Interview mit Eva Mattes "Ich träumte von der Liebe"

Wie verändert sich im Laufe der Jahre der Blick aufs Leben? In der Rubrik "Mit 17 hat man noch Träume" befragt der KulturSPIEGEL jeden Monat einen Star nach seinen Jugendsünden - und Träumen. Dieses Mal: Die Schauspielerin Eva Mattes, 56, über Romanzen, Nacktrollen und ihre Knallphobie.

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KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Mattes: Ich träumte von schönen Rollen, und ich träumte von der Liebe. Das war schon immer so, solange ich zurückdenken kann. Mit 12 habe ich das erste Mal auf der Bühne gestanden, mit 13 habe ich Pippi Langstrumpf synchronisiert, mit 14 hatte ich einen Freund. Dietmar war 21 und studierte.

KulturSPIEGEL: Sie waren früh reif.

Mattes: In jeder Hinsicht.

KulturSPIEGEL: Mit 15 spielten Sie in Michael Verhoevens Skandalfilm "O.K." eine Vietnamesin, die von fünf Soldaten vergewaltigt wird. Hatte Ihre Mutter nichts dagegen?

Mattes: Für meine Mutter Margit Symo war das kein Thema. Sie war ja selber Schauspielerin - und sie war skandalumwittert: 1940 hatte sie oben ohne in einem Film gespielt.

KulturSPIEGEL: Sie selbst zogen sich schon mit 17 komplett aus: in Rainer Werner Fassbinders Film "Wildwechsel" und in der Uraufführung "Stallerhof" am Schauspielhaus Hamburg.

Mattes: Fassbinder hat mir die Scheu schnell genommen, aber der Theater-Regisseur Ulrich Heising hat mir gesagt, ich sei zu dick. Das war nicht schön, schon gar nicht als Teenager. Ich habe mich in meiner Wohnung jeden Abend nackt vor den Spiegel gestellt, um mich an mich zu gewöhnen. Ich habe mir das Nacktsein erobert.

KulturSPIEGEL: Sie haben sich oft beim Arbeiten verliebt, meist in Regisseure: in Reinhard Hauff, Wilfried Minks, Michael Verhoeven.

Mattes: O ja, der Michael weiß das gar nicht, der wird sich wundern, wenn der das liest. Mein Gott, wie man so schwärmt: Mit 17 hat man noch Träume! Ausgelebt werden musste das nicht, nur dann und wann. Ich flirrte einfach schnell, ich war so drrrr.

KulturSPIEGEL: Wer war Ihr wichtigster Regisseur?

Mattes: Am Theater Peter Zadek: Der hat mir viel Freiheit gegeben. Wenn ich fragte, wie ich eine Szene spielen soll, sagte er: Liebling, woher soll ich das wissen? Es ist deine Rolle. Spiel.

KulturSPIEGEL: Und beim Film?

Mattes: Meinen größten internationalen Erfolg hatte ich unter der Regie von Werner Herzog: Für meine Rolle in "Woyzeck" wurde ich in Cannes als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. Eine Riesenüberraschung. Zumal Herzog es lieber gehabt hätte, wenn sein Hauptdarsteller Klaus Kinski einen Preis gewonnen hätte.

KulturSPIEGEL: Mit Herzog waren Sie liiert. Wie lange?

Mattes: Drei Jahre, glaube ich, das ist nicht so einfach, da muss ich nachzählen: Ja, so drei oder vier Jahre. Ich war in Hamburg, er war in München, beziehungsweise er war meist irgendwo, auf irgendwelchen Inseln, in irgendwelchen Dschungeln. Wir haben nie zusammengelebt, haben unsere Beziehung nie öffentlich gemacht. Das fällt mir heute noch schwer, das habe ich beim Schreiben meiner Autobiografie gemerkt.

KulturSPIEGEL: Tatsächlich? Wieso?

Mattes: Weil er immer so partout dagegen war, dass etwas Privates nach außen dringt. Einerseits habe ich das immer respektiert. Andererseits haben wir eine gemeinsame Tochter, und der kann ich nicht antun, dass ich nicht über ihre Herkunft spreche.

KulturSPIEGEL: Ihre Auftritte im Theater und im Neuen Deutschen Film sind in der Branche legendär, aber die meisten Menschen verbinden Ihr Gesicht mit dem ARD-"Tatort". Ärgert Sie das?

Mattes: Daran habe ich mich gewöhnt: Den "Tatort" gucken nun mal neun Millionen, auf der Straße werde ich sogar als Kommissarin Klara Blum angesprochen. Was nicht nur Nachteile hat: Meine Lesungen und Liederabende sind meist ausverkauft.

KulturSPIEGEL: Sie schreiben, dass Sie eine Knallphobie haben. Heißt das, dass Sie mit Ohrstöpseln drehen?

Mattes: Es ist viel absurder: In den Pistolen bei uns sind keine Patronen, die Geräusche werden nachträglich eingespielt. Meine Phobie geht so weit, dass der Regisseur nicht mal „Schuss“ rufen darf, wenn jemand schießt. Er ruft "Butterblume".

Zum Weiterlesen:

Eva Mattes: "Wir können nicht alle wie Berta sein". Ullstein Verlag, Berlin 2011, 407 Seiten.

Das Interview führte Tobias Becker



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