Illegale Everest-Expedition "Sie kamen hochgekrochen wie Gespenster"

Der Enkel des ehemaligen US-Präsidenten Wilson wollte 1962 mit drei Freunden den Everest besteigen - ohne Führer, ohne Sauerstoffmasken, ohne große Erfahrung. Bald geriet das Abenteuer außer Kontrolle.

Fotosammlung Hans-Peter Duttle

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Er musste jetzt sofort Tischtennisbälle holen, da war sich Roger Hart sicher. Mitten in der Nacht. Auf 6900 Meter Höhe. An der Nordflanke des Mount Everest.

Der 21-jährige Bergsteiger halluzinierte. War es die Kälte, die Höhenluft, die Gehirnerschütterung? Nur mit Mühe konnte sein Begleiter, Expeditionsleiter Woodrow Wilson Sayre, ihn daran hindern loszulaufen.

Die beiden Männer hatten an diesem Abend im Mai 1962 Ausrüstung von einem Depot zu ihrem Lager bringen wollen. An einer Eiswand waren sie tief abgerutscht und auf einem schmalen Schneesims liegengeblieben, Zentimeter vor dem sicheren Tod. Es war zu dunkel, um zurückzukehren. Sie hatten keinen Schlafsack, keinen Kocher, kein Essen. Nur ein Zelt, aber zu wenig Platz, um es aufzustellen. Also wickelten sie sich in die Zeltplane ein und beteten, nicht zu erfrieren.

"Fast nicht mehr menschlich"

Oben, im Lager, warteten der Schweizer Student Hans-Peter Duttle, 24, und der amerikanische Rechtsanwalt Norman Hansen, 38, auf sie. Duttle erinnert sich:

"Sie waren in der Dämmerung losgerannt wie die Hasen, vielleicht im Höhenrausch von der dünnen Luft. Wir haben Stunden gewartet, verzweifelt gerufen und uns mit Not-Trillerpfeifen die Luft aus den Lungen gepfiffen. Vergebens."

Erst am nächsten Morgen sah er seine Kollegen wieder.

"Sie kamen hochgekrochen wie Gespenster, totenbleich, fast nicht mehr menschlich. Dann brachen sie zusammen. Sayre hatte eine Gehirnerschütterung, Gleichgewichtsstörungen und eine gebrochene Rippe. Ich war mir sicher, dass unsere Expedition nun gescheitert war. Doch Sayre sagte: 'Ich gehe weiter bis zum Tod!' Ich war entsetzt."

Diese Einstellung klang so selbstmörderisch wie das ganze Unternehmen: Drei Amerikaner wollten in einer privaten Kleinstexpedition illegal den höchsten Berg der Welt besteigen. Ohne Träger, Führer, Sauerstoffmasken. Die Männer einte ein puristisches Ideal vom Bergsteigen, das sich auf die nötigsten Hilfsmittel beschränkt. Deshalb planten sie, den Everest von der anspruchsvollen Nordostseite zu bezwingen, die auf chinesischem Territorium liegt.

Naiv und waghalsig

Kopf der Gruppe war der Philosophieprofessor Woodrow Wilson Sayre, 43, ein Enkel des ehemaligen US-Präsidenten Wilson. Er wusste, dass er aus China niemals eine Genehmigung für sein Vorhaben erhalten würde. Also bewarb er sich zur Tarnung in Nepal um eine Lizenz für den 7897 Meter hohen Gyachung Kang, der an der Grenze zu China liegt. Über die Südschulter des Berges wollten die Amerikaner heimlich zum Everest wandern.

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Illegale Everest-Expedition: "Ich gehe bis in den Tod!"

Ein waghalsiger Plan: Auf der Route waren einst auch die legendären Bergsteiger George Mallory und Andrew Irvine gestorben. Und dann fehlte ja noch der vierte Mann, ohne den die Tragelast nicht zu bewältigen wäre. Egal! Die Amerikaner flogen einfach in die Schweiz, stellten ihre Ausrüstung zusammen und hofften, noch schnell einen Bergsteiger zu finden. In Zermatt trafen sie Duttle:

"Ich war sofort Feuer und Flamme. Als verwöhnter Diplomatensohn sehnte ich mich schon lange nach einem Leben in der Natur, weg von den Menschen. Vom Everest erhoffte ich mir Gottesnähe und Erkenntnis. Ich war voller Tibet-Romantik und hatte Vorstellungen, die man spöttisch esoterisch nennen könnte."

Duttle kündigte sofort seine Stelle als Lehrer und verabschiedete sich von seinen entsetzten Eltern. Es war auch eine Flucht vor seinem ehrgeizigen Vater und einem Leben, mit dem er bisher nichts anzufangen wusste. Nun, auf dem Weg in die Einsamkeit, fühlte er sich endlich wieder gut.

Um den Schein zu wahren, marschierten die Abenteurer von Katmandu mit Lastenträgern, Sherpas und einem Offizier der Regierung los. Nach drei Wochen erreichten sie den Fuß des Gyachung Kang, des offiziellen Ziels, und errichteten dort ihr Basislager. Nun mussten sie einen riesigen Eisfall mit überhängenden Eisblöcken bezwingen, doch der ungewöhnlich warme Frühling machte das Vorhaben lebensgefährlich, wie Sayre später schrieb:

"Ganz unvermittelt kam die ganze linke Seite des Eisbruchs ins Rutschen. Es begann damit, dass sich einer der riesigen Blöcke majestätisch neigte, und dann im Sturz alles zermalmte. Fortrasiert waren unsere sicheren Rastplätze."

14 Tage, eine Woche länger als geplant, brauchten die Männer, um ihre zentnerschwere Ausrüstung auf die Ebene Nup La hochzuschleppen - und waren doch euphorisch. Endlich sahen sie ihr Traumland: Tibet.

"Das Seil würgte mir die Luft ab"

Sayre entließ die letzten beiden nepalesischen Helfer, und die Gruppe wanderte heimlich nach Osten. Kurz danach stürzte Duttle in eine Gletscherspalte. Erst eine halbe Stunde zuvor hatten sich die Männer gesichert:

"Ohne das Seil wäre ich für immer verschwunden. Die Spalte war einen Kilometer tief, und ich hing zehn Meter da drinnen in einer Kaverne, groß wie eine Kathedrale. Das Seil würgte mir langsam die Luft ab. Dann sah ich ein kleines Gesicht ganz oben, und man ließ mich tiefer auf eine Schneebrücke herab."

Es blieb nicht bei einem Unglück. "Zwischen den Spalten und Hans-Peter bestand eine magnetische Anziehungskraft", schrieb Sayre lapidar. Er selbst lief aber in ein falsches Seitental und ignorierte dabei Duttle und Hart, die instinktiv die richtige Route wählten. Die Männer waren zu müde, um lautstark zu streiten. Unter der Oberfläche aber brodelte es.

Der letzte Schritt

Die Lockerheit schwand. Zudem gab es Spuren einer chinesischen Expedition. Kontrollierten die Kommunisten ihre Grenze vielleicht auch auf 6000 Meter Höhe? Ängstlich bauten die Männer ihre Zelte versteckt hinter Felsen auf. Doch am 27. Mai 1962 waren alle Sorgen vergessen. Beseelt schrieb Sayre:

"Plötzlich tat ich den letzten Schritt, von dem ich 20 Jahre lange geträumt hatte: Ich betrat den Nordsattel des Everest. Die Sicht ließ mich erschauern. Erschüttert starrte ich auf jede Einzelheit der Nordflanke, die nun vor mir lag, herrlich in die Glut der späten Nachmittagssonne getaucht."

Doch nur wenig später kam es zu dem verhängnisvollen Sturz, den Sayre und Hart nur knapp überlebten. Mit eisernem Willen quälte sich Sayre zwar mit Hansen am nächsten Tag noch von 7000 Meter auf 7300 Meter. Dann ging Sayre allein auf etwa 7700 Meter, stürzte wieder schwer. Abends gab er auf:

"So setzten wir beide in einem kleinen Zelt auf einem felsigen, windumtosten Grat den Schlussstrich unter unseren Traum. Seltsamerweise verspürte ich kein Bedauern. Auch Emotionen verbrauchen Energie."

"Was für ein Riesenfehler!"

Von nun an ging es nur noch ums Überleben. Sayre verunglückte ein drittes Mal, als Hansen ihn laut Duttles Erinnerungen nicht richtig sicherte:

"Was für ein Riesenfehler! Vielleicht ein Moment der Abwesenheit durch die Höhe. Sayre schlitterte rückwärts den Nordsattel herunter und war weg. Ich stieg ungesichert hinter ihm her. Er lag auf einer Schneeflanke wie tot."

Zum Glück war der 43-Jährige nur benommen. Duttle ließ seinen eigenen Rucksack am Unglücksort und trug dafür den des Amerikaners, der kaum noch gehen konnte. Sayre rutschte, stolperte, taumelte, zu schwach, um seinen Partner zu sichern. Der Schweizer fiel in eine Spalte und kämpfte um sein Leben:

"Das Seil war ihm einfach durch die Hände geglitten. Ich steckte bis zu den Schultern in der Spalte, zog meine Handschuhe aus, damit ich mich besser ins Eis krallen konnte und stemmte mich mit letzter Kraft hoch."

Die Handschuhe waren weg, fortan musste er seine Hände mit Socken schützen. Irgendwie erreichten er und Sayre trotzdem das nächste Lager und trafen die anderen wieder. Nachts musste Duttle ohne Schlafsack und Matratze auskommen, die er in seinem Rucksack zurückgelassen hatte. Auch die Zeit wurde knapp.

Ungesichert und halbverhungert

Der Monsun setzte ein, und die Schneemassen drohten die angelegten Nahrungsdepots unauffindbar zu machen. Zudem waren inzwischen alle Seile verloren gegangen, sodass die Männer ungesichert über zugeschneite Gletscherspalten manövrierten. Nur mit den Pickeln legten sie sich ihre Route. Fand der Vordermann eine Spalte, markierte er sie mit einem "X". Duttle:

"Ich begann, Berge und Gletscher zu hassen. Nichts war mehr schön, alles nur noch kalt und bedrohlich. Bis heute habe ich diese tiefe Abneigung behalten."

Halb verhungert erreichten sie am 17. Juni ihr Basislager - und waren entsetzt: Weil sie Wochen zu spät waren, hatten die Nepalesen das Lager verlassen. Es gab keinen Proviant mehr. Verzweifelt liefen die Männer los, um irgendwo ein Dorf zu finden. Schließlich trafen sie auf Hirten.

Die zweite Flucht

Die Amerikaner ließen sich nach der Rettung sofort per Helikopter ausfliegen. Duttle hingegen blieb. Er träumte davon, in Nepal als Einsiedler alt zu werden.

Bald wurde er aber nach Katmandu zitiert. Die Grenzverletzung war publik geworden, Peking empört. Lang geplante Everest-Expeditionen standen plötzlich vor dem Aus. Duttle musste sofort das Land verlassen. Immer noch auf der Flucht vor seinem alten Leben kehrte er so langsam wie möglich über Indien mit einem Frachtschiff nach Europa zurück.

"In Bergsteigerkreisen wurde ich in der Schweiz sofort heftig angefeindet, trotz unserer Leistungen. Freundschaften zerbrachen. Mein Vater verachtete mich noch mehr. Ich sprach Jahrzehnte nicht über die Tour."

Also floh er ein Jahr später wieder in die Einsamkeit - und lebte die nächsten zwölf Jahre in der Arktis bei kanadischen Inuit und bei den Indios von Peru und Bolivien.



insgesamt 18 Beiträge
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Stephan Heinig, 25.02.2015
1. Sehr schöner Artikel!
Schön, wie die 4 zusammen gehalten haben. Nicht ohne Komplikationen (wo gibts die nicht), aber sie haben die Tour bei aller Unterschiedlichkeit zusammen durchgestanden. Stephan Heinig
Bernd Toedte, 25.02.2015
2. Warum...
... muss man da hochsteigen? Oder mit dem Paddelboot über den Atlantik oder zu Fuss zum Südpol oder in einer Tonne den Niagarafall herunter stürzen? Es gibt doch so vieles, was sinnvoll wäre!
Till Neumann, 25.02.2015
3. Interessanter Artikel, tolle Fotos
Aber dass in einem Bericht über einen Everest-Aufstieg der Name von George Mallory gleich zweimal (Haupttext und Bildunterschrift) falsch geschrieben wird ("Mallroy"), sollte der Redaktion wenigstens peinlich sein.
simpli zissimus, 25.02.2015
4.
Oldschool. Cool :)
Robert Senger, 25.02.2015
5. @Bernd Toedte
Okay. Aber lassen Sie sich bloß nicht dabei erwischen, wie Sie sinnlos im Park spazieren gehen, oder sinnlos einen Roman lesen, sinnlos ein Glas Wein trinken oder gar sinnlos in Urlaub fahren... ;)
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