"Hustler"-Verleger Larry Flynt Vulgär, gestört und äußerst mächtig

"Hustler"-Verleger Larry Flynt: Vulgär, gestört und äußerst mächtig Fotos
AP

Politik macht er mit Sexskandalen, mit seinen Magazinen veränderte Larry Flynt die Moralvorstellungen Amerikas. Nun wird der Schmuddelkönig der USA 70 Jahre alt. Rückblick auf ein Leben, das mit einer düsteren Kindheit begann - und den Verleger in einen goldenen Rollstuhl brachte. Von

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
  • Zur Startseite
    4.2 (14 Bewertungen)

Wer Larry Flynt verstehen will, muss sich seine Kindheit anschauen. Über diese berichtet der berüchtigte Verleger in seiner Autobiografie "An Unseemly Man" - ein ungehöriger Mann - und beschreibt wortreich, dass er auch schon ein schwieriges Kind war. So schildert er etwa, wie er Sex mit einem Huhn seiner Großmutter hatte. Damals war der kleine Larry neun Jahre alt und lebte als Sohn alkoholkranker Eltern im hinterwäldlerischen Kentucky, wo die Kopulation mit Tieren angeblich üblich war. Doch der Junge - offenbar verstört von dem Erlebnis - tötete das Huhn. In seinen Erinnerungen schrieb er: Er habe da erkannt, dass er "doch lieber Mädchen mochte".

Bei dieser Entscheidung sollte es bleiben. Dieser Tage, Larry Flynt wird 70 Jahre alt, residiert er als Chef des Verlagshauses Larry Flynt Publications (LFP) in einem schwarzen Hochhaus in Los Angeles. Er ist Herr über mehr als 20 Publikationen überwiegend pornographischen Inhalts, darunter der berüchtigte "Hustler", sein Jahresumsatz wird auf 150 Millionen Dollar geschätzt. Ein schwer kranker Mensch mit bipolarer Persönlichkeitsstörung ist er sein ganzes tragisches Leben lang geblieben. Und doch hat dieser zwielichtige Charakter zunächst die USA und dann die ganze westliche Welt nachhaltig verändert – indem er fast im Alleingang die Fesseln einer strengen Sexualmoral nicht nur lockern, sondern vollkommen lösen sollte.

Ohne seine erschütternde Jugend freilich wäre das wohl kaum möglich gewesen. Er übte sexuelle Gewalt aus, und er erlitt sexuelle Gewalt. Ein Jahr nach der traurigen Geschichte mit dem Huhn trennten sich seine Eltern. Flynt wurde kurz darauf als Anhalter von einem Pädophilen mit vorgehaltener Waffe vergewaltigt: "Ich bin hetero", gab er später zu Protokoll, "das hat mich nicht traumatisiert oder so."

Schüsse auf die Schwiegermutter

Nach einer Zeit ziellosen Vagabundierens und Jobs als Tellerwäscher und Erntehelfer trat er der US-Marine bei, wo er auf der "USS Enterprise" als Radartechniker arbeitete. In dieser Zeit heiratete er seine erste Frau Peggy und trennte sich von ihr gleich nach der Geburt von Tonya, seiner ersten Tochter. Die Schuld gab er seiner Schwiegermutter. Und als er in trunkenem Furor "ein paar Schüsse" auf die alte Dame abgab, konnte er dem Knast nur entgehen, indem er sich in eine psychiatrische Klinik einweisen ließ - wo er, ganz zeitgemäß, mit Elektroschocks behandelt wurde.

Wieder frei, beschloss er, künftig all seine Energie darauf zu verwenden, reich zu werden - und sich nie mehr romantisch zu binden. Von seinem Ersparten kaufte er in Dayton, Ohio, eine Bar, die er in einen Nachtclub für "hart arbeitende Männer" umwandelte, in dem er seinen selbst gebrannten Whisky verkaufte. Bald stellte er die ersten "Hostessen" ein und begann in den späten sechziger Jahren, mit der ersten Brise sexueller Befreiung in den Segeln, das damals moderne Konzept der Gogo-Bars an der Ostküste zu etablieren. Seinen ersten Club mit Strip-Tänzerinnen nannte er "Hustler", was auf Deutsch sowohl "Gauner" als auch "Prostituierte" bedeuten kann.

Zu dieser Zeit brachte er mit dem "Hustler Newsletter" und "The Hustler For Today’s Men" verschiedene Flugblätter in Umlauf, die mit Stripperinnen für seine Clubs werben sollten. Als diese recht eindeutigen Publikationen immer beliebter wurden, gründete er 1974 das Magazin "Hustler" - eine direkte Konkurrenz zu eher konservativen Publikationen wie Bob Gucciones "Penthouse" oder dem "Playboy" eines Hugh Hefner. Während der "Playboy" bis heute noch gewisse ästhetische Maßstäbe anlegt und seinen Inhalt als "geschmackvolle Erotik" verbrämt, ging es dem "Hustler" von Anfang an um absolut eindeutige Bilder. Nachdem sich "Penthouse" und "Playboy" jahrelang einen eher verschämten "Schamhaarkrieg" darum geliefert hatten, wer am meisten zeigt, ohne zu viel zu zeigen, entschied Newcomer Flynt den Wettbewerb mit einem sogenannten Pink Shot, der Aufnahme einer leicht geöffneten Vagina, kurzerhand für sich.

Jackie Kennedy nackt

Flynt war vulgär, stets auf Amphetaminen, erfolgreich - und bekam es plötzlich mit den staatlichen Sittenwächtern zu tun. Das Erscheinen fast jeder einzelnen Ausgabe musste quasi vor Gericht durchgesetzt werden, und der Verleger machte sich einen Sport daraus, in fast jedem fraglichen Bundesstaat vor Gericht zu erscheinen.

Wie bedrohlich diese rechtlichen Scharmützel waren, erwies sich erstmals 1976, als Flynt von einem Richter in Cincinnatti wegen "Obszönität und organisiertem Verbrechen" zu einer Haftstrafe von 25 Jahren verurteilt wurde. Absitzen musste er davon nur sechs Tage, denn seine Anwälte hatten längst den entscheidenden Hebel gefunden, mit dem Flynt jeden politischen und gesellschaftlichen Widerstand gegen sein wachsendes Porno-Imperium bulldozergleich beiseiteräumen konnte - den ersten Zusatz zur Verfassung der Vereinigten Staaten, in dem es heißt: "Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Staatsreligion zum Gegenstand hat, die freie Religionsausübung verbietet, die Rede- oder Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich zu versammeln und die Regierung um die Beseitigung von Missständen zu ersuchen."

Seitdem hat Flynt dieses "First Amendment" immer wieder ins Feld geführt, und nicht einmal der Oberste US-Gerichtshof mochte ihm die von den Vätern der Verfassung garantierten Bürgerrechte absprechen. So wichtig sein Kampf um diese Bürgerrechte gegen staatliche Bevormundung auch gewesen sein mag, so abstoßend war, was er unter deren Deckmantel anstellte. Paparazzi-Fotos, auf denen die Ex-Präsidentengattin Jackie Kennedy nackt zu sehen war, machten ihn endgültig zum Millionär. Er zeigte Inszenierungen lustvoller Vergewaltigungen und beschäftigte einen auf Pädophilie-Witzchen abonnierten Cartoon-Zeichner auch dann noch, als der wegen Missbrauchs von Minderjährigen längst im Knast saß. Kritik nicht zuletzt von feministischer Seite konterte er stets mit dem Hinweis darauf, Satire dürfe alles. Warum Satire ausgerechnet die Ausbeutung von Frauen auf die Spitze treiben und was genau damit satirisch bloßgestellt werden sollte, konnte und wollte Flynt nicht erklären.

Auf dem Höhepunkt seines Ruhms traf ihn am 6. März 1978 vor einem Gerichtsgebäude in Georgia von hinten die Kugel eines Attentäters und zertrümmerte seine Wirbelsäule. Abgefeuert hatte diese Kugel aus dem Hinterhalt vermutlich der Serienkiller Joseph Paul Franklin - ein Verfechter der "weißen Überlegenheit", der sich weniger an Flynts Pornomanie als vielmehr daran störte, dass im "Hustler" auch Sex zwischen Schwarzen und Weißen gezeigt wurde. Flynt blieb seit diesem Tag von der Hüfte abwärts gelähmt und wurde damit endgültig zu einem Märtyrer für eine gerechte Sache. Wohl oder übel.

Politik per Sexskandal

Flynt wurde abhängig von Schmerzmitteln, die Nebenwirkungen der Medikamente und seines exzessiven Lebensstils beeinträchtigen ihn bis heute. Und bis heute betätigt sich Flynt immer wieder politisch: oft mit dem Ausloben einer Prämie in Millionenhöhe für kompromittierende Informationen über unliebsame Politiker. Bei allein 20 Sexskandalen konservativer Amtsträger hatte Flynt seine Finger im Spiel. Liberale Politiker dagegen unterstützte der erklärte Demokrat. In den neunziger Jahren nahm er US-Präsident Bill Clinton in Schutz, als der sich wegen der Lewsinki-Affäre verantworten musste. Und immer wieder glückte ihm das, was Journalisten einen Scoop nennen. So gelangte er 1983 in den Besitz eines Videos, das zeigte, wie das FBI den fälschlicherweise des Kokainhandels angeklagten Autobauer John DeLorean unter Druck setzte. Weil er seine Quelle nicht preisgeben wollte, landete Flynt erneut vor dem Richter und wurde diesmal zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt - weil er vor Gericht eine Windel in den Farben der US-Flagge trug.

In der Verfilmung seiner Autobiographie im Jahr 2004 wurde er von Woody Harrelson gespielt, seine verstorbene Ehefrau Althea von Courtney Love. Den Richter, der ihn einst zu 25 Jahren verdonnerte, spielte er selbst. Bei der Premiere von "The People vs. Larry Flynt" wollte ihm die Filmfirma vorsichtshalber kein Ticket geben. Sie befürchteten, dass Flynt sich einen Publicity-Stunt leisten würde, der dem Film schadet. Daraufhin schmuggelte Harrelson persönlich den Verleger ins Kino.

2003 bewarb er sich, wenngleich erfolglos, um das Amt des Gouverneurs von Kalifornien: "Politik ist mein Hobby, Schweinkram meine Berufung." Zuletzt machte er wieder damit Furore, beides miteinander zu verbinden, als er die Tea-Party-Ikone Sarah Palin aufs Korn nahm: "Who’s Nailin‘ Paylin?" hieß der - natürlich satirische - Pornofilm, dessen Hauptdarstellerin der Politikerin aus Alaska sehr ähnlich sah.

Zuletzt spendete er, der klassische "Whistleblower", dem modernen Whistleblower Julian Assange 50.000 Dollar mit der Begründung, dass "wir nicht in diesem Schlamassel stecken würden", wenn es WikiLeaks schon vor dem "kriminellen Überfall" auf den Irak gegeben hätte. Vielleicht liegt darin ja das Erfolgsgeheimnis dieses genialen Schweinehunds - was immer er tut, ist stets unterhaltsam. Selbst heute noch, da er aufgeschwemmt, nuschelnd und mit maskenhaftem Gesicht im Rollstuhl sitzt. Immerhin hat der Rollstuhl 85.000 Dollar gekostet. Er ist komplett vergoldet.

Artikel bewerten
4.2 (14 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Felix Andersen 02.11.2012
Ausbeutung von Frauen? Wie denn, indem er sich mit deren Bildern bereichert? Das Geld für seine Magazine stammt doch wohl hauptsächlich von Männern, also ist es wohl eher Ausbeutung von Männern mithilfe von Frauen. Aber natürlich sind Frauen generell unschuldig und ehrbar und stets die Opfer, auch oder gerade wenn sie bei solchem Schmuddelkram mitmachen. Ziemlich rückständige Auffassung, irgendwie.
2.
Andrea Gros 02.11.2012
Vielen Dank fuer diesen schoenen Bericht. Ergaenzend moechte ich hinzufuegen, dass Herr Flynt und Frau einfach umwerfend dargestellt wurden,auch da war dann wieder ein "scoop"... Courtney Love hatte das Zeug zu ganz grossem, eindeutig. Und Woody Harrelson musste Herrn Flynt in die Premierenfeier schmuggeln? Mehr von dieser anderen unterhaltenden Welt und weniger von Frau Gaga. Mit freundlichen Gruessen aus Tanzania.
3.
Christoph Wirtz 02.11.2012
Das letzte Foto von einigen Demonstranten mit "Das Volk gegen Flynt" zu untertiteln, geht meiner Ansicht nach an den Tatsachen vorbei. Ein paar versprengte Sexophobe sind wohl kaum "das Volk", zumal die USA das Pornokonsumland No. 1 sind. Die Zahl derjenigen, die Herrn Flynts Produkte begrüßen, dürfte die der Prostestierer vielfach übersteigen.
4.
Kirsten Brast 02.11.2012
Ah... interessant. Wenn jemand gegen so manches Treiben Flynts - wie Darstellung von Vergewaltigungen und Pädasterie - protestiert, ist er also sogleich "sexophob". Was soll diese hochkreative Wortkonstruktion eigentlich bedeuten? Ich konnte sie leider nirgends finden...
5.
Esteban Escobar 05.11.2012
Im Artikel heisst es, Flynt habe fast im Alleingang die Fesseln einer strengen Sexualmoral nicht nur gelockert, sondern vollkommen gelöst - zuerst in den USA und dann in der ganzen westlichen Welt. Dies ist eine erstaunliche Aussage für einen Mann, dessen eigentliches Lebenswerk erst 1974 mit dem "Hustler" seinen Anfang nahm. Da war die sexuelle Revolution bereits in vollem Gange. Bereits sechs Jahre zuvor listete der biedere SPIEGEL (47/1968) auf: (...) An Lebenshilfe lag in Zeitungskiosken gestapelt: "Mit wieviel Männern -- darf ein Mädchen schlafen?" ("Es"); "Was Männer empfinden, wenn sie ihre Frau betrügen" ("Jasmin"); "Prostitution in St. Pauli" ("Quick"); "So lernen Männer besser lieben" ("Neue Revue"). Auf dem Titelblatt der satirischen Monatszeitschrift "Pardon" zeigte sich ihr Verleger Hans A. Nikel mit einer Nackten, die auf seinen Schultern ritt. In der "Zeit" fand sich die Forderung, auch Ehefrauen müßten fremdgehen dürfen. (...) Kurzum, es war ein ganz normaler, sexdurchsonnter Septembertag des Jahres 1968. - http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=45922103&aref=image036/2006/02/14/PPM-SP196804700460067.pdf&thumb=false Flint sprang lediglich auf einen Zug auf, der bereits deutlich an Fahrt aufgenommen hatte.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen