Hungern als Show Ich will so leiden, wie ich bin

Hungern als Show: Ich will so leiden, wie ich bin Fotos

Mager, aber berühmt: Im 19. Jahrhundert boomte in Europa eine äußerst merkwürdige Jahrmarktsattraktion. Wochenlang hungerten Menschen in Schaukästen - und das Volk bejubelte sie dafür. Für viele der Fastenfreaks begann mit dem künstlichen Kostverzicht eine steile Karriere. Von

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Der bärtige Mann baumelte neben der Londoner Tower Bridge, neun Meter über dem Potters Fields Park in der Luft. Eingesperrt in einen quadratischen Plexiglaskasten, durchlitt er sein selbstgewähltes Martyrium: 44 Tage lang nahm der US-Amerikaner David Blaine keinen einzigen Bissen zu sich - allein Wasser aus Plastikflaschen durfte er trinken. Rund um die Uhr hing er da, einer Zirkusattraktion gleich, jeden Tag ein bisschen weniger, jeden Tag ein bisschen apathischer.

Meist schlief er, manchmal blätterte er in einem Buch oder schaute runter, auf die gaffende Menschenmenge zu seinen Füßen. Bis er am 19. Oktober 2003 schließlich, mehr tot als lebendig, heruntergelassen und auf eine Bahre gelegt wurde, um in einer Klinik wieder zu Kräften zu kommen. "Above the Below" ("Über dem Abgrund") hieß die umstrittene Aktion des Stunt-Artisten, Zauberers und Illusionisten David Blaine.

Mit seinem freiwilligen Horrortrip verfolgte er keinerlei politische Absichten, vielmehr ging es dem Selbstdarsteller einzig und allein um die Show. Damit knüpfte Blaine an eine rund 130 Jahre alte Tradition an, die heute längst vergessen ist: das Schauhungern. Ende des 19. Jahrhunderts eroberte dieser bizarr anmutende Unterhaltungssport die Städte und Jahrmärkte rund um den Globus. Ihren Anfang nahm die neue Entertainment-Form ausgerechnet im Burger-Paradies Amerika - mit der Wette eines Askese-Fans.

Vom Medizinversuch zum Geschäftsmodell

Der Arzt Henry Tanner, der mit 17 Jahren von England in die Vereinigten Staaten ausgewandert war, wettete 1880, dass es ihm gelänge, 40 Tage lang nur Wasser zu sich zu nehmen. Er wollte damit den Beweis antreten, dass der Geist, wenn er sich richtig anstrengt, über das schwache Fleisch triumphieren kann. Zudem war Tanner davon überzeugt, dass Hungern schlichtweg gesundheitsfördernd sei.

Am 28. Juni, um neun Uhr morgens, begann Tanner in der Clarendon Hall in New York City mit seinem Selbstversuch. Um nicht zu mogeln, umgab er sich permanent mit Wächtern, einmal am Tag ging er in einen Park, um frisches Quellwasser zu trinken. Richtig gut erging es dem Arzt dabei nicht: Am Ende der Fastenzeit, so fasst es das Handbuch über "Fahrend Volk" von 1895 zusammen, "musste Dr. Tanner fast alltäglich erbrechen, doch überwand er auch diese Störungen, und nach vierzig Tagen hatte er glücklich die Würde eines Champion-Hungerers errungen."

Henry Tanner hatte den schnöden Hunger besiegt, war zum Star avanciert - und hatte sich durchs Darben nebenbei ein hübsches Salär dazu verdient. Tausende Besucher kamen vorbei und zahlten 25 Cent Eintritt, um den "Hungerdoktor" zu bestaunen, der mal in einer Hängematte lag und Zeitung las, mal mit seinen Bewachern plauschte. Der Hunger hatte den Darbenden reich gemacht - bald wurde auch in Europa der Kostverzicht zum rentablen Unterhaltungssport.

Krawatten zu Ehren des Hungerstars

Die Menschen um die Jahrhundertwende trieb ein schier unstillbares voyeuristisches Verlangen nach außergewöhnlichen Erscheinungen jedweder Art um. Ob kleinwüchsige "Zwergköniginnen" oder gigantisch große "Riesenknaben", kugelrunde "Kolossaldamen" oder extrem behaarte "Affenmädchen", Hermaphroditen, Siamesische Zwillinge oder Menschen mit Albinismus: Die Zurschaustellung von Menschen, deren Körper von der Norm abwichen, fehlte Anfang des 20. Jahrhunderts auf kaum einem Jahrmarkt.

In dieses bunte Panoptikum reihten sich nun die Hungerkünstler ein - wobei sie nicht einfach nur ihren Körper, sondern auch dessen Transformation, die Abmagerung zeigten. Und dies auf Jahrmärkten ebenso wie in Gaststätten, Varietés und Hotels. Zu einem der berühmtesten Vertreter seiner Zunft geriet Giovanni Succi, der 1886 mit seiner ersten Fastenshow begann. 30 Tage lang hungerte sich der Italiener in die Herzen der Mailänder Bevölkerung, selbst aus dem Ausland reisten die Menschen an, um sich den darbenden Mann mit dem imposanten Schnauzbart anzusehen. Als Succi eines Abends unter ärztlicher Begleitung in die Oper ging, mussten die Sänger kurzzeitig die Vorstellung unterbrechen, da die Opernbesucher nur noch Augen für den Hungerkünstler hatten.

Zehn Jahre später gastierte der populäre Succi im schicken Hotel Royal in Wien. Prinzen, Generalkonsuln und Gräfinnen erwiesen ihm ihre Reverenz, selbst Erzherzog Leopold Salvator schaute vorbei, wie der österreichische Historiker Peter Payer rekonstruiert hat. Eine Herrenboutique lancierte Succi-Krawatten, täglich vermeldete das "Illustrierte Wiener Extrablatt" Gewicht und Gesundheitszustand des Hungerleiders. Allerdings regte sich in der genussorientierten k.u.k.-Metropole auch Widerstand gegen das freiwillige Darben: Empörte Grantlhuber ließen Succi per Zusendung von Leckereien wissen, was sie von der Aktion hielten.

Beefsteak und Sekt für den Fastenkönig

So bekam der freiwillig Hungernde etwa zwei Würstchen überreicht, mit der Botschaft: "Wir Wiener lieben keine mageren Leut' - haben nur an Dicken große Freud. Wir sind so gut, erbarmst uns sehr, zwei Würstel senden wir daher." Eine Dame schickte "Appetitpulver, eine Stunde vor der nächsten Mahlzeit einzunehmen", und ein Professor überbrachte Zigaretten mit der Aufschrift "Guten Appetit!".

Als ein Arzt Succi in der letzten Woche seiner 30-tägigen Show unangemeldet in seinem Hotelzimmer besuchte, entzauberte sich eine ganze Branche: Der erstaunte Mann überraschte den angeblichen Fastenkönig bei Beefsteak und Sekt - der Ruf war ramponiert. Ab sofort wurden die Hungerkünstler in einem Glaskasten eingebuchtet oder in einem Turm eingemauert, der besseren Kontrolle halber.

In Wien, wo die durchsichtigen Kerker oftmals in Kaffeehäusern standen, folgte die Hungerkunst-Show einem ritualisierten Procedere: Der Artist nahm ein letztes ausgiebiges Mahl zu sich, stieg dann in seinen mit Bett, Sofa, Büchern, Leselampe und Toilette ausgestatteten, streng bewachten Glaskasten - und ließ sich bestaunen. Am Ende der selbstgesetzten Fastenfrist entstieg der Künstler seiner Zelle unter großem Brimborium, um vor den Zuschauern ein mehrgängiges Menü zu verspeisen.

Emanze im Glaskasten

War die Show für den Hungerkünstler zwar einträglich, dafür aber fürchterlich langweilig, vergnügten sich die zahlenden Zuschauer umso mehr: Haftete der Dauerfasterei doch der Thrill an, dass der Darbende jederzeit tot umfallen könnte. 24.000 Zuschauer kamen, als der Deutsche Wilhelm Bode alias "Riccardo Sacco" im Mai 1905 im Wiener Prater auftrat. Die Menschen klopften an die Scheibe, als wäre Sacco ein seltenes Zootier, seine Popularität war ungebrochen - bis eine Frau ihm den Ruhm streitig machte.

Nur einen Monat nach Sacco ließ sich die Schauspielerin Auguste Victoria Schenk in einem benachbarten Kaffeehaus einsperren. Schon am zweiten Tag kamen 1.100 Menschen, eine Kapelle spielte ihr Lieblingsstück, vor dem Glaskasten häuften sich die Blumensträuße. Schenk toppte die Hungershow ihres Vorgängers um 48 Stunden, was ihr bei der Presse nicht nur Applaus einbrachte: Die Frauen würden den Männern nun auch noch "die brotloseste aller Künste" streitig machen, ätzte das "Illustrierte Wiener Extrablatt" und verurteilte solcherlei "Emancipations-Gelüste". Der robusten Schenk bekam ihre Hungershow gut: Nach 23 Tagen verließ sie ihr durchsichtiges Verließ um zehn Kilo erleichtert und bester Laune.

Erst als der Erste Weltkrieg heraufzog und echter Hunger die Menschen im Würgegriff hielt, wollte keiner mehr so recht den Fastenfreaks zuschauen. "In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen", konstatierte Schriftsteller Franz Kafka in seinem 1922 verfassten Psychogramm eines Hungerkünstlers. Und auch die Schaustellerzeitschrift "Komet" schimpfte über die darbenden Jahrmarkts-Artisten: "Im Krieg haben wir übrigens alle (…) einen unfreiwilligen Vorbereitungskurs für diesen Beruf durchmachen müssen, mit dem Unterschiede, dass wir in keinem Glaskasten saßen und nicht ein hübsches Stück Geld damit verdienen konnten", erregte sich ein Autor 1926.

10.000 Zigaretten in 45 Tagen

Dennoch erlebte die Kunst des Kostverzichts im gleichen Jahr, allem Nachkriegselend zum Trotz, einen letzten großen Boom. Schuld war der Hungervirtuose "Jolly", der in Berlin einen neuen Weltrekord von 44 Tagen aufstellte. 350.000 Menschen kamen, um "Jolly" zu bewundern, allerorten traten selbsternannte Hungerkünstler an, um ihm nachzueifern. Das auch in Berlin im Glaskasten eingesperrte Fasten-Paar "Harry und Fastello" knackte den Rekord zwar, schlitterte jedoch knapp an einer Nikotinvergiftung vorbei: Während ihres 45-Tage-Martyriums pafften die beiden rund 10.000 Zigaretten.

Andere begnügten sich nicht mit Rauchen, sondern schummelten, was das Zeug hielt. So knabberte "Jolly" heimlich Schokolade, die ihm von seinen Wärtern zugesteckt worden war und stärkte sich Hungerkünstler "Harry Nelson" in Leipzig mit Hühnerbrühe und Malzbonbons, die man ihm nachts durch eine Öffnung im Glaskasten reichte. Als völlig entnervte Fastenfreaks wie "Wolly" gar aus ihrem Käfig ausbrachen, blieb das Publikum gleich ganz weg - schließlich gab es längst andere Vergnügungen, etwa das Kino.

Mit der zunehmenden Popularität des Fernsehens nach dem Zweiten Weltkrieg wirkten Hungerkünstler vollends antiquiert und peinlich. Für Furore sorgte einzig der Deutsche Ludwig Schmitz alias "Heros", der 53 Tage lang in einem Glaskasten im Frankfurter Zoo vor sich hinvegetierte. Doch nahm der Hungerleider ein unrühmliches Ende: Im August 1950 hielt man ihm eine Anklageschrift von außen an die Glasscheibe - kurz darauf wanderte der abgemagerte "Heros" ins Gefängnis. Er hatte sich ein paar Jahre zuvor der Erpressung, des Diebstahl und der Unterschlagung schuldig gemacht.

Mit blanken Brüsten gegen den Selbstdarsteller

Feierte man die Hungerkünstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts zumeist noch wie Stars, erntete David Blaine vor allem Spott und Hass für seine Performance in London. Zwar liebte ihn eine Minderheit für seine enorme Willensstärke und befestigte Botschaften wie "Wir haben die Schönheit erlebt, an Deiner Seite zu leiden" oder "I love you, David" am Maschendrahtzaun unter dem Selbstdarsteller. Insgesamt jedoch überwog die Empörung - zu präsent der reale Hunger in der Dritten Welt, zu akut die Magersuchtsproblematik in den Industrienationen.

Um den Magier zu provozieren, entblößten Frauen ihre Brüste und Männer ihre Pos. Zudem flogen Farbbeutel, Eier und Golfbälle gegen den in der Luft baumelnden Kasten. Eine Boulevard-Zeitschrift ließ einen ferngesteuerten Hubschrauber um Blaine kreisen, von dem ein Cheeseburger grinste. Und eine Dritte-Welt-Hilfsgruppe protestierte, ausgerechnet per Hungerstreik, gegen die sinnentleerte Aktion - von der selbst Blaine keine Ahnung hatte, weshalb er sie überhaupt gestartet hatte.

"Ich weiß auch nicht so genau, warum ich es tat", gestand er im Dezember 2003 dem "Guardian". "Es ist, wie wenn man mit dem Motorrad so schnell wie möglich fährt. Eines Tages hatte ich einfach diesen Traum - und tat es."

Zum Weiterlesen: Peter Payer: Hungerkünstler in Wien. Eine verschwundene Attraktion, Verlag Sonderzahl 2002.

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Michael Staps 10.10.2011
einer hungert und Tausende sehen hin... Tausende hungern und Millionen sehen weg. Zynismus pur...
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