Mensch-Affe-Mischwesen Die Legende von Stalins Frankenstein

Ein sowjetischer Forscher wollte 1927 Schimpansen in Westafrika mit Menschensperma befruchten. Aus seinen Experimenten entstand ein Mythos: Plante Stalin tatsächlich, Affenmenschen als Arbeiter und Krieger zu züchten?

Von


Ilja Iwanowitsch Iwanow hatte eine Browning-Pistole in der Jackentasche, als sein Experiment begann. Er befand sich im botanischen Garten von Conakry, einer Stadt im westafrikanischen Guinea. Vor ihm in einem engen Netz zappelten zwei Schimpansenweibchen - Babette und Syvette.

Iwanow, 56, hatte in seiner Biologenkarriere schon viele Tiere gekreuzt: Rinder mit Wisenten, Mäuse mit Meerschweinchen, Pferde mit Zebras. Doch an diesem 28. Februar 1927 wollte er seine Forschung noch weiter treiben, mit einem Mischwesen aus Mensch und Affe.

Das Experiment sollte der Ausgangspunkt für eine wilde Verschwörungstheorie werden: Im Auftrag von Sowjetdiktator Stalin habe er Affenmenschen als Arbeiter oder Krieger gezüchtet und dazu ein geheimes Labor an der Schwarzmeerküste betrieben: Iwanow, der "Rote Frankenstein".

Die Russische Akademie der Wissenschaften, der US-amerikanische Verein für den Fortschritt des Atheismus und das renommierte französische Institut Pasteur unterstützten Iwanow bei seiner Forschung.

Zuerst hatte er bei der kubanischen Forscherin Rosalia Abreu angefragt, ob sie ihm Schimpansen schicken könne. Abreu war die Erste, der es gelungen war, die Tiere in Gefangenschaft zu züchten. Doch Abreu lehnte ab, nachdem der Ku-Klux-Klan ihr einen Drohbrief geschickt hatte.

Dann lud ihn das Institut Pasteur nach Westafrika ein und stellte ihm frisch gefangene Affen zur Verfügung. Das menschliche Sperma organisierte Iwanow selbst. "Es wurde von einem Mann gewonnen, dessen Alter nicht genau bekannt ist. Auf jeden Fall nicht älter als 30", schrieb er in sein Notizbuch, aus dem sich der Ablauf des Experiments rekonstruieren lässt. Spermien in die Vagina eines Schimpansenweibchens zu bekommen, erwies sich als schwierig: Schimpansen sind kräftiger als Menschen und schlagen um sich, wenn sie sich bedroht fühlen.

Die Schimpansinnen wurden nicht trächtig

Im botanischen Garten von Conakry konnte Iwanow niemanden um Hilfe fragen, sein Versuch war streng geheim. Wenn die örtliche Bevölkerung vom Experiment erfahre, könne das "sehr unerfreuliche Folgen" haben, notierte er. Nur sein 22-jähriger Sohn stand ihm zur Seite, er hieß ebenfalls Ilja. Einmal sollte ihn ein Schimpanse so heftig prügeln, dass er ins Krankenhaus musste. Irgendwie schafften die Iwanows es offenbar, die Katheter mit den Spermien einzuführen. Nun mussten sie warten.

Vermutlich war ihnen die politische Sprengkraft ihres Experiments bewusst. Ein Affenmenschenbaby würde die Lehre der Bibel widerlegen, dass dem Menschen eine Sonderstellung in der göttlichen Schöpfung zustehe. So hoffte ein Sowjetfunktionär, das Experiment könne die Arbeiterklasse von der "Macht der Kirche befreien" - knapp zehn Jahre nach der Oktoberrevolution waren in der Sowjetunion viele Arbeiter und Bauern religiös. Außerdem wäre das Affenmenschenbaby der letzte Beweis für Charles Darwins Evolutionstheorie, zugleich ein Prestigeerfolg für die Wissenschaft der Sowjetunion in Konkurrenz zu den Kollegen im Westen.

Fotostrecke

13  Bilder
Mensch-Affe-Mischwesen: Die bizarren Experimente des Ilja Iwanow

Das Experiment schlug fehl. Nach wenigen Wochen musste Iwanow einsehen, dass die Schimpansenweibchen nicht trächtig waren. Er gab jedoch nicht auf. Seine nächste Idee war, das Experiment zu spiegeln: mit menschlichen Frauen und Affensperma. Er fragte den Gouverneur von Guinea - damals Teil einer französischen Kolonie -, ob er in den örtlichen Krankenhäusern heimlich Versuche an Einwohnerinnen durchführen dürfe. Der Franzose lehnte ab.

Iwanow nahm einige Affen mit zurück in die Sowjetunion, vielleicht mit dem Plan, seine Experimente mit fortschrittsbejahenden Sowjetbürgerinnen fortzusetzen. Die meisten Primaten starben jedoch bei der Überfahrt.

So scheiterte ein renommierter Biologe mit einem ethisch fragwürdigen Experiment. An dieser Stelle könnte die Erzählung von Iwanows Affenmenschen schon enden.

Getuschel über Stalins Geheimlabor

Doch die Geschichte hatte sich bereits selbstständig gemacht, bevor Iwanow in Westafrika ankam. Der Vorsitzende des US-Atheismus-Vereins prahlte mit den Experimenten, wie ein Journalist der New York Times später nachzeichnete. US-amerikanische, französische und russische Zeitungen berichteten. Vermutlich kam der Ku-Klux-Klan so auf das Thema und schrieb den Drohbrief.

Bald vermengten sich Berichte über das Forschungsvorhaben mit Verschwörungstheorien. Diktator Stalin hatte viel davon gesprochen, die Gesellschaft und jeden einzelnen Einwohner umzubauen, umzugraben, umzukrempeln. Waren Iwanows Kreuzungen Teil von Stalins Plan zur Schaffung des "neuen Menschen"?

Als ein anderer sowjetischer Wissenschaftler im Sommer 1927 eine Affenforschungsstation in Sochumi am Schwarzen Meer gründete, sahen das viele als Bestätigung für das Züchtungsvorhaben. Mehrere Frauen schrieben Briefe an das Zentrum, um sich als Probandinnen anzubieten, wie ein Wissenschaftler von der Universität in Seattle und der Leiter des Labors in Sochumi 2009 rekonstruierten. Iwanow arbeitete dort allerdings nie. Bei seinem einzigen Besuch im Sommer 1928 waren nicht einmal Primaten vor Ort.

1930 fiel Iwanow einer Säuberungswelle zum Opfer und wurde wegen "konterrevolutionärer Aktivitäten" nach Kasachstan verbannt. Mit seinen Experimenten hatte das wohl nichts zu tun: Unter Stalins Herrschaft verhaftete die Geheimpolizei den Großteil der Eliten - oft völlig grundlos. Zwei Jahre später starb Iwanow in Alma-Ata.

In Sochumi lernten die Wissenschaftler bald, die Affen im Schwarzmeerklima und in Gefangenschaft am Leben zu halten. Sie testeten an den Primaten Antibiotika sowie Impfstoffe gegen Tetanus und Diphtherie. Gemeinsam mit ihren Kollegen vom Raumfahrtprogramm erforschten sie, wie Primaten Schwerelosigkeit verkraften. Doch noch immer tuschelten die Einwohner der Sowjetunion über Stalins Geheimlabor.

Fotostrecke

15  Bilder
Cama, Ligeon und Zonkey: Verrückte Tier-Kreuzungen

1989 brach die Sowjetunion zusammen. Ehemals geheime Archive öffneten sich. Der Science-Fiction-Autor Jeremei Parnow wühlte sich durch Akten und fand angeblich belastendes Material. "Ein Blick in die geheimen Dokumente würde selbst die Herzen der härtesten Kerle in Angst versetzen", schrieb er in einem Text, der in einer russischen Zeitschrift namens "Medizinische Mysterien" erschien.

Steile Schlagzeilen zur Affenmenschenzüchtung

Ende der Neunzigerjahre galt Parnow als Experte für das Sochumi-Institut und raunte in Fernsehsendungen über das geheime Forschungsprogramm, dessen Ziel darin bestehe, "dumme, gehorsame Sklaven hervorzubringen, die schwere Arbeit verrichten."

Die angeblich erstrebte Kreatur nannte er "Yahoo Sovieticus", in Anspielung auf Jonathan Swifts Romanklassiker "Gullivers Reisen", in dem "Yahoos", menschenähnliche Wesen, die Sklaven von pferdeähnlichen Wesen sind. Dass Parnow zuvor Geschichten in einem Sammelband mit dem Titel "Marsmenschen. Kosmische und kybernetische Abenteuer" veröffentlicht hatte, beschädigte seine Glaubwürdigkeit offenbar nicht.

Vermutlich setzte Parnow auch das Gerücht in die Welt, dass Stalin höchstpersönlich in einem Brief ans Politbüro Affenmenschenkrieger bestellt habe. Das russische Staatsfernsehen drehte die Dokumentation "Roter Frankenstein", die auf einem gleichnamigen Buch des Journalisten Oleg Schischkin basiert. Die Doku kam zu dem Schluss, dass Iwanow keine Affenmenschen gezüchtet hatte. Und doch machte sie die Verschwörungstheorie eher bekannt, als sie einzudämmen.

Die meisten Biologen bezweifelten zwar, dass Affen und Menschen überhaupt überlebensfähige Nachkommen zeugen können - über Versuche nach Iwanows Experiment in Konakry ist nichts bekannt. Aber den Boulevardblättern aus den USA, Großbritannien, Italien und Deutschland war das egal. Aus Iwanows Notizen, den Briefen der freiwilligen Probandinnen und Parnows Science-Fiction schufen sie steile Schlagzeilen. Die "Bild" etwa titelte: "Irrer Geheimplan enthüllt: Stalin züchtete Affen-Menschen für den Krieg".

Im Video: Stalin - Der stählerne Diktator

ZDFE

So wurde Ilja Iwanow Jahrzehnte nach seinem Tod noch einmal weltberühmt. Nicht wegen seiner zweifellos vorhandenen Verdienste für die Biologie. Sondern als Stalins "roter Frankenstein".

insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Siegfried Herrling, 07.01.2019
1. Egal wie: Stalin und Hitler waren zu
Stalin mordete Millionen Bürger, besonders Eliten. Gerade die scheinbare Ziellosigkeit war sein System. Dadurch konnten nicht einemal Stalinkenner seine nächste Opfergruppe erkennen. Ähnlich Hitler war ihm strategisches Denken fremd. Beide hatten jedoch eine teuflische Gerissenheit. In ihrem Vorgehen setzten sie bei Freund und Feind den ihnen eigenen Egoismus grundsätzlich voraus. Worin sie - Mensch bleibt Mensch - auch fast immer recht hatten. So wie Stalin dies Affen-Mensch-Experiment zuzutrauen ist, so begann Hitler bereits bewiesenermaßen seine Zuchtexperimente in Sonthofen, blonde SS-Hühnen mit blonden Walküren. Vielleicht (ich glaube, sicher) hätten nach dem Krieg auch irgendwelche Mensch-Tier-Kreationen gefolgt. Von Stalin sind noch Relikte in der EX-SU. In seinem Heimatland Georgien, christliche 2000-jährige Tradtion, demokratisch, von manchen gern als Nato- und EU-Mitglied gesehen, wird er heute noch mit Statuen in der Hauptstadt und im kleinsten Gebirgsdorf geehrt, und er wird als der größte Sohn des georischen Volkes gefeiert.
Max Marius, 07.01.2019
2. Knapp 100 Jahre später
scheint das Ziel mittels Smartphone, Facebook, Youtubern usw. in greifbarer Nähe.
Peter Schirmann, 07.01.2019
3. gescheitert?
Wenn ich mich umschaue, gewinne ich den Eindruck, Iwanows Experimente seinen nicht gescheitert, sondern gelungen.
Hartmut Kasper, 07.01.2019
4. Na was darf es denn wieder sein
Interessanter Artikel der zeigt wie die Idee Menschen vorantreibt das Alte einzureissen und zu tilgen. Die Idee des russischen Sozialismus gegen das Weltbild der monotheistischen Religion. Und wie eine Idee die Menschen mitreißt, wollten doch in Sochumi Frauen die Mütter dieser Hybriden werden. Stellen wir uns vor die Pläne der damaligen Diktatoren und Ideenträger wären gelungen, was für eine Welt hätten wir heute? Die gezüchteten Herrenmenschen und endlich Arier , siehe Hitlers Aktion Lebensborn samt Herrn Mengele, im ständigen Kampf gegen Stalins Hybridkrieger. Hmmm, wäre unser Leben mehr oder weniger durchdrungen von traumatisierenden Verschwörungstheorien und undurchsichtigen Fakenews ? Der Mensch ist wirklich die destruktivste Spezies auf diesem Planeten.
Henning Heinrich, 07.01.2019
5. Heute forscht und schafft der Mensch
künstliche Intelligenz, Drohnen töten Menschen (irgendwann wird da keiner mehr gebraucht, der die steuert), Computer übernehmen die Arbeit ... der Mensch wird überflüssig. Bis auf den wenigen, die glauben das zu beherrschen. Ich sehe da keinen Unterschied.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.