Abenteurer-Idol McCandless "Ich breche nun in die Wildnis auf"

Held oder Wahnsinniger? 1992 fand man Christopher McCandless' Leiche in der Wildnis Alaskas. Zwei Jahre hatte er auf einer Odyssee durch die USA die Freiheit gesucht - und den Tod gefunden. einestages sprach mit seiner Schwester über den Aussteiger, dessen Ende bis heute Rätsel aufgibt.

Christopher Johnson McCandless Memorial Foundation

Von Sarah Levy


Ein stechender, unangenehmer Geruch hängt in der Luft. Schon bevor die Elchjäger das Wrack des weiß-grünen Linienbusses 142 betreten, müssen sie sich die Nase zu halten. Der Bus steht seit Jahrzehnten auf der kleinen Anhöhe am Stampede Trail, Jägern und Trappern dient die rostige Busruine seitdem als Zufluchtsort in den Wäldern von Alaskas Wildnis. Zögernd nähern sich die Männer der Bustür. Ein Stück Papier ist daran geheftet, darauf steht in krakeliger Schrift:

"S.O.S. Ich brauche Ihre Hilfe: Ich bin schwerverletzt, dem Tode nah. Ich bin zu schwach, um hier wegzukommen. Ich bin ganz allein. Dies ist kein Scherz. In Gottes Namen, bitte gehen Sie nicht weg, bitte retten Sie mich."

Den Männern stockt der Atem. Im Inneren des Busses bietet sich ihnen ein grausiger Anblick: Auf einer fleckigen Matratze, in einen blauen Schlafsack gehüllt, liegt der Leichnam eines Mannes. Sein schmaler Körper ist ausgemergelt, die Wangen eingefallen, der Körper stark verwest. Er ist offenbar schon seit Wochen tot. Der junge Mann, das wird wenig später klar, heißt Christopher McCandless. Ein Aussteiger aus Kalifornien, der in der Wildnis hatte leben wollen und dem dieser Wunsch schließlich zum Verhängnis geworden war.

Sein Schicksal erschüttert Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Zeitungsartikel, Bücher, Dokumentar- und Spielfilme berichten über seine Odyssee durch die Gebirge, Wüsten und Flüsse von knapp 15 US-amerikanischen Staaten. Musiker widmen dem Abenteurer Lieder, an vielen Universitäten gehört seine Lebensgeschichte zur Pflichtlektüre. Der Ort, an dem Chris McCandless die letzten Monate seines Lebens verbrachte, bevor er in der Einsamkeit verhungerte, ist zur Pilgerstätte geworden.

In dem rostigen Buswrack endet vor zwanzig Jahren eine Reise, die zwei Jahre zuvor in Atlanta begonnen hat. Im Juli 1990, wenige Wochen nach seinem Uni-Abschluss, setzt sich der 22 Jahre alte McCandless in seinen gelben Nissan Datsun und fährt los. Sein gesamtes Erspartes hat er zuvor einer gemeinnützigen Organisation gespendet. Er schreibt keinen Abschiedsbrief, erzählt weder seinen Eltern noch seiner geliebten Schwester, was er vorhat.

"Chris konnte nie so einfach eingeordnet werden", sagt Carine McCandless im Gespräch mit einestages. "Einerseits war er sehr idealistisch, andererseits war er sich durchaus bewusst, dass er nicht in diese Gesellschaft passte."

Alexander Supertramp

McCandless träumt schon lange davon, die Welt zu verändern, ein anderes Leben zu führen als seine Eltern, denen er Heuchelei und Materialismus vorhält. Er bewundert die Autoren Leo Tolstoi, Jack London und Henry David Thoreau für ihre Verdammung der kapitalistischen Gesellschaft und ihren Mut, diese zu kritisieren, aus dem System auszusteigen und anders zu leben.

McCandless führt Tagebuch und fotografiert die Stationen seiner Reise. Bilder zeigen ihn, strahlend, mit den Menschen, die er auf seiner Reise trifft. Manche sind Selbstporträts, auf denen McCandless triumphierend seine Jagdbeute in die Kamera hält. Eine andere Aufnahme zeigt Geldscheine, die er in Flammen gesetzt hat. In seinem Tagebuch legt McCandless seinen echten Namen ab, nennt sich Alexander Supertramp und schreibt oft in der dritten Person. Seine Einträge sind voller Euphorie und persönlicher Manifeste:

"Das eigentlich Wichtige sind die Erfahrungen, die man macht, die Erinnerungen und die triumphale, überschäumende Freude, die einen durchströmt, wenn man das Leben in vollen Zügen genießt. Gott, das Leben ist so schön! Vielen, vielen Dank."

Auf seinen Reisen trifft McCandless auf Vagabunden, Hippies und Farmer. Er trampt, springt auf die Dächer fahrender Züge, paddelt mit dem Kanu bis zum Meer, entgeht mehrere Male knapp dem Tod - meist aus Unerfahrenheit oder Naivität. Einige Wochen verbringt er in Städten, arbeitet in Fast-Food-Restaurants, bevor es ihn wieder auf die Straße zieht. Nirgendwo bleibt er länger als zwei Monate. Er schreibt regelmäßig an die Menschen, die er auf seinen Reisen trifft oder besucht sie. Nur zu seiner Familie sucht er keinen Kontakt, nie wieder. "Ich habe immer verstanden, warum er gegangen ist," sagt seine Schwester Carine heute. "Und auch, warum er so gegangen ist, wie er es getan hat. Es war seine Art, sich mit Problemen aus unserer Kindheit auseinanderzusetzen. Er dachte, mit seinem Schweigen tut er niemanden weh." Der Schmerz habe sie jedoch nie verlassen, sagt Carine McCandless.

Ohne Axt, ohne Kompass, ohne Karte

Im Februar 1991 schreibt McCandless in sein Tagebuch:

"Ist dies immer noch der gleiche Alex, der im Juli 1990 loszog? Unterernährung und das Leben auf der Straße haben seinem Körper arg zugesetzt. Über 25 Pfund weniger. Seine seelische Verfassung könnte jedoch nicht besser sein."

Nach zwei Jahren Reise erreicht McCandless Alaska. Dort, in der Abgeschiedenheit der wilden Natur, erhofft er sich das ursprünglichste und purste Leben. Spärlich ausgerüstet, macht er sich im April 1992 auf den Weg in die Wildnis. In seinem Rucksack trägt er lediglich einen Fünf-Kilo-Reissack, ein Kleinkaliber-Gewehr, Gummistiefel und ein Dutzend Bücher. Keine Axt, keinen Kompass, keine Karte. McCandless sucht den weißen Fleck auf der Landkarte, seine persönliche Terra incognita, Land, das auf keiner Karte verzeichnet ist. Viele, die McCandless vor seinem Alaska-Abenteuer treffen, halten ihn für unerfahren, naiv und unbelehrbar. Er nimmt kaum Ratschläge an, scheint die Wildnis gefährlich zu unterschätzen.

Dabei ist sich McCandless des Risikos seiner einsamen Reise bewusst. Auf seiner letzten Postkarte an einen Freund verabschiedet er sich mit den Worten:

"Dieses Abenteuer geht vielleicht tödlich aus, und es kann sein, dass du nie wieder von mir hören wirst. Ich möchte aber, dass du weißt, wie sehr ich dich bewundere. Ich breche nun in die Wildnis auf."

Das Überleben in der kargen Landschaft am Stampede Trail gestaltet sich für McCandless schwieriger, als zunächst gedacht. Wochenlang ernährt er sich nur sporadisch, jagt Eichhörnchen, Stachelschweine und sammelt Beeren. Oft leidet er Hunger, magert drastisch ab.

"Nicht irgendein hohler Traumtänzer"

Als sich seine Reisvorräte dem Ende zuneigen, wird der junge Aussteiger nervös. Er beschließt, sein Lager an der Busruine zu verlassen und zurück in die Zivilisation zu wandern. Die Landschaft ist im Winter mit Schnee und Eis bedeckt, im Sommer aber wird sie von gewaltigen, reißenden Flüssen durchzogen. Es sind diese Flüsse, die McCandless zum Verhängnis werden. Der Teklanika-Fluss, den er im April mühelos überquert hat, ist durch das Tauwasser zu einem reißenden Strom angeschwollen. Für McCandless eine Katastrophe. Niedergeschlagen kehrt er zu seinem Lager zurück und schreibt in sein Tagebuch:

"Fluss unmöglich zu überqueren. Fühle mich einsam, habe Angst."

Wäre McCandless zu diesem Zeitpunkt im Besitz einer richtigen Karte gewesen, hätte er nur zehn Kilometer flussaufwärts die handbetriebene Seilbahn gefunden, mit der er sich über das Wasser hätte ziehen können. Bis heute schütteln viele Alaskaner über McCandless' Naivität den Kopf, schimpfen über sein "aufgesetztes Asketentum und seine pseudoliterarische Geisteshaltung", bezeichnen ihn als kindlichen Träumer, dessen Unerfahrenheit und Hochmut ihn sein Leben kosteten.

McCandless' Anhänger aber feiern ihn als amerikanischen Helden, der sich auf die Suche nach dem letzten amerikanischen Niemandsland begeben hat, bewundern seine idealistischen Vorstellungen und seinen ungebrochenen Willen. Jon Krakauer, dessen Buch über McCandless' Lebensgeschichte zum Bestseller wurde, gehört zu ihnen: "McCandless war nicht irgendein hohler Traumtänzer, ziel- und orientierungslos und von einer existentiellen Hoffnungslosigkeit befallen. Im Gegenteil: Er wollte leben, und zwar so intensiv wie irgend möglich, und er wusste auch, wofür."

Die letzte Nachricht

Seine Schwester Carine wurde in den vergangenen zwanzig Jahren mit den unterschiedlichsten Reaktionen konfrontiert: "Jeder sieht in Chris' Geschichte das, was am besten zu ihm passt. Ich versuche, das nicht zu verurteilen."

Am 30. Juli 1992 vermerkt McCandless in seinem Tagebuch: "Extrem schwach. Wegen Kartoffelsamen. Kann mich kaum auf den Beinen halten. Bin am Verhungern. Schwebe in Lebensgefahr."

Sechs Tage später ist er schon 100 Tage in der Wildnis. Er notiert: "Der hundertste Tag! Geschafft! Aber total geschwächt. Tod droht. Nicht mehr von der Hand zu weisen. Zu schwach, um hier wegzukommen. Sitze in der Falle. - Kein Wild!"

Am 12. August schreibt er nur noch: "Wunderschöne Blaubeeren." Am 18. August, 113 Tage nachdem McCandless in die Wildnis aufbrach, endet das Tagebuch.

Als die Elchjäger McCandless im September 1992 in seinem Schlafsack im Bus finden, wiegt sein Körper 33 Kilogramm. Bei dem Leichnam finden Polizisten einige Rollen mit unentwickelten Fotos. Auf dem letzten Bild winkt McCandless in die Kamera, seine Haare sind zerzaust, der schmale Körper ausgezehrt, die Haut spannt sich fest über das ausgemergelte Gesicht. Er lächelt. In die Kamera hält er seine letzte Nachricht:

"Ich habe ein glückliches Leben gelebt und bin Gott von ganzem Herzen dankbar. Lebt wohl, und Gott segne euch alle!"

Zwanzig Jahre nach McCandless' Tod steht der rostige Linienbus noch immer auf der Lichtung am Stampede Trail. Tausende Wanderer haben den beschwerlichen Weg in der Nähe des Denali-Nationalparks schon auf sich genommen, um den Ort zu erleben, an dem McCandless die letzten Monate seines Lebens verbracht hat. Sie kommen aus den USA, aus Europa und Australien, reisen mit Schneemobilen, Hundeschlitten, Mountainbikes oder zu Fuß an. Im Internet erzählen Fotos, Blogs und Videos von ihren Erlebnissen, von der besonderen Stimmung auf der Anhöhe, auf der der Bus 142 abgestellt ist. Reiseführer empfehlen ihn als Sehenswürdigkeit, Einheimische bieten Touren an.

Das Gift der Zivilisation

Das Businnere gleicht einem Altar: Dutzende Kondolenz- und Notizbücher, Wanderequipment und Notfallpakete liegen dort, Sprüche, Wünsche und Verabschiedungen sind in den Lack und die Holzverkleidung geritzt und an die Wände gesprüht. Es sind die Gedanken jener, die Chris McCandless an die letzte Station seiner Reise gefolgt sind:

"Alex, du hast mich inspiriert und mein Leben für immer verändert. Ich wünschte, es gäbe mehr von deiner Sorte. Hab dir eine Flasche Jack Daniels da gelassen."

"Ich komme aus Europa, um den Fußstapfen eines Pilgers zu folgen, wie ihn Krakauer nannte, aber ich würde ihn fast als Propheten bezeichnen!"

"Ich habe so viel geheult, ich konnte es kaum fassen."

"Ich habe 15 Jahre gebraucht, bis ich für die Reise zum Bus bereit war", erzählt seine Schwester heute. "Es geht nicht um den Bus. Der hat seine eigene Geschichte und gehört weder Chris, noch der Erinnerung an ihn."

Carine McCandless hat Jon Krakauers Buch im Bus hinterlegt, McCandless' Eltern haben eine Gedenktafel an der Innentür angebracht. Das aussagekräftigste Denkmal aber hat sich Chris McCandless selbst gesetzt. In eine Holzplatte im Businneren sind folgende Worte geritzt:

"Auf der Flucht vor dem Gift der Zivilisation durchschreitet er allein das Land, um sich in der Wildnis zu verlieren. Alexander Supertramp, Mai 1992."

Zum Weiterlesen:

Christopher McCandless: "Back To The Wild - The Photographs And Writings of Christopher McCandless". August 2012.

Jon Krakauer: "In die Wildnis". Piper Taschenbuch 2007, 301 Seiten.



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Seite 1
herbert bopp, 17.08.2012
1.
Ausgerechnet der "Playboy" schickte mich damals, unmittelbar nach dem Auffinden Alex McCandless" im Busch von Alaska, für eine Reportage auf eine mehrwöchige Spurensuche durch die USA, bis nach Alaska. Eine der faszinierendsten Geschichten, die ich in meinem Reporterleben gecovert habe. Natürlich führte mich meine Reise auch an den ausrangierten Bus. Im Gegensatz zu heute war der Fundort jedoch alles andere als eine Pilgerstaette. Er kam mir vor wie die traurige Ruine eines eigentlich traurigen Lebens eines jungen Mannes, der mit 23 seine Zukunft bereits hinter sich hatte. Sean Penns Film ist an Authentizität, Drama und Liebe zum Detail kaum zu überbieten. In einer Art "making of" habe ich in meinem Blog über die Spurensuche von damals geschrieben: http://canada365.wordpress.com/2012/01/16/fur-den-playboy-in-alaska
Walter Carlucci, 17.08.2012
2.
Alex... ein echter Narr. Ich habe selbst die Wildnis Alaska und Kanada besucht und, es fehlt Alex der Respekt vor der Natur diese ist in diesen Breitengraden erbarmungslos und es gibt viele dkeser McCandless die geglaubt haben stärker als die Natur zu sein und dafür mit Ihrem Leben bezahlt haben. Der gute Junge hat nichts verstanden...
Christoph Wirtz, 17.08.2012
3.
Möglicherweise ist das jetzt unromantisch, aber vielleicht hätte Christopher McCandles eher einen Psychiater oder einen Klinikaufenthalt gebraucht, als eine lange Reise durch die Wildnis. Und vielleicht würde er dann noch leben. Der Artikel und die Fotos vermitteln mir das Bild eines jungen Mannes auf der Suche nach sich selber, nach seiner Identität. Auf den Fotos vermittelt er den Eindruck der Pose, für den Betrachter, wenig authentisch, das wirkt aufgesetzt. Seine Schwester wird es wissen: "Es war seine Art, sich mit Problemen aus unserer Kindheit auseinanderzusetzen." Vielleicht war es seine Art, davor wegzulaufen. Was selbstverständlich auch sein Recht ist.
Maximilian Sichart, 17.08.2012
4.
Die Einwohner hatten schon Recht - hier stellt sich die Frage wie blöd man denn sein kann. Keine Karten, keine Ausrüstung, keinerlei Erfahrung. Naivität ersetzt keinen Lachs am Lagerfeuer. Solche Vollidioten sollte man sich nicht als Vorbild nehmen. Und was Krakauer , Thoreau und Kerouac betrifft - Prosa bleibt Prosa. Über die Wildniss schreiben ist eine Sache, in ihr überleben ein ganz ganz andere.
Steffen Schmidt, 18.08.2012
5.
Man sollte der Natur Respekt zollen und sich nicht unbedingt waghalsig hineinbegeben....ohne Ausrüstung,Verpflegung ect. Ich hab mich jugendlich mal in den österr.Vorderalpen verirrt für 2 Tage,dieses Panikgefühl war nicht schön, da nützt die Schönheit der Natur auch nichts mehr,weil diese Mächte können grausam sein. Es sollte sich niemand zum Vorbild nehmen so einfach in die einsame Natur zu wandern,dazu braucht man schon Erfahrung und am besten einen Begleiter.
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