Interview mit einer Mafiabraut "Ich würde es jederzeit wieder tun"

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Für die kalabrische Mafia soll Giorgio Basile 30 Menschen ermordet haben. Seine Frau Lucia liebt ihn trotzdem. Inzwischen befinden sich die Basiles im Zeugenschutzprogramm der italienischen Justiz. Sie leben unter falschem Namen an einem unbekannten Ort. Im Interview erklärt die bürgerliche Katholikin, warum sie in die Unterwelt abtauchte und ihr Leben und das ihrer Kinder aufs Spiel setzte. Von

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SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gedacht, als Sie Giorgio Basile das erste Mal gesehen haben?

Basile: Er war hässlich, schauerlich, ein süditalienischer Mafioso, der aussah wie ein Deutscher. Besonders abstrus: Er sprach kalabrischen Dialekt, aber fehlerhaft und mit deutschen Einsprengseln. Ich habe ihn als Kokain-Dealer kennengelernt, weil ich selbst Konsumentin war. Weil ich wusste, wen ich vor mir hatte, war er mir nicht besonders sympathisch. Später, nachdem er sich auch äußerlich ein bisschen verändert hatte, haben wir viel geredet und ich habe ihn als Mann und nicht als Mafioso kennengelernt. Ich habe mich dann sehr schnell in ihn verliebt und mich, ohne nachzudenken, in die Beziehung gestürzt.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie erfahren, dass Ihr neuer Freund nicht nur Drogenhändler, Erpresser und Mafioso, sondern auch ein skrupelloser Mörder ist?

Basile: Er hat mir zu Beginn unserer Beziehung den Mord an dem Mafia-Boss Antonio De Cicco gestanden. Der war auf der einen Seite der langjährige Geliebte von Giorgios Mutter und eine Art Ziehvater, auf der anderen Seite hatte er Giorgios Schwester vergewaltigt und misshandelt. Die Tat war somit nicht nur eine Mafia-, sondern auch eine Familienangelegenheit, die ihn persönlich berührte. Das hat es für mich im Ansatz verständlich gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie auf das Geständnis reagiert?

Basile: Sehr zwiespältig. Ein Teil von mir wollte die Beziehung sofort beenden. Der andere, dunkle Teil meiner Persönlichkeit warf ein, Giorgio sei im Grunde ein guter Kerl und die ganze Sache nicht so schlimm. Sie müssen verstehen: Der Mann, mit dem ich zusammen war, hatte mit der Mafiabestie aus den Zeitungen nicht das Geringste zu tun. Das war eine völlige andere Person. Ich habe es nie geschafft, mir vorzustellen, wie Giorgio einen Menschen kaltblütig tötet. Das war wie eine Wand. Ich habe es rational verstanden, aber ich konnte es mir nie vorstellen. Ich liebe diesen Mann.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten vor Ihrem Treffen mit Giorgio nie Kontakt zur Unterwelt?

Basile: Nein, absolut nicht. Ich bin in einem katholischen Internat aufgewachsen und komme aus einer streng religiösen, sehr bürgerlichen Familie, die mit solchen Kreisen nie etwas zu tun hatte. Stellen Sie sich vor: Ich wollte sogar Polizistin werden!

SPIEGEL ONLINE: Und doch hat das Leben des umtriebigen Banditen Basile eine gewisse Faszination auf Sie ausgeübt.

Basile: Am Anfang war das sicherlich so. Giorgios Persönlichkeit, seine Stellung innerhalb der Organisation, das unkonventionelle Leben, das wir führten... Je mehr ich jedoch wusste und je länger es dauerte, desto ermüdender wurde das alles. Sich nach dem Leben in einer offenen und liberalen Gesellschaft in einem so engen und mental beschränkten Kreis wiederzufinden, war wenig befriedigend.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen doch aber nicht behaupten, Sie seien durch Zufall in die "ehrenwerte Gesellschaft" hineingerutscht?

Basile: Selbstverständlich nicht. Jede meiner Entscheidungen habe ich selbst getroffen - und sonst niemand.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihren Mann bei seinen Drogendeals unterstützt.

Basile: Ja, sicher. Er war Dealer, und mein Name war sauber, also habe ich auf logistischer Ebene geholfen. Das war normal, wir waren ohnehin die ganze Zeit zusammen unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie je an die Gesetze der Mafia, ihren Ehrenkodex und die archaischen Traditionen geglaubt?

Basile: Nein. Giorgio war immer sehr überzeugt von den Idealen der 'Ndrangheta. Ich habe das Ganze eher als eine Art großes Haifischbecken erlebt, in dem die großen Fische die kleinen auffressen. Ein Leben innerhalb dieser Struktur habe ich nur aus Liebe zu ihm akzeptiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie ihre Rolle innerhalb des Mafia-Universums definieren? Waren Sie nur die treue Gefährtin im Hintergrund, eine 'Schwester im Schweigen', oder mehr?

Basile: Schwer zu sagen. Der Spruch, dass hinter jedem großen Mann eine große Frau steht, gilt sicher auch für die Mafia. Ich habe Giorgio nicht nur verstanden, sondern ihm auch geholfen. Traditionell sind die Frauen in Süditalien eher passiv und spielen eine untergeordnete Rolle in der Mafia-Hierarchie. Ihr Einfluss nimmt aber zu. Ich habe Frauen kennengelernt, die ganze Städte kommandiert haben, 'padrine', Patinnen, die mehr Mumm in den Knochen hatten, als jeder Mann.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie Giorgio im Falle seiner Verhaftung oder einer notwendigen Flucht bei seinen Geschäften vertreten?

Basile: Wenn wir unsere Tochter nicht gehabt hätten und er sich nicht zur Zusammenarbeit mit den Behörden entschlossen hätte, vielleicht. Es wäre mir aber schwer gefallen, in Kalabrien leben zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihren Mann davon überzeugt, mit den Behörden zusammenzuarbeiten?

Basile: Nein, das haben wir gemeinsam entschieden, nachdem er verhaftet wurde. Giorgio hatte das Geschäft satt, er war müde und wir machten uns Sorgen um unsere kleine Tochter. Also hat er das Angebot, ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden, akzeptiert. Ich hätte auch sonst zu ihm gehalten - aber das war natürlich die viel bessere Alternative.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich als religiös bezeichnen?

Basile: Auf jeden Fall. Ich gehe heute viel öfter in die Kirche als früher. Als ich mit Giorgio zusammenkam, erschien es mir als Heuchelei, weiterhin zu beten, also habe ich es gelassen. Jetzt bin ich ein anderer Mensch, und der Glaube hilft mir, mit meiner Vergangenheit klar zu kommen. Ich glaube, dass sich unser Leben durch göttliche Fügung zum Guten gewendet hat - und dafür werde ich ewig dankbar sein. Die Geburt unserer Tochter hat den letzten Anstoß dafür gegeben, dass Giorgio sich von der Mafia abgewendet und als Zeuge zur Verfügung gestellt hat. Hätte er weiter gemacht, wäre er vermutlich längst tot.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass irgendjemand das Recht hat, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen?

Basile: Selbstverständlich nicht. Nur weil mein Leben sich geändert hat, ist ja nichts vergessen. Das Schlimmste beginnt doch erst jetzt, mit der Aufarbeitung, dem einsetzenden Bewusstsein der eigenen Schuld. Ich habe ständig Alpträume.

SPIEGEL ONLINE: Wofür fühlen Sie sich schuldig?

Basile: Für viele Dinge: Meinem Sohn gegenüber, um den ich mich nicht gekümmert habe, weil ich mit meinen Drogengeschichten beschäftigt war und die Dinge habe laufen lassen. Auch dafür, meine eigenen Fähigkeiten und Talente nicht genutzt zu haben. Ich habe viele Menschen verletzt, weil ich dumm und egoistisch war. Mein Leben ist heute vertan. Ich habe als Mensch versagt.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden Sie all das Ihrer Tochter erklären?

Basile: Meine Tochter weiß nichts, und sie darf niemals etwas erfahren. Glücklicherweise haben wir im Moment die Möglichkeit, sie von all dem fernzuhalten. Ich als Mutter werde ihr jedenfalls niemals etwas sagen. Das wäre falsch.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihr Sohn?

Basile: Das ist sehr viel schwieriger, weil er unsere Vergangenheit kennt. Er hatte das Pech, eine Mutter zu haben, die nicht für ihn da war. Er hatte keine Alternativen. Aber er ist sehr reif und intelligent für sein Alter und ich hoffe, dass er damit klar kommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie leben Sie heute?

Basile: Nach außen hin wie eine ganz normale Familie. Wir müssen bestimmte Regeln befolgen und können uns nicht so frei bewegen wie in der Vergangenheit. Aber wir schlafen heute im Pyjama - und nicht mehr fluchtbereit in voller Montur wie früher. Und das ist für mich schon eine ganze Menge.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie heute auf Ihr Leben zurückschauen, was denken Sie?

Basile: Dass man für Fehler bezahlen muss. Dass ich großen Mist gebaut habe. Dass ich mir viel Leid hätte ersparen können. Wenn jedoch das Leid der Preis dafür war, meinem Mann begegnen zu können, so würde ich es jederzeit wieder in Kauf nehmen. Mein Mann hat mir nicht nur unsere Tochter geschenkt, er hat mir auch die Freude am Leben zurückgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch steht er als Verräter auf der Todesliste der 'Ndrangheta und ist wie Sie und die Kinder in ständiger Lebensgefahr. Wie gehen Sie mit der Angst um?

Basile: Ich lebe nicht in der permanenten Furcht, meinen Mörder vor der Haustür zu treffen. In dieser Frage bin ich Fatalist. Wenn es geschehen soll, dann geschieht es. Und das kann schon morgen der Fall sein.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 16.03.2006

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