Industrieruine Vockerode Monsterwrack am Elbufer

Industrieruine Vockerode: Monsterwrack am Elbufer Fotos
Jörg Rüger/sichtbarkeiten.de

Einst ernährte es einen ganzen Ort, dann fiel es in tiefen Dornröschenschlaf: Seit 1994 stehen die Maschinen im Braunkohlekraftwerk Vockerode still. Jörg Rüger ging vor Ort auf Spurensuche - und machte faszinierende Bilder aus dem Inneren eines verlassenen Giganten. Von

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Frau Laue erinnert sich noch gut an das Jahr 1994: Jenes Jahr, in dem es still wurde in Vockerode. Nicht, dass es hier zuvor besonders unruhig gewesen wäre, gerade einmal 1500 Menschen leben in dem Örtchen, das heute in die Kleinstadt Oranienbaum-Wörlitz eingemeindet ist. Aber vor 1994, sagt Frau Laue, arbeiteten fast ebenso viele Menschen in dem Braunkohlekraftwerk am Elbufer, dessen 140 Meter hohe Schornsteine abends lange Schatten über die Stadt warfen.

Frau Laue war eine von 1300 Arbeiterinnen und Arbeitern, die bei dem Kraftwerk, dem größten Arbeitgeber des Ortes, angestellt waren. 30 Jahre hat sie hier Tag für Tag gearbeitet. Ihre Augen leuchten, wenn sie von damals erzählt: Damals, als noch menschliche Stimmen und Maschinenlärm durch die Hallen und Korridore schallten. In drei Schichten, so erzählt Frau Laue, sei rund um die Uhr geschuftet worden. Unaufhörlich wurde Braunkohle in den Öfen verheizt und zu Strom gemacht.

Ursprünglich sollte das Kraftwerk, das von 1937 bis 1942 in Vockerode gebaut worden war, das 130 Kilometer entfernt gelegene Berlin mit Strom versorgen. Aber der Zweite Weltkrieg machte diese Pläne zunichte. Nach Kriegsende wurden zwei Jahre lang fast alle Geräte des Werkes als Reparationsleistungen demontiert und in die Sowjetunion verfrachtet. Doch die Tage des Werks waren noch nicht gezählt: 1953 begann man in Vockerode, sechs Jahre lang das ausgeräumte Kohlekraftwerk wieder aufzubauen und sogar um einen zweiten Bau zu erweitern.

Spaziergang im Riesenofen

Es schien, als würde die Anlage allen Widrigkeiten trotzen. Selbst, als im Juli 1960 ein Militärflugzeug der Nationalen Volksarmee vom Typ Iljuschin IL-14 mit einem der vier Schornsteine kollidierte: Das Flugzeug stürzte ab, seine sieben Insassen starben. Der Schornstein aber blieb stehen.

Fast 60 Jahre lang prägte das Kraftwerk das Leben in Vockerode. Heute stehen die Maschinen still, und Frau Laue geht nur noch auf das Werksgelände, um Besucher durch die gewaltigen Hallen zu führen und ihnen von ihrer eigenen Zeit in diesen Mauern zu erzählen. Sie führt Gäste in die heute begehbaren riesigen Öfen und beschreibt ihnen, welch unglaublicher Lärm und welche Hitze hier einst geherrscht haben. Und sie leitet sie auf Gitterrosten in 30 Metern Höhe durch die enormen Werkshallen und erklärt, wie ab 1968 die Stadt Dessau von hier aus über eine 15 Kilometer lange Leitung mit Fernwärme versorgt wurde und wie eine 40 Hektar große Gewächshausanlage zum Anbau von Gurken und Tomaten mit der Wärme aus dem Kraftwerk beheizt wurde.

Seltsame farbige Lichter

Vieles von dem, was Frau Laue den Besuchern beschreibt, ist längst nicht mehr zu sehen: Die Gemüsebeete sind verschwunden, die Gewächshäuser abgerissen und viele der Maschinen und Geräte, die hier einmal im Einsatz waren, wurden seit der Stilllegung demontiert und entsorgt. Selbst die riesigen Schornsteine, einst schon von weitem sichtbares Wahrzeichen der Ortschaft, wurden vor zehn Jahren gesprengt. Doch was geblieben ist, ist eindrucksvoll genug: Mannshohe Isolatoren, hochhausgroße Öfen, eine Halle von 30 Metern Höhe und 270 Metern Länge. Schaltanlagen und Steuerungsstände, die wie aus einer anderen Welt wirken. Und über allem eine dicke Ruß- und Staubschicht. Die Anlage erinnert von innen eher an ein verlassenes Raumschiff als an ein Kraftwerk.

Jährlich führt Frau Laue um die 2000 Besucher durch den Bauch dieses Raumschiffes. Immer wieder wurden und werden die beeindruckenden Räume für Ausstellungen und Kunstaktionen benutzt, etwa für das Aktionstheater "Marquis de Sade", das hier von 2006 bis 2009 gastierte. Oder für die sachsen-anhaltinische Landesausstellung 1998 mit dem Titel "Mittendrin". Von der Ausstellung künden heute noch ein paar farbige Beleuchtungen in der Industrieruine und verwaiste Möbel in einigen Räumen, die einfach hier zurückgelassen wurden. Requisiten, die sich perfekt in die gespenstische Atmosphäre des Kraftwerks Vockerode einfügen: Schließlich sind es oft gerade die Spuren der Dinge, die uns am meisten faszinieren.

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1.
Siegfried Wittenburg 26.05.2011
Mhm, gigantische Industrieruinen sind in jedem Fall beeindruckend, aber das Staunen vermischt sich mit real erlebten Gefühlen. Beim Lesen dieses Artikels musste ich daran denken, unter welchen Bedingungen Verwandte im Tagebau und in solchen Kraftwerken gearbeitet haben, wie sie davon erzählt haben mit einer Mischung aus Stolz und Zweifel, welch hochgradige Luft- und Umwelverschmutzung davon ausging und wie verschwenderisch mit der so mühsam gewonnen Energie umgegangen wurde. Letztendlich ist ein ganzer Staat daran zu Grunde gegangen. Die Gurken und Tomaten (???) konnten zwar im Treibhaus gedeihen, unter freiem Himmel jedenfalls nicht. In den Vorgärten der Gegend wuchsen nicht einmal mehr Blumen. Es gibt noch originale Fotos aus dieser Zeit. Es wäre interessant, diese einmal zu sehen.
2.
Detlef Kupfer 26.05.2011
Sehr gute Fotos. Ich bin auf dem Weg nach Berlin mehrmals "abgefahren". Nicht nur das ehemalige Kraftwerk ist beeindruckend, das tote Vockerode tut es noch viel mehr. http://motorbloeckchen.com/?p=1901&cpage=1#comment-16437
3.
Ralf Schmidt 26.05.2011
>Die Gurken und Tomaten (???) konnten zwar im Treibhaus gedeihen, unter freiem Himmel jedenfalls nicht. In den Vorgärten der Gegend wuchsen nicht einmal mehr Blumen. Warum muss in solchen Foren immer jemand etwas vom Hörgensagen schreiben. Ich habe selbst in Kraftwerken Vockerode und Zschornewitz gearbeitet und in der Nähe gewohnt. Vockerode liegt inmitten von Kleingärten und Feldern, z.B. grenzt das Kraftwerk auch unmittelbar an den Wörlitzer Park, dem größten Landschaftspark Kontinentaleuropas. Wieso sollen oder sollten hier keine Blumen wachsen?
4.
Siegfried Wittenburg 26.05.2011
Ich war neulich mal in Polen, im Raum Katowice (Kattowitz). Auch dort stehen solche Kraftwerke, aus der gleichen Epoche. Der Unterschied zu Vockerode: Sie arbeiten noch. Und in den Städten herum leben Menschen unter Bedingungen, die in Ostdeutschland alle vergessen haben. Der Unterschied: Sie haben keinen "Wessi", auf den sie schimpfen können. Und trotzdem sind die Polen gut drauf und haben ein ansehnliches Wirtschaftswachstum. Ich habe Ihre Website gesehen, Herr Kupfer. Die gleichen Bilder kann ich auch in der Pfalz machen. Oder im Ruhrgebiet. Oder in Detroit.
5.
Gregor Fischer 26.05.2011
Die Fotos sind wahrlich großartig. Marquis de Sade durfte ich erleben ? es ist schade, dass diese grandiose Vorstellung in diesen Hallen abgesetzt wurde. Was nur am Text stutzig macht ? das Kraftwerk steht im Osten der Ortschaft. Die angesprochenen langen Schatten können somit nicht abends, sondern nur morgens aufgetreten sein. Oder gab es noch weitere Schornsteine im Westen?
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