Ich und mein Star Warum Menuhin ins Alphorn stieß

Ich und mein Star: Warum Menuhin ins Alphorn stieß Fotos
Rolf Hayo

Frechheit siegt! Der Fototermin mit Geiger-Legende Yehudi Menuin war geplatzt - aber wenigstens hören wollte Rolf Hayo den berühmten Violinisten. Unverhofft geriet er dabei an den Mittagstisch des Stars - und kam so ganz nebenbei zu außergewöhnlichen Bildern. Von

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Im August 1969 schickte die Zeitschrift "Jasmin", inzwischen längst verblichen, aber damals ein auflagenstarkes Frauenmagazin (Untertitel lautete: "Für das Leben zu zweit") einen Schweizer Journalisten nach Gstaad, um den berühmten Violinisten und Dirigenten Yehudi Menuhin für eine Homestory zu gewinnen. Menuhin lebte mit seiner Frau und zwei Söhnen in Gstaad und veranstaltete damals in der Kirche des Schweizer Bergortes ein jährliches Klassikfestival mit dem London Chamber Orchestra. Er war zu dieser Zeit Leiter und Dirigent dieses berühmten Orchesters.

Ich war damals ein junger Fotograf in München und arbeitete regelmäßig für "Jasmin". Also rief Kurt Kühne, der Fotochef, bei mir an. "Urs hat sich aus Gstaad gemeldet", sagte er, "ein Fotograf kann jetzt kommen, morgen machen wir die Geschichte."

In Frankreich war gerade Fluglotsenstreik, daher gab es keine Flüge in die Schweiz. Also rein ins Auto, 530 Kilometer von München nach Gstaad gebrettert, abends um 22 Uhr endlich Ankunft im Hotel. Urs, der Reporter, empfing mich: "Morgen früh ein kleines Telefonat mit dem Meister", tönte er, "dann fangen wir an!"

"Was haben Sie mit den Aufnahmen vor?"

Am nächsten Morgen beim Frühstück erwartete mich ein verstörter Reporter. "Jetzt hat der Menuhin die Sache abgesagt", stöhnte er, "gestern war er noch einverstanden." Meine Stimmung ging gleichfalls in den Keller. Ich setzte Urs am Bahnhof ab, die Stimmung war mies. Dann fuhr ich zu der Kirche, in der die Proben für das Festival liefen. Wenigstens die Musik wollte ich ein wenig genießen, wo ich schon die weite Reise umsonst gemacht hatte.

Aber natürlich nahm ich meine Leica und einen empfindlichen Ektachrome-400-Diafilm mit - warum nicht bei der Gelegenheit ein bisschen fotografieren. Wer weiß, wozu die Schnappschüsse gut sein könnten. Fotografieren bei Konzertproben ist natürlich eine heikle Sache - man muss sehr einfühlsam und zurückhaltend sein, sonst irritiert man schnell die Künstler und bringt sie gegen sich auf. Bei jemandem wie Karajan etwa wäre ich sofort rausgeflogen. Menuhin dagegen kam am Ende der Probe direkt auf mich zu und sprach mich freundlich an, ein wirklicher Herr. Ich stellte mich vor, sagte ihm, wie traurig ich über seine Absage gewesen sei und darüber, den weiten Weg umsonst gemacht zu haben.

"Was haben Sie mit den Aufnahmen vor, die Sie jetzt eben gemacht haben?", fragte Menuhin. "Ich mache Ihnen eine Vorschlag", sagte ich. "Ich fahre zurück nach München und lasse den Film entwickeln. Ihre Proben dauern ja noch eine Woche, dann komme ich zurück und bringe die Dias mit. Wenn Ihnen die Aufnahmen nicht gefallen, bleiben die Fotos bei Ihnen. Dieses Risiko trage ich gerne!"

"Kommen Sie doch mit zu uns nach Hause"

Eine knappe Woche später, es war der 28. August, fuhr ich von München noch einmal nach Gstaad, mit dabei zwei Klarsichthüllen mit je 20 Diapositiven. Am folgenden Vormittag machte ich mich auf in die Gstaader Kirche, wo Menuhin mit seinem Orchester probte. Der Maestro schaute sich die Fotos in Ruhe an, dann schaute er mir in die Augen und sagte: "Wenn Sie jetzt nichts vorhaben, sage ich meiner Frau Bescheid - kommen Sie mit zu uns nach Hause zum Mittagessen."

Mich haute das unerwartete Angebot fast von den Socken vor Freude. So lernte ich Menuhins Frau Diana, eine Engländerin und ehemalige Primaballerina, und auch die beiden Söhne der Menuhins kennen. Die Menuhins wohnten in einem alten, typisch schweizerischen Bauernhaus über Gstaad, umgeben von Wiesen und Weiden und mit einem phänomenalen Weitblick.

Das Eis war bald geschmolzen. Am Nachmittag fotografierten wir, sowohl im gemütlichen Haus als auch draußen im Garten. Beim Gang durch das Haus sah ich im Flur ein riesiges Alphorn. "Können Sie das spielen?", fragte ich neugierig. Menuhin lachte und erzählte mir, dass die Gstader Alphornbläser ihm das Instrument geschenkt hätten. "Wissen Sie", sagte er, "im Vergleich mit meiner Stradivari ist das Alphorn scheinbar ein primitives Instrument, aber entscheidend ist: Beide Klangkörper erfreuen Menschen mit Musik."

Der Star-Geiger als Alphornist

Meine leichtsinnige Frage, ob er denn auf dem Alphorn auch einen Ton zustande brächte, weckte seinen Ehrgeiz. Das ließ sich Yehudi Menuhin nicht zweimal fragen. So schleppten wir gemeinsam das schwere Instrument auf die Wiese vor dem Haus. Eine Melodie konnte er zwar nicht spielen, aber einen Ton brachte er heraus - und ich hatte ein Aufmachermotiv für eine Fotogeschichte.

Mein Vorschlag, weitere Fotos auf einem der umliegenden Berge wie dem Gifferhorn zu machen, wurde dann aber doch entschieden abgelehnt. Er habe keine Zeit, die Proben hätten Vorrang. Aber zuvor beim Alphornspielen auf der Wiese war mir ein Felsbrocken aufgefallen. "Könnten Sie und Ihre Frau sich nicht da rauf stellen? Das wäre doch ein schönes Foto." Strafender Blick von Yehudi, blankes Entsetzen im Gesicht seiner Frau Diana. Oje, das war wohl nichts. Jetzt galt es, die Situation zu retten. "Herr Menuhin, dieses Foto auf dem Felsrücken symbolisiert, dass Sie sich auf dem Gipfel Ihrer Karriere befinden." Wir lachten alle drei, mir fiel ein Stein vom Herzen, und beide bestiegen den Findling. Eine 125stel Sekunde Verschlusszeit bei Blende 11 - was will man mehr.

Ich versprach, auch diese Dia-Auswahl wieder zu zeigen, bevor etwas davon gedruckt würde. Außerdem wollte ich den damaligen Starautor Raimund le Viseur für ein Interview mit Menuhin mitbringen. Die Bilanz am Ende: eine Fotostrecke über drei Doppelseiten in "Jasmin" mit einem langen Lauftext dazu. Der Preis: drei mal 1060 Kilometer Autofahrt zwischen München und Gstaad. Aber es war den Aufwand wert - eine Erfolgsgeschichte, an die ich mich gerne erinnere.


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