Eurythmics-Gründer Dave Stewart "Jedes Interview war eine Paartherapie"

Mit Hits wie "Sweet Dreams" und "There Must Be an Angel" wurde sein Popduo weltberühmt. Dave Stewart verrät, wie er sich in Mitmusikerin Annie Lennox verliebte und welchem deutschen Mentor er seine Karriere verdankt.

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Ein Interview von


Zur Person
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    David Allan Stewart wurde am 9. September 1952 im nordenglischen Sunderland geboren. In den Siebzigern zog der Musiker, Komponist und Produzent nach London und spielte dort mit Sängerin Annie Lennox in der Band The Tourists. 1980 gründeten sie das Duo Eurythmics, landeten Hits wie "Sweet Dreams (are made of this)" oder "Here Comes the Rain Again". Seit dem inoffiziellen Ende der Eurythmics 1999 ist Stewart solo und als Produzent für Künstler wie Bob Dylan oder Tom Petty erfolgreich. Stewart lebt in Los Angeles, Nashville und London.

einestages: Herr Stewart, erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Annie Lennox?

Stewart: Das muss 1978 gewesen sein. Ich war 24 und als Musiker nach London gezogen, Annie war 21 und studierte Musik an der Royal Academy. Nebenbei kellnerte sie in einem Healthfood-Restaurant namens "Tippins". Ich verabredete mich dort mit ihr, weil ein Freund meinte, wir sollten uns kennenlernen, da wir beide so musikbesessen seien. Annie hatte abends um sieben Feierabend, ich wartete vor dem Restaurant. Es war Herbst und die Fensterscheiben des Ladens waren beschlagen. Da kam mir die Idee, irgendwas Verrücktes draufzukritzeln, in Spiegelschrift, sodass sie es von drinnen lesen konnte...

einestages: Und was?

Stewart: "Will you marry me??" ("Heiratest Du mich?")

einestages: Heiratsantrag beim ersten Date, nicht schlecht!

Stewart: War natürlich ein Spaß. Annie kam raus, lachte - und bei mir schlug sofort der Blitz ein! Wir redeten die ganze Nacht, über Musik, Gott und die Welt. Von diesem Moment an waren wir zusammen. Es war Liebe auf den ersten Blick!

einestages: Annie und Sie spielten dann in der Band The Tourists.

Stewart: Bis wir 1980 die Eurythmics gründeten. Unsere Liebe hielt dann noch drei Jahre. Nach der Trennung beschlossen wir jedoch, die Eurythmics bestehen zu lassen. Wir sahen uns weiter täglich und machten Musik.

einestages: Ging das problemlos?

Stewart: Überraschenderweise! Kurz nach der Trennung 1983 waren wir mit dem Album "Sweet Dreams" überall auf Platz 1, und unser Liebes-Aus bot Journalisten reichlich Stoff. Die Frage, wie das zwischen uns jetzt läuft, mussten wir hunderte Male beantworten. Jedes Interview war eine Paartherapie (lacht).

einestages: Bei den Eurythmics schien es immer eine klare Rollenverteilung zu geben.

Stewart: Annie war die Frontfrau, die ja auch auf den meisten LP-Covern zu sehen ist, ich kümmerte mich im Hintergrund um Musik und Produktion. Mein Ziel war, modernen Pop mit dem R&B-Sound der Sechziger zu kombinieren. Annie und ich ergänzten uns perfekt.

einestages: Sie wurden in Sunderland, Nordengland geboren, Annie Lennox in Schottland. Machte es einen Unterschied, dass sie nicht aus der Pophauptstadt London kamen?

Stewart: Man wächst im Norden auf dem Land anders auf, bodenständiger. In der Musik ist das spürbar. Die Folksongs von dort oben sind melancholisch. Das hat mit dem wolkenverhangenen Himmel zu tun und der miserablen wirtschaftlichen Lage. Es stand nicht gut um die Werften und Kohleminen dort, genau wie in Schottland. Annie und ich wollten aus dieser tristen Welt ausbrechen, nach London, das uns freier und liberaler erschien.

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einestages: Man sagt, Ihre musikalischen Wurzeln liegen im Blues.

Stewart: Ist so! Ich hatte einen Cousin in Memphis, der schickte mir Blues-Platten von Robert Johnson, Muddy Waters und Big Bill Broonzy. Echte Musik, die ein Gefühl vermittelte, die eine heilsame Wirkung haben konnte! Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich 13 war. Meine Mutter Sadie war Lehrerin und zog nach London, ich blieb bei meinem Dad Jack in Sunderland. Er war damals ziemlich niedergeschlagen, da habe ich ihm auf der Gitarre Blues vorgespielt. Hat ihm geholfen. Acht Stunden übte ich täglich, um besser zu werden. Bis meine Finger bluteten.

einestages: War es immer Ihr Traum gewesen, Musiker zu werden?

Stewart: Erst wollte ich Fußballprofi werden. Mit 18 spielte ich dann in meiner ersten Band, Longdancer. Wir zogen von Sunderland nach London, weil es die Musikmetropole war. Bei Island Music habe ich einen kleinen Vertrag als Songwriter bekommen. So sammelte ich erste Erfahrungen mit dem Business und seinen Tücken - ich fühlte mich, als sei ich in einer Waschmaschine durchgeschleudert worden. Annie studierte in London Musik, aber es hat ihr nicht gefallen, zu reglementiert. Sie wollte mehr experimentieren und hat das Studium abgebrochen - mit Erfolg.

einestages: Nach "Sweet Dreams" wurden Sie schnell immer erfolgreicher. So gelang es Ihnen etwa, für das Album "Be Yourself Tonight" von 1985 gleich zwei Soul-Legenden zu gewinnen.

Stewart: Ja, Stevie Wonder spielte das Mundharmonika-Solo auf "There must be an Angel" und Aretha Franklin sang mit Annie "Sisters are doin' it for themselves".

einestages: Wie haben Sie das geschafft?

Stewart: Wir hatten das Album fast fertig, als Annie meinte, sie habe noch einen Text zum Thema Frauenpower. Während sie vorlas, spielte ich Gitarre. Im Nu war "Sisters are doin' it for themselves" fertig. Da Annie von "Sisters" im Plural sang, kam mir die Idee zum Duett. Ich dachte an Tina Turner, da schaltete sich unser Labelboss Clive Davis ein: "Wie wär's mit Aretha?" Ich ungläubig: "Aretha FRANKLIN?" Wir waren sicher, dass die Queen of Soul nie mitmachen würde. Aber Clive hat ihr den Song vorgespielt - und sie war begeistert!

einestages: Und wie ging es weiter?

Stewart: Wir flogen nach Detroit, um Aretha zu treffen. Sie war besorgt, der Text könne als Lesbenhymne verstanden werden, und wollte jede Zeile genau erklärt bekommen. Annie und mich hätte das nicht gestört, aber Aretha - Mitte der Achtziger war die Welt noch nicht so liberal. Ich bin dann mit Aretha zunächst alleine ins Studio, sie stimmte die Ballade "The Way we were" von Barbra Streisand an - und fing plötzlich an zu weinen. Ich nahm sie in den Arm - und das Eis war gebrochen. "Sisters" haben wir dann in einem Take aufgenommen, Aretha und Annie waren unglaublich. Aretha bat uns sogar, das Lied auch auf ihr Album "Who's Zooming Who" nehmen zu dürfen.

einestages: Und wie kamen Sie an Stevie Wonder?

Stewart: Stevie war immer schon ein Idol von Annie und mir. Wir haben ihm auf gut Glück ein Demo von "There must be an Angel" geschickt. Kurz darauf erhielten wir die Nachricht, er käme ins Studio nach Santa Monica. Ich dachte, ich träume. Wir warteten am genannten Tag bis ein Uhr nachts, aber er kam nicht. Erschöpft vom Jetlag fuhren wir zurück ins Hotel nach Hollywood. Kaum angekommen, meinte der Rezeptionist, jemand aus dem Studio habe angerufen, Wonder sei da und fragte, wo wir seien... (lacht). Wir also zurück nach Santa Monica. Da stand er leibhaftig - mitten in der Nacht. Sein Mundharmonika-Solo spielte er in einem Take ein. Ich war tief beeindruckt. Da lachte er: "Hey, ich kann auch Autofahren!"

einestages: Er ist bekanntlich blind...

Stewart: Klar, aber Stevie ließ sich auf den Parkplatz zum Wagen seines Freundes führen. Mir wurde mulmig. Da bat er mich, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. Ich tat ihm den Gefallen. Bevor ich mich versah, fuhr er einige Meter und freute sich wie ein Kind. Schön und gut, aber ich war echt froh, als ich unversehrt aussteigen konnte.

einestages: Sie sind auch als Produzent erfolgreich. Es heißt, ein Deutscher habe Ihnen das beigebracht?

Stewart: Das Produzenten-Ass Conny Plank war mein wichtigster Mentor. Er hat mir viel beigebracht, etwa die Einstellung: "Es gibt keine Regeln!" Conny hatte früher mit Marlene Dietrich und Duke Ellington gearbeitet, mit Ultravox, Devo, Kraftwerk und innovativen Krautrock-Bands wie Kraan und Neu! In seinem Studio bei Köln hat er 1981 unser Debütalbum "In the Garden" produziert. Er war soundmäßig sehr experimentell. Er gab mir Mitspracherecht und Selbstvertrauen. "Sweet Dreams" war dann 1983 das erste Album, bei dem ich selbst an den Reglern saß.

einestages: Jetzt haben Sie alle Eurythmics-Alben remastert und auf Vinyl wiederveröffentlicht - für die Geschichtsbücher?

Dave Stewart: Für Plattenliebhaber! Annie besuchte mich im Mai 2017 in Los Angeles. Im Chateau Marmont haben wir mit Martinis auf unsere Nominierung für die Rock & Roll Hall Of Fame angestoßen. Im Gespräch kamen viele Erinnerungen hoch. Danach haben wir in meinem Apartment in Koreatown angefangen zu musizieren, just for fun. Da kam mir die Idee, die alten Masters unserer Alben und Videoclips rauszukramen. Schließlich packte mich der Ehrgeiz, aus dem Material einen noch besseren, moderneren Sound zu gewinnen und alle Songs zu remastern. Ich bin froh, dass Vinyl wieder in Mode ist, obwohl man damit nicht wirklich Geld verdient, weil die breite Masse keinen Plattenspieler mehr hat. Es geht mir nicht um Kohle, sondern darum, dass unsere Songs wieder gehört werden.

einestages: Wie steht es mit den Eurythmics? Offiziell haben Sie die Band nie aufgelöst.

Stewart: Annie und ich müssen oft lachen, weil immer, wenn wir zwei irgendwo zusammenstehen, sofort Comeback-Gerüchte die Runde machen. Ich würde sofort eine Eurythmics-Worldtour machen, aber für Annie ist es leider nicht mehr möglich. Wenn wir uns heute treffen, sprechen wir meist über unsere Kids.

einestages: Es gibt ja noch andere Möglichkeiten - ABBA haben angekündigt, 2019 auf Tour zu gehen - virtuell, mit computeranimierten Avataren. Wäre das eine Option?

Stewart: Als junger Musiker mit 20, 30 musst du touren, raus auf die Bühne. In höherem Alter, nach diversen Welttourneen, kann man durchaus über Computerhilfe nachdenken (lacht). Eine virtuelle "Eurythmics Experience" könnte ich mir vorstellen, wenn sie gut umgesetzt wird. Man könnte eine surreale Eurythmics-Welt auf die Bühne zaubern. Vielen würde womöglich gar nicht auffallen, dass Annie und ich nicht dabei sind.



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Alfred Ratner, 20.07.2018
1. Rechnen ist Glückssache
Stewart ist Jahrgang 52, war also im Herbst 1978 ganze 26 Jahre alt, nicht 24. Lennox ist Jahrgang 1954 (25.12.), war im Herbst 1978 also 23 Jahre alt, nicht 21. Weiß Stewart nicht über sein Leben Bescheid, oder hat der Autor des Artikels aus 1976 ein 1978 gemacht? Was noch an dem Interview ist auch falsch?
Joachim Biegansky, 20.07.2018
2. Nachrechnen auch
Stewart feierte im September 1978 seinen 26sten, war also bis dahin 25 Jahre alt. Das sollte ihn nicht daran gehindert haben, mit 24 nach London gezogen zu sein, so wie das Annie Lennox mit wohl 21 getan hat. Ich unterstelle mal er kennt sein Leben gut, Unschärfen im Blick zurück seien einem Musiker seines Kalibers dabei gegönnt. Ach ja, ging es nicht um Musik ? "Language of Love" ist nur eines der wunderschönen Lieder dieses Mannes, der auch ein exzellenter Gitarrist ist.
Alfred Ratner, 20.07.2018
3. @Herrn Bigansky
Erstens: Stewart hat am 9. September Geburtstag. Dieser Tag ist astronomisch ein Sommertag. Zweitens: Er sagt nicht, dass er mit 24 (Lennox 21) nach London gezogen war, sondern dass sie sich in diesem Alter dort kennenlernten. Drittens: Bei Wikipedia steht im Artikel zu "The Tourists", ich zitiere: "Die Gitarristen David A. Stewart und Peet Coombes gründeten 1975 mit der Sängerin Annie Lennox ein Trio names „The Catch“ ...". Selbst wenn man unterstellt, dass bei Wikipedia nicht alles korrekt ist, kann man doch feststellen, dass die Angaben in diesem Interview nicht stimmig sind. Weiter unterstallt, dass Stewart sein Leben noch richtig erinnert, müssen dem Autor beim Schreiben seines Artikels Fehler unterlaufen sein.
Olaf Düber, 20.07.2018
4. @ Herrn Ratner
"müssen dem Autor beim Schreiben seines Artikels Fehler unterlaufen sein" Ja, stellen Sie sich vor, Fehler passieren. Ich fand den Artikel höchst interessant.
Olaf Weging, 22.07.2018
5. eurythmics
eurythmie - steinerpaedagogik ... ja, die musik der eurythmics begleitet mich seit meiner jugend ich hatte, glaub' ich, alle schallplatten von ihnen zusammen, bis ein feuerwehreinsatz in meinem keller alle meine schallplatten unbrauchbar machte aber ich hoere ihre musik immer noch gern bei einem konzert war ich in koeln bei ihnen die gruppe war immer integer, kein schmutz - kultur pur und bei steiners haben wir auch gelernt, wie man mit sich selbst umgeht, wenn man ein problem hat ich wuensche dave und annie ein langes leben und alles gute mfg
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