Im Sowjetlager Das Kind der Regierung

Offiziell existierte er gar nicht: Alex Latotzky kam 1948 im Internierungslager der sowjetischen Besatzungszone in Bautzen zur Welt. Als Zweijähriger wurde er von seiner Mutter getrennt. Die unternahm alles, um ihren Sohn wiederzusehen - und wurde deswegen sogar zur Agentin.

Alex Latotzky

Noch heute glauben die meisten Menschen, dass als der Krieg 1945 zu Ende ging, auch der Terror und das Leid ein Ende hatten. Doch in der sowjetischen Besatzungszone nahm eine neue Diktatur ihren Anfang - und die schreckte nicht davor zurück, einige der zuvor befreiten Konzentrationslager der Nazis nun ihrerseits als Internierungslager zu nutzen. Etwa 123.000 Menschen wurden in zehn Lagern des sowjetischen Geheimdienstes NKWD bis 1950 inhaftiert, rund 43.000 überlebten die Haft nicht, wie Oberst Sokolow, letzter Leiter der Abteilung Speziallager der UdSSR in Deutschland, in seinem Abschlussbericht 1950 feststellte. Zu den Gefangenen gehörten auch Kinder - jene, die hinter dem Stacheldraht geboren wurden. Wie ich.

Meine Mutter war 1946 mit 21 Jahren von einem Militärtribunal als angebliche Spionin verurteilt worden. Sie hatte gewagt, die Vergewaltigung und Ermordung ihrer Mutter durch zwei sowjetische Soldaten anzuzeigen und musste dafür büßen. Zu 15 Jahren Haft verurteilt, brachte man sie nach Torgau, wo sich ein ukrainischer Wachsoldat in sie verliebte - und sie sich in ihn. Als sie schwanger wurde, brachte man sie zur Entbindung nach Bautzen und wenig später nach Sachsenhausen. Mein Vater dagegen wurde zur Strafe in ein Lager des Gulag in der Sowjetunion deportiert. Die beiden sahen sich nie wieder.

Offiziell existierten wir Kinder nicht. Es blieb den Lagerleitern überlassen, wie sie mit unserer Anwesenheit umgingen. Erst 1949 gab es offizielle Essensrationen für Kinder. Zuvor hatten die Mütter ihre Portionen teilen müssen. Milchprodukte und Pflegemittel fehlten ganz. Windeln und Kleidung wurden aus dem genäht, was von den Habseligkeiten der Toten übrig war, oder aus alten Zuckersäcken gestrickt. Man lief barfuß oder trug notdürftig aus Stoff gefertigte Schuhe. Bei Regen und im Winter konnte man die Baracken daher nicht verlassen. Immerhin durften wir Kinder bei unseren Müttern sein. Sie versuchten, die Kleinen am Leben zu halten. Nicht immer gelang das.

Das Undenkbare geschah

Als die letzten Lager 1950 aufgelöst wurden, übergaben die sowjetischen Behörden viele Häftlinge zur weiteren Strafverbüßung an die neugegründete DDR. Mit 1200 Frauen und 30 Kindern kamen meine Mutter und ich in das Frauengefängnis Hoheneck. Hier geschah das Undenkbare: Mütter und Kinder wurden voneinander getrennt. In den Akten firmierten wir fortan als Kinder der Landesregierung, und weil kein Kind offiziell in einem sowjetischen Lager oder Gefängnis geboren sein durfte, wurde als Geburtsort ausnahmslos Leipzig angegeben. In den Heimen, denen man uns zuwies, sollten wir im Geist des Sozialismus erzogen werden.

Meine frühen Kindheitserinnerungen sind Erinnerungen an die Heime, in denen ich lebte. Wie ich ins Bett machte und eine nicht enden wollende Ewigkeit mit der Decke über dem Kopf ausharren musste. Wie wir mit Essensentzug bestraft wurden und am Tisch mit ansehen mussten, wie die anderen ihre Mahlzeit zu sich nahmen. Wie wir geschlagen wurden. Genauso wie jedes andere Kind in der DDR lernten wir, die großen Führer auf den Bildern an den Wänden beim Namen zu nennen. Wir lernten das Lied von der kleinen weißen Friedenstaube und dem guten Volkspolizisten. Junge Pioniere allerdings durften wir der angeblichen Verfehlungen unserer Eltern wegen nicht werden, und so verwehrte man uns das blaue Halstuch.

In dem letzten Kinderheim, in das ich verlegt wurde, hatte die körperliche Züchtigung durch die Erzieher ein Ende. Dafür mussten wir uns bei schweren Vergehen, wie einem Fluchtversuch, gegenseitig bestrafen: Das zu bestrafende Kind wurde von allen Kindern umringt. Auf ein Signal des Erziehers musste man auf das vor Angst am ganzen Körper zitternde Kind einschlagen, bis das Signal zum Aufhören gegeben wurde. So verprügelten Freunde ihre Freunde. Denn wer sich weigerte mitzumachen, dem drohte ebenfalls die berüchtigte Gruppenkeile. Eine demoralisierendere Bestrafungsmethode war kaum denkbar. Auch ich schlug, und einmal lief ich auch aus dem Heim weg - und wurde zurückgeholt.

Entführungspläne

1955 wurde die Strafe meiner Mutter auf zehn Jahre verkürzt. Ein Jahr später entließ man sie nach West-Berlin. Vom ersten Tag an versuchte sie, mich zu sich in den Westen zu holen. Sie schrieb an das Rote Kreuz, die Bundesregierung und an den DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck. Aber alle ihre Bemühungen schlugen fehl. Schließlich kam sie in Kontakt mit dem Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen. Meine Entführung wurde geplant. Als Beweis, dass ich auch wirklich das Kind meiner Mutter war, verlangte man eine Geburtsurkunde von ihr. Ich aber existierte nur als Eintrag auf der Häftlingskarteikarte meiner Mutter. Die Entführungspläne wurden wieder fallen gelassen.

Wieso ich dann doch plötzlich und auf legalem Weg zu meiner Mutter in den Westen durfte, habe ich erst 45 Jahre später aus den Akten der Staatssicherheit erfahren: 1954 war ich für einige Zeit nicht in einem Heim, sondern zum ersten Mal bei einer Familie untergebracht. Meine Mutter war zu dieser Zeit noch inhaftiert und wurde darüber informiert. Sie fürchtete, mich nun endgültig zu verlieren. Sie sah nur noch einen Ausweg und erklärte sich bereit, als geheime Mitarbeiterin für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zu arbeiten. Sie unterschrieb eine Verpflichtungserklärung, und ich kam wieder zurück in ein Heim.

Kurz vor ihrer Entlassung wurde meine Mutter mit Genehmigung des stellvertretenden Leiters des MfS Erich Mielke an die Sowjets übergeben. Da sie Russisch sprach, wurde sie beauftragt, in West-Berlin eine russische Exilorganisation sowie die russisch-orthodoxe Kirche am Hohenzollerndamm auszuspionieren. Man traute ihr jedoch nicht und behielt mich als Faustpfand in der Obhut des Heims. Erst 1957 waren KGB und Staatssicherheit offenbar von der Arbeit meiner Mutter überzeugt, und im Alter von fast neun Jahren durfte ich endlich zu ihr. Die Sowjets brachen die Beziehung zu ihr kurz darauf ab. Ein sowjetischer Oberst vermerkte in den Akten, dass sie ihre Aufgaben nicht erfüllte, keine ihrer Angaben sich bestätigten und nichts Konkretes durch sie in Erfahrung gebracht werden konnte.

Wiedersehen mit einer fremden Frau

Es war an einem Januartag 1957, als man mir sagte, ich käme nach Hause. Nach Hause - das war ein Begriff, mit dem ich nichts anfangen konnte. Ich hatte meine Mutter sieben Jahre lang nicht gesehen. Ich wurde in einen nagelneuen, viel zu großen Trainingsanzug gesteckt, und man brachte mich nach Ost-Berlin, wo mich eine Frau in Empfang nahm, die ich nicht kannte. Meine Mutter hatte sie dafür bezahlt, mich abzuholen. Selbst hatte sich meine Mutter nicht nach Ost-Berlin gewagt. Man übergab mich ihr ohne Unterlagen oder ein Personaldokument.

Es war weit nach Mitternacht, als wir am Bahnhof Friedenau in West-Berlin ankamen. Der Zug war um diese Zeit fast leer. Wir gingen langsam den Bahnsteig entlang zum Ausgang. Eine lange breite Treppe führte hinunter in die Eingangshalle. Als wir an den Treppenabsatz kamen, lief eine kleine Frau die Stufen hinauf auf mich zu und riss mich in ihre Arme. Sie weinte und sagte, sie sei meine Mutter. Für mich war sie längst eine Fremde geworden. Es fiel mir in der Folgezeit schwer, mich an die fremde Umgebung und die neuen Lebensumstände zu gewöhnen, plötzlich alleine in einem Raum zu schlafen, zu essen oder den Raum zu verlassen, ohne um Erlaubnis zu fragen. Noch eine ganze Weile siezte ich meine Mutter respektvoll. Allmählich aber gelang es uns, eine doch recht normale Beziehung aufzubauen.

Zehn Jahre später, 1967, starb meine Mutter an den Folgen ihrer Haft. 28 Jahre später wurde sie von der russischen Militärstaatsanwaltschaft vollständig rehabilitiert. Wir beide wurden als Opfer politischer Verfolgung anerkannt: "Es hat zu keinem Zeitpunkt eine Rechtfertigung für eine Verurteilung gegeben", schrieb man aus Moskau.

Seit der Wiedervereinigung beschäftige ich mich mit der vergessenen Geschichte jener Mütter und Kinder, die das gleiche Schicksal erlitten haben wie meine Mutter und ich. Ursprünglich war ich auf der Suche nach meiner eigenen Kindheit gewesen. Inzwischen habe ich in den Akten über 80 weitere Kinder gefunden. Ihnen ist die Website kindheit-hinter-stacheldraht.de gewidmet.



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