, weil man sicher sein konnte, nichts mehr zu verpassen.

Am Ende würde Schauspieler Bill Bixby nur wieder sein traurig-melancholisches Gesicht aufsetzen, und sich - wieder einmal schmerzlich der Ausweglosigkeit seiner Situation als David Banner bewusst - den Reisebeutel über die Schulter werfen und eine Fluchtmöglichkeit entlang eines Highways suchen. Per Anhalter, wenn ich es recht erinnere.

Aber natürlich wusste ich als Kind noch nicht, dass immer alles auf ein und dieselbe Weise begann und endete. So nüchtern analysierte man noch nicht.

Ich blieb dran. Danke, lieber Onkel.

Dieser Artikel ist eine gekürzte Version aus der Neuerscheinung "Colt Seavers, Alf und ich". Nächste Woche in der einestages-Serie über Helden unserer Jugend: "Alf".

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Peter Knittel, 11.05.2014
1. Die Fotos sind ...
... nicht korrekt verlinkt.
Sebastian Zidek, 11.05.2014
2. möööp
"Per Anhalter, wenn ich es recht erinnere." Der Satz heißt auf deutsch "... wenn ich MICH recht erinnere." Oder ist das als Onlineredakteur heutzutage unabdinglich, deutsche Vokabeln in englische Grammatik zu gießen?
Nick Fury, 11.05.2014
3. Das grösste Mysterium: Hulk's Hose
Für mich gehört Hulk ebenfalls zu den Helden der Jugend, allerdings der "richtige" Hulk Bruce Banner aus den Comics. In besagte TV-Serie habe ich dann, freilich einige Jahre später, nur kopfschüttelnd hineingeschaut. Immerhin - Comic, Serie oder Film - das mysteriöseste an allen Geschichten ist sicherlich die Hose des Hulk. Denn nicht nur der Hulk widersteht Panzergranaten und Atomexplosionen, seine Hose tut es ebenfalls.
Randy Jäger, 11.05.2014
4. Bruce, nicht David
Kann nur vom Comic sprechen: dort ist Hulks alter ego Dr. Robert Bruce Banner, nicht David Banner.
nif rap, 13.05.2014
5. bruce banner
hulk heißt bruce und nicht david. David Banner ist ein amerikanischer rapper
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