Schlüsselmomente im Irakkrieg Der Kreuzzug
Erfundene Massenvernichtungswaffen, ein Foltergefängnis und am Ende ein gehängter Diktator: 2003 zogen die USA und Großbritannien in den Irakkrieg. Stationen eines Desasters.
5. Februar 2003: Colin Powell spricht vor dem Weltsicherheitsrat
Ein kleines Röhrchen zeigte US-Außenminister Colin Powell am 5. Februar 2003 in einer Sitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen. Angeblich darin enthalten: tödliche Milzbrand-Erreger. Die theatralische Präsentation sollte, neben Satellitenbildern angeblicher Waffenfabriken und Tonbandaufnahmen, Powells Behauptung unterstützen, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitze. Kurz zuvor hatte US-Präsident George W. Bush bereits erklärt, der irakische Diktator habe versucht, sich im afrikanischen Niger angereichertes Uran zu verschaffen. Tatsächlich erwiesen sich später sowohl Bushs als auch Powells Behauptungen als irrig; 2005 bezeichnete Powell die Präsentation als "Schandfleck" seiner Karriere.
25. Februar 2003: Tony Blair "plädiert" für Frieden
"Ich will keinen Krieg", beteuerte Tony Blair Ende Februar 2003. Tatsächlich war der britische Premierminister der engste Vertraute des US-Präsidenten George W. Bush bei der Planung des Irakkriegs. Bereits 2002 hatte der Labour-Politiker erklärt: "Der Irak besitzt chemische und biologische Waffen. Seine Raketen sind binnen 45 Minuten einsatzbereit." Genau wie Bush und dessen Außenminister Colin Powell verwies auch Blair auf das angebliche Bedrohungspotenzial irakischer Vernichtungswaffen und hielt einen Krieg für notwendig.
Das überzeugte allerdings nicht einmal alle Mitglieder seiner eigenen Fraktion. Am 17. März erklärte Labour-Fraktionsführer Robin Cook unter Beifall der britischen Unterhausabgeordneten seinen Rücktritt mit den Worten: "Weder die internationale Gemeinschaft noch die britische Öffentlichkeit sind davon überzeugt, dass es einen dringenden und zwingenden Grund für diese Aktion im Irak gibt."
3. bis 9. April 2003: Schlacht um Bagdad
Am 6. April 2003 erreichten die US-Truppen ihr Ziel. Nach eigenen Angaben schlossen die amerikanischen Streitkräfte an diesem Tag die irakische Hauptstadt Bagdad von der Außenwelt ab. Zuvor war bereits der internationale Flughafen unter Kontrolle gebracht worden. Der Irakkrieg ging in seine entscheidende Phase. Die Kämpfe forderten auch Tote unter den Journalisten, die vor Ort die Schlacht um Bagdad beobachteten; am 7. April starb der "Focus"-Reporter Christian Liebig bei einem Raketenangriff. Zwei Tage später entglitt Saddam Husseins Regime die Kontrolle in der Stadt. Berichte schilderten Plünderungen und Racheakte der Zivilbevölkerung an Funktionären von Saddams Baath-Partei.
3. bis 7. April 2003: Eroberung von Saddams Palästen
Während der Schlacht um Bagdad nahmen die US-Soldaten auf der Suche nach dem Diktator auch dessen Paläste ein. Die GIs staunten über den dort von Saddam zur Schau gestellten Reichtum; große Teile der Bevölkerung lebten in Armut. Auch den Neuen Präsidentenpalast konnten die US-Truppen einnehmen.
Während das irakische Radio Durchhalteparolen sendete, rückten die Amerikaner weiter vor. In den Kliniken der Millionenstadt herrschte Chaos, zu wenige Ärzte hatten immer mehr Verwundete und Verletzte zu behandeln. Die Plünderungen in Bagdad nahmen zu, selbst Krankenhäuser und das irakische Nationalmuseum blieben nicht verschont. Am 9. April war die Stadt weitgehend unter US-Kontrolle, ab dem 21. April begannen die Amerikaner mit dem Aufbau einer zivilen Übergangsverwaltung.
9. April 2003: Der Fall der Saddam-Statue
Nachdem US-Truppen in den Kämpfen der Vorwoche Bagdad erstürmt hatten, verlor Saddam Husseins Regime die Kontrolle über die irakische Hauptstadt. Zum Symbol für das Ende seiner Herrschaft wurden die wirkungsvoll in Szene gesetzten Bilder vom Firdos-Platz, die am 9. April um die Welt gingen: Das 3. Infanteriebataillon des 4. Regiments der US-Marines riss mit einem Kran die große Saddam-Statue ab, die dort ein Jahr zuvor anlässlich des 65. Geburtstags des irakischen Diktators errichtet worden war.
US-Soldaten verhüllten dem Ebenbild des Diktators zunächst das Gesicht mit einer US-Flagge. Doch dann reichte Kadhim al-Jabbouri ihnen eine irakische Flagge; er war Kfz-Mechaniker im Dienste Saddams gewesen und hatte zahlreiche Familienmitglieder an das Regime verloren. Von der Statue steht heute nur noch der Sockel. 2016 sagt al-Jabbouri im BBC-Interview angesichts der aktuellen Situation im Irak: "Wenn ich jetzt an der Statue vorbeigehe, fühle ich Schmerz und Scham. Ich würde sie gern wieder aufstellen, aber ich habe Angst, dass man mich umbringen würde."
1. Mai 2003: "Mission accomplished"
Eine filmreife Kulisse hatte US-Präsident George W. Bush für seine Ansprache zum vermeintlichen Ende des Irakkriegs gewählt. Ein Ende aller "großen Militäroperationen im Irak" verkündete Bush feierlich: "In der Schlacht um den Irak haben die Vereinigten Staaten und unsere Alliierten obsiegt." Im Hintergrund der im Fernsehen übertragenen Rede war die Kommandobrücke des Flugzeugträgers USS "Abraham Lincoln" zu sehen. Dort wehte ein Banner in den Farben der US-Flagge, darauf der Schriftzug: "Mission accomplished" - Mission vollendet. Tatsächlich sollten die Kampfhandlungen im Irak auch nach der Ansprache andauern. Der weitaus größte Teil der Todesopfer entfiel auf die Zeit nach dem 1. Mai 2003.
November/Dezember 2003: Folter in Abu Ghuraib
Erst im April 2004 wurde es in der CBS-Nachrichtensendung "60 Minutes II" publik gemacht: Im November oder Dezember 2003 entstanden im irakischen Abu-Ghuraib-Gefängnis erschütternde Fotos von Misshandlungen irakischer Gefangener durch das US-Wachpersonal. Die Bilder zeigten unter anderem einen Insassen, der von der US-Soldatin Lynndie England nackt an einer Hundeleine herumgeführt wird. Ebenso zeigten sie den US-Soldaten Charles Graner, der freudig neben einem im Verhör getöteten Gefangenen den Daumen hochstreckte. Eine inzwischen ikonisch gewordene Aufnahme zeigte einen mit Kapuze verhüllten Gefangenen, der auf einer Kiste balancieren musste, während an seinem Körper Drähte befestigt sind. Dem Gefangenen wurde dabei angedroht, dass ihm tödliche Stromschläge zugefügt würden, wenn er von der Kiste fiele.
Die Aufnahmen führten zu einem Skandal internationalen Ausmaßes über das amerikanische Folterprogramm im Irak. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Präsident Bush entschuldigten sich öffentlich für die Vorfälle, mehrere Angehörige des Wachpersonals wurden zu Haftstrafen verurteilt. Die Folteropfer, die die Misshandlungen überlebten, sind indes noch Jahre später von deren Folgen gezeichnet.
13. Dezember 2003: Festnahme des Diktators
600 US-Soldaten rückten gegen 19 Uhr abends mit Hubschraubern und Panzerfahrzeugen zu einem alten Bauernhof nördlich der irakischen Stadt Dur vor. Von einem geheim gehaltenen Informanten aus einer prominenten irakischen Familie hatte das US-Militär Informationen zum Aufenthaltsort des noch immer flüchtigen Saddam Hussein erhalten.
Die "Operation Morgenröte" durchsuchte erfolglos einen Kornspeicher und mehrere Bauernhäuser. Doch in einer nahen Lehmhütte fanden die US-Soldaten mehrere Bücher (darunter Dostojewskis "Schuld und Sühne"), Kleidung und Nahrungsmittel. Um 20.26 Uhr schließlich entdeckten sie, versteckt unter Geröll und einem Teppich, ein Erdloch, in dem sich Saddam versteckt hielt - mit mehreren Waffen und einer Box, die 750.000 Dollar enthielt. Als der ehemalige Diktator mit erhobenen Händen hervorkam, so berichtete der SPIEGEL 2003, sagte einer der Soldaten: "Präsident Bush schickt seine Grüße." Das US-Militär flog Saddam per Hubschrauber aus, er wurde im Hochsicherheitsgefängnis Camp Cropper inhaftiert. Am 5. November 2006 wurde Saddam Hussein von einem Sondertribunal zum Tod durch den Strang verurteilt, das Urteil wurde am 30. Dezember 2006 vollstreckt.
mvl/dak
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- so berichtet der SPIEGEL 2003
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