Im Westen Abenteuerspielplatz Auffanglager

Blau-weiß-gestreifte Bettwäsche und ein Kaninchenstall als Wohnung: Als Kind lernte Detlev Crusius den Lageralltag von DDR-Flüchtlingen in Westdeutschland kennen. Und eine Freiheit, die er nicht mehr aufgeben wollte. Auch nicht, als er nach Jahren wieder ein eigenes Zimmer hatte.

1958 war ich zu Weihnachten auf Urlaub von der Seemannsschule
Detlev Crusius

1958 war ich zu Weihnachten auf Urlaub von der Seemannsschule


Seine Odyssee begann 1945: Da floh Detlev Crusius mit seinen Eltern vor der heranrückenden Roten Armee aus Pommern. Nach dem Krieg fand die Familie für einige Jahre in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern) eine neue Heimat. Doch dann kam das Jahr 1953, und Mutter und Vater Crusius beschlossen, mit ihrem Sohn und den inzwischen geborenen Schwestern aus der DDR nach West-Berlin zu fliehen. Die folgenden beiden Jahre lebte der Zwölfjährige Detlev Crusius in Flüchtlingslagern: Berlin, Hamburg-Wandsbek, Krefeld.

Ich fand den Westen gut. Das Flüchtlingslager in Hamburg-Wandsbek war sehr ähnlich dem Lager in Berlin, nur sehr viel größer und auch viel sauberer, wir hatten da auch keine Flöhe. Es gab keine Baracken, nur richtige Steinhäuser, grau-weiß gestrichen, früher war das mal eine Kaserne. In den Schlafräumen standen zweistöckige Etagenbetten, es waren immer drei bis vier Familien in einem Raum untergebracht. Wir hatten sogar blau-weiß gestreifte Bettwäsche.

Anfangs wurde ich zur Lagerschule angemeldet. Ich ging da auch ein paar Tage hin, dann stürze das Dach ein und Schule war nicht mehr. Das traf sich günstig, denn es war warm, es ging in den Sommer. Die Monate, die ich im Lager Wandsbek war, gingen ohne Schule zu Ende, das Dach stürzte noch paar Mal ein.

Bei meiner Mutter wurde dann Paratyphus festgestellt, wohl eine Folge der Flohbisse im Lager Berlin. Sie kam ins Krankenhaus, wegen der Ansteckungsgefahr in eine geschlossene Abteilung. Wenn wir sie besuchten, konnten wir sie nur durch ein Fenster sehen und winken.

Schwarzfahrten mit Häuptling Geronimo

Kurze Zeit später fand mein Vater Arbeit in Krefeld, weit weg von Hamburg. Mutter war im Krankenhaus, Vater arbeitete im Rheinland, meine jüngeren Geschwister wurden zu einer Tante nach Bonn verfrachtet, ich war alleine im Lager. Zwar sollte ein Erwachsener aus unserem Schlafsaal auf mich aufpassen, aber der war mit eigenen Problemen beschäftigt, verständlich, hier hatte jeder eigene Probleme mehr als genug, und Schule fand auch nicht mehr statt.

Ich verbündete mich mit ein paar gleichaltrigen Jungen. Zuerst wählten wir einen Häuptling, das war der größte von uns, er stotterte nur ziemlich stark. Wir gaben ihm den Namen "Häuptling Geronimo", und er war sehr stolz auf diesen Namen. Nach diesen Vorbereitungen starteten wir unsere Hamburg-Streifzüge. Eigentlich durften wir das Lagergelände nicht verlassen, aber uns konnte niemand aufhalten. Es gab auch einen Zaun, aber der war kein Hindernis für uns.

Uns hatte es besonders der Hafen angetan. Als Schwarzfahrer fuhren wir mit Bus und Straßenbahn so oft wir konnten raus zum Hafen. Da kannte man uns bald, weil wir immer durchs gleiche Tor kamen. Anfangs haben die Männer vom Wachpersonal gefragt, wer wir sind. Wir hatten Häuptling Geronimo entsprechend trainiert und er stotterte den Pförtnern was vom Osten und vom Lager vor. Die Männer lachten über Stotter-Geronimo und ließen uns durch. Bald fragte keiner mehr. Geht nicht als "Blinder Passagier" an Bord und fahrt nach Amerika, sagte einer vom Wachpersonal mal scherzhaft.

Das dritte Lager: Krefeld

Der Hafen war für mich das wirkliche, das echte Leben, so wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Ich sah, wie die Ladenetze mit den Kisten und Ballen aus den Ladeluken der Schiffe gehoben und auf der Pier abgesetzt wurden. Die Winschen kreischten, ich sah die tätowierten Seeleute, wie sie schwitzend mit ihren Haken die Kisten und Ballen hin und her wuchteten, kippten, in die richtige Position brachten. Kommandos gingen hin und her, für meine Ohren brüllten alle durcheinander, das reinste Chaos. Es roch nach Diesel, Kaffee und Gewürzen, und viele andere undefinierbare Gerüche hingen in der Luft. Wenn wir von solchen Ausflügen ins Lager zurückkamen, dann war das große Lager in Wandsbek sehr klein, dann konnte ich abends nur schwer einschlafen.

Im November wurde meine Mutter aus dem Krankenhaus entlassen. Sie war nicht geheilt, aber nicht mehr ansteckend. Mein Vater hatte einen Platz für die ganze Familie in einem Lager in Krefeld gefunden. Kurz vor Weihnachten fuhren wir mit dem Zug nach Krefeld, unsere nächste Station, das nächste Lager. Wir hatten in Krefeld Verwandtschaft, ein Onkel meines Vaters wohnte dort, und das war wohl auch ein Grund für meine Eltern, nach Krefeld zu gehen. Aber die Familie des Onkels meines Vaters machte sich nicht viel aus Flüchtlingen aus dem Osten.

Das Lager in Krefeld war früher ein Lokal mit einem großen Tanzsaal gewesen. Den Tanzsaal hatte man einfach mit mannshohen Stellwänden aufgeteilt, wie große Kaninchenställe. Die separaten Wohnbereiche sollten Intimsphäre suggerieren und das taten sie auch, denn alle redeten und agierten auch sonst mit normaler Lautstärke in ihren Kaninchenställen - und nach zwei Tagen wusste ich alles über jeden im Saal.

"In der DDR war alles ganz prima"

Ich musste jetzt auch jeden Tag in die Schule fahren, erst mit der Straßenbahn, später mit dem Fahrrad. Gleich zu Anfang, in der zweiten oder dritten Woche, musste ich vor die Klasse treten und wurde vom Klassenlehrer, den wir Möli nannten, ausgefragt, sollte was von den russischen Besatzern und der "sowjetisch besetzten Zone" erzählen, von den Verhältnissen dort. Ich habe von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erzählt, von Thälmann, wie viel Spaß ich als Jungpionier gehabt hätte und wie prima es in der DDR war und dass wir da keine Konterrevolutionäre und auch keine Amerikaner gehabt hätten, so wie hier im Westen. Möli sah mich sehr verwirrt, fast verzweifelt an und hauchte nur: "Setzen."

"Du bist ja ein richtiger kleiner Kommunist, deine Eltern wären mit dir besser drüben geblieben", sagte Möli mit theatralisch ausgebreiteten Armen an die Klasse gewandt, als er seine Stimme wieder gefunden hatte. "Da müssen wir wohl noch etwas Geschichte pauken, damit du verstehst, dass die Amerikaner unsere Befreier sind." Es war mir nun wirklich ziemlich schnurz, wer uns befreit hatte. Ich wusste schon, was der Mann eigentlich von mir hatte hören wollen. Aber er war mir von der ersten Minute an mit seinem gönnerhaften Getue auf die Nerven gegangen, mit seinem blöden Gerede von den armen Brüdern und Schwestern aus dem Osten. Ich wollte ihn einfach auf Abstand halten und das ist mir auch gelungen.

Wenn ich ihn so richtig piesacken wollte, dann musste ich im Geschichts- oder Deutschunterricht nur das Gespräch auf die Nazi-Zeit bringen, was in der damaligen Zeit ziemlich schwer war, denn alle Erwachsenen und besonders unsere Lehrer wichen diesem Thema aus. Im Geschichtsunterricht hörte die Zeitrechnung bei "333 - große Keilerei" mit den Griechen auf. Alles, was danach kam, war gefährlich. Sogar die Römerzeit war nur was für ganz mutige Lehrer, denn da kamen ja auch Germanen vor, und das Germanentum war ja ziemlich in Verruf geraten.


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"Du Flüchtling!"

Erdkunde war auch gut, man brauchte nur mit den Grenzen von '37 anzufangen, der Rest ergab sich automatisch. Was war Möli anfangs kleinlaut, schnappte nach Luft wie ein Karpfen auf dem Trockenen! Solange ich auf dieser Schule war, führte ich einen Kleinkrieg gegen Möli, eher einen Zwergenaufstand, denn letzten Endes siegte er, denn mit den Zeugnissen bekam ich die Quittung für mein aufmüpfiges Verhalten.

Die Einheimischen waren nicht alle begeistert von uns. Man konnte ein Schwein, ein Drecksack oder auch ein Arschloch sein. Das Schlimmste, das man nach Meinung vieler Einheimischer zu einem anderen sagen konnte, war: "Du Flüchtling." Ich bekam das auch manchmal zu hören, aber mir war es schnurz, meistens. Einmal war es mir nicht schnurz und ich habe einem Mitschüler so eine gelangt, dass er auf seinem dicken Hintern saß, die Augen verdrehte und heulte. Ich musste mich entschuldigen, wusste aber nicht so recht, wofür. Jedenfalls hatte ich ab sofort meine Ruhe, und das war mir die Sache wert.

Im Lager Krefeld waren wir etwa ein Jahr, dann bekamen wir vom Wohnungsamt unsere eigene Wohnung zugewiesen. Es waren nach mehr als zwei Jahren wieder die ersten eigenen vier Wände. Die Wohnung war sehr klein, zwei Zimmer für fünf Personen. Ich fühlte mich schon nach ein paar Tagen nicht mehr wohl dort. Im Lager hatte ich viel mehr Freiheiten, niemand konnte mich kontrollieren, keiner hat es auch nur versucht.

Raus auf die offene See

Drei Jahre habe ich das mitgemacht, dann machte ich meinen Eltern nachdrücklich klar, dass ich weg wollte, etwas ganz anderes wollte - ich wollte als Matrose zur See fahren, ich wollte zur Handelsmarine. Es hat eine Weile gedauert, bis meine Eltern das geschluckt hatten, und nach langem Zögern stimmten sie endlich zu, aber ich wäre auch ohne ihre Zustimmung gegangen.

Im Herbst 1957, einige Monate vor meinem 16. Geburtstag, fuhr ich mit dem Zug nach Lübeck und nahm dort drei Monate auf der Seemannschule "Priwall" an einem Schnellkurs für Seemannschaft teil. Mit etwa 20 anderen Jungen, die meisten älter als ich, bekam ich ein paar Dinge beigebracht, die man bei der Handelsmarine schon lange nicht mehr brauchte: Morsen und Flaggensignale zum Beispiel.

Aber auch ein paar vernünftige Dinge lernten wir dort: Knoten und Spleißen und Erste Hilfe. Ich machte den Rettungsbootsschein, den ich später auch brauchen sollte. Auf dem Seeamt in Lübeck wurde mir dann feierlich mein Seefahrtsbuch überreicht, und zwei oder drei Wochen später heuerte ich in Emden als Schiffsjunge auf der M/S San Juan Trader mit Heimathafen Monrovia an.

Mein Enkel fragte mich kürzlich, wann eigentlich meine Kindheit stattgefunden hat. Ich antwortete ihm, dass ich eine schöne Kindheit und Jugendzeit hatte, vielleicht etwas kurz, aber schön. Denn ich hatte eine Familie, die immer zusammenhielt. Wir haben uns gestritten und vertragen und wenn erforderlich, sind wir zusammengerückt.

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