Interview mit Randy Newman "Ein echter Rebell war ich nie"

Wie verändert sich im Laufe der Jahre der Blick aufs Leben? In der Rubrik "Mit 17 hat man noch Träume" befragt der KulturSPIEGEL jeden Monat einen Star nach seinen Jugendsünden - und Träumen. Dieses Mal: Poplegende Randy Newman über seine Onkel, die Oscars und "Kopf-Lieder".

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KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Newman: Ich war 17, als 1961 ein erstes Lied auf Platte erschien, das ich geschrieben hatte: "They Tell Me It's Summer" von The Fleetwoods. Mit 15 legte ich meine Songs einem Verleger vor und bekam umgehend einen Vertrag bei seinem Musikverlag. Unterschreiben mussten meine Eltern. Mein Traum war, von Musik zu leben, aber ich hielt das lange für unmöglich.

KulturSPIEGEL: Wie fühlte es sich an, ein eigenes Lied im Radio zu hören?

Newman: Für mich war es immer enttäuschend, weil ich vermeintliche Fehler heraushörte und sofort überarbeiten wollte. Das muss eine Songwriter-Macke sein, denn Burt Bacharach erzählt, dass es ihm genauso ging. Dass man Fehler machen muss, um zu lernen, realisiert man erst, wenn man alt ist.

KulturSPIEGEL: Sie lieferten anfangs nur Hits für andere?

Newman: Ja, das war nur logisch für mich. Denn ich wäre nie auf die Idee gekommen, vor einem Publikum am Klavier sitzend meine Songs aufzuführen. Davon wagte ich nicht mal zu träumen. Es gab ja einige erfolgreiche Musiker in meiner Familie.

KulturSPIEGEL: Einige Brüder Ihres Vaters, der Arzt war, waren berühmte Hollywood-Komponisten. So wie Alfred Newman, der neun Oscars gewann und 45-mal nominiert war. War diese Verwandtschaft motivierend oder furchterregend?

Newman: Sie war eher eine Verpflichtung. Mein Vater vergötterte seine Brüder, und als er mir riet, es auch mit Musik zu versuchen, war das wie ein Gebot vom Berge Sinai für mich. Ich folgte, wenn auch vergnügt. Heute ertappe ich mich dabei, dass ich mit meinen Kindern so spreche wie mein Vater einst mit mir: "Ich bin nicht böse auf dich, nur sehr, sehr enttäuscht."

KulturSPIEGEL: Haben Sie je gegen Ihren Vater rebelliert?

Newman: Ich war ein Teenager, der Ärger suchte und zu viel trank. Ich versuchte sogar kriminell zu sein, scheiterte aber jämmerlich: Ich wurde immer erwischt, mal verletzte ich mich, mal wohnte ein Polizist nebenan. Aber letztlich bestand mein Widerstand gegen meine Eltern darin, dass ich mir nie bei etwas Mühe gab. Ich blieb immer bewusst unter meinen Möglichkeiten, nur um sie zu ärgern. Ein echter Rebell war ich nie.

KulturSPIEGEL: Einer Ihrer alten Freunde sagte mal über Sie: "Einsamer Junge, nie eine Freundin." Kommt das hin?

Newman: Nicht nett, oder? Aber leider wahr. Ich war sehr schüchtern. Ich habe damals viel Zeit allein verbracht. Aber das war kein Problem. Ich saß in meinem Zimmer und schrieb Songs, und das Entspannende daran war, dass dahinter keine Erwartungshaltung stand. So konnte ich viel ausprobieren.

KulturSPIEGEL: Sie sind bekannt für Ihre schnippischen, raffinierten Texte. Hilft Zynismus, eigene Unsicherheiten zu überspielen?

Newman: Wahrscheinlich ist das so. Ein Country-Musiker sagte mal zu mir: "Randy, du schreibst Kopf-Lieder und ich Herz-Lieder." Darüber habe ich viel nachgedacht, und ich bemühe mich, nicht zu verkopft zu arbeiten. Letztlich sollte Musik immer so klingen, als ob sie aus dem Herzen kommt. Und alles, was ich schreibe, fühle ich auch so.

KulturSPIEGEL: Sie waren 20-mal für einen Oscar nominiert. Es dauerte 15-mal, bis Sie gewannen. Wie oft hatten Sie schlechte Laune?

Newman: Nie. Die Nominierung ist doch schon eine Auszeichnung. Sicher, das eine oder andere Mal rechnete ich mir schon eine Chance aus. An die Oscar-Zeremonien erinnere ich mich von Kind an. Onkel Alfred war oft nominiert und hatte nie Lust hinzugehen. Mein Vater ermunterte ihn immer: "Das bist du der Familie schuldig!" Mich muss man da nicht hinzwingen. Und ich war überrascht, wie sehr ich mich über meine zwei Oscars gefreut habe.

KulturSPIEGEL: Wo bewahren Sie Ihre Oscars auf?

Newman: Die habe ich immer dabei, um die Mädchen zu beeindrucken, die mich als Teenager ignoriert haben. Ha!

Das Interview führte Christoph Dallach



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