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Assistent Harry über TV-Kult "Derrick" "Am schönsten war es, auch mal allein zu ermitteln"

40 Jahre "Derrick": Gehilfe und Gentleman Fotos
ZDF/ Michael Marhoffer

24 Jahre lang diente Fritz Wepper alias Harry Klein seinem Chef, dem Oberinspektor Stephan Derrick. "Hol schon mal den Wagen, Harry", wurde zum Sprichwort - wie fühlte er sich in der Rolle der ewigen Nummer zwei?

Die Vögel zwitschern, die Leiche liegt auf dem Waldboden. Es ist Ellen Theiss, die Schülerin einer Haushaltsschule, sie wurde erwürgt. Melancholisch blickt der junge Mann auf die Tote herab. Seine Gestik: zurückhaltend. Seine Stimme: leicht nasal, mit bayerischem Einschlag. Sein Schlips: hellbraun und sehr breit.

In Minute 7.54 zelebrierte Fritz Wepper seinen ersten Auftritt als Assistent Harry Klein. 31 Millionen Zuschauer saßen vor dem Bildschirm, als am 20. Oktober 1974 "Waldweg" lief, die erste Folge von "Derrick" - der erfolgreichsten und meistverkauften Serie des deutschen Fernsehens.

Anfangs überschlugen sich die Kritiker vor Empörung: "Ein ziemlicher Reinfall", schimpfte die "Bild am Sonntag", die Schweizer "Weltwoche" dichtete "Horst Tappert leicht deppert", und der SPIEGEL beschwerte sich über Dialoge "so originell wie der Wetterbericht". Langfristig jedoch schlossen die Zuschauer das Ermittlerduo in ihr Herz - und "Derrick" avancierte zum Dauerbrenner: Fast ein Vierteljahrhundert währte das rituelle Freitagskrimi-Märchen, dann traten der Held mit den Tränensäcken und sein treuer Hiwi ab.

Mittlerweile hat "Harry" sich von seiner ewigen Gehilfenrolle emanzipiert. Wepper steht nicht mehr unter der Knute von Derrick, sondern führt als Oberbürgermeister Wöller im Niederbayerischen das Regiment. Statt Verbrecher zu jagen, plagt er sich seit 2002 in der ARD-Serie "Um Himmels Willen" mit aufmüpfigen Nonnen herum. einestages erwischte den 73-Jährigen am Ende eines langen Drehtags, auf dem Programm stand ein kniffeliger Treppensturz.

einestages: Ist es ein gutes Gefühl, am Ende seiner Karriere endlich keinen Chef mehr zu haben?

Wepper: Eines muss ich von Anfang an klarstellen: Ich leide nicht unter dem Vorgesetzten-Syndrom! Dass die Zuschauer es mir gestattet haben, Harry Klein gewesen zu sein und nun als Bürgermeister Wöller wahrgenommen zu werden: Das war für mich die höchste Auszeichnung als glaubwürdiger Schauspieler. Dieser Rollenwechsel war ja ein Quantensprung.

einestages: Trotzdem muss es doch frustrierend gewesen sein, 29 Jahre lang als zweiter Mann zu dienen - erst als Erik Odes Assistent beim "Kommissar" und dann als Harry bei "Derrick".

Wepper: Na, das war doch ein doppelter Aufstieg! Als 1974 "Derrick" begann, ist Harry vom Kriminalhauptmeister zum Inspektor befördert worden - und wir wechselten von Schwarz-Weiß zu Farbe. Aber es stimmt: In der Dramaturgie war ich derselbe.

einestages: Der Chauffeur, der Assistent, der ewig Zweite eben.

Wepper: Selbst wenn Derrick die erste Geige spielte - ich war nie weit weg. Ich konnte dem Horst das Wasser reichen!

einestages: Ihre Lieblingsfolgen bei "Derrick"?

Wepper: Einmal im Jahr gab es eine Harry-Episode, ohne Horst Tappert. Am schönsten war es, auch mal allein zu ermitteln.

einestages: Und Harry wollte nie hinschmeißen, obwohl mehrfach das Gerücht vom amtsmüden Assistenten kursierte?

Wepper: Mit keinem Wort! Ich bin zuverlässig und halte meine Verträge ein.

einestages: Deshalb ließen Sie 1972 sogar Ihre Chance sausen, in Hollywood Karriere zu machen.

Wepper: Das war bitter. Ich hatte mit Liza Minelli im US-Film "Cabaret" mitgewirkt und durfte nicht zur Oskar-Verleihung fliegen, weil wir den "Kommissar" drehten. Später stellte man mir eine Rolle am Broadway in Aussicht. Als ich den Agenten gegenüber erwähnte, dass ich noch Verpflichtungen in Deutschland habe, hieß es: "Okay, forget it, Fritz." Ich war damals Anfang 30, das war für mich sehr hart.

einestages: Seit wann stand fest, dass Sie Schauspieler werden wollten?

Wepper: Als Neunjähriger war ich im Münchner Prinzregententheater und habe "Zar und Zimmermann" gesehen, das war die Initialzündung. Ich wusste: Das ist meine Welt! Mit elf, im Jahr 1952, spielte ich in "Peter Pan" meine erste Rolle - vor den Proben sind wir über Schuttberge geklettert. Nach der Premiere diktierte ich einem Journalisten: "Ja wissen Sie, ich wollte immer schon ans Theater." Dass der mich nicht ernst nahm, wurmte mich damals sehr.

einestages: Ihre Vorbilder?

Weppert: Als Kind habe ich alle Cowboyfilme gesehen, John Wayne und all die anderen vergöttert. Später kamen Männer wie Walter Matthau und Tony Curtis dazu, großartige Schauspieler. "Comedy is a dead serious job", heißt es - ich verstehe mich vor allem als Komödiant.

einestages: "Derrick" kam zunächst überhaupt nicht gut an. Woran lag's?

Wepper: Die Zuschauer mochten es nicht, dass der Täter von Anfang an bekannt war, obwohl das mit "Columbo" bestens funktionierte. Als Drehbuch-Autor Herbert Reinecker das änderte, ging es bergauf.

einestages: Und "Derrick" avancierte zum Kult, die Serie wurde in mehr als hundert Ländern ausgestrahlt. Umberto Eco begründete das mit dem "Triumph des Mittelmaßes". Und Sie?

Wepper: Ganz begriffen habe ich es nie, dieses Phänomen. Aber ich glaube, es liegt an unserer menschlichen Art: Wir begegneten den Verdächtigen mit dem nötigen Respekt, ließen stets die Unschuldsvermutung gelten. Es gab keine Kreuzverhöre, wir leuchteten den Menschen nicht mit der Schreibtischlampe ins Gesicht. Als Ermittler waren wir höflich und fair.

einestages: Die Frauen in aller Welt waren ganz vernarrt in das freundliche Ermittlerduo.

Wepper: In den Neunzigern war ich mit dem "Traumschiff" unterwegs in Taiwan, ich ging an einer Straßenküche vorbei, wo drei Frauen gerade Fleischklößchen formten. Plötzlich erhellte sich das Gesicht einer dieser Damen. "Hally? Hally", rief sie begeistert. Die Fleischklößchen waren köstlich.

einestages: Vor der Kamera bekamen Derrick und Harry nur selten eine Frau ab.

Wepper: Leider. Ein Privatleben ließ sich auf 60 Minuten einfach nicht unterbringen - wir mussten uns auf unsere Fälle konzentrieren.

einestages: Zudem führten Harry und Derrick ja eine Quasi-Ehe.

Wepper: Unsere Frauen haben mal festgestellt, dass Horst und ich öfter zusammen sind als wir mit ihnen. Trotz des Altersunterschieds mochten wir uns sehr, anstrengende Drehtage haben wir mit Humor überstanden. Einmal, auf dem Starnberger See, habe ich mir aus Spaß die Tatwaffe, so ein Trick-Küchenmesser, in den Bauch gerammt. Horst drehte sich um, erschrak - und das 800 Mark teure Theatermesser flog über die Reeling in den See. Stundenlang haben die Taucher danach gesucht. Hatten wir einen Spaß!

einestages: Mehrfach forderten Kriminalbeamte allen Ernstes die Beförderung von Derrick und Harry. Inwieweit hat die Serie die deutsche Realität auf den Kopf gestellt?

Wepper: Immer wieder kamen Männer auf mich zu und sagten: "Wegen Ihnen bin ich jetzt bei der Kriminalpolizei." Die wollten auch so sein wie wir, auch so erfolgreich.

einestages: Nach 281 Episoden war Schluss mit "Derrick". Waren Sie erleichtert?

Wepper: Laut Drehbuch ging Derrick, weil er zu den Eurocops wechselte. Noch heute sehe ich Horst vor mir, wie er in der letzten Szene durch das Tor am Hofgarten in München geht, immer kleiner wird - und schließlich ganz verschwindet. Die feuchten Augen, die Wehmut beim Auseinandergehen: Wir mussten damals nichts spielen. An unsere Abschiedsszene aus "Derrick" denke ich häufig, 2008 hielt ich die Trauerrede bei Horsts Beerdigung.

einestages: Mit 73 Jahren stehen Sie noch immer vor der Kamera und lassen sich von den Nonnen piesacken: So gar keine Lust auf Rente?

Wepper: Ich würde gern noch den "Methusalem" spielen - da lasse ich mich nicht beirren.

Das Interview führte Katja Iken.

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insgesamt 13 Beiträge
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1.
Jochen Gaedcke, 16.10.2014
Dass der Fritz einer der besten deutschsprachigen Schauspieler ist, hat er dem aufmerksamen Publikum seit der "Brücke" oft gezeigt.
2.
Fritz Zausel, 16.10.2014
Chauffeur, der Assistent, der ewig zweite eben. Wepper: Selbst wenn Derrick die erste Geige spielte - ich war nie weit weg. Ich konnte dem Horst das Wasser reichen! Vorzugsweise kalt und in einem Glas! :-)
3. Derrick
Oliver Koch , 16.10.2014
Es war und ist ein der besten Kriminalserien die es je gab. Tappert und Wepper nahm man die Rollen auch wirklich ab. Sie hätte man ihnen auch im realen Leben abgenommen. Sehr professionell. Alle beide. Und ich sah in Wepper nicht nur den Untergebenen. Leider gibt es heute keine Serien in diesem Format.
4.
Raka Rotman, 16.10.2014
Harry Klein (Fritz Wepper) war ja schon Assistent bei Kommissar Keller (Erik Ode). Daher kannte man ihn ja. Die Ablehnung der Serie am Anfang resultierte auch daraus, dass man veruchte beim "Alten" den Täter gleich am Anfang zu enthüllen, da man ihn bei der Tat zeigte. Anders als beim "Kommissar", wo der Fall ja erst zum Ende aufgeklärt wurde. So machte man es bald darauf auch wieder beim "Alten".
5. Von wegen Mittelmaß
Daniel Hermsdorf, 16.10.2014
Wer genauer hinschaut, wird merken, dass Herr Wepper gut daran tat, nicht an den Broadway zu gehen. Umberto Eco lag, bei all seinem historischen Wissen, höchstens halb richtig mit seiner Rede vom "Mittelmaß". Er übersah dabei vieles, was in den Bildern der Serie zu sehen und zu verstehen ist. Und durch eine gewisse seherische Gabe der Macher behalten "Der Kommissar" und "Derrick" an manchen Stellen heute noch ihre Aktualität: http://www.youtube.com/watch?v=3fZY8TyP8XE
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