In sieben Schritten
Wie eine Nazi-Schokobombe Didi Hallervorden zum Killer machte
UK National Archives; ddp images
Im Zickzack durch die Weltgeschichte: Jeden Monat begibt sich Danny Kringiel auf eine absurde Zeitreise - und entdeckt, dass alles mit allem zu tun hat. Selbst Hitlers Kalorienbombe mit der Kongo-Krise.
Schritt 1: Kalorienbombe
"Death by Chocolate" nennt man im Englischen augenzwinkernd Desserts oder Kuchen, die aus einer so feisten Mischung von Schokosplittern, -Flocken, -Riegeln, -Creme, -Pudding, -Sauce oder -Eis bestehen, dass mit dem baldigen Eintritt von allerlei Gebrechen von Karies bis Arteriosklerose zu rechnen ist. Nun gehörten bekanntlich weder Humor noch Wortspiele oder Schokoladensoufflés zu den Spezialgebieten des NS-Regimes. Also nahmen die Nazis den Ausdruck einfach wörtlich: Im Zweiten Weltkrieg ersannen sie dem britischen MI5 zufolge eine Bombe in Form einer Tafel Schokolade, unter deren zartschmelzender Außenhaut eine tödliche Füllung schlummerte. Biss das Opfer hinein oder brach ein Stück ab, zog dadurch ein Stück Leinenstoff im Inneren am stählernen Sprengmechanismus, der die Explosion auslöste. Das war jedenfalls der Plan.
In edlen schwarzen Packungen mit goldenem Markenaufdruck "Peter's Chocolate" schmuggelten Nationalsozialisten ihre Leckerei nach England. Ziel der Attentatspläne: Premierminister Winston Churchill, dem eine Vorliebe für Süßigkeiten nachgesagt wurde. Nazi-Spione sollten eine Packung "Peter's Chocolate" ins Kriegskabinett der Briten schaffen. Dort, so hofften sie, würde Churchill ihrer süßen Versuchung erliegen und dabei ungewollt eine Geschmacksexplosion auslösen, die in einem Radius von mehreren Metern sowohl sein Leben als auch das der Politiker um ihn herum fordern würde.
Doch der perfide Anschlagsplan wurde durchkreuzt von einem...
Schritt 2: Der Spion und sein Sportwagen
...talentierten jungen Cricketspieler namens Victor Rothschild. Dabei hatte der Spross der berühmten jüdischen Bankiersfamilie Rothschild an Bomben und deren Entschärfung ursprünglich ähnlich wenig Interesse gezeigt wie am Bankenwesen. Der promovierte Zoologe pflegte viel lieber einen ausgeprägten Playboy-Lebensstil: Wenn er nicht für Northamptonshire oder die Universität Cambridge First-Class-Cricket spielte, fuhr er Wasserski in Monaco, spielte Jazz-Piano oder machte Spritztouren in seinem Bugatti Type 57 "Atlantic" , dem ersten von nur vier Exemplaren weltweit.
Beim besten Willen also niemand, der durch besonders unauffälliges Auftreten glänzte. Dennoch zeigte der britische Inlandsgeheimdienst MI5 1939 Interesse an Rothschild. Dort wurde das Cricket-Talent nach kurzer Zeit Leiter der Sektion B1c. Die winzige Sondereinheit für "Sprengstoffe und Sabotage" arbeitete in einem Bunker tief im Erdreich Londons. Sie bestand neben Rothschild nur noch aus seiner Sekretärin (und späteren Gattin) Teresa Mayor sowie dem Ex-Polizisten Donald Fish. Dennoch gelang es ihnen im Frühling 1943, die Bombenpläne der Nazis abzufangen.
Nun galt es, das Schoko-Attentat der Nazis zu vereiteln, indem man Geheimdienstmitarbeiter und Sicherheitspersonal darin unterwies, die explosiven Leckereien zu erkennen und zu entschärfen. Dazu brauchte man Illustrationen, die ihren Aufbau erklärten - aber keiner der drei konnte zeichnen, und der Etat der Mini-Abteilung reichte kaum, um auch noch einen Illustrator einzustellen.
Zum Glück kannte Donald Fish jemanden, der ihnen helfen konnte, nämlich...
Schritt 3: Ein Fish namens Laurence
...seinen Sohn Laurence Fish: zwar reiner Autodidakt, aber ein talentierter Zeichner. Am 4. Mai 1943 schrieb Rothschild den jungen Mann an, ob er für ihn "eine Zeichnung von einer explosiven Tafel Schokolade" anfertigen könne. Fish konnte - und beeindruckte die Geheimdienstmitarbeiter derart, dass er in den folgenden Jahren viele weitere Illustrationsaufträge vom MI5 erhielt. Nicht immer war das ungefährlich: So nahm er einmal eine der Bomben zu Anschauungszwecken mit nach Hause und bewahrte sie unter seinem Bett auf - bis ihm aufging, dass sie noch immer scharf war.
Nach seinen erfolgreichen Geheimdienstaufträgen im Krieg startete Laurence Fish auch in der freien Wirtschaft als Grafiker durch: Er schuf neben Werbemotiven für Shell, BP, den Autohersteller MG oder British Railways auch diese Anzeige für die Indian Air Force (IAF), auf der Kampfjets der indischen Luftstreitkräfte über einen Mahut auf seinem Elefanten hinwegfliegen.
Von Anfang an war die IAF eng mit Fishs Heimat verbunden gewesen: 1932 im damaligen Britisch-Indien als Hilfseinheit der Royal Air Force (RAF) gegründet, wurde sie vor allem im Pazifikkrieg und während der Kämpfe in Burma eingesetzt. Und auch nach der Erklärung der Unabhängigkeit Indiens 1947 standen in den IAF-Hangars jahrelang vor allem britische Flugzeuge.
Mit britischen Maschinen vom Typ English Electric Canberra B(I)58 etwa flog die IAF einen wichtigen Einsatz...
Schritt 4: Für Bodenschätze zerhackt
...ab 1960 während der Kongo-Krise. Im Rahmen der United Nations Organization in the Congo (ONUC) wurde das 5. Geschwader der IAF dort als Unterstützung für den ersten demokratisch gewählten Premierminister des Kongo eingesetzt - für Patrice Lumumba.
Kurz zuvor hatte die frühere Kolonie Belgisch-Kongo die Unabhängigkeit erlangt, das Land war zerrüttet durch innere Spannungen. Die Uno-Truppen der ONUC sollten nun helfen, die Lage zu stabilisieren. Aber die kommenden Jahre brachten weitere Verstrickungen: Die Provinz Katanga spaltete sich ab, und Lumumbas Ankündigung, das rohstoffreiche Land aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit herauszuführen, erregte den Unmut westlicher Industrieländer. Nachdem ihm daher die USA Unterstützung im Kampf gegen die Katanga-Separatisten abgeschlagen hatten und Lumumba sich - auf der Höhe des Kalten Krieges - an die UdSSR wandte, erging sein Todesurteil: US-Präsident Eisenhower befahl der CIA, ihn aus dem Weg zu räumen. Doch Pläne, Lumumba mit vergifteter Zahnpasta zu liquidieren, scheiterten.
Stattdessen unterstützten CIA und belgischer Geheimdienst einen Putsch gegen Lumumba durch Präsident Joseph Kasavubu und Armee-Stabschef Joseph Mobutu. Lumumba wurde festgenommen. Am 17. Januar 1961 lieferte man ihn schließlich an die Separatisten in Katanga aus - in seinen sicheren Tod. Schon während des Fluges folterte man ihn schwer, abends wurde Lumumba ohne jedes Gerichtsverfahren erschossen. Ein belgisches Kommando zerstückelte danach seinen Körper und löste die Überreste in Säure auf, um alle Spuren zu beseitigen.
Zwar war damit das Ziel erreicht, eine pro-westliche Regierung im Kongo zu installieren, doch wurde Lumumba durch seinen Tod auch zum Märtyrer für viele Kongolesen. Zu ihnen gehörte...
Schritt 5: Magie vs. Maschinengewehre
...die Gruppe der Simba (deutsch: Löwen). Diese Rebellen zogen 1964 aus dem östlichen Hinterland des Kongo in den Kampf gegen Moïse Tschombé, der nun statt Lumumba als Premierminister regierte. Archaisch bewaffnet mit Messern und Speeren und vermeintlich magischen Amuletten ihrer Medizinmänner, die Kugeln der Regierungstruppen in Wasser verwandeln sollten, eroberten sie große Teile des östlichen Kongo, darunter die Städte Uvira, Albertville und Stanleyville. Sie folterten schwarze wie weiße Bewohner dieser Regionen und ermordeten Hunderte westliche Geschäftsleute und Intellektuelle.
Tschombé verlor sein Vertrauen in die Nationalarmee, da sie - wohl auch aus Furcht vor dem angeblich magischen Schutz der Rebellen - nur geringen Widerstand geleistet hatte. Also heuerte er westliche Söldner an, um die blutige Simba-Rebellion niederzuschlagen. Unter diesen gekauften Kämpfern, die Tschombé von 1964 bis 1965 im Kongo einsetzte, war auch der berüchtigte...
Schritt 6: Mit Pickelhaube und Totenschädel
...deutsche Mietsoldat Siegfried Müller, besser bekannt als "Kongo-Müller". Er hatte nach seiner Zeit in der Hitler-Jugend als Wehrmachtssoldat in Frankreich, Polen und der Sowjetunion gekämpft. Als die Bundeswehr ihn nach dem Krieg nicht aufnehmen wollte, war er schließlich Söldner geworden.
Ab August 1964 zog Müller unter dem Kommando des Iren Michael "Mad Mike" Hoare als einer von rund 700 Söldnern in den Kampf gegen die Simba-Rebellen. Hoare beschrieb den Deutschen, der selbst im Dschungel stets sein Eisernes Kreuz trug, als so "preußisch wie eine Pickelhaube", schätzte aber seine Entschlossenheit im Kampf. Tatsächlich schien sich Müller für nichts so zu begeistern wie für den Krieg: "Ich kann mich erinnern, dass vor unseren Stellungen Hunderte von rebellischen Kongolesen abgeschossen wurden", protzte er 1965 in einem Interview mit Dokumentarfilmer Walter Heynowski. Seinen Einsatz im Kongo verstand der Söldner, der seinen Hund "Lumumba" nannte, als Verteidigung der "westlichen Ideologie" - und montierte an den Kühlergrill seines Jeeps Schädel und überkreuzte Knochen eines getöteten Rebellen.
Kongo-Müller wurde im Nachkriegsdeutschland noch lange zum Ziel von Kritik und Spott, mal ernster, mal humoristisch wie...
Schritt 7: Erbschleicher mit Handgranaten
...im Jahr 1985 durch den Komiker Dieter Hallervorden in der Komödie "Didi und die Rache der Enterbten". In diesem Klamauk-Film stellt eine zu allem bereite Horde von Enterbten - alle gespielt von Hallervorden - dem an ihrer Stelle von Bankier Gustav Böllemann beerbten Dieter Dödel (ebenfalls Hallervorden) nach. Ihr Ziel: ihn um Leben und Geld zu bringen.
Unter den geprellten Erben sind so schrille Charaktere wie der Mafioso Emilio Böllemann, der Erfinder Albert Böllemann - oder eben Otto Böllemann, genannt "Kongo-Otto". Nicht nur dessen Name war merklich von "Kongo-Müller" entlehnt: Auch Otto Böllemann war ein für seine Brutalität berüchtigter Söldner. Und auch er pflegte, wie hier zu sehen, den Kühlergrill seines Geländewagens mit dem Schädel eines Feindes zu dekorieren. Allerdings blieb Kongo-Otto im Film kämpferisch weniger erfolgreich als sein reales Vorbild - er sprengte sich mit seiner eigenen Handgranate in die Luft.
Mit Siebenmeilenstiefeln durch die Weltgeschichte - die letzten Ausflüge:
Zum Autor

Jeannette Corbeau
Danny Kringiel (Jahrgang 1977) fand 2010 zu einestages - nach Umwegen über eine Lehrerausbildung und eine Doktorarbeit zu Computerspielen. Liebt seinen Bass, fürchtet kandierten Ingwer und begeistert sich für Film, Musik und groben Unfug.
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insgesamt 5 Beiträge
1. Aber bitte
Rudolf Lang, 13.07.2016
Didi ist doch kein Killer.
Didi ist doch kein Killer.
2. doch doch
Dieter Müller, 13.07.2016
haben Sie nie "Das Millionenspiel" mit Dieter-Thomas Heck als Moderator gesehen?
haben Sie nie "Das Millionenspiel" mit Dieter-Thomas Heck als Moderator gesehen?
3. Super,
Guido Reinking, 14.07.2016
mehr! Genau mein Humor.
mehr! Genau mein Humor.
4. Das konnten auch andere
Bodo Schieferdecker, 16.07.2016
Ich besitze ein Buch für die Ausbildung in der DDR-Armee zur militärischen Sprengtechnik, in dem eine grosse Zahl von vergleichbaren Sprengfallen, industriell hergestellt, oder zum Selbstbau vorgeführt werden. Als die [...]
Ich besitze ein Buch für die Ausbildung in der DDR-Armee zur militärischen Sprengtechnik, in dem eine grosse Zahl von vergleichbaren Sprengfallen, industriell hergestellt, oder zum Selbstbau vorgeführt werden. Als die Sowjetunion in Afghanistan Krieg führte, wurden Spielzeuge mit kleiner Sprengladung abgeworfen, um Kinder nicht zu töten, sondern zu verletzen. Damit war der Vater aus dem Kampf, denn er wollte sein Kind zum weit entfernten Arzt bringen.
5. Hanebüchen
Marc Runkel, 17.07.2016
Der Beitrag ist zwar witzig zu lesen (auch wenn es sich weitgehend um Kriegsgeschehnisse handelt), aber die Zusammenhänge werden ab Herrn Fish extrem abstrackt und hanebüchen. Wie kommt man nur auf die Idee, so einen Beitrag zu [...]
Der Beitrag ist zwar witzig zu lesen (auch wenn es sich weitgehend um Kriegsgeschehnisse handelt), aber die Zusammenhänge werden ab Herrn Fish extrem abstrackt und hanebüchen. Wie kommt man nur auf die Idee, so einen Beitrag zu verfassen? Da kann ich auch die Schauspieler des Films "Die Brücke von Remagen" (oder jedes anderen realinspirierten Kriegsfilm), präsentieren mit "In zwei Schritten von ... zu... ".
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