Interviews der JFK-Witwe Also sprach Jackie

Interviews der JFK-Witwe: Also sprach Jackie Fotos
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Eine vornehme Stilikone - so sah die Welt Jackie Kennedy. Der Journalist Arthur Schlesinger lernte sie 1964 von einer anderen Seite kennen. In persönlichen Interviews mit ihm ließ die ehemalige Präsidentengattin alle Zurückhaltung fahren, gewährte tiefe Einblicke in ihr Privatleben und teilte kräftig aus. Nun werden die Gespräche veröffentlicht. Von

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Als Arthur Schlesinger an jenem Montag, den 2. März 1964, zum ersten Mal Jaqueline Kennedys Wohnzimmer im Washingtoner Stadtteil Georgetown betrat, sprangen ihm zwei gerahmte Fotografien ins Auge. Das eine zeigte einen lächelnden JFK, der im Takt klatscht, zu dem seine Kinder tanzen, auf dem anderen war der US-Präsident im Wahlkampf zu sehen. Ein Foto von Bürgerrechtslegende Martin Luther King indes dürfte er in dem mit römischen, ägyptischen und griechischen Antiquitäten vollgestopften Raum kaum entdeckt haben.

"Wissen Sie, ich kann kein Bild von Martin Luther King mehr anschauen, ohne zu denken: Was für ein furchtbarer Mensch!", verriet die Witwe John F. Kennedys dem verdutzten Schlesinger im Interview und beschimpfte King als "Mogelpackung" und durchtriebenen Menschen, der sich in geschmackloser Weise über JFKs Beerdigung lustig gemacht habe, Sex-Orgien feiere und den Frauen nachstelle. Der Kämpfer gegen Rassismus - ein wahres Monstrum! Doch damit nicht genug.

Im Laufe der sieben Interviews, die der Pulitzerpreisträger, Historiker und frühere Präsidenten-Berater Schlesinger mit Jackie Kennedy führte, zog die damals 34-jährige Witwe immer wieder kräftig vom Leder. Indira Gandhi, die spätere Premierministerin Indiens etwa, bezeichnete sie als "echte Pute - mürrisch, taktlos, eine furchtbare Frau", während sie den französischen Staatsmann und General Charles de Gaulle als "Egomanen" titulierte, von dem ihr Mann nicht viel gehalten habe. Selbst vor der eigenen Verwandtschaft machte der Furor Jackies nicht halt: Ihre Schwägerin Eunice Kennedy Shriver etwa bezichtigte sie des ehrgeizzerfressenen Egoismus'.

Kurz: So unverblümt, emotional und bisweilen boshaft hat die Welt Jackie Kennedy noch nicht gekannt. Und genau darum sind die heute veröffentlichten Abschriften der 1964 geführten Interviews auch eine kleine Sensation. Nachdem sie 47 Jahre lang im Tresor der Kennedy Library schlummerten, hat sich Tochter Caroline im 50. Jubiläumsjahr des Amtantrittes von John F. Kennedy dazu entschlossen, die Abschriften der insgesamt achteinhalb Stunden währenden Interviews an die Öffentlichkeit zu geben.

Power-Nap im Pyjama

"Wie lange gehört uns ein uns nahestehender Mensch? Ab wann gehört er der Geschichte?", fragt Caroline, letzter überlebender JFK-Spross, im Vorwort der zeitgleich in den USA und in Deutschland erscheinenden Interview-Abschriften. Und entschied, dass nun der passende Zeitpunkt gekommen sei, um endlich den Schleier zu lüften. Auch wenn sie sich schwer tat mit diesem Schritt - zu stark kollidiert das hier entstehende Bild Jackies mit dem tradierten Image der apolitischen, tugendhaft-zurückhaltenden Stil-Ikone, als die die Menschen die JFK-Witwe stets verehrten.

Tatsächlich wusste die Öffentlichkeit bis dato kaum etwas von ihrem Idol: Nur drei wichtige Interviews gewährte Jaqueline der Presse nach dem Tod ihres Mannes. Sie veröffentlichte keine Memoiren, keine Tagebücher, keine Briefe - nichts, was der Nachwelt erlaubt hätte, der ehemaligen First Lady in die Karten zu schauen. "Ihr Schweigen über ihre Vergangenheit, besonders über die Kennedy-Jahre und die Ehe mit dem Präsidenten, hatte immer etwas Geheimnisvolles", zitiert Michael Beschloss in seiner Einführung zu den Jackie-Interviews die "New York Times".

Schon allein deshalb haben die Interviews, die zeitlich den Bogen von John F. Kennedys Streben nach dem Präsidentenamt bis hin zum Präsidentschaftswahlkampf 1964 spannen, bereits im Vorfeld ihrer Veröffentlichung einen enormen Medienrummel ausgelöst und wilde Spekulationen angeheizt. Wer allerdings hofft, dass sich nun endlich das Mysterium rund um den Tod von JFK aufklärt, wird ebenso enttäuscht wie all jene, die nach neuen Enthüllungen über das Liebesleben des einst mächtigsten Mannes der Welt gieren.

Dazu, ebenso wie zum rätselhaften Gesundheitszustand John F. Kennedys schwieg Jackie gegenüber Schlesinger beharrlich. Dafür enthalten die Interviews zahlreiche bisweilen amüsante Anekdötchen, die uns den Menschen JFK näherbringen. Wie etwa jene, in der Jackie erzählte, dass JFK sich für seinen allmittäglichen Power Nap eigens einen Pyjama übergestreift habe: "Und ich dachte immer, warum sich für ein kleines Nickerchen ganz ausziehen? Ich würde ja schon fünfundvierzig Minuten brauchen, bis ich die richtige Bettschwere hätte", so Jackie.

Rosa Schweinchen in der Badewanne

An anderer Stelle erwähnte Jaqueline Kennedy, wie putzig sie es fand, dass ihr Mann sich abends zum Beten stets auf die Bettkante gekniet habe: "Es war so ein Ritual aus der Kindheit, wie Zähneputzen. Eine Gewohnheit. Aber ich fand es nett. Ich sah ihm gern dabei zu", so Jackie. Auch verriet die Witwe, dass JFK im Bett zu frühstücken pflegte und Quietsche-Enten sowie rosa Schweinchen in seiner Badewanne zu Wasser ließ, um Tochter Caroline und Sohn John-John zu belustigen.

Zudem habe JFK mehrfach in ihrer Gegenwart geweint, etwa nach dem Schweinebucht-Debakel 1961, der gescheiterten US-Invasion in Kuba. Im dramatischen Verlauf der Kuba-Krise, als die Amerikaner kurzzeitig gar einen sowjetischen Atombomben-Angriff fürchteten, flehte Jackie ihren Mann inständig an, sie nicht nach Camp David zu schicken, weil sie ihm beistehen wollte: "Ich will einfach bei dir sein, ich will lieber mit dir sterben, und die Kinder wollen es auch, als ohne dich leben", heißt es in einer der berührendsten Interview-Passagen.

Neben all diesen Details rund um den privaten John F. Kennedy gibt dessen Witwe auch seine - nicht immer vorteilhafte - Meinung über so manchen Politiker preis. Etwa über Ex-Präsident Franklin D. Roosevelt. "Ich glaube nicht, dass Jack ihn für einen wirklich großen Mann hielt", sagte Jackie zu Schlesinger. "Scharlatan" sei ein zu hartes Wort, "aber ich glaube, er dachte oft, er sei eine Art Blender, weil er sehr vieles um des Effekts willen tat", so Jaqueline Kennedy.

Nerviges "Trara um Berlin"

Auch von seinem Vorgänger Dwight D. Eisenhower, vor allem aber von seinem Stellvertreter Lyndon B. Johnson besaß JFK offenkundig keine allzu hohe Meinung, wie Jackie bei einer anderen Gelegenheit verriet: "Mein Gott, kannst du dir vorstellen, was mit dem Land passieren würde, sollte Lyndon Präsident werden", zitierte Jackie ihren Mann. Mit am schlechtesten jedoch kamen bei JFK die Deutschen weg, wie Jackie Schlesinger erzählte. Adenauer sei ein "verbitterter alter Mann", der längst hätte abtreten müssen, habe sich ihr Mann beschwert. "Er hatte die Nase gestrichen voll von Adenauer und diesem ganzen Trara um Berlin", so die einstige First Lady. Zumal die Deutschen den Amerikanern mit ihrem ständigen Betteln um Zusicherung gehörig auf die Nerven gegangen seien.

Ansonsten jedoch beförderte die Witwe in den Interviews den bereits zuvor von ihr angeschobenen Mythos des humorvollen, niemals nachtragenden, blitzgescheiten Übermenschen JFK. Und gab gleichzeitig ihre teils sehr entschiedene, persönliche Meinung über das regierende Establishment ihrer Zeit preis: eine Überraschung, galt Jackie bis dato doch stets als politisch unbedarft, ja desinteressiert. Noch 1959 hielt Schlesinger die First Lady bei einem Treffen in Hyannis Port in politischer Hinsicht für "oberflächlich" und naiv - bei seinen Gesprächen mit Jackie in Washington sollte er seine Meinung grundlegend revidieren.

Grobschlächtiger Chruschtschow, zäher Nehru

Denn neben Indira Gandhi, Martin Luther King und Charles De Gaulle ließ Jackie auch an anderen Polit-Stars kein gutes Haar. Dem sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow etwa attestierte sie einen "grobschlächtigen Humor", während sie Indiens Premier Nehru als verschlossenen, zähen Gesellen mit "Hindu-Mentalität" abkanzelte.

An zahlreichen anderen Mächtigen, vom Arbeitsminister über den US-Botschafter in Pakistan bis hin zum Redenschreiber des Weißen Hauses, mäkelte Jackie ebenso munter herum - betonte jedoch bei allem Polit-Gossip, dass Frauen sich aus den Regierungsgeschäften herauszuhalten hätten. Und sich stattdessen darauf konzentrieren sollten, ihren Männern ein behagliches Heim zu bieten. Ihr selbst blieben nur knapp drei Jahre Zeit, um das Weiße Haus für JFK zum trauten Refugium umzugestalten. Im November 1963 bereiteten die Schüsse von Dallas ihrem Traum ein jähes Ende.

Ein halbes Jahr später, nach den sieben Interviews, die Arthur Schlesinger zwischen März und Juni mit ihr geführt hatte, verriet Jackie Kennedy einer Freundin, wie "qualvoll" es gewesen sei, im Geiste noch einmal die ganze Vergangenheit durchlitten zu haben. Schließlich war sie zu Beginn der Gespräche eine junge Witwe, JFK war gerade einmal vier Monate lang tot.

Es mag dieser emotionalen Ausnahmesituation geschuldet sein, dass sich die einstige First Lady so überraschend offen äußerte: Für einen Moment blitzte eine ganz andere, scharfzüngige Jackie durch - bevor sie für den Rest ihres Lebens wieder in vornehmes Schweigen verfiel.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es in einer Bildunterschrift, dass Indira Gandhi die Tochter von Mahatma Gandhi gewesen sei. Die beiden waren jedoch nicht miteinander verwandt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Zum Weiterlesen:

Jacqueline Kennedy: "Gespräche über ein Leben mit John F. Kennedy". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2011, 416 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
Stefan Bürvenich 14.09.2011
Text zum Bild von Indira Gandhi: Indira Gandhi ist nicht die Tochter von Mahatma Gandhi, sondern von Jawaharlal und Kamala Nehru.
2.
Jörg Zacharek 14.09.2011
Hallo liebe einestages-Redaktion, meines Wissens ist Indira Gandhi ist nicht die Tochter non Mahatma Gandhi, sonder von Nehru . Bitte prüfen. Mit kommt schon Fritz J. Raddatz mit Gothe und der eisenbahn in den Sinn. LG aussie1963
3.
Peter Hümmer 15.09.2011
Das Interview zeigt einmal mehr den Kontrast zwischen dem Mythos JFK und der Realität. Die Aussagen Jackie Kennedys lassen hinter die perfekte Fassade des Paares blicken, die durch die ausgezeichnete Mediendarstellung aufgebaut wurde. Es gibt da ein sehr interessantes Buch zu diesem Thema: "Einfluss der Medien auf die Bildung des Mythos JFK" erschienen im Verlag VDM Dr. Müller.
4.
Ronald Vogel 15.09.2011
Schöne Headline in Anlehnung an Onkel Nietzsche.
5.
Willi Kramme 15.09.2011
Zur Anmerkung am Schluss des Artikels, Indira Ghandi sei keine Tochter Ghandis gewesen: Das stimmt. Was uns die Redaktion verschweigt und wodurch diese Information aber erst richtig "rund" wird, ist, dass sie eine Tochter des damaligen indischen Premiers Jawaharl Neruhs war...
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