Comic-Legende Robert Crumb "Sexuell extrem frustriert"

Comic-Legende Robert Crumb: "Sexuell extrem frustriert" Fotos
Reprodukt/ Robert Crumb

Als Rassist und Frauenhasser verpönt, als Genie gefeiert: In den sechziger Jahren wurde Robert Crumb mit derben und politischen Zeichnungen zum Wegbereiter der Underground-Comix. Mit einestages sprach er über Depressionen, LSD - und verriet, warum er seine Bilder früher im Klo runterspülte. Von

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Der Comic-Zeichner und Illustrator Robert Crumb gilt als Pionier und wichtigster Vertreter des amerikanischen Underground-Comix, Figuren wie Fritz the Cat und Mr Natural brachten ihm internationalen Erfolg weit über die Comic-Szene hinaus. Am 30. August feierte Crumb seinen 70. Geburtstag, kürzlich ist sein neuestes Werk "Mein Ärger mit den Frauen" erschienen.

einestages: Herr Crumb - heute, mit 70, zählen Sie zu den bekanntesten Comic-Zeichnern des Planeten. Was für ein Mensch war Robert Crumb mit 17, als ihm all das noch bevorstand?

Crumb: Als Teenager war ich schwermütig und sexuell extrem frustriert. Die Jahre zwischen 17 und 19 waren die schlimmsten, damals habe ich sogar an Selbstmord gedacht.

einestages: Was hat Sie so depressiv gemacht?

Crumb: Ich war ein Außenseiter, mit anderen Menschen kam ich nicht zurecht. Ich war tölpelhaft und fühlte mich abstoßend, hatte kein Selbstbewusstsein und nicht den Hauch einer Chance auf eine Freundin. Gleichzeitig war ich besessen von meinen sexuellen Obsessionen, ich habe häufig onaniert und mir vorgestellt, was ich alles mit den Mädchen anstellen würde. Immer wieder habe ich diese Phantasien gezeichnet und die Zeichnungen anschließend mit schlechtem Gewissen in der Toilette runtergespült. Gleichzeitig war ich sehr wütend auf die Frauen.

einestages: Warum war ihr Verhältnis zu Frauen so kompliziert?

Crumb: Ich habe eine katholische Schule besucht, die Nonnen dort haben uns Jungs schikaniert, ihren Männerhass an uns ausgelassen. Und auf der Highschool standen die Mädchen, die ich anhimmelte, immer auf die Jungs, die mich malträtierten. Meine Wünsche blieben unerfüllt, die Wut auf Frauen und die Angst vor ihnen war tief in mir verankert.

einestages: Sahen Sie einen Weg hinaus aus Ihrem Elend?

Crumb: Ich hatte die vage Hoffnung, meine Zeichnungen könnten mir helfen, im Leben zurechtzukommen. Ich hoffte, in eine Großstadt zu ziehen und einen Job als Illustrator oder Cartoonist zu finden.

einestages: Gab es einen Alternativplan?

Crumb: Zu Hause bleiben, meinen Eltern auf der Tasche liegen und mich irgendwann umbringen. Genau das hat mein Bruder Charles getan. Alle meine Geschwister, abgesehen vielleicht von meiner älteren Schwester, die früh bei meinem Eltern auszog, waren depressiv oder anderweitig gestört. Wir alle sind Außenseiter geworden - meine Schwester Sandra ist eine männerhassende Lesbe, mein jüngerer Bruder Max, ein Künstler, ist in spirituelle Welten abgetaucht.

einestages: Warum war es so ungesund, in Ihrem Elterhaus aufzuwachsen?

Crumb: Mein Vater war jähzornig und gewalttätig, ein Ex-Marine, der nach dem

Krieg nie wirklich in die Gesellschaft zurückgefunden hat. Aber das größte Problem war meine Mutter - sie war komplett irre, immer wieder musste mein Vater sie in die Psychiatrie einweisen lassen. Sie schluckte Unmengen von Amphetaminen, war völlig unberechenbar, in unserem Haus war permanent Geschrei und Streit. Meine einzige Überlebenschance war, auszuziehen. Mit 17 bin ich das erste Mal weggelaufen.

einestages: Wohin?

Crumb: Ich bin nicht weit gekommen. Die Polizei hat mich aufgegriffen, als ich am Highway versuchte, ein Auto anzuhalten. Sie haben mich zu meiner Großmutter nach Philadelphia gefahren, nach einer Woche kam meine Mutter. Sie fragte, warum ich abgehauen sei. Ich erklärte ihr, ich würde es zu Hause nicht mehr aushalten. Sie dachte kurz nach und sagte dann: "Mir geht es genauso, lass uns zusammen abhauen". Da bin ich dann doch lieber mit ihr zurück gefahren.

einestages: Gab es einen Moment, an dem Sie das Gefühl hatten, es geschafft zu haben?

Crumb: Im April 1964. Ich war 20 Jahre alt, lebte in Cleveland und hatte Sex mit meiner ersten Freundin. Ein stark übergewichtiges, jüdisches Mädchen mit ernsten psychischen Problemen, das ich tatsächlich mit meinen Zeichnungen beeindruckt hatte. Auch wenn die Beziehung ein Desaster war, erinnere ich mich genau an den ersten Sex. Ein unbändiges Gefühl von Befreiung! Und sicher: Das Gefühl, die erste gedruckte Ausgabe meines Comics in der Hand zu haben, werde ich auch nie vergessen.

einestages: Lief es danach besser mit dem Sex?

Crumb: Oh ja. Mit 25, als ich in Hippie-Kreisen bekannt wurde, änderte sich alles. Mit einem Mal interessierten sich all die hübschen, jungen Frauen für mich. Ich konnte mein Glück kaum fassen! Weder mein Aussehen noch meine Persönlichkeit hatte sich verändert, aber ich war jetzt faszinierend, weil ich bekannt war. In gewisser Weise eine bittere Ironie. Vor allem, als ich nach einigen Jahren feststellte, das diese Frauen zwar Sex mit mir, dem bekannten Zeichner wollten, sich aber im Grunde nicht für mich interessierten. Dennoch, ich habe jahrzehntelang reichlich Gebrauch davon gemacht und es sehr genossen.

einestages: Wie hat sich Ihre Beziehung zu Frauen im Laufe der Jahre verändert?

Crumb: Die Erfahrung, realen Sex mit echten Frauen zu haben, meine Bedürfnisse ausleben zu können, hat geholfen, die Wut zu überwinden. Heute bin ich in erster Linie überrascht von den Frauen. Ihr Gefühlsleben scheint oft nach Regeln zu funktionieren, die mir sehr fremd geblieben sind.

einestages: Hat Ihnen das Zeichnen geholfen, mit Ihrem Leben zurechtzukommen?

Crumb: Indirekt. Es war der Weg aus der Nichtexistenz - ich wurde als talentierter Künstler wahrgenommen, meine Comics verschafften mir die Aufmerksamkeit anderer Menschen, die mir die Hand reichten und mir durchs Leben halfen. Meine Frau tut das bis heute, sie kümmert sich um alles, mit dem ich nicht zurechtkomme. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit beispielsweise.

einestages: In Teilen der Öffentlichkeit galten Sie und ihre Arbeiten vor allem zu Beginn Ihrer Karriere als sexistisch und rassistisch. Wie sind Sie damit umgegangen?

Crumb: Auf der einen Seite haben mich diese Anschuldigungen sehr getroffen - ich fühlte mich unverstanden, diese Menschen begriffen nicht, was unter der Oberfläche lag: meine ureigensten Unsicherheiten und Obsessionen, die Darstellung meiner existenziellen Ängste in all ihrer Groteske.

einestages: Sie haben in den siebziger Jahren intensiv mit Drogen experimentiert. Hat das Ihr Leben und Ihre Arbeit beeinflusst?

Crumb: Oh ja. LSD hatte einen großen Einfluss auf mich und meine Arbeit. Mein Bewusstsein erschien mir damals auf schier unbegreifliche Weise erweitert. Es war eine fieberhafte Episode meines Lebens, die ungefähr fünf Jahre dauerte.

einestages: Weshalb haben Sie dann aufgehört, LSD zu nehmen?

Crumb: Es funktionierte einfach nicht mehr. Der Rausch wurde banal, die sinnerschütternde, mystische Wirkung war verflogen. LSD begann schlicht, mich zu langweilen.

einestages: Hat Ihnen das Aufhören Schwierigkeiten bereitet?

Crumb: Das Aufhören nicht, aber das, was danach kam. Für einige sehr intensive Jahre hatte das LSD mein Leben geprägt. Als ich damit Schluss machte, fühlte ich mich orientierungslos. Dazu kam, dass Ende der siebziger Jahre die Hippie-Bewegung auseinanderfiel. Ich habe mich schwer damit getan, neue Inspirationsquellen zu finden.

einestages: Anfang der neunziger Jahre sind Sie dann nach Frankreich gezogen. Wie hat der Umzug Ihr Leben verändert?

Crumb: Für mich hat der Ortswechsel zunächst nicht viel verändert, ich habe meine kleine Welt mitgebracht - mein Zimmer sieht genauso aus wie damals in Kalifornien. Ich war damals schon 40, zu alt für tiefgreifende Veränderungen.

einestages: Sie hatten sich als kritischer Kommentator der US-Kultur einen Namen gemacht. Hatten Sie keine Angst, Ihre künstlerische Identität zu verlieren?

Crumb: Ja, darüber habe ich mir Sorgen gemacht. Amerika ist ein Teil von mir, mit all seinen Ängsten und Neurosen. Ich habe befürchtet, das Zentrum meiner Arbeit zu verlieren, wenn ich nicht mehr dort lebe. Am Ende habe ich dann aber auch nach dem Umzug immer genug Arbeit gehabt, es scheint also zu funktionieren.

einestages: Am vergangenen Freitag haben Sie ihren 70. Geburtstag gefeiert. Was sind die Vor- und Nachteile des Alters?

Crumb: Die Nachteile liegen auf der Hand - mein Energievorrat ist rapide geschrumpft, ich muss mich selbst mehr antreiben, wenn ich etwas erreichen will. Und mein Sexualtrieb ist deutlich abgeschwächt. Aber das ist gleichzeitig auch eine Art Befreiung. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich heute weniger Angst vor dem Tod habe. Als ich jung war, war der Tod für mich ein undenkbarer Horror, heute erscheint er mir als etwas Natürliches. Es ist wie bei den Pflanzen - alles hat eine Blütezeit, dann kommt das Vergehen. Eigentlich schade, dass man erst im Alter zu solcher Gelassenheit gelangt.

einestages: Was würde der 17-jährige Robert Crumb über den heutigen denken?

Crumb: Sein Herz würde ihm bis in den Hals springen vor ungläubiger Begeisterung. Vor allem bei der Vorstellung, mit so vielen Frauen Sex zu haben! Ich habe alles erreicht, was ich mir erträumt habe. Das Einzige, was mir noch fehlt, ist mystische Erleuchtung.

Die Kurzfassung dieses Gesprächs wurde bereits in der Rubrik "Mit 17 hat man noch Träume" des KulturSPIEGEL veröffentlicht. Das Interview führte Jörg Böckem.

Figuren wie Fritz the Cat brachten dem Comic-Zeichner und Illustrator Robert Crumb internationalen Erfolg. Kürzlich ist sein Werk "Mein Ärger mit den Frauen" erschienen:

Robert Crumb: "Mein Ärger mit den Frauen". Reprodukt Verlag, Berlin, Juni 2013, 96 Seiten.

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1.
Uwe Frank 04.09.2013
"Crumb nimmt den Begriff "artsy fartsy", zu Deutsch "pseudokünstlerisch", wörtlich für aufgeblähtes Getue - und übersetzt ihn in seinen derben Comicstil. " Der das geschrieben hat hat ja mal gar nichts kapiert. Zero Checkung. Der soll sich besser mit Künstlern aus dem Allgäu unterhalten. Artsy Fartsy. Fragt den Crumb doch mal, was das heisst. Oderhat er euch so verarscht, dass ihr das glaubt?
2.
Ulrich Schramme 05.09.2013
Danke für das Interview! Hat mich gefreut, mal wieder etwas von Robert Crumb zu hören.
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