Internet-Berühmtheiten Die im Netz spinnen!

Internet-Berühmtheiten: Die im Netz spinnen! Fotos
dapd

Vom Niemand zum Helden in ein paar Klicks: Im Netz kann jeder Promi werden - egal ob Autoverkäufer, Sith-Lord oder übergewichtiges Haustier. einestages zeigt die skurrilsten Überraschungserfolge aus 20 Jahren WWW - und erklärt, warum mancher Star gern wieder unbekannt gewesen wäre. Von Danny Kringiel

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 6 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.8 (12 Bewertungen)

Am 3. November 2002 kämpfte der 14-Jährige Ghyslain Raza im Filmstudio seiner Highschool im kanadischen Trois-Rivières den Kampf seines Lebens: Er wirbelte in wilden Pirouetten herum, sprang hoch, trat in die Luft, verlor das Gleichgewicht, sammelte sich wieder und wehrte Dutzende unsichtbare Angreifer mit seiner Waffe ab - einem Teleskopstab zum Aufheben von Golfbällen, den er in seiner Fantasie in ein Laserschwert verwandelt hatte. Mit dem Mund ahmte er dazu die zischenden Soundeffekte der imaginären Waffe nach. Die Videokamera, die der pummelige Schüler auf sich gerichtet hatte, um seine unbeholfene Kampfchoreographie festzuhalten, blieb sein einziger Zeuge. Zunächst jedenfalls.

Denn Raza machte sich nicht die Mühe, den Film wieder zu löschen. Monatelang lagerte das Band in einem Keller, bis am 19. April 2003 ein Bekannter Razas zufällig darauf stieß - und beschloss, das Video mit Hilfe zweier Freunde zu digitalisieren und in der Filesharing-Börse KaZaA zu veröffentlichen. In wenigen Wochen verbreitete sich der Film um die Welt. Unzählige Websites, Foren und Internetmagazine, selbst Fernsehsender wie die britische BBC zeigten das Video des übergewichtigen Jungen. "Star Wars Kid", wie Razas Film betitelt wurde, gilt heute als eines der erfolgreichsten viralen Videos in der Geschichte des Internets. Innerhalb von drei Jahren erzielte die Aufnahme nach Angaben der Marketingagentur "Viral Factory" fast eine Milliarde Downloads. Alleine die auf YouTube gezeigte Version wurde bis zum Sommer 2011 rund 23 Millionen mal angesehen.

Raza war zum Superstar wider Willen geworden. Er und seine Eltern zeigten sich wenig begeistert über seinen plötzlichen Ruhm: Ghyslain musste sich nach der massiven öffentlichen Demütigung in psychiatrische Betreuung begeben. Seine Familie verklagte die drei Klassenkameraden, die das Video ins Internet gestellt hatten. Nach Angaben des Magazins "Wired" forderten sie Schmerzensgeld in Höhe von 160.000 Dollar für die seelischen Verletzungen, die Ghyslain erlitten hatte. Nach einem dreijährigen Rechtsstreit einigten sich die Parteien schließlich in einem außergerichtlichen Vergleich. Ghyslain verschwand anschließend aus dem Licht der Öffentlichkeit. Der millionenfach verspottete Internetstar hätte wohl alles gegeben, um einfach wieder genauso unbekannt zu sein wie vor seinem Videoauftritt.

"I Like Sex"

Im Zeitalter des Internets, so lehrt der Fall Raza, kann Ruhm jeden ebenso schnell wie unberechenbar treffen: Vom fluchenden Wohnwagenhändler bis zum tanzenden Kakadu, vom radebrechenden türkischen Akkordeonspieler bis zum Ninja-Lebensberater - das World Wide Web hat in den zwei Jahrzehnten seines Bestehens unzählige exzentrische Sonderlinge über Nacht zur Berühmtheit gemacht. Manche von Ihnen waren auf das Rampenlicht ebenso wenig erpicht wie Ghyslain Raza. Andere hingegen bemühten sich nach Kräften, so lange wie möglich im Gedächtnis der Internetwelt zu bleiben und ihre unerwartete Berühmtheit zum Geschäft zu machen.

So wie Mahir Cagri. Eigentlich lebte der 37-Jährige türkische Lehrer und Journalist ein beschauliches Leben in Izmir. Bis im November 1999 plötzlich sein Telefon pausenlos klingelte und wildfremde Menschen aus aller Welt ihn lachend für seine Homepage lobten. Dabei war darauf eigentlich nichts Weltbewegendes zu sehen: Fotos des schlaksigen Schnurrbartträgers in viel zu großen Anzügen und viel zu knappen Badehosen, beim Tischtennis- oder beim Akkordeonspielen. Darunter überschwänglich herzliche Texte in radebrechendem Englisch: "Welcome to my home page! I kiss you!!!", wurde der Besucher begrüßt. Und fand unspektakuläre Informationen zur Reisefreude Cagris ("I like travel I go 3-4 country every year"), seiner Kontaktfreude ("I like to be friendship from different country") oder den Vorzügen seiner Heimatstadt ("4 million peoples - near the sea - old history"). Kaum ein Nutzer verirrte sich je auf diese Site.

Doch offenbar hatte ein Landsmann Cagris die Website entdeckt, für lustig befunden, eine Kopie davon ins Netz gestellt und diese um ein paar anzügliche Formulierungen ergänzt: "I like sex", erklärte Mahir Cagri auf der Kopie seiner Site plötzlich, pries sein Äußeres werbewirksam an ("My eyes green ... I live alone!!!"), sprach über sein Hobby Aktfotografie ("I like to take foto-camera (amimals, towns, nice nude models and peoples)" ) und lud weibliche Besucher offenherzig in die Türkei ein ("She can stay my home ...").

Drogenkind als Lacherfolg

Ob gefälscht oder nicht: Mahir Cagri war dank der kauzigen Website von einem Tag auf den anderen ein Star. Amüsierte Internetsurfer mailten den Link zu Mahirs "I kiss you!"-Site abertausendfach an Verwandte, Freunde und Kollegen weiter. Innerhalb weniger Tage stieg die Besucherzahl von nur 26.000 auf über eine Million an. Der britische "Observer" und der "Guardian" schrieben über den schrulligen Schnurrbartträger, Bill Clinton und Bill Gates schickten ihm E-Mails und die US-Komikerin Roseanne Barr lud ihn in ihre Fernsehshow ein. Im Jahr 2000 schaffte Cagri es schließlich auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Unterhaltungsindustrie im "Forbes"-Magazin. Hatte er sich anfangs noch gegen den Rummel gewehrt und seine Fans im "Observer" angefleht: "Ruft mich nicht mehr an!", so erkannte er doch bald die Vorzüge seines Ruhms. Er veröffentlichte ein Musikvideo und begann, Plänen über eine Hollywood-Verfilmung seines Lebens zu schmieden.

Dabei stieß er darauf, dass bereits eine Filmfigur von ihm existierte - ganz ohne seine Beteiligung: Die Kunstfigur Borat des britischen Komikers Sacha Baron Cohen - wie Cagri ein radebrechend Englisch sprechender Journalist, Schnurrbartträger, Freund übergroßer Anzüge und knapper Badehosen. Und wie er bekannt für den Ausspruch: "I like sex!". Wer wirklich von wem geklaut hat, ist schwer zu sagen: Cohens Figur geht bis auf das Jahr 1997 zurück, das genaue Entstehungsdatum von Cagris Website ist unbekannt. Der türkische Internetstar schäumte jedenfalls im November 2006 im "Wired"-Magazin: "Alle wissen, dass Baron Cohen mich nur nachmacht. Er klaut meinen Charakter und übermittelt damit eine üble Botschaft an das amerikanische Volk." Cagri drohte mit einer Klage. Bis heute bleibt die Frage nach dem "echten" Borat ungeklärt.

Klar ist immerhin mittlerweile jedem Internetnutzer das ungeheure Vermarktungspotential des Ruhmes, der ihn heute schneller denn je ereilen kann. Unzählige fanden sich seither durch YouTube und Co. urplötzlich im Scheinwerferlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit wieder - und nutzten ihre Chance sofort: Etwa David DeVore, der seinen Sohn David Jr. 2008 nach einer Vollnarkose beim Zahnarzt halluzinierend im Auto filmte, damit unter dem Titel "David after Dentist" einen YouTube-Hit landete. Noch heute betreibt er einen lukrativen Webshop mit T-Shirts und -Stickern zur Drogenerfahrung seines Sohnes. Oder der Kunststudent David Bernal, der 2001 während einer bizarren Breakdance-Nummer auf einem koreanischen Talentwettbewerb von einem Zuschauer mit dessen Handy gefilmt wurde - und auf einen Schlag so berühmt wurde, dass er seither mit Tanzszenen in Werbespots, Musikvideos und Kinofilmen sein Geld verdient.

Während Internetstars wie DeVore und Bernal sich in der neu gewonnenen Aufmerksamkeit sonnten, traute sich Ghyslain Raza erst acht Jahre nach seinem Videoauftritt als Möchtegern-Jedi wieder in die Öffentlichkeit: Am 23. Februar 2010 berichtete der kanadische "Le Nouvelliste" von einem Herrn Raza, einem adrett gekleideten jungen Juristen, der als Präsident einer Gruppe zur Bewahrung des kulturellen Erbes der kanadischen Stadt Trois-Rivières agierte. Die Nachricht fand zunächst wenig Beachtung. Bis drei Monate später das Online-Magazin "Motherboard" über die Nachricht stolperte - und titelte: "Star Wars Kid is Back". Das Internet, so scheint es, vergisst keinen seiner Stars.

einestages zeigt die unvergesslichsten von ihnen - vom Videoblogger-Greis bis zur Skateboard fahrenden Bulldogge, von Darth Vaders jüngerem Bruder bis zu Grup Tekkan.

Artikel bewerten
3.8 (12 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Axel Mirind 30.07.2011
Vielleicht nicht unbedingt eine Internet-Berühmtheit, aber doch ziemlich skurrile Beiträge: www.schimpansenhand.com :-)
2.
Mathias Löwe 30.07.2011
Wo zur Hölle ist denn der Trololo-Mann?! Einfach mal danach googlen.
3.
Tobias Mandelartz 31.07.2011
Die unfreiwilligen - und tragischen - "Helden" des Internets sind wahrlich nicht zu beneiden, denn das WWW vergisst nie: Einmal im Netz ist es für die Ewigkeit abrufbar. Doch die virale Verbreitung von (Werbe)Botschaften ist oft durchaus erwünscht und klingt wie die ultimative Zauberformel des Marketings: Die Botschaft verbreitet sich in Windeseile wie ein Virus, denn sie ist im wahrsten Sinne des Wortes "ansteckend". Dazu benötigt man jedoch so etwas wie einen "Multiplikator", der dem Content den nötigen kleinen Anschubser in Richtung virale Verbreitung gibt. Ich selber habe dies Ende vergangenen Jahres einmal mit einem zwar niedlichen, aber recht unspektakulären und komplett erfolglosen Youtube-Video getestet, das eine kleine Bärenfamilie zeigt. Die dem Experiment zugrunde liegende These war, dass man nur einen einzigen respektierten und vertrauenswürdigen Multiplikator benötigt, um eine globale Lawine anzustossen. In meinem Fall war dies ein angesehener Medienjournalist, der in einer sonntäglichen Rubrik seines vielgelesenen Blogs Bilder und Videos von flauschigen Tierchen präsentiert. Nur vier Tage nach der dortigen Veröffentlichung hatte ich allein an einem einzigen Tag aus Brasilien 45.000 Klicks auf das Video, zwei Tage später war das Video der Nr1-Clip in einer trashigen Entertainment-Show im US-TV. Doch aus dem niedlichen und vollkommen harmlosen Video wurde zunehmend eine "Bären-Orgie" und ein "Bären-Gangbang" (diese Begriffe kann ich mittlerweile in einem Dutzend Sprachen). Das Video wurde heruntergeladen und als eigener Content präsentiert, umgedeutet und mit lasziver Musik unterlegt usw. Über de Zeitraum von einem Monat habe ich die weltweite Verbreitung des Clips sowie seine komplette Umdeutung dokumentiert, wen es interessiert: www.einvideogehtumdiewelt.blogspot.com PS: Und im Nachhinein bin ich heilfroh, für dieses Experiment kein Video verwendet zu haben, auf dem ich oder Freunde zu erkennen sind...
4.
Silvio Klopsteg 31.07.2011
Das ganze hat passenderweise schon mal jemand anderes vor einigen Jahren zusammengefasst. http://www.youtube.com/watch?v=2pPCkhYMQgY
5.
Olaf Nyksund 01.08.2011
Aus deutschen Landen wäre da noch der Exil-Tscheche Karl Fritsch zu erwähnen, mit seiner - damals Ende 1990er - "Dem Karl Fritsch seiner Homepage": http://www.karl-fritsch.de/ Bis heute weiß ich nicht, ob diese ein Dada-Experiment, eine Provokation, ein Fake oder ernst gemeint war. Vielleicht ein bisschen von allem?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen