Initiationsrituale Tradition und Sozialismus

Initiationsrituale: Tradition und Sozialismus Fotos
Gymnasium St. Augustin

Neue Schüler hatten im Internat im sächsischen Grimma über Jahrhunderte wenig zu lachen: mit teils grausamen Initiationsritualen wurden die Jüngsten begrüßt. Wie der Sozialismus langsam die alten Traditionen in der 500 Jahre alten Schule ersetzte, untersuchte die Schülerin Jule Lieber. Von

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Der erste Tag an der sächsischen Landesschule in Grimma war hart. Nach der offiziellen Prüfung beim Rektor, der die Fähigkeiten der neuen Schüler in Latein, Algebra und Philosophie unter die Lupe nahm, stand die schwerste Probe an. Der Novex stand vor einem Parcours aus Pulten, Stühlen und anderen Hindernissen, den er unter lautem Gejohle der älteren Schüler schnellstmöglich überwinden musste.

Doch damit nicht genug - am Ende der Laufstrecke wartete zur Belohnung ein Löffel "lebender Käse" auf den keuchenden Läufer: Festgehalten von den künftigen Mitschülern, wurde dem Neuling ein Stück Käse in den Mund geschoben, das zuvor einige Wochen an einem warmen Ort gelegen hatte und von Maden wimmelte. Kein Wunder, dass die meisten so geprüften den ekligen Fraß sofort erbrachen.

Szenen wie diese waren als Aufnahmeprüfungen in Internaten und an Universitäten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts üblich. Seit dem Mittelalter beschäftigten sich Stadtherren und Fürsten, Rektoren und Lehrer immer wieder mit dem Problem des "Pennalismus" - der Fachbegriff für die meist grausamen und erniedrigenden Initiationsrituale, die nicht selten mit schweren Verletzungen bei den Neuschülern endeten. Das "Käserennen" in Grimma zählte da schon zu den milden Formen.

Jahr der Knechtschaft

Zur Jahrhundertwende war der Spuk in den sächsischen Fürstenschulen in Grimma, Meißen und Schulpforta weitgehend vorbei - die Eliteanstalten fürchteten um ihren guten Ruf. Dass zumindest war die offizielle Lesart. Doch zumindest am Gymnasium St. Augustin in Grimma wurden auch auch zu DDR-Zeiten noch fiese Spielchen mit den Neuen getrieben, wie die Grimmaer Schülerin Jule Lieber in ihrer preisgekrönten Arbeit für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten herausgefunden hat. Die 18-Jährige befragte Zeitzeugen über ihre Schulzeit in Grimma und durchforstete die alten Schulchroniken nach Hinweisen auf Fälle von Pennalismus. Dafür erhielt sie jetzt aus der Hand von Bundespräsident Horst Köhler einen Ersten Preis auf Bundesebene.

Ein Zeitzeuge etwa erinnerte sich auf Fragen der Schülerin an die frühen fünfziger Jahre: "Amboss oder Hammer sein. Das wurde dir hier schnell gezeigt. In uns steckte ja auch noch drin 'Ein deutscher Junge weint nicht!' Obwohl einem manchmal die Tränen kamen." Die meisten Ex-Schüler berichteten von ganz alltäglichen Kämpfen um die Hackordnung. Bis 1982 kamen Schüler erst in der neunten Klasse auf die Oberschule, also im Alter von etwa 14 Jahren. Diese sogenannten Novexe waren das letzte Glied in der Kette. Ihnen war ein älterer Schüler zugeteilt, der die Hausaufgaben überwachte - und sie manchmal auch als Laufburschen missbrauchte.

Daneben sorgte ein ausgefeiltes System von meist wöchentlich wechselnden Aufgaben bei den Internatsschülern für Hierarchie: Schüler führten Urlaubs- und Abwesenheitslisten, überwachten Ruhe- und Arbeitszeiten oder die verschiedenen Dienste für die Gemeinschaft wie Aufräumen, Putzen oder Tischdecken. Und so bezeichnete ein ehemaliger Schüler sein erstes Jahr im Internat als "Jahr der Knechtschaft", das er nur überstanden habe, weil er wusste, dass es nach dieser Zeit enden würde.

Nächtliche Schläge und stinkende Milch

Zur festgelegten Altershierarchie trug noch ein anderer Umstand bei: Mit Internatsleiter Walter Däberitz, der 1952 das Regiment in der Oberschule Grimma übernahm, stand ein überzeugter SED-Parteisoldat, aber auch ein schlechter Pädagoge an der Spitze der Traditionsanstalt. Däbertiz war nur zu froh, wenn die Schüler Disziplinprobleme untereinander klärten, erinnern sich die Zeitzeugen. "Ein Depp von sozialistischen Einheitsgnaden" sei er gewesen, aber auch "ganz nett" und "gemütlich". Den Schülern ging er mit seiner Politpropaganda auf die Nerven, im täglichen Leben lernten sie ihn als umgänglichen Mann kennen, der sich nicht näher für ihre Angelegenheiten interessierte.

Und so nahmen die internatsüblichen Initiationsrituale, von der Schulleitung unbehindert, ihren Lauf. Im großen Gemeinschaftbad im Keller mussten alle Schüler einmal wöchentlich duschen - für die Novexe in den ersten Wochen keine angenehme Erfahrung: Die Zehntklässler drängten alle Neuschüler in den Duschraum, wechselten dann von außen die Wassertemperatur zwischen eiskalt und brühend heiß. Erst wenn sich keiner der Jüngeren mehr beklagte, durften sie alle das Bad verlassen.

Besonders unbeliebt waren Schüler, die andere anschwärzten - wegen ihrer vermuteten roten Gesinnung im Internatsjargon "Feuermelder" genannt. Für diese gab es nachts Senfkompressen oder Schuhcreme auf alle erdenklichen Körperteile, Schläge mit verknoteten nassen Handtüchern oder einen Ausflug des Beschuldigten samt seinem Bett in die Abflussrinne des Jungen-Pissoirs. Novexe wurden zur Strafe für echte oder vermeintliche Vergehen gegen die Hackordnung gerne in einen engen Schrank gesperrt und dann mit Milch übergossen. Eine besonders unangenehme Prozedur, denn schnell fing die lauwarme Milch an zu stinken. Ausnahmen seien diese Vorfälle zwar gewesen gewesen, erklärt Jule Lieber in ihrer Arbeit, doch bis in die sechziger Jahre sind sie im Grimmaer Gymnasium dokumentiert.

System der Selbsterziehung

Für die Schülerin gehören die Umgangsformen im Internat auch zu DDR-Zeiten noch zur Tradition des Hauses: Bis heute werden bei den Novexfeiern zur Begrüßung neuer Jahrgänge kleine Scherze mit den Neuschülern angestellt. Inzwischen wird keiner mehr gedemütigt oder körperlich verletzt, doch dass "eklige Getränke" gereicht werden, ist nach wie vor üblich. Doch seit den späten sechziger Jahren kann sie keine schlimmen Auswüchse von Pennalismus mehr am Internat feststellen.

Dass der Pennalismus in den fünfziger und sechziger Jahren schärfere Formen hatte, erklärt die Schülerin vor allem mit dem Traditionsbewusstsein der Schule: Nachwachsende Schülergenerationen übernahmen die Bräuche von den älteren Jahrgängen. Nur langsam veränderten sich diese - die Lehrer schätzten lange Zeit das System der Selbsterziehung unter den Schülern, von ihrer Seite gab es wenig Bestrebungen, den Spuk zu unterbinden. Langsam setzte sich jedoch auch im altehrwürdigen Internat von Grimma die politische Hierarchie durch: Nicht mehr das Alter bestimmte den Standort der Schüler, sondern ihre sozialistische Gesinnung und die Zugehörigkeit zur "richtigen" Klasse.

Gleichzeitig entdeckt sie auch Parallelen zum politischen System der DDR. Obwohl der sozialistische Staat die Gleichheit predigte, galt die Arbeiterklasse mehr als andere. Unterdrückung und Hierarchie kannte der Sozialismus ebenso wie das Internatsleben. In den ersten Jahren der DDR galt am Internat zwar noch das Recht des Älteren, doch in den späten Sechzigern ersetzte zunehmend die politische Bevormundung unabhängig vom Alter die traditionelle Hierarchie. "Der Sozialismus, der sich geistiger Gewalt bediente", resümiert die Schülerin ihre Recherche, "hatte über den Pennalismus, der sich körperlicher Gewalt bediente, gesiegt."

Text: Helene Heise

Dieser Artikel basiert auf einem preisgekrönten Beitrag für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Weitere Informationen zum Originalbeitrag "Amboss oder Hammer sein. Wir waren Opfer und Täter!" von Jule Lieber können in der Datenbank des Geschichtswettbewerbs recherchiert werden.

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