Hymnenpatzer auf dem Fußballplatz Einigkeit und Recht und … öh

Hymnenpatzer auf dem Fußballplatz: Einigkeit und Recht und … öh Fotos
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Spieler brechen in Tränen aus, Popstars verhaspeln sich beim Text - und manchmal wird die Nationalhymne vor dem Anpfiff gar zur Staatsaffäre. In der Geschichte von WM und EM wurde der Lobgesang aufs Heimatland immer wieder zum bösen Eigentor. einestages erinnert an die peinlichsten Ausrutscher. Von

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Als vor der WM-Partie Brasilien gegen Nordkorea die Hymne des asiatischen Landes intoniert wurde, schluchzte Stürmerstar Jong Tae Se plötzlich bitterlich. Was war passiert? Hatte jemand die falsche Musik eingelegt? Offenbar nicht, schließlich sangen alle seine Mitspieler so inbrünstig mit, als würde ihr "geliebter Führer" Kim Jong Il persönlich über die Korrektheit ihres Gesangs wachen.

Vermutlich waren es bei Jong Tae Se Gedanken an seine Familiengeschichte, die ihn so aus der Fassung brachten. Er ist der Sohn eines Südkoreaners und einer Nordkoreanerin. Obwohl der Kicker nie in Nordkorea gelebt hat, gilt für ihn vielleicht mehr als für seine stramm mitsingenden Mitspieler der Satz des Mannheimer Musikwissenschaftlers Professor Jürgen Arndt: Nationalhymnen sind ein "Moment der Besinnung" - und zwar auf den nationalen Charakter. Bei dem Ritual gehe es keineswegs darum, "Rivalitäten zu schüren oder den Konflikt vor dem Spiel musikalisch auf den Punkt zu bringen".

In der Fußballhistorie war es das erste Mal, dass die nordkoreanische Hymne während eines WM-Turniers erklang. Bei der bis dato einzigen Turnierteilnahme in England 1966 war sie aus politischen Boykottgründen nicht gespielt worden. Was zur Folge hatte, dass auch alle anderen Teilnehmerteams auf die motivierende Wirkung ihrer Hymne verzichten mussten.

Sind Mitsinger Matchwinner?

Heute wäre das undenkbar. Nationalhymnen sind mittlerweile ein wichtiger Teil der Vorspielinszenierung. Denn nicht nur in Nordkorea schaut man genau hin, wie gut die Fußballer das vornehmste Lied der Nation mitsingen können. Bei der EM 2008 zählten britische Studenten vor jedem Match akkurat, wie viele Spieler bei ihrer Hymne stumm blieben. Das Ergebnis bewies: Mitsingen ist vielleicht gut für die Patriotismusschau, für die sportliche Leistung aber ziemlich belanglos. Während die vorbildlichen Sängerteams Österreich und Rumänien frühzeitig aus dem Turnier flogen, erreichten die Deutschen mit etlichen Gesangsboykotteuren das Finale. Die Spanier brauchten sich angesichts ihrer Instrumentalhymne sowieso auf keinen Text zu konzentrieren und spielten sich befreit zum Titel auf.

Seit geraumer Zeit geht der Trend bei der Nationalhymne im Stadionrahmen ohnehin zum Singen lassen. Fußball ist halt große Show oder "Emotion pur", wie die Sprachkünstler in den Reporterbuchten gern sagen. Um für "Emotion purpur" zu sorgen, wird deshalb die Nationalhymne oft verpoppt. Wie so viele Unterhaltungstrends wurde auch dieser aus Amerika übernommen. In den USA singen seit je Popstars die US-Hymne vor bedeutenden Wettkämpfen wie dem Super Bowl. Aretha Franklin tat es, Mariah Carey oder Whitney Houston - als sie noch die Töne traf.

Die Europäer entdeckten in den neunziger Jahren die Magie des Pathospop vorm Länderkick. Nicht zufällig zu einer Zeit, als Showmätzchen im Fußballbusiness auf ganzer Linie Einzug hielten. Fußballspieler (Lars Ricken) und sogar Reporter (Reinhold Beckmann) veröffentlichten CDs mit ihren Favoritensongs. Die Ära der singenden Nationalmannschaften war kurz zuvor zu Ende gegangen. Zwei Jahrzehnte lang hatten sich die Teams vieler Fußballnationen (England, Niederlande, Belgien, Spanien) mit mehr oder weniger peinlichem Liedgut auf Turniere eingesungen. Den letzten WM-vorbereitenden Auftritt einer DFB-Elf gab es 1994: eine spektakuläre Kollaboration mit den Schwulen-Ikonen Village People. Die Songs "Far Away" und "United We'll Go" dümpelten unerhört in den unteren Rängen der deutschen Charts.

Eine Hymne aufs Geschlecht

Kaum waren die Amateursänger der Nationalmannschaften mit ihren Fußballhymnen verabschiedet, betraten die Profi-Sänger das Stadion, um den Gesang der Nationalhymne zur großen Kunst zu erheben. Was blieb, war das Peinlichkeitspotential im Vortragswesen. Wenig Ruhm erwarb sich in Deutschland Sarah Connor, als sie während ihres Auftritts bei der Eröffnung der Münchner Allianz-Arena 2005 das "Lied der Deutschen" mit einem neuen Text versah. Die Originalzeile "Blüh' im Glanze dieses Glückes" wandelte sie in "Brüh' im Lichte dieses Glückes".

Der britische Startenor Tony Henry hätte sich 2007 wohl gefreut, wenn ihm nur so ein banaler Lapsus passiert wäre. Als er vor dem EM-Qualifikationsspiel England gegen Kroatien im Wembley-Stadion auftrat, endete das im Desaster. Der gute Mann hatte beim Intonieren der kroatischen Hymne lediglich einen Buchstaben verwechselt, statt "Mila kuda si planina" sang er "Mila kura si planina". Kleiner Fehler, große Wirkung. Denn so wurde aus dem lyrischen Erguss "Du weißt, mein Liebling, wie wir deine Berge lieben" der poetische Donnerschlag "Meine Liebe, mein Penis ist ein Berg". Die amüsierten Kroaten gingen derart aufgelockert ins Spiel, dass sie die Engländer sensationell mit 3:2 plattmachten und um das Euro-Ticket brachten. Aus Kroatien kam hernach der Wunsch, dass jener Tony Henry doch bitte das Team als Glücksbringer beim EM-Turnier begleiten möge.

Solche Pannen geschehen halt, wenn man das renommierteste Musikstück der Nation nicht mehr von einer Blasmusikkapelle intonieren lässt oder vom Band abspielt, sondern eine künstlerische Live-Darbietung für Pop-Appeal sorgen soll.

Eine Weile ging es zumindest in Deutschland tatsächlich gut. Als die Sopranistin Anna Maria Kaufmann 1994 erst einmal vor dem Freundschaftsspiel Kanada gegen die Bundesrepublik in Toronto auftrat und beide Hymnen a cappella sang, war das ein gutes Omen. Die Deutschen gewannen 2:0, und die Deutsch-Kanadierin wurde weiterhin vom DFB gebucht.

Fanatische Fans? Verrückte Fans!

1996 sang Anna Maria Kaufmann vorm EM-Halbfinale im Londoner Wembley-Stadion unter gellenden Pfiffen der Briten das "Lied der Deutschen", und wieder verließen die Deutschen anschließend als Sieger den Platz. Als Glücksbotin erwies sich die Sängerin auch kurz vorm WM-Halbfinalspiel 2002 gegen Gastgeber Südkorea. "Einen Auftritt vorm Finale hat die Fifa dann nicht mehr erlaubt", enthüllte die Musical-Diva später die Hintergründe des 0:2 verlorenen Endspiels gegen Brasilien. Dass Brasilien den Titel gewann, war als also nicht die Schuld des patzenden Kahn, sondern der Fifa.

Am Weltfußballverband lag es dann wohl auch, dass Deutschland 2006 nicht Weltmeister wurde. Schließlich untersagte die Fifa bei der WM ebenfalls die Hymnenperformance vor dem Spiel. Möglicherweise befand sich die Fifa noch in Schockstarre ob der Geschehnisse in der WM-Qualifikation.

Bei der Begegnung Türkei gegen Schweiz war es in Istanbul zu schweren Ausschreitungen gekommen. Die aufgeheizte Atmosphäre hatten die türkischen Offiziellen den Eidgenossen angelastet, da die türkische Nationalhymne beim Hinspiel von den Schweizer Zuschauern "aufs Schlimmste missachtet" worden sei. Gemeint war ein grandioses Pfeifkonzert des Schweizer Publikums, woraufhin Davut Disli vom türkischen Fußballverband den Stimmungsmacher gegeben hatte: "Ich will mehr als fanatische Fans, ich will verrückte Fans." Er bekam seine verrückten Fans, wofür die Fifa die Türken teuer bestrafte. Gratis obendrauf gab's vom Schweizer Fifa-Boss einen seiner berüchtigten Eintagsgedanken. Josef Blatter schlug vor, auf das Abspielen der Hymnen vor Länderspielen künftig zu verzichten.

Hand aufs falsche Herz

Zum Glück blieb es bei der Idee, andernfalls würden der Welt viele Momente entgehen, die den Fußball trotz seiner Aufladung mit nationalem Pathos und Bedeutungsschwere so schön machen. Momente wie die skurrile Hand-aufs-Herz-Geste des US-Spielers Alexi Lalas, der völlig betört von den Star-Spangled-Banner-Klängen sein Herz auf dem rechten, also falschen Fleck wähnte.

Überrascht waren 2005 auch die französischen Fans, als sie sahen, wie sämtliche Les Bleus vor einer wichtigen Partie in Irland zur Marsailleise eine Hand ans Herz legten. Sie wollten ihrem kranken Präsidenten zu Hause mit der in Frankreich unüblichen Geste einen Gefallen tun. Die Bitte von Chirac um den patriotischen Akt war echt, nur Chirac der Falsche. Kapitän Zinédine Zidane war beim Bittanruf auf einen Stimmenimitator hereingefallen.

Immerhin gewannen die Franzosen anschließend das Spiel, was die These des Psychologieprofessors Roland Neumann bestätigt, dass Nationalhymnen als Fußballvorspiel durchaus einen Motivationsschub bewirken können. Da Nationalhymnen für Vertrautheit stünden und Nationalstolz weckten, würden sie Emotionen erzeugen, die wiederum zu Erregung führten. Wenn's gutgeht, könne das "bis zu einem bestimmten Grad förderlich sein". Freilich reagiere jeder Mensch anders.

Das kann man wohl sagen! Beim uruguayischen Mittelfeldspieler Julio Pérez gingen die Emotionen während der Hymnen vor dem WM-Finale 1950 so hoch, dass er sich vor Aufregung auf den Schuh pinkelte. Anschließend half er, die Brasilianer nass zu machen und nach deren 1:2-Niederlage in ein historisches Trauma zu stürzen.

Zum Weiterlesen:

Gunnar Leue: "Football's coming home - Die großen Momente der Fußballpopgeschichte". Knaur Taschenbuch, München 2010, 304 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
Peter Sauerbaum 02.07.2010
Die größte aller Peinlichkeiten, jedenfalls aus deutscher Sicht, war doch die Deutsche Nationalmannschaft während des Weltmeistertouniers 1954, als deren Mitglieder voller Inbrunst die 1.Strophe unserer Nationalhymne statt der richtigen 3.Strophe gesungen haben.
2.
Gordon Braun 06.07.2010
Wieso soll das die "größte Peinlichkeit" gewesen sein? Das war 1954 vor über 50 Jahren. Manchmal frage ich mich, wie alt die Kommentatoren hier sind? Was soll die nächste "größte Peinlichkeit" sein, dass 1990 nicht jeder DDR Bürger die "neue/alte" Hymne auswendig konnte?
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