Industriegeschichte Sklaven des Koks

Industriegeschichte: Sklaven des Koks Fotos
Karlheinz Jardner

Maloche in Glut und Staub: Als die Stahlindustrie im Ruhrpott boomte, lebten Arbeiter im Rhythmus der Maschinen. Dann war Schluss. Fotograf Karlheinz Jardner begleitete seinen Vater 1983 auf dessen letzte Schichten in die Kokerei - und schuf grandiose Momentaufnahmen einer untergehenden Arbeitswelt. Von Marita Pfeiffer und

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An der Markenkontrolle an Tor 1 der Kokerei Zollverein beginnt die Schicht von Arbeiter Nummer 8211: Jardner, Otto. Wenig später sitzt der 57-Jährige in Arbeitskleidung im Führerhaus der Löschlok. Ein Blick in die Löschgleishalle, dann rollt er auf den Ofen zu. Kurz darauf prasseln 70.000 Liter Wasser auf 20 Tonnen glühenden Koks. Aus dem Löschturm steigt eine riesige Wasserdampfwolke auf. Nach dem Löschen lässt er die schwarzen Brocken abtropfen und kippt sie zum Auskühlen auf eine Rampe. Ladung für Ladung nimmt Otto Jardner so aus den Öfen entgegen - ganz behutsam, damit keines der glühenden Stücke aufs Gleis fällt. Etwa 40 Mal pro Schicht.

Otto Jardner arbeitet seit 30 Jahren als Maschinist auf verschiedenen Kokereien im Ruhrgebiet - an einem Tag im April 1983 ist zum ersten Mal sein Sohn dabei. Der 30-jährige Fotograf Karlheinz Jardner beobachtet mit der Kamera die letzten Arbeitswochen seines Vaters auf Zollverein in Essen-Stoppenberg. Die Fotoserie ist eine Arbeit für das Seminar "Ortserkundung Ruhrgebiet" an der Folkwangschule in Essen, Fachbereich Fotografie. Bereits zehn Jahre später wird sie ein wichtiges Zeitdokument sein, weil sie einen seltenen Einblick in das Tagewerk eines Arbeiters auf der größten und modernsten Kokerei Europas gewährt - und in den mühsamen Arbeitsalltag in einer krisengeplagten Industrieregion. Und sie ist ein Stück Familien- und Kulturgeschichte. 1993 wird die Kokerei Zollverein in Folge diverser Stahlkrisen und des damit einhergehenden Strukturwandels stillgelegt.

'Wie kann man hier arbeiten?'

In den Bildern ist die Vertrautheit zwischen Fotograf und Porträtiertem deutlich spürbar. Sie nehmen den Betrachter mit an Otto Jardners Arbeitsplatz, lassen ihn an alltäglichen Szenen teilhaben. "Als meine Mutter die Fotos zum ersten Mal sah, hat sie geweint", erzählt der Sohn. In all den Jahren hatte die Frau des Schichtarbeiters Jardner keine genaue Vorstellung von dem, was ihr Mann Tag für Tag auf der Arbeit tat.

Der Sohn auch nicht. 'Wie kann man überhaupt hier arbeiten?', schießt ihm durch den Kopf, als er den Vater durch die Anlage begleitet. "Das würde ich keinen Monat aushalten." Der Lärm, die Hitze und die verqualmte Luft sind unerträglich. Der Vater erträgt sie - seit Jahren, Jardner junior ist schockiert. Szenen aus der Kindheit fallen ihm ein, etwa wie seine Schwester und er am Morgen zum Frühstück in die Küche kommen und die Nase rümpfen, weil der Vater, gerade von der Nachtschicht zurück, seinen Brathering ist. "Wir gingen zur Schule, und er ging zu Bett."

Die Kokerei zwingt den Arbeitern ihren Rhythmus auf, dem normalen Familienleben oft völlig entgegengesetzt. Einmal angefahren, müssen die Koksöfen glühen - rund um die Uhr, auch am Wochenende, auch am Heiligen Abend. Der Job erlaubt keine Fehlzeiten und keine Fehler; die Arbeit auf der Kokerei birgt Gefahren: "Es gab Situationen, da saß der Vater einfach nur da - und die Mutter sagte uns, wir sollten ihn in Ruhe lassen, ein Arbeitskollege sei verunglückt."

Herrscher über die Naturgewalten

Ganz nah am Feuerschein der lodernden Flammen sitzt der Maschinist im Führerhaus. Die Hand bedient den Fahrschalter, der Blick durch die Blendschutzbrille ist auf die Ofenladung gerichtet. 30 Grad Celsius und mehr herrschen in der Kabine, Otto Jardner muss sich konzentrieren.

Bis zu 10.000 Tonnen Steinkohle täglich werden 1983 in der 22 Jahre alten Kokerei Zollverein zu schwarzem Gold veredelt. Die Produktion mit etwa tausend Beschäftigten läuft in drei Schichten an 365 Tagen im Jahr. Die Kohlen werden gemischt, gemahlen und in insgesamt 304 Öfen unter Luftabschluss bei über tausend Grad etwa 20 Stunden gegart. Der fertige "Kokskuchen", wie ihn die Arbeiter nennen, wird aus dem Ofen in einen Waggon geschoben. An der Luft fängt er sofort Feuer und muss deshalb, um nicht zu verbrennen, rasch zum Löschturm. Nach dem Auskühlen wird er in der Sieberei nach Stückgrößen sortiert und schließlich zu den Stahlwerken transportiert, die ihn zur Erschmelzung von Roheisen im Hochofen verfeuern.

Auf den Fotos von Karlheinz Jardner wirkt der Blick in die Löschgleishalle verklärt. Das Führerhaus der Löschlok ist in kühlem Blau ausgeleuchtet, während von der gelblichroten Koksladung Rauch aufsteigt, der sich nebelartig ausbreitet. Wie in einer mittelalterlichen Kathedrale fällt durch schmale, regelmäßig angeordnete Fensteröffnungen unterhalb der Dachtraufe helles Licht in den beinahe mystisch wirkenden Raum. Der Fotograf hält nicht nur die Abläufe fest, er dokumentiert auch die besondere Atmosphäre: die Elemente Feuer und Wasser und deren Beherrschung durch Mensch und Maschine.

Geplatzter Traum

Wer beherrscht wen? "Wir waren ja eigentlich Sklaven der Maschine", hat Otto Jardner einmal gesagt. Und die Bilder lassen es erahnen: Die Menschen in der gigantischen Industrieanlage wirken bisweilen fast verloren, wie jener Arbeiter auf der unendlich langen Ofendecke. Mit ihren unzähligen Fülllöchern und Steigrohren verdeutlicht sie die gewaltige Produktionskapazität - und zugleich die Monotonie der Arbeit. Umso wichtiger, dass die Kollegen zusammenrücken: Im Pausenraum sitzen die Arbeiter eng beisammen, eine Schicksalsgemeinschaft. Dennoch muss sich hier jeder allein behaupten.

Otto Jardner gehört zu der Generation, die vor allem das Pflichtgefühl antreibt. Als junger Bursche hatte er in Ostpreußen eine Banklehre begonnen, als ihn der Krieg zur Marine brachte. Zur See fahren - das war sein Traum. Doch daraus sollte nichts werden. In Schleswig-Holstein lernte er nach dem Ende des Krieges seine spätere Frau kennen. Sie heirateten, Sohn Karlheinz wurde geboren - und Otto Jardner hatte eine Familie zu ernähren. Weil es im Norden keine Arbeit gab, fuhr er ins Ruhrgebiet. Kohle und Stahl hatten Hochkonjunktur, in der Kokerei Wolfsbank in Essen fand er rasch einen Job und holte die Familie nach. Als die Kokerei schließen musste, wechselte er zur nächsten. Zollverein ist seine dritte und letzte Station.

Bei der Bahn hätte er als junger Mann auch gern gearbeitet. Lokführer wäre was gewesen! Doch da gab es nicht viel zu verdienen, nicht genug für eine Familie. Reisen blieb für Schichtarbeiter Jardner ein Traum. Daheim nahm er immer mal wieder den Globus oder einen Atlas zur Hand. "Zu sehen, dass es noch etwas anderes gab als die Kokerei - das war ein ganz guter Ausgleich für ihn", beobachtete der Sohn.

Schichtende

Für die Fotoaufnahmen mit seinem Sohn verlässt Otto Jardner ausnahmsweise den Mikrokosmos seines Arbeitsplatzes im Löschwagen und lässt sich mit der Kokerei und den Kollegen fotografieren, wie ein Tourist vor einer Burg oder einem Schloss. Der Koks wird zum stolz präsentierten Produkt, die Kokerei zur sehenswerten Hintergrundkulisse und der Löschturm mit aufsteigender Wasserdampfwolke zum Wahrzeichen.

Der Tag endet in der Waschkaue. Arbeiter Nummer 8211 befreit seinen Körper von Schmutz und Schweiß und zieht seine private Kleidung an. Schichtende für Jardner, Otto. In wenigen Tagen hat der Löschwagenfahrer seinen letzten Arbeitstag. Das Kapitel Kokerei ist dann für ihn abgeschlossen. Er ist froh. "Jetzt machen wir uns noch ein paar schöne Jahre", sagt er zu seiner Frau.

20 Jahre sollte er noch vor sich haben. Zusammen fliegen sie auf die Kanarischen Inseln und mehrmals in die USA. Sie genießen die Weite jenseits von Löschturm und Gleishalle. Die Kokerei Zollverein, nach ihrer Schließung unter Denkmalschutz gestellt, wird im Jahre 2001 zusammen mit der Zeche Zollverein Unesco-Welterbe. Die Anlagen sind nun für Besucher zugänglich. Ehemalige Koker erzählen bei Führungen von ihrer einstigen Arbeit. Historische Fotos, die sie bei ihrer Arbeit zeigen, sind selten. Die Bilder, die damals, 1983, der Fotografiestudent Karlheinz Jardner von seinem Vater machte, gehören dazu.

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1.
Axel Klinkhardt 10.02.2010
genial! Gibt es die Fotos als Bildband?
2.
Christoph Jung 10.02.2010
Beeindruckende Fotos von schlichter Malocher-Alltäglichkeit. Sie lassen in mir ebenso alte Erinnerungen und Gefühle lebendig werden, als wäre es gestern und heute.
3.
Solnzevo Wolkow 10.02.2010
Super Bilder - erstaunlich, was man teilweise über Jahre vergessen hat!
4.
Ernst Pelzing 12.02.2010
Der Beitrag "Sklaven der Kokses" ist mit seiner Fotodokumentation eine gelungene Darstellung der Knochenarbeit in einer Kokerei im Kohlenpott, also dort, wo zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch echt "malocht" wurde. Demgegenüber steht eine Tätigkeit, die weniger dramatisch ablief, sicher aber im Hinblick auf den Anlagen-Export von Bedeutung war. Gemeint ist die Tätigkeit des Übersetzers, der als Mittler zwischen Unternehmen und Kunden im Ausland fungierte. 1970 waren die Auftragsbücher meines Arbeitgeber, des Ruhrgebiets-Traditionsunternehmens Dr. C. Otto & Comp. GmbH, noch gut gefüllt. Der Bau von Kokereianlagen im Ausland florierte, der Übersetzer im Angestelltenverhältnis hatte daher gut zu tun. In den späten 70er Jahren brach die Auftragslage in der Stahlindustrie und damit im Kokereisektor ein. Die Folge war eine ganze Reihe von Firmenschließungen, Fusionen, Entlassungen und Outsourcing bzw. Auslagerung von Arbeiten. Am Ende des Fusionskartells stand ThyssenKrupp einerseits und der (nicht mehr angestellte) Übersetzer als Freiberufler beim selben Unternehmen andererseits. Er rechnete sich nicht mehr. Ganz einfach aus Gründen der Kostenersparnis.
5.
Manfred Kopfmann 11.02.2010
starke Bilder - aber ein noch bewegenderer Text: "Die Frau weinte als sie die Bilder sah". Großer Respekt vor diesen Männern
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