Instant-Wohnträume Budenzauber aus der Konserve

Instant-Wohnträume: Budenzauber aus der Konserve Fotos
Klaus Meier-Ude

Von der Goldgräberhütte zur Designer-Utopie: Einst als simple Notbaracke erfunden, erklärten Stararchitekten das Fertighaus zum futuristischen Wohntraum - nur leben wollte lange keiner drin. einestages zeigt die schönsten Wohnmaschinen der Architekturgeschichte, die nun in einem neuen Bildband gefeiert werden. Von

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Montags ist die Welt noch in Ordnung. Der frischgebackene Bräutigam holt die sarggroße Kiste mit dem neuen Eigenheim ab und macht sich an die Arbeit. Schon am Mittwoch steht das Fertighaus, ein wenig schief zwar, aber immerhin. Am Freitag, als das junge Glück gerade mit Freunden die Einweihungsparty feiert, zerlegt ein Sturm die Bude - und am Sonntag rollt ein Zug über die vom Unglücksort geretteten Überreste.

"For Sale" steht auf dem Schild, das Buster Keaton schließlich an dem Bretterhaufen befestigt, bevor er mit seiner Angetrauten das Weite sucht. Aus der Traum vom Wohnidyll! In knapp 22 Minuten demontiert der Stummfilmklassiker "One Week" von 1920 das Fertighaus. Auch in einer acht Jahre später aufgeführten Komödie des Tollpatsch-Duos Laurel & Hardy kommt es nicht besser weg: Ein Lastwagen rast mitten ins mühsam errichtete Instant-Heim - erneut wird die erwachende Fertighaus-Industrie zur Zielscheibe des stummen Spotts.

Dass das Haus von der Stange trotz aller cineastischen Häme eine großartige Zukunft hatte, zeigt der jetzt erschienene Bildband "Prefab Houses" (Taschen Verlag), der die rund 180-jährige Geschichte des Fertighauses nachzeichnet. Wer es durchsieht, kann schnell den Eindruck gewinnen, dass Außerirdische sich unseres Planeten habhaft gemacht haben. Da wäre etwa die Feriensiedlung "Bulle Six Coques", die der französische Architekt Jean Maneval im Jahr 1967 mitten in den Pyrenäen erbaute: sternförmig-bauchige Hauszellen aus weißem Kunststoff, die eher an die Mondlandung denn an Sommerurlaub erinnern.

Galaktisches Ski-Ei, provisorisches Holz-Cottage

Oder das "Futuro"-Haus des Finnen Matti Suuronen von 1965, ursprünglich als Skihütte erdacht und so leicht, dass es per Hubschrauber an den gewünschten Ort geflogen werden konnte. Ein Luxusobjekt in Eiform, extravagant, schick - und so völlig anders als das, was das Fertighaus ursprünglich mal war: ein simples Provisorium bei akuter Wohnungsnot. Um seinem nach Australien auswandernden Sohn ein Dach über dem Kopf zu ermöglichen, entwarf der Londoner Zimmermann Herbert Manning im Jahr 1833 ein aus Paneelen, Pfosten und Platten gefertigtes Holz-Cottage mit einem Dach aus Zeltleinwand - der Prototyp des modernen Fertighauses.

Kostengünstig, transportabel und innerhalb eines Tages zu montieren: ideal für die Briten, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Scharen nach "Down Under" emigrierten und die "Portable Colonial Cottages for Emigrants" so mühelos vor Ort zusammenschrauben konnten, dass Tischler Manning mit seinem Hausbausatz in Serie ging. Doch nicht nur die Abenteurer, die das Glück auf einem fernen Kontinent suchten, benötigten einfachen, transportablen Wohnraum. Auch die Goldgräber, die während des großen Goldrausches ab 1848 zu Hunderttausenden die kalifornische Erde umpflügten, mussten irgendwo bleiben. Sie hausten in vorgefertigten, eilig errichteten Wellblechhütten.

Billiger Wohnraum für große Menschenmassen lautete die Losung, die dem Aufstieg des Fertighauses ursprünglich zugrunde lag - die Industrialisierung machte es möglich, wie der französische Schriftsteller Théophile Gautier 1850 prophezeite: "Die Menschheit wird eine völlig neue Art der Architektur hervorbringen, sobald die von der Industrie neu geschaffenen Methoden angewandt werden."

Neue Tür per Dosenöffner

Im Krimkrieg dienten einfache Fertigkonstruktionen als transportable Lazarette, später stampften Großunternehmen mithilfe der Fertigbauweise ganze Werkssiedlungen aus dem Boden, um ihre Arbeiter an den rasant wachsenden Produktionsstätten unterzubringen: 1917 etwa kaufte die US-Firma Standard Oil Hausbausätze für eine Million Dollar beim Fertighausbauer Sears. Um die Wohnpuzzleteile an Ort und Stelle zu bringen, musste ein eigener Gleisanschluss verlegt werden. Etwa zur selben Zeit entdeckte die Architektur-Avantgarde das Fertighaus - und verband es mit der Utopie eines demokratischen Wohnraums für alle.

Wenn die Mehrheit der Menschen industriell hergestellte und nicht maßgearbeitete Schuhe trage, wieso sollten dann nicht auch die Häuser aus Fabriken kommen, fragte etwa der Bauhaus-Begründer Walter Gropius. Sein amerikanischer Kollege Frank Lloyd Wright sprach jeder Familie das Recht auf ein Eigenheim zu, das schmuck aussah und dennoch erschwinglich war. Beide entwarfen architektonisch anspruchsvolle Einfamilienhäuser für die Mittelschicht und erlangten internationale Berühmtheit - reich wurden sie damit nicht. Während die meisten Entwürfe von Wright nie gebaut wurden, gelang Gropius weder mit den von ihm entworfenen Beton-Baukästen noch mit vorgefertigten Häusern aus Kupfer der große, kommerzielle Durchbruch.

Die Mehrheit der Menschen war nicht bereit, den avantgardistischen Traum mitzuträumen, so mancher überzog die um zukunftsweisende Fertigbauten bemühten Architekten gar mit Spott und Hohn. So verunglimpfte die "New York Sun" das von Albert Frey und Alfred Lawrence Kocher 1931 präsentierte Aluminiumhaus als "Konservendosenhaus" und ätzte: "Wenn Papa eine neue Türöffnung für sein Zimmer haben will, greift er nicht zur Säge, sondern zum Dosenöffner." Dafür boomten die Fertigbauten nach wie vor in Notzeiten, als Unterschlupf für Soldaten, Ausgebombte, Flüchtlinge.

Kleinbürger-Idyll aus Stahl

So fanden nach dem Zweiten Weltkrieg Millionen Vertriebene in Deutschland Platz in den sogenannten "Nissenhütten": barackenartigen Notunterkünften aus Wellblech mit halbzylindrischer Dachform, die zu Tausenden die Stadtränder säumten. Ein Symbol des Provisoriums und Nachkriegselends, das die deutschen Familien lange Zeit abschreckte, sich ernsthaft für Fertighäuser zu interessieren - und das, obwohl rund ein Viertel des Wohnraums im Bombenhagel zerstört worden war.

Durchsetzen konnte sich die Fertigbauweise hier vor allem beim sozialen Wohnungsbau im Westen sowie den Plattenbauten im Osten - Familien schreckten jedoch vor dem Kauf industriell gefertigter Eigenheime zurück. Anders in den USA: Zu Tausenden zierten die seriell gefertigten Stahl-Fertighäuser der Marke Lustron nach 1945 die amerikanischen Vorstädte, Käufer waren vor allem aus dem Krieg heimgekehrte GI's. Die Fassaden waren wahlweise in den Farben maisgelb, taubengrau, surferblau und wüstenbraun gehalten, im "Lustron Home" ließen sich Bilder per Magnet an der Wand befestigen - die Klopapierhalterung war auf Wunsch vorinstalliert.

Noch verspottete das "Time Magazine" die innerhalb von nur acht Tagen aufgestellten Häuser als Würstchenbuden, noch verunglimpften Architekten das Stahlidyll als Spießerhütte. Spätestens in den sechziger Jahren jedoch, in der Ära der Mondlandung, Fortschrittsgläubigkeit und Plastik-Euphorie, entdeckte die Architektur-Avantgarde erneut die Vorzüge des Fertighauses. Und schuf jene geschwungenen, Ufo-gleichen, mobilen Wohnkapseln, die beim Betrachter immer noch für ein StarTrek-Kribbeln im Bauch sorgen.

Heutzutage rümpft beim Fertighaus niemand mehr die Nase. Es ist in der Gesellschaft fest verankert - natürlich auch, weil es nicht mehr schon beim ersten Windhauch einstürzt wie noch bei Buster Keaton vor 90 Jahren.

Zum Weiterlesen:

Oliver Jahn, Arnt Cobbers: "Prefab Houses". Taschen Verlag, Köln 2010, 387 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
thomas wellbrock 02.09.2010
Ich habe einmal versucht, die Angebote von www.deltechomes.com nach D zu bringen. Baurechtlich eine Sisyphos-Arbeit. Nur das Einführen des Segway in D dürfte schwieriger gewesen sein.
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