Illegal über die Grenze Mein Retter, der Volkspolizist

Illegal über die Grenze: Mein Retter, der Volkspolizist Fotos
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Überraschendes Wiedersehen nach Schulschluss: Sein bestandenes Abitur krönte der junge Ernst Woll 1951 mit einem illegalen Urlaubstrip in den Westen. Unbehelligt passierte er die grüne Grenze, und ebenso unbehelligt kehrte er in die DDR zurück. Doch als er sich schon in Sicherheit wähnte, schnappte die Falle der Staatsmacht zu. Von

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Mit der Gründung der Bundesrepublik und der DDR hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein fast unüberwindbarer Graben zwischen Ost und West aufgetan. Die Versorgungslage und der Lebensstandard verbesserten sich im Westen deutlich schneller als bei uns im Osten, wo ich und viele andere Menschen nach den Entbehrungen der vorangegangenen Jahre nicht von der offiziellen Haltung überzeugt waren, dass harte Arbeit und weiterer Verzicht beizeiten zu unser aller sozialistischem Wohlstand führen würden. Wir wollten die Früchte unseres Fleißes sofort ernten.

In den Nachkriegsjahren und nach der Gründung der DDR gehörte es deshalb für viele Ostdeutsche dazu, einmal in der verheißungsvollen Westzone beziehungsweise in der Bundesrepublik gewesen zu sein. Auch mir bot sich hierzu im Sommer 1950 die Gelegenheit. Ich hatte nach dem Abitur Ferien, und mein Cousin aus dem Saarland lud mich zu einem Urlaubsaufenthalt ein, während dem ich auch für einige Tage in seinem Betrieb arbeiten konnte. Die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik war damals zwar streng bewacht, aber noch gab es überall Schlupflöcher. Das riskante Abenteuer war beschlossene Sache.

In jenem Sommer hatte meine zehn Jahre ältere Cousine beschlossen, in die Bundesrepublik überzusiedeln. Wir entschieden uns für einen gemeinsamen illegalen Grenzübertritt. In einem großen Waldgebiet in der Gegend um Heiligenstadt und Duderstadt bestanden gute Möglichkeiten. Wir hatten eine Wanderkarte, auf der noch das Grenzgebiet zur Bundesrepublik eingezeichnet war. In allen später in der DDR gedruckten Karten war an der Westgrenze für uns die Welt zu Ende.

Fallensteller

Trotz fehlender Wegweiser fanden wir uns in dem Waldstück gut zurecht. Hin und wieder sahen wir vom Waldrand aus in großer Entfernung patrouillierende Wachposten. Die Atmosphäre war sehr angespannt, jedes Geräusch veranlasste uns dazu, uns in Gebüschen, hinter Bäumen oder in Erdsenken zu verstecken. Mit etwas Glück schafften wir schließlich unentdeckt den Grenzübergang und waren froh, keinen sogenannten Grenzführer angeheuert zu haben. Wir hatten gehört, dass diese nach dem Kassieren ihrer nicht niedrigen Prämien die gutgläubigen Menschen nicht selten an die Grenzposten auslieferten, vermutlich deshalb, weil sie für ihren Verrat auch noch belohnt wurden.

Bei meiner Heimreise wählte ich als Grenzübergang in die DDR das gleiche Waldstück. Nachdem wieder alles geglückt war, wartete ich an einer Dorfbushaltestelle auf eine Möglichkeit zur Weiterfahrt. Um nicht aufzufallen, stieg ich in den ersten vorbeikommenden Bus. Meine Frage, ob der Bus nach Heiligenstadt fahre, wurde von Mitfahrenden mit einem knappen "Ja" beantwortet. Als wir stattdessen wieder zurück zur DDR-Grenzstation fuhren, staunte ich nicht schlecht. Ich war in die Falle gegangen und kam in eine strenge Kontrolle.

Die vielen Westwaren in meinem Rucksack waren der Beweis dafür, dass ich illegal über die Grenze gekommen war. Ich hatte Kaffee, Schokolade und andere Dinge mitgebracht, die in der DDR nur noch Mangelware waren. Das während meiner Fabrikarbeit verdiente Geld hatte ich zum Glück bereits ausgegeben. Man hätte es mir ansonsten weggenommen. Verhaftet wurde ich aber auch ohne die Währung des Klassenfeindes im Gepäck. In einem Raum mit vergitterten Fenstern wartete ich zusammen mit zehn anderen Männern und Frauen auf das Verhör. Wer austreten musste, wurde von einem bewaffneten Volkspolizisten zum Plumpsklo auf den Hof begleitet.

Belastendes Material

Während wir warteten, beschäftigte sich ein Mann damit, von etwa 500 Nylon-Damenstrümpfen, die in der DDR ein begehrtes Tauschobjekt waren, am Beinteil eine Masche aufzutrennen. Er bat uns, ihm zu helfen und sagte: "Wer mir das wegnimmt, soll auch keine Freude daran haben." Nach vier Stunden bangen Wartens wurde ich zur Vernehmung geführt. Ich staunte nicht schlecht, als ich erkannte, dass der Leutnant der Volkspolizei, der mich zum Verhör erwartete, bis zur 11. Klasse mein Schulkamerad gewesen war. Er zwinkerte mir zu, ließ sich aber nicht anmerken, dass er mich kannte.

Ich musste meinen Koffer und die Reisetasche auf den Tisch stellen, und er begann alles zu durchsuchen. Er raunte mir zu, so dass es wirklich niemand hören konnte: "Bist du verrückt, Westzeitschriften und Schriftgut mitzubringen, das kann böse ausgehen." Er wickelte einige meiner Mitbringsel aus und sagte laut "Sind Sie einverstanden, dass ich dieses Papier gleich wegwerfe?" Ich nickte und er nahm alle meine mitgebrachten Druckerzeugnisse und ließ sie zu meinem Glück diskret in einem Abfalleimer verschwinden. Nach Ausfertigung eines Protokolls, in dem nichts von den Zeitschriften stand, erhielt ich alle meine anderen Sachen mit dem Hinweis zurück, dass über das weitere Vorgehen noch entschieden würde.

Es war inzwischen Abend geworden und ich kam über Nacht in eine größere, ausbruchssichere Zelle. Auf einer den ganzen Raum ausfüllenden Holzpritsche musste ich zwischen anderen Männern und Frauen schlafen. Den primitiven Waschraum durften wir nur unter Aufsicht aufsuchen. Am nächsten Tag gegen Mittag wurde ich überraschenderweise entlassen. Ich erhielt keine Entlassungspapiere, sondern nur die mündliche Aufforderung zur nächsten Bushaltestelle zu gehen und nach Hause zu fahren. Ich war von den am Vortag festgenommenen Grenzgängern der erste, der gehen durfte. Ob mein Schulkamerad dabei seine Hände im Spiel hatte, weiß ich nicht. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

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